Zweyte Scene.

[213] Northumberland. Lady Johanna.


NORTHUMBERLAND.

Komm, meine Tochter, lass mich dich umarmen,

Zum letzten Mahl dich mit dem süssen Nahmen,

Begrüssen, der –

LADY. JOHANNA.

Was sagt mein theurer Lord? –

Zum letzten Mahl? –

NORTHUMBERLAND.

So will die Pflicht es künftig!

Johanna, fasse dich! Vernimm, verehre

Des Himmels Fügungen! – Der letzte Wille

Des guten Fürsten, den der Tod uns raubte,

Der heilge Wille, dessen Feyrlichkeit[213]

Des Rathes Schwüre unverletzlich machen,

Erkläret – dich – zur Königin der Britten.

LADY JOHANNA.

Mich? Mylord! – hör ich recht? Ists Guilfords Vater

Der mit mir spricht? – Ists möglich? Kann er wohl

In dieser ernsten Stunde, da der Himmel

Durch Edwards frühen Tod Brittannien

Das Todesurtheil spricht, – in dieser Stunde,

Da jeder weint, dem in der Brust ein Funke

Von Tugend glüht; da nahmenloses Elend

Auf unsrer Scheitel hängt, kann Guilfords Vater

Mit seiner leidenden Johanna scherzen?

NORTHUMBERLAND.

Mich wundert nicht, das solch ein Wechsel dir

Unglaublich scheint! Dass, nicht dazu bereitet,

Dein überraschtes Herz, von tausend neuen

Empfindungen ergriffen meine Reden

Fur Täuschung hält! Doch ferne sey von mir

In dieser ernsten feyerlichen Stunde,

Die unsern Thränen um dem besten, König,

Die Englands Rettung, die dem Schutz der Kirche[214]

Geheiligt ist gedankenlos zu scherzen!

Nichts ist gewisser, als dass dich der Himmel

Zu dem glorreichen Werk ersehen hat,

Von welchem Edward abgerufen ward.

LADY JOHANNA.

Wie kann ichs glauben, theurer Lord?

NORTHUMBERLAND.

Dein Zweifel

Beleidigt mich: jedoch bald wird dein Vater,

Und Guilford, und der glänzende Senat

Brittanniens, zu deinen Füssen liegend,

Dich überzeugen! – Fasse dich, Johanna!

Sey deiner würdig! Sey des Thrones würdig,

Der grössern Glanz, als er dir geben kann,

Von dir empfängt. Fliesst nicht das reinste Blut

Des königlichen Stamms in deinen Adern?

Wen fordert wohl die Kirche und der Staat,

An Edwards Statt sie zu beglücken,

Als dich, in deren Brust der gleiche Geist

Der Tugend und der Menschenliebe athmet?

LADY JOHANNA.

Wie soll – wie kann ich sagen was ich fühle?

Und hätt' ich Worte, so vertagt die Zunge mir[215]

Sie auszusprechen – O wie konnt in Edwards Herz,

Wie konnt in Eures, Mylord, ein Gedanke

Wie dieser, kommen? – Ich erröth' und zittre

Es euch zu sagen, – Nein, ich fass' es nicht,

Wie eure Klugheit, euer langgeübter

Erfahrner Geist euch so verlassen konnte!

– Doch, ich begreife mich! – Mein theurer Vater,

Verzeihet meiner Jugend und Bestürzung!

Ein brennend heisser tugendhafter Eifer,

Vom Rand des Untergangs sein Vaterland

Zurückzureissen, kann den Weisesten

Zu, einem Anschlag treiben, den die Klugheit,

Bey kälterm Blute, unterdrücken, würde!

Doch, sagt mir, wird das Volk nicht wohlberechtigt zürnen,

Wenn, statt der Erbin, die das Reichsgesetz

Zum Throne ruft, der Enkelin, der Tochter,

Und Schwester seiner Könige, ich, Suffolks Tochter,

Geboren zum Privatstand, zum Gehorchen,

Ihm aufgedrungen würde? – muss nicht Zorn und Unmuth

Auf jeder Stirne glühn? Wird Roms Partey,

So zahlreich und so mächtig wie sie ist,[216]

Unthätig bleiben? Oder kann man glauben,

Die Tochter Heinrichs, die ihr Stand dem Volke

Ehrwürdig macht, ihr Unglück liebenswerth,

Glaubt man, sie werde keine Freunde finden,

Die sich für sie bewaffnen? Und nicht nur

Für sie, für die verletzte Heiligkeit

Der alten Reichgesetzte, die der Britte

Als des Palladion seiner Freyheit ehrt!

Wird Östreichs Macht, vor der der Erdkreis bebt,

Wird Filipp dessen, unbegrenzter Scepter

Die beiden Indien, schreckt, der Bräutigam,

Den das Gerüchte der Prinzessin giebt,

Sich säumen, ihr gekränktes Recht zu schützen?

Was wird dann gegen eine Welt voll Feinde

Ein schwaches unerfahrnes junges Mädchen

Euch helfen können? –

NORTHUMBERLAND.

– Meine theure Tochter!

Ich liess dich ungehindert alles sagen,

Was, wider unser Hoffen, deiner Seele

Erhabne Grossmuth hemmt. Wie konnten wir

Auch nur vermuthen dass, Johanna Grey,

Sie, die ihr Geist, ihr Herz, ihr Edelmuth,

Weit über ihr Geschlecht und zartes Alter[217]

Erhöht, wie konnten wir sie fähig glauben,

Der herrlichsten Bestimmung sich, zu weigern,

Wozu der Himmel Menschen oder Engel.

Berufen kann? – Verbanne diese Kleinmuth!

Schwing über diese weiblichen Gedanken

Dich weg, Johanna! Denke, was dein Herz

Dein Vaterland, dein Glaube von dir fordert.

Geziemts der Tugend wohl, vor Schwierigkeiten,

Die ihrem Laufe trotzen, sich zu scheuen?

War das der Muth, der jene Helden trieb,

Die, unerschreckt durch dräuefide Tyrannen,

Für Freyheit, für den Staat, ihr Leben wagten?

War das der Muth, der in den heiligen Zeugen

Der Wahrheit brannte, der sie fähig machte,

Dem Tod in jeder Schreckgestalt zu lächeln?

Doch meine Tochter! Was dein Edwalrd selbst

Dir sterbend auferlegt, was jetzt durch mich

Der brittische Senat, durch sie das Volk

Dir aufträgt, fordert keinen Heldenmuth,

Kein Opfer! Alle diese Schwierigkeiten,

Die Welt voll Feinde die Gefahren alle,

Sind nur Geschöpfe deiner Fantasie,

Die noch von Edwards Tod erschüttert ist.

Die Zahl der Redlichen, der Patrioten,

Ist grösser als du denkst. Wer Freyheit liebt,[218]

Wer Rom verabscheut, wer die Raubbegierde,

Den Stolz, den Blutdurst seiner Mönche hasst,

(Und, O! wer hasst sie nicht?) die alle sind

Mit uns vereint. Maria ist im Auge

Des Volks nicht Heinrichs ältste Tochter, nein!

Nur eine Sklavin Roms, nur Filipps Braut,

Wem, in der Brust ein brittisch Herze schlägt,

O! dem empört in jeder Ader sich!

Das Blut vom Schalten des Gedanken schon,

Sein freyes Haupt ins abgeworfne Joch

Des stolzen Roms zurück zu schmiegen.

O! glaube mir, die Stadt, das ganze Volk

Wird dich als einen sichtbarn Engel grüssen,

Den uns zum Schutz der Himmel zugesandt.

LADY JOHANNA.

Ach! Wollte Gott, es wär in meiner Macht

Mein Volk zu retten! – Aber diese Macht

Gab mir der Himmel nicht! Er hasst die falsche Weisheit,

Die ungerechte frevelhafte Thaten

Durch einen guten Endzweck adeln will.

Der Thron gehört nicht mir, so lange Heinrichs Töchter

Und Edwards Schwestern leben! –[219]

NORTHUMBERLAND.

Bist du nicht

Wie sie, von königlichem Blut? – Die Enkelin

Von Heinrichs Schwester? – Hat Marien die, Geburt

Dem besten Prinzen mehr als dich genähert,

So macht dich deine Tugend, deine Güte

Zu Edwards Schwester! – Pflegt' er dich nicht stets

Mit diesem süssen Nahmen zu benennen?

Verdient die stolze, grausame Maria,

In deren Brust nur Gift und Rachsucht kocht;

Bey der die Aussprüch' eines finstern Mönchen

Orakel sind, Sie, die kein Sokrates

Die grosse Pflicht der Fürsten lehrte,

Nur im gemeinen Wohl ihr Glück zu suchen

Und, gleich der Gottheit, weis' und gut zu seyn –

Verdient sie mehr als, du, die Edwards Geist und Herz

Uns wieder giebt, den Nahmen seiner Schwester?

LADY JOHANNA.

Diess Lob, das mir von eines Vaters Lippen

Sonst süss ertönte, kann mich jetzt nicht rühren[220]

Ihr schmäht Marien, meinen kleinen Werth

Durch ihre Schwärze glänzender zu machen?

Es sey! – Doch alles, was euch wider sie

Empört, giebt mir kein Recht an ihre Krone.

Will uns die Vorsicht durch verderbte Fürsten,

Durch Unterdrückung, durch Tyrannen strafen,

So thut sie nichts, als was wir längst verdient,

Sie züchtigt uns durch unsre eignen Laster.

Die Fürsten sind nur schlimm, weil wir es sind!

Die Schmeichler, die verderbten Höflinge,

Die Sklaven sind es, die Tyrannen machen!

NORTHUMBERLAND.

Ach! Meine Tochter! wie betrügest du

Nicht meine Hoffnung nur, des ganzen Rathes,

Des Volkes Hoffnung! – Soll denn eines Mädchens

Unbiegsamkeit – doch nein, du wirst dich fassen!

Ein wenig Zeit, und reifre Überlegung

Wird deine Zweifel heben.


Er sieht sich um, und sieht von ferne Lady Suffolk sich nähern.


Wie erwünscht

Kommt deine Mutter! welch Entzücken schimmert

Aus ihren Augen! Sie empfindet besser[221]

Als du, den Werth der angebotnen Krone

Ihr überlass ich dich –


Er geht ab.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 4, Leipzig 1798, S. 213-222.
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