Dritte Scene.

[222] Lady Suffolk. Lady Johanna.


LADY SUFFOLK.

O meine Tochter,

O du, mein Stolz, meine Kleinod, meine Freude!

O komm in meinen Arm! Komm, lass

Mit Inbrunst an mein Mutterherz dich drücken!

Wie glücklich – Aber wie? – Antwortest du

Mit Seufzern nur dem Ausbruch meiner Freude? –

Du weinst, mein Kind? –

LADY JOHANNA.

Ach meine Mutter!

LADY SUFFOLK.

– Wie?

Du weisst Johanna, welch ein glänzend Glück.

Dir angetragen wird, und kannst noch trauern?[222]

Kann Englands Thron, die Majestät der Würde,

Die Sterbliche zu ird'schen Göttern macht,

Ein Hof, ein mächtig Volk zu deinen Füssen,

Kann die Gewalt, Glückselige zu machen,

Und unter allen selbst die glücklichste zu seyn,

Dein Auge nicht entwölken? – Edwards Geist

Ist schon befriedigt! Sein Gedächtniss fordert

Von deiner Liebe keine Thränen mehr!

Komm, überlass, dich ganz den reitzerfüllten Bildern

Der schönsten Zukunft, die er dir, und uns

Durch dich, vermachte! – Ganz gewiss, Johanna,

War es der Engel einer, die das Haupt

Des Sterbenden umschwebten, der ihm, noch

In seiner letzten feyerlichsten Stunde

Des Himmels grossen Rathschluss, in die Lippen hauchte,

Zur Erbin seines Throns dich zu erklären!

LADY JOHANNA.

Warum denn kann ich nicht, wie Ihr, mich freuen?

Warum empört mein bebend Herz sich so

Vor dem was Euch entzückt? – Wie soll ich das,

Was ich empfinde, nennen? Diese Schauer,[223]

Die Ahnungen, die meine Brust erschüttern? –

O Edward, du bist glücklich! –

LADY SUFFOLK.

Ohne Zweifel

Geniesst er jetzt das reine Glück der Engel;

Dir, meine Tochter, ist das höchste Glück

Der Erde zugedacht! Er selbst, dein Edward selbst

Bestimmt' es dir! – Kann der Gedank' allein

Es dir nicht schätzbar machen?

LADY JOHANNA.

Eben diess

Mehrt meine Zweifel! – Konnte der Gerechte,

Der fromme Jüngling, in der letzten Stunde,

Im Angesicht der Engel, an der Pforte

Des offnen Himmels, noch ein Unrecht thun?

Das erste Unrecht seines kurzen Lebens,

Im letzten Augenblick? Wie kann ichs glauben?

Er liebte mich; er pflegte seiner Seelen

Geheimste Wünsch' und stille Sorgen oft

In meinen schwesterlichen Schooss zu schütten.

Warum verbarg er mir doch ein Geheimniss,

Das mich so nah betraf? und ein Geheimniss,

Von solcher Wichtigkeit! von solchen Folgen! –[224]

Und war ich nicht in seiner letzten Nacht,

Bey seinem Lager? Fassten meine Lippen

Nicht seinen letzten heil'gen Seufzer auf?

Wie konnt' er? Doch – itzt fällt mir etwas bey, –

Ich ward einmahl von ihm hinweggerufen, –

Man hielt mich auf, und als ich wiederkam,

So schien sein brechend Auge zärtlicher,

Mit ernsten Blicken, die bedeutend schienen,

Auf mir zu ruhn! Er drückte meine Hand,

Sein Mund versuchte mich noch anzureden;

Allein der Ton verlor sich auf den Lippen

In leises Lispeln! – Ach! So war es diess,

Was du mir sterbend noch endecken wolltest? –

Mein Edward! –

LADY SUFFOLK.

Rufe diese Trauerbilder

Nicht stets zurück! Entfern ihr Angedenken

Aus deinem Geist! O gieb mir meine theure

Johanna wieder, die der Kummer fast

Unkennbar macht! – Wo ist die edle Denkart,

Der königliche Geist, die reife Tugend,

Die in den Augen aller, die dich sahen,

Dich über dein Geschlecht erhoben?[225]

Itzt fordert dich der Ruf des Himmels auf,

Vorm Angesicht der Erde sie zu zeigen.

Sey freudig was er dir gebeut, die Mutter,

Die Retterin, die Königin der Britten!

LADY JOHANNA.

Wie gern versprechen wir doch unsern Wünschen

Des Himmels Beyfall! – Doch! wenn Edward wirklich

Berechtigt war, die Kron auf Heinrichs Schwesterkinder

Zu übertragen, ist die Reihe denn

An mir? – Was müsste meine Mutter seyn,

Eh mir der Thron gebührte?

LADY SUFFOLK.

Deine Mutter!

Und stolzer auf den Titel deiner Mutter,

Als auf den Ruhm, die glänzende Monarchin

Der ganzen Welt zu seyn! – Ia, liebstes Kind!

Mit Lust entsag ich meinem nähern Anspruch,

Mit Freuden wähl ich mir die Dunkelheit,

Nur dich, den holden Liebling meines Herzens

Erhöht zu sehn! Welch ein Triumf für mich,[226]

Dich auf dem Ziel der kühnsten Hoffnungen,

Im schönsten Licht, worin die Tugend sich

Der Erde zeigen kann, von Nazionen

Geliebt, bewundert, angebetet sehn!

Genug für mich, wenn diese Myriaden,

Die du beglücken wirst, die Mutter segnen,

Die dich gebar, die Brust, die dich gesäugt;

Wie wallt mein Herz bey dieser frohen Aussicht

Von Freuden über! –

LADY JOHANNA.

Ach! Das meine schmilzt

Von Wehmuth! – Beste, zärtlichste der Mütter!

Was soll ich thun? – O! warum kann ich nicht –

LADY SUFFOLK.

Nichts mehr, mein Kind! – Ich sehe, wie gerührt du bist –

Ich will dich itzt verlassen – Einsamkeit

Und stille Überlegung wird dich bald

Zu einem Schluss, der deiner werth ist, bringen!


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 4, Leipzig 1798, S. 222-227.
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