Dritte Scene.

[249] Die Vorigen. Suffolk.


SUFFOLK.

Ach meine Kinder!

GUILFORD.

Was ist, mein Vater?[249]

SUFFOLK indem er gen Himmel sieht.

Stärke mich! – Mein Sonn!

O Tochter, eines bessern Glückes würdig!

O meine Kinder! Ach, wie soll ichs sagen?

Mein Anblick spricht für mich! O bange Stunde!

LADY JOHANNA.

Das Schrecklichste, was dieser Tag uns brachte,

War Edwards Tod! – Der Schlag hat mich auf alles

Schon vorbereitet.

GUILFORD.

Redet, theurer Lord!

Die Ungewissheit foltert meine Seele.

SUFFOLK.

Dein grosser Vater, er, auf dessen Macht,

Und Muth und Klugheit alle unsre Hoffnung

Sich stützt', er ist –

LADY JOHANNA.

Wie? ist er todt? Erschlagen?[250]

SUFFOLK.

Er ist verrathen! ganz zu Grund gerichtet,

Und wir mit ihm. Das Heer, an dessen Stirne

Wir ihn gesehen, war ein Schwarm Verräther.

Schon auf dem Wege schmolzen sie zusehens

Von seiner Seite weg. Mit einem kleinen Haufen

Stösst er auf Sussex. Plötzlich fliehen auch

Die Wenigen, die ihm geblieben waren,

Mariens Anhang zu. Die Luft erschallt vom Nahmen

Der neuen Königin, und jauchzend rufen alle:

Maria leb', es stürze der Tyrann!

Er sucht umsonst zu fliehn. Der ungetreue,

Verrätherische Graf von Arondel

Umringt ihn, macht ihn in Mariens Nahmen

Zum Staatsgefangnen, und ist jetzt begriffen,

Ihn im Triumf durch London aufzuführen.

LADY JOHANNA.

Diess, Guilford, wars, was mir mein schaudernd Herz

Vorhergesagt![251]

GUILFORD.

Ha! Welch ein Donner schleudert mich vom Himmel

Zum Acheron herab! Bestürzung und Entsetzen

Versteinert mich! Wie? – Alles umgestürzt –

Northumberland verrathen und in Fesseln –

Maria, Siegerin! – Und du, Johanna –

O schrecklicher Gedanke –

LADY JOHANNA.

Fasse dich, mein Guilford,

Und bete schweigend an!

GUILFORD.

Und kannst du diesen Donnerschlag des Schicksals

So ruhig dulden?

LADY JOHANNA.

Soll ich klagen, Guilford,

Dass ich aus einem Morgentraum erwache?

Dass diese Kronen, diese Wolkenbilder

Von Majestät und königlichem Pomp,

Ins Nichts, das sie gebar, zerflossen sind?

Nein, theurer Guilford, nein! Ich klage nicht![252]

Ihr irrtet euch. Der Himmel hatte mich

Zu dieser glänzenden Bestimmung nicht berufen.

Wozu ihr mich erhob't!

GUILFORD.

O, lege nicht, Johanna,

Dem Schluss der Vorsicht zu, was nur die Wirkung

Der Niederträchtigkeit der Menschen ist!

Gerechter Himmel! Welche Welt ist das?

Ists möglich? Sind denn alle, die ich redlich,

Sind alle die ich unsre Freunde glaubte,

Verräther worden? Ist es Pembrok auch?

Ists Mason auch? Nein! nein! – Die gute Sache

Liegt noch nicht ganz! Es sind noch Tugendhafte!

Ich eile, sie zu suchen! – Alles ist

Noch nicht verloren! Nein! Ein Streich des Unglücks

Soll tapfre Seelen nicht zu Boden schlagen.

LADY JOHANNA.

O Guilford, bleibe! Zeige deine Grösse

Durch männliche Geduld! Dem Himmel widerstreben,

Ist falscher Heldenmuth![253]

GUILFORD.

Die Tugend, Königin.

Prallt nicht vor jedem Widerstand zurücke.

Gefahren sind für sie nur stärkre Reitze,

Die Kräfte zu verdoppeln. Halte mich

Nicht auf, Johanna! Alles kann sich noch

Zu deinem Vortheil ändern!


Geht ab.


SUFFOLK.

Wohin, zu edler Jüngling, willst du eilen?

Vergeblich suchst du Helden, die dir gleichen,

Vergeblich Freunde! – Ach! Der Unglücksel'ge

Hat keinen Freunde! Er mag sich selig preisen.

Wofern er noch statt Hülfe Mitleid findet!

Doch er ist weg.

LADY JOHANNA.

O Gott verlass ihn nicht!


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 4, Leipzig 1798, S. 249-254.
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