Dritte Scene.

[305] Die Vorigen. Guilford


LADY JOHANNA.

Ists möglich? Bin ich noch

So glücklich, eh ich sterbe, dich zu sehen!

Mein Guilford! welch ein Trost für mich.

In deinen Mienen diese stille Grösse

Und Seelenruh zu sehn?

GUILFORD.

Wen würde nicht dein Beyspiel,

Du Göttliche, dir nachzueifern, reitzen?

Du, Freundin! lehrtest mich, im Frühling meines Lebens[305]

Dem Tode kühn ins Angesicht zu schauen!

Du wecktest meine Seele zum Gefühl,

Der Würde, die ihr Ursprung und ihr Ziel

Ihr geben soll! – Ich seh vor meinen Augen

Die schönsten Hoffnungen wie Wolkenbilder schwinden.

Du lehrest mich, sie mit Geduld verschwinden

Zu sehn! – Ich hofft' in deinem Arm zu leben.

Jetzt scheint mirs Seligkeit, mit dir zu sterben!

JOHANNA.

Das, was wir hier in dieser Schattenwelt

Das Leben nennen, ist kein wahres Leben!

Sprich, dünkt dir nicht die ganze wundervolle

Geschichte dieser Tag' ein Traum? – Wir träumten

Von Glück, von Macht, von königlichen Scenen,

Von Welten, die zu unsern Füssen rollten,

Von Götterfreuden – und als wir erwachten,

Schloss uns ein Kerker ein! Auch, das ist Traum!

Ein düstrer Traum, der einem heitern folget!

Bald werden wir erwachen! Und – O Guilford!

Zu welchem Glück! – O könnt' ich dir beschreiben

Was schon davon mein ahnend Herz empfindet![306]

GUILFORD.

Du, bist schon reif zum Himmel! Schon zu heilig

Für diese Welt! Nur Engel sind zum Umgang

Mit dir schickt! – Ach! Warum kann ich nicht

Mit gleichem Flug mich neben, dir erheben?

Mich zeucht die irdische Natur

Noch allzumächtig nieder! – Ach Johanna!

Wenn nur die Grausamkeit des alten Bischoffs

Mich zu der Marter nicht verdammt, dich sterben

Zu sehn – o schrecklich, schrecklicher Gedanke!

Wenn ich ihn denke, bebt mein ganzes Wesen!

Mein Blut erstarrt in jeder kalten Ader,

Die Erde schwanket unter mir, der Himmel

Dräut über mir zu fallen –

JOHANNA.

Schrecket dich

Die Art des Todes? Wär' ich minder todt,

Wenn eine Krankheit mich nach langer Marter

Entseelen würd'? O Guilford! dieser Tod,

Der uns bevorsteht, kann die Unschuld nicht entehren:

Diess selige Bewusstseyn macht die Ketten[307]

An meiner Hand so leicht, als wären sie von Rosen.

Kränkt dichs, dass dieser Leib verwesen soll?

Er wird verklärt, unsterblich auferstehn!

Wir schlummern kurze Zeit, und werden bald

Zu himmlischen Umarmungen erwachen!


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 4, Leipzig 1798, S. 305-308.
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