Ode

[23] Und ich seh dich noch nicht, und mein verlangend Herz

Bebt noch in deiner Umarmung nicht?

Und die Seele, die dich so unaussprechlich liebt,

Freundin, liegt noch, wie vom Gram betäubt,

Wie in Ohnmacht! vom Schmerz ihres ätherschen Lichts

Und der Stärke beraubt, die sie

Zum Olympus oft hob; seufzet und reißt sich nicht

Aus den Fesseln des Kummers los.

Solls vergeblich dann sein, Göttliche, daß ich dich

Meinen Armen schon nah geglaubt?

Und ich soll dich nicht sehn, die meine Seele liebt,

Die ich von allem, was Gott nicht ist,

Aus der Schöpfung Bezirk (ach wie entbehrt ich dich?)

Ganz allein nicht entbehren kann?

Die mein fühlendes Herz mächtig zur Tugend reizt,

Die zur Freundschaft mich bildete,

Dich, dich soll ich nicht sehn? Sinke nur, banger Geist,

In unsterbliche Schmerzen hin!

Sei verschlossen dem Trost! Hoffnung verbreit um mich

Dein zufriednes Gefieder nicht!

Schmerz, dich will ich allein fühlen, du seist hinfür

Meine Wollust! Empfindungen

Meines Jammers, o bebt, bebt, und verstummet nie,

Die entkräftete Seele durch!

Ach, wie kann ich noch sein! Seele, vor Sie gemacht,

Sie zu lieben von Gott gehaucht,[23]

Ach wie kannst du noch sein? Sei denn, und weine nur,

Beb, und fühle, und denke nicht!

Oder fühlest du noch, denkst du, so sieh in dir,

O so sieh nur ihr Bildnis an,

Ihr olympisches Bild, mit den Empfindungen

Sieh es stumm und zerwallend an,

Wie du sie einst gesehn, da Sie das erste mal

Deinen Augen entgegenkam,

Mit betroffenem Blick, der nur Bewundrung war,

Der erstaunend und unverwandt

Auf ihr ruhte, den Geist, der ihre Bildung schmückt

Und den lächelnden holden Mund,

Und der redlichen Stirn Heiterkeit sah, und dann

In dem Aug, wo die Göttliche,

Wo die Seele sich malt, wo sie der Himmlischen

Mächtig siegende Sprache redt,

Den unsterblichen Hang unserer Seelen las,

Sympathien der Liebe las.

So empfinde mein Herz, wenn du ihr Bildnis siehst,

Das so wert ist, ein Engelsherz

Einzunehmen! wie wert, ach wie so wert ist es,

Daß du es nur allein noch denkst.

Ja, dich denk ich allein, dich – und die Ewigkeit,

Und den Gott, dem du ähnlich bist.

Die sich sonst mir so schön als ein ätherischer

Frühling zeigte, die Zukunft, hat

Keinen Reiz mehr für mich! Bilder der Seligkeit,

Phantasien von Götterlust,

Ach, wo seid ihr dahin? hin! mein betrogner Geist

Haßt euch, treulose Hoffnungen!

Hofft nun nimmer, und sieht, wenn er ins ferne sieht,

Öde, grundlose Tiefen nur.

Ach! wie warst du so kurz, Glück, das der Himmel nur,

Selten nieder zur Erde sendt!

O wie selig war ich! Tage, wo seid ihr hin,

Die ihr voll unaussprechlicher

Seligkeiten, voll Ruh, voll nie empfundner Lust,

Allzu plötzlich vorüber floht?[24]

Ja, wenn einst meine Zeit mir, wie ein Morgentraum,

Wie die Jahre der Kindheit scheint,

O so werdet ihr mir, Tage der Liebe, noch

In der Ewigkeit festlich sein!

Der Erinnerung wert, daß die Unsterblichen

Froh euch wieder empfinden, wert!

Ach! wie selig war ich! da ich, o Doris, dir

Heimlich weinte, da noch mein Herz

Von Empfindung gedrängt, und deiner Würde voll,

Dich zu lieben, sich selbst verbarg!

O wie seliger noch, da du das erste Mal

Mich mit Augen voll Zärtlichkeit

(O wie redeten sie! o wie viel sagten sie!)

Liebenswürdigste, angeblickt.

Sei mir heilig, o Tag, da Sie empfindungsvoll,

Voll unschuldiger Liebe mich

Ansah, da mir ihr Aug ewige Treue schwur,

Dreienzwanzigster des Augusts

Sei gesegnet! Vor dich bet ich die Vorsicht einst

Mit ätherischen Tränen an;

In der Ewigkeit noch, wenn, die itzt prächtig blühn,

Alle Sonnen verwelket sind,

Wenn Äonen von Zeit in sie geflossen sind,

Feir ich, seligster Tag, dich noch.

In der Göttlichen Arm, ganz in Entzückungen,

In Entzückung des Himmels ganz

Ausgegossen will ich wieder die Seligkeit

Fühlen, die du mir damals gabst.

Welche Zeiten voll Ruh, Tage der heiligen

Liebe, Stunden der Zärtlichkeit,

Fremd dem irdischen Volk, voll von Empfindungen,

Die keine menschliche Sprache sagt,

Folgten, aber zu schnell, himmlischer Tag, dir nach?

An Umarmung und Küssen reich.

Reich an heiliger Lust, und an erhabneren

Überirdischen Freuden reich!

Gott, du hast sie gesehn! Jede Empfindung war,

Jede Neigung in unsrer Brust[25]

War dir sichtbar; du hast segnend uns angestrahlt,

Denn du, Gott, bist die Liebe ja!

Da Du uns so gesehn, da du uns segnetest,

Dachte da nicht dein göttlich Herz:

Euer Wunsch ist erhört, Kinder der Zärtlichkeit,

Die ihr folgsam dem süßen Hang,

Der mit ewger Gewalt Herzen zusammenzieht,

Euch so redlich, so edel liebt,

Ihr sollt glücklicher sein, als euer zärtliches

Frohes Herze zu wünschen wagt;

Tage warten auf euch, jener Zufriedenheit

Himmelgränzer Welten voll;

Wie sein Leben man lebt, wenn es der Unschuld Reiz,

Und die Weisheit olympisch macht.

Hast du also gedacht, Vorsicht, so winke mir,

O so winke mir Hoffnung zu!

Führe Doris zu mir, daß mein erschöpftes Herz

In den süßen Umarmungen

Wieder mächtiger schlag, und dir, geliebtes Herz,

Folge, wenn du so himmlisch fühlst.

Daß vom lieblichen Glanz, der ihrem Aug entfließt,

Mein erkalteter Geist, belebt,

Wieder aufblüh, geschickt in die äthersche Luft,

Weise Rowe, dir nachzufliehn.

Von ihr zärtlich umarmt, an ihr seraphisch Herz,

Überwallend von Lust, gedrückt,

Vom melodischen Ton, der ihrem Mund entschallt,

Ganz erfüllt, und zu geistigen

Harmonien entzückt, will ich, o Tugend, dich

Stärker lieben und würksamer

Wie auf Schwingen des Wests will ich in Bodmers Arm

Und in Schinzens Umarmungen

Von ihr eilen. Dann soll Doris mich tränenfrei

Küssen, und mich entfliehen sehn.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 23-26.
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