Ode. Klagen und Beruhigung

[31] Du, die unsterblich ist, der Seraphinen Schwester,

Du, deren angebornen Glanz

Noch dunkler Stoff, des Todes Kleid verhüllet,

Itzt Tier, doch einst ein Gott!


Fühlst du, o Seele, dich? Bebst du in deinen Banden

Vom Thron gestürzte Königin? –

Oft angelockt, getäuscht und nie befriedigt

Wankt dein ätherscher Blick
[31]

Auf dieser Erd umher, dem Vaterland des Irrtums,

Des Lasters mörderischer Gruft!

Wo Traum und Wahrheit nur die Sonn entscheidet,

Und selbst die Liebe haßt, –


Mein zarter Wille bebt vorm Anblick der Verwüstung,

Die dich einst, schöne Erd, entstellt.

Er, an der Brust der holden Lieb erzogen,

Trägt nicht des Hasses Blick!


Ach! die der Geister Herr zu gleichen Seligkeiten,

Die Tugend zu genießen, schuf,

Die jagt der Durst nach unglückselgen Gütern

In einen ewgen Krieg!


Wie wird dir, Seele, dann, wenn du voll Menschenliebe

Herab auf dein Geschlechte blickst?

Sie, die du gern mit deinem Schmerz beglücktest,

Sie sind des Elends Raub!


Du weinst! – Du breitest dich mit allen deinen Wünschen

Zum göttlichsten Geschäfte aus,

Zum Wohltun! Der Gedank, Glück um dich her zu schaffen,

Schon der belohnte dich!


Und ach! was hindert dich? dein Wille bleibt nur Wünschen!

Du, die des Himmels Grenzen selbst

Mit der Gedanken Seraphs-Flug erreichet,

Bist arm an äußrer Kraft.


Beschämt, bestürzt, verirrt im Labyrinth des Schicksals

Entfliehst du in dich selbst – doch ach!

Auch in dich selbst, auch in den Sitz der Liebe

Verfolgt der Kummer dich!


Ich fühl es, wie du oft die leichtern Flügel schwingest

In reinre Gegenden empor,

Doch drückt ein innrer Hang, der Feind des Wesens,

Dein Nichts, dich stets zurück! –
[32]

O Schöpfer! ist denn hier der Wunsch der Ruh Verbrechen?

Wie? Oder ist der Freude Fuß

Nur an des Himmels goldne Flur geheftet,

Wo du sie lächelnd schufst?


Soll auch der Edlere den die Syrenen Kehle

Der Erden Freude nicht entzückt

Der, sich bewußt, tief unter seinen Wünschen

Der Thronen Schimmer sieht,


Soll denn auch der umsonst nach echter Ruhe schmachten,

Auch der? – So fragt ich Kummervoll,

In eine Nacht von Hoffnungslosen Sorgen

Und in mich selbst verirrt.


Da sah ich plötzlich dich, Serena, vor mir stehen,

Die Tugend lächelte aus Dir,

Dein Auge winkte Ruh, und alsbald wurden

Die Winternächte hell.


O Göttliche! Dich gab mir meines Schicksals Güte

Zur zärtlichen Begleiterin,

Der Weg zur Ewigkeit, sonst öd und finster,

Wie blüht er um Dich her?


Dein zärtlich Herz, das nach dem Ebenbild der Unschuld

Die freie Wahrheit bildete,

Das zu besitzen – o wie reich, Serena,

Wie selig macht das mich?


Du, Freundin, lehrtest mich der Tugend Wert empfinden.

Du machtest mich mir selbst bekannt.

Dir dank ich es, daß mich in goldnen Stunden

Der Muse Gunst besucht. –


Entflieh, o Kummer! weicht, ihr Sorgen für die Zukunft,

Mißgönnt mein itzig Glück mir nicht!

Serena, wen Du liebst, der kränkt die Vorsicht

Durch jeden niedern Gram.
[33]

Und hat sie mir nicht auch Dein großes Herz geschenket,

Mein Bodmer, dem Urania

Die Weisheit vom Olymp und Symphonien

Aus ihrer Harfe gab?


Du liebest mich! Mir gibt mein dreimal selig Schicksal

Dein menschenfreundlich Aug zu sehn.

Du reizest mich mit deiner höhern Tugend

Und siehst mir liebreich nach.


O Himmel bin ich nicht zu kühn noch mehr zu wünschen? –

(Doch Bodmer selber wünschte so!)

O dürftest du den frommen Wunsch erlauben!

Soll er unmöglich sein?


Wie selig? Lebt ich einst in einer armen Hütte

Die Freiheit mehr als golden macht,

In deinem Umgang, zärtliche Serena,

Dir und dem Himmel nur!


Zwar von der Welt getrennt, in einer holden Wildnis

(Gleich dem beglückten Aufenthalt,

Wo Billeter mein Herz mir abgewonnen,

Wo deine Unschuld mich,


O Daphne, still entzückt, wo ich den Freund gesegnet,

Den dein geliebtes Herz beglückt –)

Doch nicht allein! oft von den jungen Nymphen

Des Eichenwalds gesehn


Zuweilen gingen wir mit Siphas holden Töchtern

Am See, der Evens Spiegel war;

Bald macht ein Freund, ein Heß, uns mit der Weisheit

Durch sein Gespräch vertraut.


Ja unsre Seligkeit entlockte selbst die Engel

Gott nähern Welten, uns zu sehn;

Wir hörten denn in hellen Mitternächten

Ihr empyreisch Lied.


O mille volte fortunato e mille

chi nasce in tale Stella!


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 31-34.
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