13.
An Kleonidas.

[99] Ich gestehe unverhohlen, daß ich ein großer Freund aller Tage bin, die von unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Müßiggang und Wohlleben gewidmet wurden. Immerhin mögen Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit, wo sie nicht[99] Töchter der Nothwendigkeit sind, unter die preiswürdigsten Tugenden gerechnet werden: wenigstens sind sie es bloß als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller lebenden Natur ist; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters, und der Arme behilft sich die meiste Zeit schlecht, um sich zuweilen einen guten Tag machen zu können. An Festtagen seh' ich allenthalben fröhliche Gesichter; jedermann ist besser als gewöhnlich gekleidet, thut sich gütlicher, geht ins Bad, kränzt sich mit Blumen. Gemeinschaftliche Opfer, Gesänge und Gebete, feierliche Aufzüge, Uebungsspiele, Tänze und Schauspiele nähren und erhöhen den sympathetischen Trieb, und lassen uns vom geselligen Bürgerleben, dessen tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschäftigkeit so häufig erschweren und verbittern, nur das Gefügige, Angenehme und Tröstliche empfinden. Die Natur hat mir wie du weißt, zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz gegeben. Mir ist nie wohler, als wenn ich mich so ganz aufgelegt fühle allen Menschen hold zu seyn, und dieß bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft fröhlich sehe. Denn da wiege ich mich unvermerkt in die süße Täuschung ein, sie alle für gut und wohlwollend zu halten, und mache mir selbst weiß, sie würden es immer seyn, wenn sie sich immer glücklich fühlten. Du wirst es also ganz begreiflich finden, lieber Kleonidas, daß ich, ungeachtet der schelen Gesichter, die ich mir von meinen gravitätischen Mitgesellen, und zuweilen auch wohl von dem Meister selbst gefallen lassen muß, keine Gelegenheit versäume, wo ich mir diesen behäglichen Lebensgenuß verschaffen kann.[100]

Einer meiner hiesigen Bekannten, ein Mann von Geist und angenehmem Umgang, der nach Athenischer Art reich ist, und (was hier in den Augen einer gewissen Classe noch mehr zu sagen hat) sein Geschlechtsregister auf mütterlicher Seite von Kodrus ableitet, besitzt ein schönes Landgut auf der Insel Aegina, die nicht viel über zweihundert Stadien73 von Athen entfernt liegt, und wiewohl von Natur nur ein kahler Felsen, durch eine fünfhundertjährige Anbauung und den Wetteifer ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur mögliche Weise zu verschönern, eines der anmuthigsten Eilande ist, die im Myrtoischen Meer und im Saronischen Meerbusen zerstreut umher liegen. Eurybates (so nennt sich mein Freund), der das vornehmste Fest der Aeginer, die Poseidonia74, gewöhnlich auf seinem Gute zuzubringen pflegt, bat mich ihm dießmal Gesellschaft zu leisten, und ich nahm seine Einladung um so williger an, da diese Festtage gerade in die schönste Jahreszeit fallen, und durch einen großen Markt belebt werden, der eine Menge Fremde vom festen Lande und den benachbarten Inseln herbeizieht.

Wir hatten bereits einige Tage in allerlei festlichen Lustbarkeiten verlebt, als Eurybates mir den Antrag machte: ob ich nicht Lust hätte, den Abend in Gesellschaft der schönen Lais75 zuzubringen? Er setzte, vermuthlich um mir desto mehr Lust zu machen, hinzu: »wenn ich meinen Augen glauben darf, so ist schwerlich ein Weib im ganzen Griechenlande, das ihr den Preis der Schönheit streitig machen kann.« Da mir die Landessitte bekannt ist, so konnt' ich natürlicherweise nichts anders denken, als die Rede sey von einer Hetäre, mit deren[101] Gesellschaft Eurybates seine Freunde diesen Abend zu bewirthen gedenke; und, wiewohl ich bisher den Umgang mit Frauenzimmern aus dieser Classe immer zu vermeiden suchte, so kamen doch hier mehrere Umstände zusammen, die eine Ausnahme schicklich zu machen schienen. Kurz, ich sagte meinem Wirthe, es werde mir um so angenehmer seyn, ihm eine so interessante Bekanntschaft zu danken zu haben, da ich gestehen müßte, daß ich eine Art von Ideal in meinem Kopfe hätte, dem die schöne Lais den Vorzug abzugewinnen einige Mühe haben würde. Indessen kam der Abend heran, und wie ich eben mit Verwunderung zu bemerken anfing, daß sich nirgends eine Anstalt zu einem Gastmahl im Hause zeigte, kam Eurybates, mir zu sagen, es wäre nun Zeit ihm zu seiner schönen Nachbarin zu folgen. – Zu welcher Nachbarin? – »Zu welcher andern als der schönen Lais, die vor einigen Tagen hierher gekommen ist, um von einem kleinen Gute Besitz zu nehmen, das ihr durch den Tod eines Freundes zugefallen ist, und das glücklicherweise unmittelbar an das meinige stößt.« – Die Rede ist also nicht von einer Hetäre? sagte ich. – »Nun ja, Hetäre oder auch nicht Hetäre, wie du willst; im Grunde läßt sie sich nicht wohl in eine andere Classe stellen, wenn sie ja classificiert seyn muß: aber dann ist sie eine Hetäre, wie es, zwei oder drei ausgenommen, noch keine gegeben hat. Sie kommt nicht zu uns, mein guter Aristipp; man muß zu ihr kommen, und auch dieß ist eine Gunst, die nicht jedem zu Theil wird, der sie allenfalls bezahlen könnte. Die schöne Lais liebt ausgesuchte Gesellschaft, und dem müssen die Grazien sehr hold seyn, der ihr bis auf einen gewissen Grad gefallen zu können[102] hoffen darf. Ohne diese Bedingung ist sie, wie man sagt, um keinen Preis zu haben. Ob es immer so seyn werde, läßt sich vielleicht, ohne sich an Amor und Aphrodite zu versündigen, bezweifeln; daß es aber jetzt so sey, ist um so glaublicher, da sie kaum zwanzig Jahre zählt, und von ihrem ersten Liebhaber in einer sehr glücklichen Lage hinterlassen worden ist.«

Dieser Vorbericht spannte meine Neugier und Erwartung so stark, daß mir der Weg, der uns nach dem Hause der schönen Korintherin führte, dreimal länger vorkam als er in der That war. Wir fanden sie in einem geräumigen, auf Ionischen Marmorsäulen ruhenden Gartensaale, von einem kleinen Kreise dem Ansehn nach feiner junger Männer umgeben, und, wie es schien, in einem lebhaften Gespräche begriffen. Schon von ferne, bevor es möglich war ihre Gesichtszüge genau zu unterscheiden, däuchte mir ihre Gestalt die edelste, die ich je gesehen hätte. Ihr Anzug war mehr einfach als gekünstelt und eher kostbar als schimmernd; leicht genug, um einen Bildner, der keine schöne Form unangedeutet lassen will, zu befriedigen, aber zugleich so anständig daß selbst die Grazie der Scham nicht untadeliger bekleidet werden könnte. – Die hat einen feinen Tact für ihre Kunst, dachte ich. Aber stelle dir vor, mein Freund, wie gewaltig ich überrascht wurde, da ich ein paar Schritte näher die nämliche Dame in ihr zu erkennen glaubte, mit welcher ich vor drei Jahren zu Korinth auf eine so seltsame Art in Bekanntschaft gekommen war, ohne damals ihren Stand und Namen erfahren zu können. Ich mußte alle meine Gewalt über mich selbst zusammenraffen, um der edeln Unbefangenheit, womit[103] sie mich empfing, keine größere Betroffenheit entgegenzusetzen, als sich allenfalls mit der Wirkung ihrer Schönheit auf jeden, der sie zum erstenmale sah, entschuldigen ließ. Daß ich es wollte, war ich mir deutlich genug bewußt; doch zweifle ich sehr, ob es mir in der ersten Viertelstunde so gut gelang als ich wünschte; denn gewöhnlich verräth einer durch die Bemühung, etwas unter seinem Mantel zu verbergen, daß er etwas verberge, und dieß ist genug, um die Aufmerksamkeit aller Umstehenden zu erregen. Das Wahre ist, daß die Furcht mich zu irren und das Verlangen mich nicht zu irren, den Blicken, womit ich sie durch und durch zu erspähen und nach allen Dimensionen auszumessen scheinen mußte, mir (wie sie mir in der Folge selbst sagte) etwas zu gleicher Zeit so schüchtern Unverschämtes, Gieriges und Erstauntes gab, daß sie selbst Mühe gehabt hätte sich in gehöriger Fassung zu erhalten, wenn sie nicht auf diese, bloß von meiner Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen wäre. In der That hatte sie sich in den drei Jahren, die seit der ersten verflossen waren, dermaßen verschönert, daß, ungeachtet das Bild meiner Korinthischen Anadyomene noch wenig in meiner Erinnerung verloren hatte, oder vielmehr eben deßwegen, ein kleines Mißtrauen in meine Augen oder in mein Gedächtniß ganz natürlich war. Sie war indessen merklich größer geworden, und die Blüthe ihrer prächtigen Gestalt schien so eben den Augenblick der höchsten Vollkommenlieit erreicht zu haben; den Augenblick, wo die Fülle der hundertblättrigen Rose sich nicht länger in der schwellenden Knospe verschließen läßt, sondern mit Gewalt aufbricht, um ihre glühenden Reize der Morgensonne[104] zu entfalten. Dieß verbreitete einen so blendenden Glanz um sie her, daß ich, wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst zu entschieden war um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder niederzuschlagen, doch nicht aufhören konnte, mich durch immer wiederholtes Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen. Bei allem dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit, um, zu meinem Troste, wahrzunehmen, daß die andern Anwesenden (den einzigen Eurybates vielleicht ausgenommen), jeder für sich zu stark mit unsrer schönen Wirthin beschäftigt waren, um sich viel um mich zu bekümmern. Auch blieb mir nicht unbemerkt, daß sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien, daß etwas Besonderes in mir vorgehe; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verständiget hätten, würde die höfliche Kälte, womit sie sich gegen mich benahm, neue Zweifel haben erregen müssen. Diese nur mir verständlichen Blicke sagten mir so zuverlässig sie sey es, daß keine Möglichkeit zu zweifeln übrig blieb; und nun war es auch um so viel leichter, die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft natürlich genug zu spielen, um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu täuschen, und den leisesten Verdacht eines frühern Verhältnisses zwischen uns unmöglich zu machen. Ich überließ mich jetzt mit meinem gewöhnlichen Frohsinn oder Leichtsinn, wenn du willst, dem heitern Genuß des schönsten Abends, den ich bisher erlebt hatte, und ich wollte alles in der Welt wetten, daß Tantalus an der Tafel Jupiters nicht halb so glücklich war, als ich im Speisesaal dieser irdischen Göttin, welche, nicht zufrieden, uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer[105] Schönheit und ihres Witzes zu sättigen, außerdem noch allem aufgeboten hatte, was Land und Meer und die Kunst eines Korinthischen Kochs vermochte, um selbst den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen.

Nimm es als einen Beweis der Stärke meiner Liebe zu dir auf, daß ich in diesen Stunden der süßesten Seelenberauschung, wo es so leicht war, ein letheisches Vergessen alles dessen, was man sonst liebte, aus den Augen dieser neuen Circe zu trinken, mehr als einmal herzlich wünschte: möchte doch mein Kleonidas hier seyn, wär' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig ungetreu zu werden! Es ist, denke ich, dem Menschen überhaupt, und vor allen dem Künstler, zuträglich, in allen Gattungen und Arten das Höchste gesehen zu haben.

Eine vollkommene Schönheit ist in Griechenland und vermuthlich allenthalben etwas sehr Seltenes; die Vereinigung einer solchen Schönheit mit geistigen Reizungen noch seltner. Dieß vorausgesetzt, ist die schöne Lais unter den Griechischen Weibern, was der Phönix unter den Vögeln ist. Ich habe die berühmte und von Sokrates selbst geschätzte Aspasia, wiewohl in einem schon ziemlich vorgerückten Alter, mehrmal gesehen und gesprochen; sie kann selbst in der Blüthe ihrer Schönheit nie ein Recht gehabt haben, mit Lais um den goldnen Apfel zu streiten. An Stärke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der Vorzug bleiben; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der Laune ist Lais vielleicht einzig. Die feinsten Wendungen der scherzenden oder nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so geläufig, als[106] ob sie bei meinem alten Mentor in die Schule gegangen wäre. Sie spricht gern und viel, und findet immer den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen.

Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu seyn, glaube ich voraus zu sehen, daß diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel Un heil unter den ohnehin so leicht entzündbaren Griechen unsrer Zeit anrichten wird, als die Tochter der Leda unter den Achäern und Trojanern des heroischen Zeitalters. Was sie in meinen Augen am gefährlichsten macht, ist ein gewisser unnennbarer Zauber, den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreißbaren Schlingen vergleichen würde, welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten um das Lager seiner treuen Gemahlin legte. Weil ich mich nicht gern mit unerklärbaren und nichts erklärenden Wörtern behelfe, so habe ich in aller Stille ausfindig zu machen gesucht, worin dieser magische Iynx77 (mit Sokrates zu reden) eigentlich bestehe, und, so viel ich jetzt davon sagen kann, dünkt mich, er liege darin, daß sie sich aller ihrer Reizungen immer bewußt ist, ohne daß es scheint, als ob sie ihrentwegen Anspruch an große Bewunderung mache, oder mit geheimen Anschlägen auf Eroberungen umgehe. Sie scheint in vollkommener Selbstgenügsamkeit sich mit der Gewißheit zu befriedigen, es hange nur von ihr ab, sobald sie Lust dazu habe, jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen – zum Narren zu machen; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe, mehr über sie zu gewinnen, als sie ihm freiwillig einzuräumen geneigt sey. Sie bedient oder[107] begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit, ohne Anschein einer besondern Absicht; aber wenn sie sich dessen bedient, thut sie es öfters mit einem Muthwillen der an Grausamkeit gränzt, wiewohl es vielleicht bloßer Naturtrieb, ihre Macht zu versuchen, seyn mag. Sie schießt ihre Strahlen umher, wie die Sonne die ihrigen ergießt, unbekümmert wohin sie fallen und wie sie wirken, ob sie erwärmen und beleben, oder auftrocknen, versengen und zerstören. Daß die Sprache der Griechen keinen Namen für diesen gefährlichen Charakter hat, beweiset vermuthlich, daß die schöne Lais in ihrer Art die erste ist.

Ich sehe dich für die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern; aber sey unbesorgt, mein Freund! Der Salamander, sagt man, befindet sich sehr wohl in eben dem Feuer, worin andre lebendige Wesen verzehrt werden. Ich schwöre dir, daß ich in meinem Leben nie freier, heitrer und aufgeräumter war als diesen Abend. Nicht als ob ich mich einer Gleichgültigkeit rühmen wolle, die mir im Grunde wenig Ehre machen würde; genug, Lais selbst scheint zu merken, daß sie an einen jungen Mann gerathen ist, den Hermes mit dem berühmten Kräutchen Moly78, das alle Bezauberung unkräftig macht, bewaffnet hat, und ich denke wir wollen noch sehr gute Freunde werden. Ueberdieß war auch hier keine Ursache zur Eifersucht; ich sahe keinen Begünstigten; und wie hätte ich mich darüber ärgern sollen, gerade so viele Nebenbuhler zu sehen als Personen zugegen waren? Das wird nun einmal in den nächsten zehen oder zwanzig Jahren nicht anders seyn. Alles kommt darauf an, nicht ob man ihr gefallen will[108] (wer wollte das nicht?), sondern ob man ihr gefällt, und das muß man den Göttern und ihrer Laune anheimstellen. Ausschließliche Anmaßungen an ein solches Wesen machen zu wollen, wäre, nach meiner Vorstellungsart, als wenn Einer Sonne und Mond für sich allein behalten wollte. Wenn ich auch die Macht des großen Königs79 besäße, ich würde schwerlich thöricht genug seyn, ein solches Unrecht an ihr und an mir selbst zu begehen. Wer wäre berechtigt frei zu seyn, wenn ein so hoch von der Natur begünstigtes Weib es nicht seyn sollte? Und wie wenig müßte der seinen eigenen Vortheil kennen, der, wenn er es auch vermöchte, die Liebesgöttin zu seiner Sklavin machen wollte?

Wir brachten einen Theil der Nacht mit den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten zu, womit die Griechen ihre Symposien zu würzen pflegen. Die schöne Lais hat verschiedene niedliche junge Sklavinnen, die mit Fertigkeit tanzen, singen und auf allen Arten von besaiteten Instrumenten spielen. Die Unterhaltung wechselte bald mit muntern Gesprächen, bald mit Musik und mimischen Tänzen ab, und die Dame des Hauses selbst war so gefällig, oder (wie es einige von uns nannten) so grausam, uns zum Abschied mit einer wahren Sirenenstimme ein süßes Liedchen von Anakreon zu singen, wobei vermuthlich jedermann eben dasselbe fühlte, was Odysseus als der einladende Zaubergesang der Töchter des Achelous über die Wellen zu ihm herüber schallte; und im Weggehen versicherte mehr als Einer, daß er die Erlaubniß zu bleiben mit dem Schicksal der Unglücklichen, die in die Klauen jener mörderischen Sängerinnen geriethen, nicht zu theuer erkauft gehalten[109] hätte. Daß ich keiner von diesen war, kannst du mir auf mein Wort glauben.

Es hatte sich zufälligerweise gefügt, daß ich an diesem Tage den Ring am Finger trug, in welchen ich die Haare meiner Korinthischen Unbekannten hatte fassen lassen; und so konnt' es nicht wohl fehlen, daß ich Gelegenheit fand, ihr meine Hand, als wie von ungefähr, nahe genug zu bringen, daß sie ihr durch den Druck einer Feder aus dem Kasten des Rings heraufgebrachtes Geschenk erkennen konnte. Ein leises Erröthen und ein lächelnder Blick, der unsre alte Bekanntschaft zu gestehen schien, versicherte mich dessen, und mehr verlangte ich für dießmal nicht.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 99-110.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Aristipp Und Einige Seiner Zeitgenossen (3)
Sammtliche Werke (34 ); Aristipp Und Einige Seiner Zeitgenossen Bd. 2
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Werke in zwölf Bänden: Band 4: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Werke in zwölf Bänden: Band 4: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Über den Umgang mit Menschen

Über den Umgang mit Menschen

»Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. – Das heißt: Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.« Adolph Freiherr von Knigge

276 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon