17.
Lais an Aristipp.

[72] Verzeihe, mein Lieber, wenn ich dich länger als recht ist auf Nachricht warten ließ, wie deiner Freundin die Luft des Isthmus wieder bekommt, und wie sie nach einer so langen Abwesenheit von den Korinthiern aufgenommen worden. Jene hat mir mit dem ersten Athemzug alle meine vorige Leichtigkeit und Unbefangenheit wiedergegeben; diese benehmen sich so artig und anständig, als es die etwas zweideutige Wittwe eines noch vollauf lebenden Persischen Fürstensohns nur immer verlangen kann. Ich mache ein ziemlich großes Haus, lebe wieder so frei wie die Vögel des Himmels nach meiner eigenen gewohnten Weise, und erinnere mich zuweilen des Aufenthalts zu Sardes, und aller seiner Herrlichkeiten, als eines seltsamen Morgentraums, der im Erwachen unvermerkt an der aufgehenden Sonne zerrinnt, und, wie angenehm er auch war, kein Bedauern daß er ausgeträumt ist in der Seele zurückläßt. Freilich befinde ich mich in dem ungewöhnlichen Fall einer Person, die im Traum einen großen[72] Schatz erhoben hätte, und beim Erwachen wirklich einen kleinen Berg von Goldstücken vor ihrem Bette aufgeschüttet fände; und wenn du glaubst, daß dieser Umstand nicht wenig zu der Ruhe, deren ich mich rühme, beitragen könnte, so will ich so ehrlich seyn und gestehen, daß du es nahezu errathen hast.

Ich lebe hier ungefähr auf eben demselben Fuß wie zu Milet. Mein Haus ist, zwar nicht zu allen Stunden, aber doch in den gewöhnlichen, wo man Gesellschaft sieht, allen offen, die man zu Athen Kalokagathen38 nennt. Eupatriden, Staats- und Kriegsmänner, Dichter, Sophisten und Künstler, alte und junge, reiche und arme, fremde und einheimische, jedermann, der sich in guter Gesellschaft mit Anstand zeigen kann, ist gern gesehen; nur daß immer zwei oder drei mit einander kommen müssen: denn die Unterhaltungen unter vier Augen sind nur den vertrautern Freunden, lauter Männern, die meine Väter seyn könnten, vorbehalten, und unter den jüngern, höchstens Einem, den die Götter etwa in besondere Gunst genommen haben; dir, zum Beispiel, wenn du hier wärest, zumal da sich bisher noch keiner gefunden hat, der mich vergessen machen könnte, daß du es nicht bist.

Es ist wohl kein Zweifel, daß ich mich durch diese Lebensordnung weder den Matronen noch den Hetären (deren Orden hier sehr zahlreich und begünstigt ist) sonderlich empfehle; wiewohl die letztern mehr Ursache hätten, mich für eine Wohlthäterin als für eine Conkurrentin anzusehen. Denn bei weitem die meisten meiner Anbeter unterliegen am Ende doch der Versuchung,[73] sich bei ihnen, wie die Freier der Penelope bei – den gefälligen Hofmägden des Ulyssischen Hauses, für ihre bei mir verlorne Zeit und Mühe zu entschädigen. Indessen muß ich gestehen, daß die Verbindlichkeit, die sie mir von dieser Seite schuldig sind, vielleicht doch einige Einschränkung leiden mag. Die Sache ist, daß ich, theils um mir selbst die Pflichten der Frau des Hauses zu erleichtern, theils (wenn du willst) aus Gutherzigkeit, einige schöne junge Mädchen zu mir genommen habe, die zwar Korinthische Bürgerinnen sind, aber aus Mangel an Vermögen und Unterstützung wahrscheinlich sich genöthigt gesehen hätten, ihren Unterhalt der Aphrodite Pandemos39 abzuverdienen. Diese lasse ich von den geschicktesten Lehrmeistern im Lesen der Dichter, in der Musik und in der Tanzkunst unterrichten, und mache mir, nach dem Beispiele der schönen Aspasia, selbst ein Geschäft daraus, sie zu angenehmen Gesellschafterinnen für mich und andere zu bilden. Könnte ich ihnen mit meinen Grundsätzen auch zugleich meine Sinnesart einflößen, so würde meine Absicht vollkommen erreicht. Da sich aber darauf nicht rechnen läßt, so bin ich zufrieden, ihnen so viel Achtung gegen sich selbst und so viel Mißtrauen gegen euer übermüthiges Geschlecht beizubringen, als einem Mädchen nöthig ist, das sich in den gehörigen Respect bei euch setzen, und wenn sie, unglücklicherweise, der Liebe sich nicht gänzlich erwehren kann, wenigstens keinem andern Amor unterliegen will, als jenem Anakreontischen, den die Musen


Mit Blumenkränzen gebunden

Der Schönheit zum Sklaven gegeben.
[74]

Du kannst dir leicht vorstellen, lieber Aristipp, was für eine alberne Celebrität ich mir durch diese, den Söhnen und Töchtern der Achäer so ungewohnte und so vielerlei Vorurtheile vor die Stirne stoßende, Lebensart zuziehen werde. Dieß ist eben nicht was ich wünsche; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden könnte: wer schwimmen will, muß sich gefallen lassen naß zu werden.

Ich habe die traulichen kleinen Symposien, die ich zu Milet bei mir eingeführt hatte, wobei eine freie muntre Unterhaltung über interessante Gegenstände die bessere Hälfte der Bewirthung ausmachte, auch hier wieder in den Gang gebracht; wiewohl die Korinthier überhaupt genommen keine Liebhaber von so nüchternen Gastmählern sind. Bilde dir darum nicht ein, daß mein Koch sich dabei vernachlässigen dürfe. Wenige Schüsseln, aber das Beste der Jahrszeit aufs feinste zubereitet; kleine Becher, aber die edelsten Weine Cyperns und Siciliens, – darin besteht meine ganze Frugalität, und ich gestehe gern, daß ich sie – dir selbst abgelernt habe. Zu Athen reicht man damit aus und erhält noch Lob und Dank: aber so genügsam sind unsre Korinthischen Kalokagathen nicht. Außer deinem Freunde Learchus, und einem viel versprechenden jungen Künstler, Namens Euphranor (der, im Vorbeigehen gesagt, einer meiner wärmsten und hoffnungsvollsten Anbeter ist), sind es daher fast lauter Fremde, die sich um den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 (wie ich sie dir zu Ehren nennen möchte) bewerben, oder von freien Stücken dazu eingeladen werden. Die Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch, und ich denke es sollte sich aus unsern[75] Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen, wenn sie, von einem Geschwindschreiber aufgefaßt, als bloßer Stoff einem Meister wie Xenophon oder Plato in die Hände fielen. Nicht selten wagen wir uns, auf die Leichtigkeit unsrer Hand vertrauend, sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie; und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will, ziehen wir uns zuweilen auf die kürzeste Art aus der Sache, und kommen der Subtilität unsrer Finger – mit der Scheere zu Hülfe. Gestern z.B. erwähnte Einer zufälligerweise, daß Sokrates das Schöne und Gute für einerlei gehalten, und also nichts für schön habe gelten lassen wollen, wenn es nicht zugleich gut, d.i. nützlich, ja sogar nur insofern es nützlich sey. Dieß veranlaßte einen Dialog, wovon ich dir, weil ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und (die Wahrheit zu gestehen) deine eigene Meinung von der Sache wissen möchte, so viel als mir davon erinnerlich ist, mittheilen will, wenn du anders Lust und Muße hast weiter zu lesen.

Die Hauptpersonen des Gesprächs waren der junge Speusipp41 (Platons Neffe von seiner ältern Schwester, einer der liebenswürdigsten Athener die ich noch gesehen habe), ein gewisser Epigenes von Trözen, der seine Geistesbildung vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt, und Euphranor, welchem, da er Maler und Bildner zugleich ist, ein unstreitiges Recht zukam, mit zur Sache zu sprechen. Daß die Frau des Hauses sich ein paarmal in das Gespräch mischte, wirst du einer so erklärten Liebhaberin alles Schönen zu keiner Unbescheidenheit auslegen.[76]

Mich dünkt (sagte Epigenes, der zu dieser Erörterung den Anlaß gegeben hatte), ehe wir uns auf die Frage »was das Schöne sey?« einlassen, wäre wohl gethan, den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen, da es so vielerlei, zum Theil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird, daß der allgemeine Begriff, der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt, nicht leicht zu finden seyn dürfte. Wir sagen: ein schöner Himmel, eine schöne Gegend, ein schöner Baum, eine schöne Blume, ein schönes Pferd, ein schönes Gebäude, ein schönes Gedicht, eine schöne That. Man sagt: dieser Wein hat eine schöne Farbe, dieser Sänger eine schöne Stimme, diese Tänzerin tanzt schön, dieser Reiter sitzt schön zu Pferde. Ich würde nicht fertig, wenn ich alle die körperlichen, geistigen und sittlichen Gegenstände, Bewegungen und Handlungsweisen herzählen wollte, denen das Prädicat schön beigelegt wird. Was ist nun die ihnen allen zukommende gemeinsame Eigenschaft, um derentwillen sie schön genannt werden? Ich kenne keine allgemeinere als diese, daß sie uns gefallen. Die Menschen nennen alles schön was ihnen gefällt.

Speusipp. Ich gebe gern zu, daß das Schöne allen gefällt, deren äußerer und innerer Sinn gesund und unverdorben ist: aber daß alles, woran ein Mensch Wohlgefallen haben kann, darum auch schön sey, kann schwerlich deine Meinung seyn.

Lais. Sonst wäre nichts Schöneres als ein mit Fässern und Kisten wohl beladenes Lastschiff voll morgenländischer Waaren! wenigstens in den Augen des Korinthischen Kaufmanns,[77] vor dessen Hause sie abgeladen werden, und der in diesem Augenblick gewiß mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie über einander hergewälzten Fässern, Kisten und Säcken hat, als an dem schönsten Gemälde des Parrhasius.

Epigenes. Also, mich genauer auszudrücken, nenne ich schön, was allen Menschen, ohne Rücksicht auf den Nutzen, der daraus gezogen werden kann, gefällt.

Speusipp. Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schönen etwas gewonnen seyn? Was gefällt, ist (deinem eigenen Geständniß nach) nicht immer schön; aber das Schöne gefällt immer, bloß weil es schön ist. Die Frage was ist schön? bleibt also noch unbeantwortet.

Euphranor. Könnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der Antwort verhelfen, die wir suchen?

Lais. Mich dünkt, Euphranor bringt uns auf den rechten Weg.

Euphranor. Zum Beispiel, der junge Bacchus dort, dem der lachende Faun den rosenbekränzten Becher reicht, indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Mänas hinweiset.

Lais. Es soll eines der besten Werke des berühmten Alexis von Sicyon seyn.

Euphranor. Lassen wir diesen Bacchus für schön gelten, oder hat jemand etwas Wesentliches an ihm auszusetzen?

Speusipp. Ewige Jugend in ewig fröhlicher Wollusttrunkenheit kann unmöglich schöner dargestellt werden.

[78] Euphranor. Das möchte ich nun eben nicht behaupten; genug, wir alle geben zu, daß er nicht häßlich ist.

Alle. Unstreitig.

Euphranor. Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urtheils seyn?

Lais. Unser Gefühl vermuthlich.

Epigenes. Aber warum wir es alle fühlen, und fühlen müssen, wir mögen wollen oder nicht, das ist es wohl was Euphranor hören möchte?

Euphranor. Und worin könnte dieß liegen, als in der Gestalt des jungen Gottes, in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder, in ihren Verhältnissen gegen einander, und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit des Ganzen?

Ich und Epigenes und die übrigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der Hand. Nur Speusipp lächelte beinahe unmerklich und schwieg.

Euphranor. Aber die schlummernde Mänas zu seinen Füßen – kann man läugnen daß sie schön ist?

Learchus. Ich glaube in aller Männer Namen kühnlich sagen zu dürfen, sie ist sehr schön.

Euphranor. Und der junge Faun?

Lais. Ich wenigstens habe noch keinen schönern gesehen.

Euphranor. Also der Gott ist schön, der Faun ist schön, die Bacchantin ist schön, ungeachtet das, warum wir jedes für schön halten, die Formen und Verhältnisse der einzelnen Theile und die Symmetrie des Ganzen, an allen dreien[79] die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt. Würden wir aber zufrieden seyn, wenn der Faun für den Weingott angesehen werden könnte, oder der Weingott für einen Faun? Mit der Form des schönsten Fauns würden wir den Bacchus nicht schön genug, mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schön finden. Und wenn die Mänas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus, er seine Schultern und Hüften gegen die ihrigen umtauschte, würden nicht beide dabei verlieren, wiewohl sie Schönes um Schönes gäben?

Epigenes. Ganz gewiß. Schön wäre demnach etwas so Verhältnißmäßiges, daß es unter veränderten Umständen häßlich werden könnte; wie z.B. ein schönes Weib einen mißgestalteten Mann, ein schöner Faun einen häßlichen Bacchus abgäbe?

Euphranor. Dieß möchte doch wohl zu viel gesagt seyn. Ein Mann mit weiblichen Gliederformen wäre doch immer ein schönes Ungeheuer, und ein Bacchus mit den Formen eines schönen Fauns würde nur unedel, nicht häßlich seyn. Indessen könnte auch aus lauter schönen Theilen ein sehr widerliches Ganzes zusammengesetzt werden, ohne daß die Theile aufhörten schön zu seyn; es braucht dazu nichts weiter, als jedem eine unrechte Stelle zu geben. Der schönste Munde schief auf die Stirn, das schönste Auge an die Stelle des Mundes, und die zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt, würde aus dem Gesicht einer Lais eine lächerliche Fratze machen.

Lais. Führt uns dieß nicht unvermerkt auf den Sokratischen Begriff42 zurück, daß jedes Ding schön ist, wenn es[80] das ist, was es seiner Natur und seinem Zwecke nach, seyn soll?

Epigenes. Wenn dieß keine Ausnahmen leidet, so würde der Elephant, der Dachs und die Fledermaus eben so wohl an Schönheit Anspruch zu machen haben, als der Onager43, das Reh und der Fasan.

Lais. Warum nicht, wenn wir dem unerschöpflichen Erfindungsgeiste der göttlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen, und durch eigensinnige Vorliebe für gewisse uns vorzüglich gefällige Gestalten uns zu kleinlichen einseitigen Urtheilen verleiten lassen wollen?

Euphranor. Mit allem Respect, den ich dir und der göttlichen Bildnerin schuldig bin, verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen, daß mir die Fledermaus oder der Krokodil schön vorkomme, und ich glaube hierin die Augen aller Menschen, und die deinigen zuerst, auf meiner Seite zu haben. Auch sehe ich nicht, warum alles, was die Natur hervorbringt, gerade für unsern Schönheitssinn gebildet seyn müßte; und da es uns an Worten nicht mangelt, warum muß denn etwas, das nur dem Verstande schön ist, mit einem Worte bezeichnet werden, welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzüglich solchen Dingen zukommt, die durch Formen und Farben, harmonische Verhältnisse und Symmetrie unsre Augen, oder vielmehr den innern Sinn, dessen Werkzeug sie sind, vergnügen? Die meisten Schöpfungen der Natur haben diese Eigenschaft in höhern und mindern Graden. Ich zweifle sehr, daß ein Mensch in der Welt ist, der nicht auf den ersten Anblick die Gans schöner als die Ente,[81] den Schwan schöner als die Gans, den Pfau schöner als den Schwan finden sollte: aber vor der Fledermaus schaudert jeder, der sie erblickt, zurück.

Lais. Wiewohl die Unverschämtheit zu Athen eine Göttin ist, so verlasse ich mich doch nicht genug auf ihren Beistand, um dir hierin zu widersprechen; sie könnte mich häßlich im Stiche lassen, wenn einer dieser schönen Nachtvögel unversehens daher geschossen käme, um sich für die unverdiente Ehre zu bedanken, die ich ihm erwiesen habe.

Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen andern Ton. Die Athener erhielten ziemlich zweideutige Lobsprüche über ihre außerordentliche Gottesfurcht; und da sie eben nicht im Ruf sind, sich durch die Tugenden der Bescheidenheit und Scham unter den Griechen auszuzeichnen, so meinte Learchus, sie hätten wohl gethan, der Anädeia44 für die guten Dienste, die sie ihnen bei mehr als Einer Gelegenheit geleistet, eine Capelle zu bauen, und sich dadurch ihres Beistandes auf immer zu versichern. Der gute Speusipp, wiewohl er zu viel Urbanität besitzt, um von solchen Scherzen beleidiget zu werden, glaubte doch zuletzt, er müsse sich seiner bedrängten Vaterstadt annehmen, und bemühte sich, uns (etwas ernsthafter als nöthig war) darzuthun: daß es einem so religiösen Volke, wie die Athener von jeher gewesen, zumal in jenen Zeiten einer noch sehr großen Einfalt der Begriffe und Sitten, keineswegs zu verdenken sey, daß sie sich von einem Mystagogen45, der in einem so hohen Ruf der Heiligkeit und Weisheit in den göttlichen Dingen gestanden, wie Epimenides46, hätten bewegen lassen,[82] der Hybris47 und der Anädeia eigene Tempel zu widmen, in der Absicht diese übelthätigen Dämonen dadurch zu besänftigen und zur Schonung zu bewegen; zumal da die entgegen gesetzten guten Dämonen, Eleos und Aido48, bereits öffentliche Altäre zu Athen hatten, und jene, wenn sie vernachlässigt worden wären, eine solche Parteilichkeit sehr ungnädig hätten aufnehmen können. Die Athener (meinte er) befänden sich mit der Göttin Unverschämtheit in dem nämlichen Falle wie die Spartaner mit ihrem Gotte Furcht, welcher von Alters her sehr andächtig von ihnen verehrt worden sey, ohne daß es jemals einem Menschen eingefallen, ihre Tapferkeit deßwegen in den mindesten Zweifel zu ziehen.

Es wäre nicht artig gewesen, einem Abkömmling des weisen Solon wegen dieser Apologie seiner Mitbürger ins Gesicht zu lachen. Ich versicherte ihn also in unser aller Namen, daß wir weit entfernt seyen, diese Sache in einem andern Lichte zu sehen; und da die ganze Gesellschaft zu bedauern schien, daß wir den Gegenstand unsers Gesprächs darüber aus dem Gesichte verloren, setzte ich hinzu: ich würde für meinen unzeitigen Scherz zu hart bestraft seyn, wenn wir des Vergnügens entbehren müßten, zu hören, wie Speusipp, wenn ich recht in seinen Augen gelesen hätte, im Begriff gewesen sey, den Knoten zu entschlingen, der, meines Erachtens, bisher unter unsern Händen eher noch mehr verwickelt als aufgelöst worden. Du mußt wissen, daß dieser Speusipp, einen schwachen Anstrich von Platonischer Pedanterei abgerechnet, ein sehr feiner Jüngling ist, und (unter uns gesagt) ohne meine Schuld einen der Pfeile, welche der[83] Sohn Cytherens aus meinen Augen links und rechts, wohin es trifft, zu schießen beschuldigt wird, ziemlich tief in der Leber stecken zu haben scheint. Ich bin nicht gesonnen zu seiner Heilung den geringsten Aufwand zu machen; sollte aber das Uebel gar zu ernsthaft werden, so verlasse ich mich auf die kleine Lasthenia49, die seit einiger Zeit die Stelle der schönen Droso bei mir eingenommen, und eine so schwärmerische Liebe für die Platonische Philosophie gefaßt hat, daß Speusipp, wofern er noch einige Tage hier verweilt, nothwendig davon gerührt werden muß. – Doch wieder zur Sache!

Der junge Mann antwortete auf meine Einladung, nicht ohne bis in die Augen roth zu werden, mit aller Grazie und Zuversicht, die du einem Athener und einem Neffen Platons zutrauen wirst. Mich dünkt, fuhr er fort, wir haben uns bisher immer um einen dunkeln Begriff des Schönen, dessen Daseyn wir voraussetzen, herumgedreht, ohne ihm selbst näher gekommen zu seyn. Sinne und Einbildungskraft stellen uns nichts als einzelne Dinge dar, die wir, wenn ihre Gestalt uns gefällt, schön nennen, wiewohl uns immer eines schöner als das andere däucht. Auch die Kunst zeigt uns, sogar in ihren idealisirten Werken, nur einzelne Gestalten, einen Ringer, Wettläufer oder Faustkämpfer, einen Achilles, Ajax oder Ulysses, einen Zeus, Apollo, Mercur, Bacchus u.s.w., nie den Menschen, den Helden oder den Gott, der so schön ist, als Mensch, Held oder Gott gedacht werden kann. Daher sind die Eleer und Athener nie sicher, daß nicht ein Bildner aufstehe, der einen noch schönern Jupiter als ihren Olympischen, eine schönere Aphrodite als die des Alkamenes in den[84] Gärten darstelle. Aber wie könnten wir urtheilen, daß irgend ein einzelnes Ding schöner sey als ein anderes in seiner Art, wenn die Idee des allgemeinen Schönen nicht bereits in unsrer Seele läge, welche gleichsam der Maßstab ist, woran wir das einzelne Schöne in der Natur und Kunst messen? Diese Idee ist es was wir suchen, ohne zu wissen daß wir sie schon haben, wiewohl es uns eben darum, weil sie eine Idee ist, an Mitteln fehlt, sie auf eine andere Art sinnlich darzustellen als im Einzelnen, das ist, durch bloße Annäherungen, wobei immer die Möglichkeit eines Schönern bleibt, weil das Schönste, die Idee selbst, im Einzelnen erreichen zu wollen, eben so viel wäre als das Unendliche in einen beschränkten Raum zu fassen.

Also sprach er – und ergötzte sich, wie es schien, an dem Erstaunen, das in unser aller weit offnen Augen zu lesen war. Eine allgemeine Stille ruhte eine Weile auf der ganzen Tischgesellschaft; es war uns allen, denke ich, als ob uns etwas geoffenbaret worden wäre, und wir wunderten uns, allmählich gewahr zu werden, daß wir im Grunde nicht mehr von der Sache wußten als vorher. Epigenes war der erste, der das heilige Schweigen brach. Wir sind dem Speusippus nicht wenig Dank schuldig (sagte er mit einem Ernst, der das eben ausbrechen wollende Lachen von den Lippen deiner muthwilligen Freundin zurückschreckte), daß er uns einen Blick in die erhabensten Mysterien seines berühmten Oheims thun ließ, und uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute. Denn die Idee ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen der Natur in und außer dem Menschen. – Ich gestehe mit[85] Beschämung, sagte Euphranor, daß dieser Schlüssel mir nichts aufschließt. Ich begreife nichts von einer Idee, die ich in mir trage, ohne zu wissen weder daß ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin, also auch ohne gewiß zu seyn, daß ich sie habe. – Wundert dich dieß, Euphranor? versetzte der junge Athener lächelnd; du hast also, wie es scheint, nie wahrgenommen, wie vieles in dir ist, dessen Daseyn und Beschaffenheit dir nur durch seine Wirkungen offenbar wird? Die ungelehrtesten Menschen empfinden, erinnern sich des Empfundenen, vergleichen und unterscheiden, bilden sich Begriffe und machen Schlüsse, ohne zu wissen, wie sie dabei zu Werke gehen; und der gelehrteste weiß im Grunde nicht viel mehr davon als sie. Die Idee des Schönen erweiset sich in dir und in uns allen durch ihre Wirkungen; sie selbst ist so wenig anschaulich, als es z.B. die Kraft ist, mit welcher du urtheilst, ob du zu dem, was du malen willst, einen feinern oder gröbern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene Farbenmuschel tauchen sollest. – Es mag vielleicht seyn wie du sagst, erwiederte Euphranor: aber wessen ich sehr gewiß bin, ist, daß ich mich, wenn ich eine Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte, auf eine Idee, die ich in mir herumtrage, ohne es zu wissen, nicht verlassen dürfte. Daß ich die Verhältnisse und Formen des männlichen und weiblichen Körpers, die bei den Griechen für die schönsten gelten, studirt habe; daß ich genau weiß, wie ein Arm oder Schenkel gestaltet seyn muß, um von jedermann für schön erkannt zu werden, und wie jedes Gliedmaß nebst allen übrigen, die mit ihm in Verbindung stehen, sowohl in Ruhe als in jeder Art von[86] Bewegung und Stellung, aus jedem Gesichtspunkt betrachtet erscheinen muß; daß ich weiß, wie man den Pinsel und den Meißel handhaben muß; daß ich, wenn ich male, jedem Gegenstande seine wahre Gestalt, Farbe und Haltung, Charakter und Ausdruck, jedem Theil sein rechtes Verhältniß zu den übrigen, jedem Muskel sein gehöriges Spiel zu geben, Licht, Farben und Schatten richtig und zweckmäßig zu vertheilen, und das Ganze auf seinen gehörigen Ton zu stimmen weiß: alles das sind Dinge, deren ich mir sehr klar bewußt bin, wovon ich Rechenschaft geben kann, und ohne welche ich nichts machen könnte, das des Sehens werth wäre. Auch bin ich mir eben so klar bewußt, wie ich zu dem, was ich weiß und kann, gelangt bin: nämlich nicht durch den magischen Einfluß einer Idee, die mir selbst unsichtbar ist, sondern durch emsiges forschendes Betrachten der Natur und der Kunstwerke trefflicher Meister, öfteres Besuchen der Gymnasien und Kampfspiele, hartnäckigen Fleiß, viele Uebung, Liebe zur Kunst, und brennenden Wetteifer mit denen, die ich anfangs nur nachzuahmen suchte. Und was den Maßstab der Grade des Schönen betrifft, wozu bedürfte ich eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen, die in ihrer Art für vorzüglich schön gelten, und des feinen Gefühls des Gehörigen, Gefälligen und Genugsamen, das durch beständige Uebung des Kunstsinns an der Natur selbst erworben wird? Ich habe, wiewohl ich noch nicht dreißig Jahre zähle, das Schönste gesehen, was in den vornehmsten Städten der Griechen zu sehen ist; aber ich erinnere mich nicht, irgendwo ein Bild eines Gottes, eines Homerischen Helden, einer Göttin oder[87] Nymphe gesehen zu haben, welches (das Conventionelle abgerechnet) schöner wäre, als gewisse Personen, die ich kenne. So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten – dieser Bacchus nach einem sehr schönen Jüngling, mit welchem ich zu Sicyon öfters badete, und die schlummernde Mänas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses gebildet. – Und dieß weißt du so gewiß? fragte Speusipp. – »So gewiß, als daß nicht der berühmte Alexis von Sicyon, wie Lais im Scherz vorgab, sondern der noch unberühmte Euphranor von Korinth diese Gruppe, die du selbst mit deinem Beifall beehrtest, gearbeitet hat. Hätte ich eine mit dem Gürtel der Venus geschmückte Juno zu malen, so weiß ich sehr wohl, an welche sichtbare Göttin ich meine Gelübde richten würde.« – In der That, sagte Speusipp mit der Attischen Miene, die du als ein Vorrecht der edeln Theseiden51 kennst, es ist nicht zu läugnen, daß wir ein wenig lächerlich sind, indem wir uns an der Tafel der schönsten Frau in Griechenland die Köpfe darüber zerbrechen was schön sey; denn, welche Bewandtniß es auch mit dieser Frage haben mag, dieß ist gewiß, daß jeder, der sie sieht, seine höchste Idee der Schönheit in ihr verkörpert finden wird.

Sobald das Gespräch eine solche Wendung nahm, war es hohe Zeit, ihm ein Ende zu machen. Auf einen Wink, den ich kurz zuvor einer Aufwärterin gegeben hatte, trat in dem Augenblick, da Speusipp das letzte Wort aussprach, die schöne Lasthenia an der Spitze meiner oben erwähnten jungen Nymphen in den Saal, um die Gesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten; und bevor eine Stunde vergangen war, glaubte[88] ich zu bemerken, daß meine junge Philosophin den Platoniker (der, wie die Aphyen52, nur Feuer zu sehen braucht um zu kochen) unvermerkt immer näher an sich zog. Bei euch Männern wird die gefälligste zuletzt immer über die schönste den Sieg erhalten. Es ist ein unglücklicher Vorzug der Weiber, daß die Leidenschaft der Liebe bei ihnen von der Gegenliebe ganz unabhängig und desto hartnäckiger ist, je weniger sie Hoffnung hat erwiedert zu werden.

Ich sehe zu spät, daß ich dir ein Buch statt eines Briefes geschrieben habe. Möchtest du mich mit einem noch größern für meine Unbescheidenheit bestrafen! Sage mir doch ein paar Worte, wie dir's zu Rhodus geht, was du treibst, und ob man hoffen darf, deine ehmalige Andacht zu dem Erderschütterer Poseidon wieder einst erwachen zu sehen?

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 23, Leipzig 1839, S. 72-89.
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