33.
Aristipp an Eurybates.

[262] Du verlangst, edler Eurybates, einen ausführlichen Bericht über ein symposisches Gespräch, welches vor einigen Tagen bei der schönen Lais vorfiel, und wovon dir, wie du sagst, dein Verwandter Neokles, der dabei gegenwärtig war,[262] gerade nur so viel habe sagen können, daß er dich nach einer vollständigern Erzählung lüstern gemacht. Da du selbst einer von den Unsrigen gewesen wärest, wenn die Pflichten der Würde, die du in diesem Jahre bekleidest, dich nicht an Athen gefesselt hätten, so ist es nicht mehr als billig, deinen Wünschen entgegen zu kommen, und ich freue mich, daß mir mein Gedächtniß treu genug ist, dir, was du ohne deine Schuld versäumtest, mit sehr wenigem Verlust ersetzen zu können.

Erwarte aber (was dir Neokles auch gesagt haben mag) nichts, was mit Platons berühmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen, geschweige für ein Gegenstück zu diesem weitglänzenden Prachtwerke gelten könnte. Platons Symposion ist eine Art von Poem, wozu alle Musen beigetragen haben, und worin der Verfasser die ganze Fülle seiner Phantasie, seines Witzes und Attischen Salzes, seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst, wie aus Amaltheens128 unerschöpflichem Zauberhorn, auf seine Leser herabschüttet; ein bei nächtlicher Lampe mit größtem Fleiß ausgemeißeltes, polirtes und vollendetes Werk, womit er uns zeigen wollte, daß es nur auf ihn ankomme, ob er unter den Rednern oder Dichtern, Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste seyn wolle. Was ich hingegen dir mitzutheilen habe, ist ein zufälliges Tischgespräch unter einer kleinen Anzahl anspruchloser Freunde, denen es bloß um eine angenehme Unterhaltung, und (was in Rücksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch schlimmer ist) nicht um Witzspiele, ironische Parodien, Milesische Mährchen, und Offenbarungen aus der Geister-und Götterwelt, sondern lediglich um schlichte nackte Wahrheit[263] zu thun war. Du siehst also leicht, wie unermeßlich weit ich hinter dem begeisterten Dichter des Agathonischen Siegesmahls129 zurückbleiben müßte, wenn ich der verwegenen Anmaßung fähig wäre, mich mit ihm in einen Wettstreit einzulassen. Ich werde, im eigentlichsten Sinn, ein bloßer Erzähler dessen seyn, was an der Tafel unsrer Freundin, während eines ziemlich frugalen Mahls und bei sehr kleinen, aber freilich desto öfter geleerten Bechern, gesprochen wurde. Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe, und ersetze dir selbst, indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die schöne Wirthin legst, das Einzige, was meiner Erzählung fehlt, um sie so anmuthig zu machen, als das Gespräch selbst, dieses kleinen Umstandes wegen, dem jungen Neokles vorkommen mußte.

Es traf sich damals eben glücklicherweise, daß die Gesellschaft viel kleiner war, als sie gewöhnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu seyn pflegt. Außer ihr selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor (den du kennst), dein Neokles, mein Landsmann Antipater, und der Arzt Praxagoras, der auf seiner Rückreise von Aspendus sich eine Pflicht daraus machte, zu Aegina anzulanden, und der schönen Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten berühmten Wundercur Nachricht zu ertheilen. Lais hatte, um uns Stoff zu einem kurzweiligen Tischgespräch zu verschaffen, Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten130, den sie in Diensten hat, vorlesen lassen. Sie hätte bei keiner andern Leserei ihre Absicht weniger verfehlen können. Neokles und Euphranor eiferten ordentlich in die Wette mit ihr, wer es[264] dem andern in Lobpreisung der Schönheiten dieses Meisterstücks zuvorthun könnte; und es wurden eine Menge feiner Sachen gesagt, die ich dir nicht vorenthalten würde, wenn sie nicht, durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment, auch zugleich ihre Grazie, und mit dieser ihren größten Werth verlieren würden. Unter andern wollte Lais, daß jedes von uns auf einem kleinen Täfelchen bemerken sollte, welches von den Stücken, woraus das Ganze, gleich einer großen Tapezerei, zusammengesetzt ist, ihm in Rücksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle. Euphranor erklärte sich für die Rede des Aristophanes, in welcher er alle Züge, die den eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen, mit der feinen Schalkheit einer allenthalben durchschimmernden Ironie, so meisterlich nachgeahmt zu finden glaubte, daß Aristophanes selbst es schwerlich besser hätte machen können. Praxagoras stimmte für die Rede des Agathon, als die urbanste und launigste Verspottung der Manier des berühmten Rhetors Gorgias, welchen Agathon zum Muster genommen zu haben schien. Neokles war für den Pausanias, Lais für die Hierophantin Diotima, Antipater für den Alcibiades. Ich, um sicher zu seyn, daß ich mit keinem andern zusammenträfe, gab meine Stimme dem Eryximachus; mit der Einschränkung, daß ich seine Rede, in Ansehung des reichhaltigern und solidern Stoffes allen übrigen vorziehe, wiewohl ich gestehen müßte, daß sie der gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste von allen sey. Jedes von uns hatte dieß und das zu Behauptung seiner Meinung vorzubringen, bis wir uns endlich alle vereinigten[265] dem Antipater Recht zu geben, und den letzten Act, wo der Sohn des Klinias, mit einem lärmenden Gefolge von lockern Zechgesellen, trunken und mit Blumenkränzen und Bändern behangen in den Saal hereingestürmt kommt, und alles was darauf folgt, bei weitem für das Beste am ganzen Werke zu erklären.

Von dem Augenblick an, sagte Antipater, da Alcibiades auftritt, weht sein Genius durch den Rest des Dialogs; alles ist freie zwanglose Natur, Feuer, Jugendkraft und üppige Lebensfülle; auch halt' ich es für unmöglich, von diesem außerordentlichen Jüngling, wie er wirklich war, und (nach allem, was wir von ihm wissen) gewesen seyn muß, ein Bild aufzustellen, das mit so viel Freiheit und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet, lebhafter gefärbt, zärter schattiert und leichter gehalten wäre; wenn ich anders in Gegenwart eines Künstlers mich so kunstmäßig ausdrücken darf.

Das darfst du, versetzte Euphranor, indem er ihm traulich die Hand schüttelte; und wenn du hinzusetztest: diese Darstellung des Alcibiades verdiene der Kanon aller künftigen Dichter zu seyn, welche die Menschen, wie sie sind, schildern, und doch dem Gesetz der Schönheit, das alle Künstler bindet, nichts dabei vergeben wollen; so würde ich ohne Bedenken behaupten, daß du die Wahrheit gesagt hättest.

Lais. Indessen ist nicht zu läugnen, daß die Alcibiades und ihresgleichen durch diese künstliche und aufs feinste in einander verflößte Mischung der auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben, ja sogar mit allem was das liebenswürdigste und schätzbarste am Menschen[266] ist, und durch diese unwiderstehliche Grazie, die ihren Lastern selbst etwas Gefälliges und Liebreizendes gibt, zu den gefährlichsten aller Menschen würden. Wofern uns also jemand einwendete: wenn die Dichter durch das Gesetz der Schönheit verpflichtet wären, die lasterhaften und hassenswürdigen Personen, die sie uns darstellen, immer so zu schildern, daß es uns unmöglich wäre, ihnen nicht, mehr oder weniger, gut zu seyn – wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist so würden ihre Werke, je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst wären, desto verderblicher für die Sitten, und also, in Rücksicht auf das allgemeine Beste, desto verwerflicher werden; was könnten wir ihm antworten?

Praxagoras. Ich sollte denken, es wäre eben so möglich als der Humanität gemäß, das Laster, als das allein Hassenswürdige, von der Person, die als Mensch immer liebenswürdig ist, so zu trennen, daß die Liebe zur Tugend nichts dabei verlöre, wenn wir gleich (was ehmals der Fall des Sokrates war) sogar einen Alcibiades liebten.

Aristipp. Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug seyn; aber ich zweifle daß im wirklichen Leben die Liebe zur Person uns nicht immer geneigt machen werde, ihre Untugenden zu übersehen, oder, wenn wir sie auch gewahr werden, zu entschuldigen; bis wir nach und nach so weit kommen, sie mit ihren guten Eigenschaften zu vermengen, oder für bloße Schattirungen derselben anzusehen, und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswürdig zu finden. Wenn dieß wirklich der Fall wäre, möchte es wohl kaum möglich seyn, daß unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht[267] eben so allmählich verminderte, oder wenigstens daß die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten Person uns eben so duldsam gegen unsre eigenen machte.

Neokles. Die Liebe wäre also nicht immer, wie Plato sagt, Liebe des Schönen, wofern es möglich wäre, auch das Häßliche an der geliebten Person zu lieben?

Aristipp. So scheint es, und ich denke nicht daß Platons Ansehen hier in Betrachtung kommen kann; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne, worin er die Wörter Liebe und lieben gebraucht, daß es schwer ist, sich seiner wahren Meinung gewiß zu machen.

Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen, und sie brachte uns unvermerkt auf die Frage: was denn eigentlich der Zweck des philosophischen Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Theilen zusammengesetzten Werke gewesen seyn könne?

Der Versuch diese Frage zu beantworten, führte eine etwas genauere Zergliederung desselben herbei, die uns beinahe das einhellige Geständniß abdrang: daß diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten morgenröthlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebäude ähnlich sey.

Da wir das Symposion diesen Abend – (vermuthlich nicht zum erstenmale) gehört und also noch ganz frisch im Gedächtniß haben, sagte Praxagoras, so laßt uns, jedes sich selbst, ehrlich und offenherzig gestehen, wie viel oder wenig Wahres, eine schärfere Prüfung Bestehendes und im Leben[268] Brauchbares wir darin gefunden? Ob uns alle diese Lobreden, Hypothesen und Allegorien auf und über den vorgeblichen Gott oder Dämon Eros, die uns in diesem Gastmahl131 in so mancherlei Tonarten vordeclamirt, vorgescherzt und vorprophetisirt werden, wirklich befriedigende Aufschlüsse über die Natur, die Eigenschaften und die Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten, wohlthätigsten und verderblichsten, tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben? Ja, ob sich überall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat, welches als der Zweck des Verfassers betrachtet werden könne, darin entdecken lasse? Laßt mich in dieser Rücksicht einen Versuch machen, ob ich diesen großen reich und zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen könne, aus welchem er sich, wo nicht auf Einen Blick übersehen, doch wenigstens in der Vorstellung leichter zusammenfassen und beurtheilen lasse. – Alle nickten ihm ihre Einstimmung zu, und er begann folgendermaßen:

»Eine bei dem Dichter Agathon versammelte Gesellschaft, in welcher Sokrates (wie in allen Platonischen Dialogen) die Hauptfigur vorstellt, ist übereingekommen, eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlässigte Lücke auszufüllen, und dem Liebesgott, Mann vor Mann, nach Vermögen eine Lobrede zu halten.

Die Rede des schönen Phädrus, der den Reihen anführt, ist beim Tageslichte besehen, nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulübung, deren Tendenz noch zum Ueberfluß unsittlich ist, da sie lediglich darauf ausgeht, die Päderastie nur nicht gar zum höchsten Gute des Menschen, und die Willfährigkeit[269] des Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Götter selbst höchst verdienstlichen Sache zu machen.

Der auf Phädrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines zwiefachen Amors etwas Vernünftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein Vorgänger; aber seine Rede dreht sich größtentheils um schwankende Begriffe. Auch ihm ist die Päderastie so sehr die einzig rechtmäßige Art von Liebe, daß er es seinem gemeinen Amor (Eros Pandemos) sogar zum Vorwurf macht, daß die Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Männer liebten; und wenn er gleich – zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen, welche bei den Athenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begünstigen, und der Sitte, die es dem Geliebten zur Schande macht dem Liebhaber zu willfahren – mit gutem Fug behauptet, die Liebe sey an sich weder gut und ehrsam, noch bös' und schändlich, sondern werde jenes bloß durch eine edle, dieses durch eine schändliche Art zu lieben: so verderbt er doch alles wieder, indem er will, daß die geliebten Jünglinge zwar nur tugendhaften Liebhabern willfahren sollen, aber ihnen dafür dieses Willfahren zu einer ordentlichen Pflicht macht, und also einen an sich selbst verwerflichen Mißbrauch zu veredeln, und sogar zu einer Belohnung der Tugend oder des Verdienstes zu machen sucht.

Die hierauf folgende Rede, worin der Arzt Eryximachus die Theorie des Pausanias von dem zwiefachen Eros mit vieler Spitzfindigkeit generalisirt, und überall, sowohl in der Natur als in den Künsten, sogar in der Arzneikunst, den Kampf und Sieg des himmlischen Amors oder der Liebe der[270] Muse Urania über den gemeinen, oder die Liebe der Muse Polymnia, zur wirkenden Ursache alles Schönen und Guten macht, diese ganze Rede ist von Anfang bis zu Ende ein gezwungenes Witzspiel mit doppelsinnigen Worten und Metaphern, wodurch nichts weder klar gemacht noch bewiesen wird. Man sieht nicht, womit die arme Muse Polymnia (die er eigenmächtig mit der Aphrodite Pandemos verwechselt) es verschuldet hat, daß er sie ich weiß nicht ob zur Mutter oder zur Buhlin seines Allerweltamors herabwürdigt; und wiewohl der redselige Arzt eine Menge bunter Luftblasen zu Lob und Ehren seines Uranischen Eros platzen läßt, so trägt doch auch er kein Bedenken, die Lehre seines Vormanns von der schuldigen Willfährigkeit des Geliebten gegen einen artigen und wohlgesitteten Liebhaber zu einer moralischen Maxime zu erheben; ja die geliebten Jünglinge haben, seiner Meinung nach, ihrer Pflicht schon genug gethan, wenn sie nur die Absicht hegen, die Liebhaber durch ihre Gefälligkeit tugendhafter zu machen.

An dem possierlich läppischen und nicht sehr züchtigen Mährchen von den ursprünglichen Doppelmenschen einerlei und beiderlei Geschlechts, und ihrem Uebermuth gegen die Götter, und dem glücklichen Einfall Jupiters sie in der Mitte von einander zu spalten, mit der Bedrohung, wenn sie noch nicht gut thun wollten, sie noch einmal zu spalten, so daß sie alle nur auf Einem Beine herum hinken müßten u.s.w., an dieser Posse, sage ich, ist schwerlich etwas anders zu rühmen, als daß sie (nebst der daraus abgeleiteten witzelnden Erklärung der verschiedenen Phänomene der Liebe, in der niedrigsten[271] Bedeutung dieses Wortes) mit vieler Schicklichkeit dem Aristophanes in den Mund gelegt wird; wiewohl wir nicht die mindeste Ursache haben, dem Plato die Ehre der Erfindung abzusprechen. Jedes ernsthafte Wort, das ich über diesen symposischen Spaß verlieren wollte, wäre zu viel; als Spaß mag er indessen bei einem Trinkgelag und unter lauter Männern von Athen, d.i. (nach der Behauptung des Aristophanischen Adikos Logos133) unter lauter Euryprokten134, an seinen Ort gestellt bleiben.

Bei dem prosaischen Lobgesang, welchen der Dichter und Gastmahlgeber Agathon nunmehr dem Liebesgott zu Ehren anstimmt, kann Plato schwerlich eine andere Absicht gehabt haben, als den Sophisten Gorgias durch eine bis zur Carricatur (wiewohl von der feinern Art) getriebene Nachahmung seiner Manier lächerlich zu machen; und daß er diese Absicht wirklich hatte, läßt das ironische Lob, welches Sokrates der so zierlich gedrechselten und prächtig herausgeputzten Puppe ertheilt, nicht bezweifeln.

Dieser, nachdem er seine Bedingungen mit den übrigen Symposiasten gemacht hat, nimmt nun das Wort, und verwandelt den ganzen, mit so schwärmerischem Beifall aufgenommenen Agathonischen Päan auf einmal in Rauch und Dampf, indem er ihm beweist, daß an allen den Tugenden, die er seinem Eros, als dem schönsten, gerechtesten, tapfersten, weisesten und besten aller Götter, nachgerühmt habe, kein wahres Wort sey. Denn Eros sey weder schön, noch gut, noch tapfer, noch weise, noch ein Gott, sondern[272] ein bloßer Dämon, den seine Mutter Penia (eine von Plato erschaffene Göttin der Dürftigkeit) im Drang des Bedürfnisses von dem nektartrunknen Gott der Betriebsamkeit Poros im Göttergarten aufgelesen; der, vermöge dieser Abstammung, alle guten und schlimmen Eigenschaften seiner Erzeuger in sich vereinige, und an welchem noch das Beste sey, daß er, von einem unwiderstehlichen Trieb zum Schönen und Guten hingerissen, weder Rast noch Ruhe habe, bis er sich mit demselben vereinige, und dadurch hinwieder der Erzeuger von schönen und guten Kindern, nämlich edeln Gesinnungen, Thaten und Bestrebungen, werde. Plato scheint sehr gut gefühlt zu haben, daß es sich nicht wohl geziemt hätte, einen Mann wie Sokrates diese schönen Dinge, zu deren Kenntniß ein Sterblicher mit bloßer Hülfe seiner fünf Sinne und seiner Vernunft nicht gelangen kann, in seiner eigenen Person vorbringen zu lassen. Er machte also, mit eben dem feinen Sinn für das Schickliche, womit er die komische Hypothese von den Doppelmenschen dem Aristophanes beilegt, den Sokrates zum bloßen Erzähler einiger zwischen ihm und einer gewissen Seherin Diotima vorgefallener Gespräche über die wahre Natur der Liebe, und die Art und Weise, wie dieser Dämon die Seelen auf der Leiter des materiellen Schönen zum Wissenschaftlichen und Sittlichen, und von diesem zum bloß Intelligibeln emporführe; denn das Meiste, was er diese Diotima (als seine vorgebliche Lehrmeisterin in Erotischen Dingen) vorbringen läßt, konnte mit Wahrscheinlichkeit und Füglichkeit keiner andern Person als einer Enthusiastin, die an übernatürliche Kenntnisse der göttlichen[273] Dinge Anspruch machte, in den Mund gelegt werden. Schade nur, daß wir in dem Unterricht, den diese Mystagogin135 ihrem gelehrigen Schüler ertheilt, eben denselben Doppelsinn wieder finden, worin (wie Aristipp bereits bemerkt hat) die Wörter Eros und erân in diesem ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe und des bloßen Begehrens immer hin und her schwanken; ein Doppelsinn, wodurch alles Wahre und Praktische, was sie uns zu lehren scheint, indem wir es erfassen wollen, uns unvermerkt wieder durch die Finger schlüpft. Das allerschlimmste indessen ist, daß nachdem die Seherin, die so viel sieht was sonst niemand sehen kann, uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen über das selbstständige Urschöne berechtigt hat, – zu welchem wir von einer ganz neuen Art von idealischer Päderastie, als der untersten Stufe, durch die ganze materielle und intellektuelle Welt emporsteigen sollen, – uns gleichwohl am Ende nichts geoffenbaret wird, als daß dieses Urschöne (welches Diotima doch für den eigentlichen Gegenstand und das höchste Ziel der Liebe ausgibt) weder mehr noch weniger als das Parmenideische Eins und All, das Platonische Wirklichwirkliche, der Hermetische Cirkel, dessen Mittelpunkt überall, und dessen Umkreis nirgends ist, mit Einem Worte, das Unendliche sey; welches aber erstens, da es keine Form hat, eben so wenig das Urschöne als der Urcirkel oder das Urdreieck seyn kann; und zweitens, da es (ihrem eigenen ehrlichen Geständniß nach) weder von den Sinnen erfaßt, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande begriffen werden kann, gänzlich außer unserm Gesichtskreise[274] liegt, und also für uns eben so viel ist als ob es gar nicht wäre.«

»Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urtheil überlassen, setzte Praxagoras hinzu, was für einen Zweck der göttliche Plato mit diesem geistigen Gastmahl beabsichtigt haben könne, und ob ihm großes Unrecht geschähe, wenn man es mit einem Zaubermahl vergliche, wo die Gäste, nachdem sie ihre Kinnbacken ein paar Stunden lang weidlich spielen ließen, und von einer Menge der köstlichsten Schüsseln gesättigt zu seyn glaubten, am Ende die Entdeckung machen, daß sie nichts als Luft gegessen haben, und hungriger von der prächtigen Tafel aufstehen, als sie sich um dieselbe gelagert hatten.«

Wenn dem so ist, wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lächelnd, so hätte der Zauberer wohl verdient, daß wir eine kleine Rache an ihm nähmen. Wie wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstück des seinigen machten, und anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten, uns vereinigten, ihm der Reihe nach alles Böse nachzusagen, was sich, ohne ihm das kleinste Unrecht zu thun, von ihm sagen läßt? Was meinst du, Euphranor?

Euphranor. Es hieße, däucht mich, die Rache, anstatt an Plato, an dem armen Amor nehmen, der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir, schöne Lais, noch (wie ich hoffen will) an irgend einem von uns andern verschuldet hat.

Lais. Wie, Euphranor? Wenn nun auch wir für unsre Person uns nicht über ihn zu beklagen hätten, sollen wir so[275] selbstsüchtig seyn, ihm alles tragische Unheil und Elend zu verzeihen, das er seit dem Trojanischen Kriege, und lange vorher, da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und Gewaltthätigkeiten der Götter auszustehen hatten, im Himmel und auf Erden angerichtet hat?

Neokles. Dafür legen wir alles Gute, Schöne, Angenehme, Fröhliche, Komische und Possierliche, wovon er ebenfalls von jeher der Urheber und Anstifter war, in die andere Wagschale, so wird sie, wenn auch das Uebergewicht nicht auf dieser Seite seyn sollte, allem Unheil, das die schöne Lais so sehr zu Herzen nimmt, wenigstens das Gegengewicht halten. Und rechnest du die vielen herrlichen Tragödien für nichts, die wir noch nebenher damit gewonnen haben?

Antipater. Auch ohne dieß ist ja schon Platons Pausanias allen fernern Beschwerden und Wehklagen über die Liebe durch die glückliche Entdeckung zuvorgekommen, daß es, so wie zweierlei Aphroditen, auch zweierlei Amorn gebe. Alles Tragische und Komische, was der Liebe nachgesagt werden kann, kommt auf Rechnung des Eros Pandemos und seiner Mutter der Muse Polymnia; beide hat uns Plato selbst schon preisgegeben, und das Böse, was sich von ihnen sagen läßt, würde weder neu noch angenehm zu hören, noch von irgend einem Nutzen seyn.

Lais. Das käme auf eine Probe an, mein junger Freund. Von dir selbst mag was du sagst immerhin gelten; denn in der That scheint dir weder der himmlische noch der Allerwelts-Amor, noch irgend ein anderer wofern es ihrer noch mehrere gibt, bisher weder eine Stunde von deinem[276] Schlaf, noch eine Rose von deinen Wangen gestohlen zu haben. – Antipater erröthete, und schien ein wenig verlegen; ich mußte ihm also zu Hülfe kommen.

Aristipp. Mich däucht, schöne Lais, du hast ein Wort gesprochen, das uns über die Liebe auf einmal ins Klare und dich selbst außer aller Gefahr setzt, für undankbar gehalten zu werden, wenn du etwa Lust hättest, eine Schmachrede auf sie zu halten.

Lais. Diese Lust hat mir dein junger Landsmann schon vertrieben, Aristipp; und ich bin ihm Dank dafür schuldig. Denn meine Schmachrede würde am Ende doch schwerlich viel anders ausgefallen seyn als Agathons Lobrede; und da hättest du mir im Namen deines Sokrates eben denselben Vorwurf machen können, den er dem Agathon macht; nämlich, daß wir beide, nach Art der Sophisten und Rhetorn, gelobt und gescholten hätten, ohne uns zu bekümmern, wie viel oder wenig Wahres an unsern Declamationen sey. – Aber, welches ist das glückliche Wort, das mir unversehens entwischt ist, und, wie du sagst, so viel Licht über den vielgestaltigen Stoff unsers Gespräches verbreitet?

Aristipp. »Wenn es noch mehrere Amorn gibt,« sagtest du, und konntest damit nichts anders sagen wollen, als daß es ihrer wirklich nicht nur viele, sondern unzählige gibt, für welche man, wenn jemals die Erotik136 zu einer vollständigen Wissenschaft erwachsen sollte, eben so viele besondere Namen erfinden müßte.

Lais. Die gute Diotima käme also mit ihrem einzigen aus lauter Widersprüchen, Negationen und bloßen Tendenzen[277] zusammengesetzten Dämon-Amor übel zu kurz, – und das ist mir, die Wahrheit zu sagen, leid. Denn ich kann mich nicht erwehren, diesem Amor, der so leer wie eine zusammengeschrumpfte Blase, und so dünn wie eine verhungerte Cicade ist, wegen seiner allgemeinen Liebe zu allem Schönen, seiner beständigen Unbeständigkeit, und hauptsächlich seines unersättlichen Hungers wegen, gut zu seyn, den, nachdem er alles was auf und zwischen und in und über Erde und Himmel ist, verschlungen hat, nichts als das Unendliche selbst ersättigen kann. Es ist etwas so sublim Ungeheures in dieser Idee, daß man, in eben dem Augenblick, da man laut über sie auflachen möchte, sich ich weiß nicht wie zurückgehalten und gezwungen fühlt, Respect vor ihr zu haben.

Aristipp. Da hast du schon wieder ein herrliches Wort gesagt, schöne Lais.

Lais. Wundert dich das? Als ob es mir so selten begegnete, etwas zu sagen das ich selbst nicht recht verstehe.

Aristipp. Wenn in dem, was du sagtest, ein so tiefer Sinn liegt, als ich zu glauben versucht bin, so ist Plato auf einmal gerechtfertiget, und wir haben ihn durch die schmähliche Vermuthung, daß er keinen festen Zweck bei dem vollkommensten seiner Werke gehabt habe, großes Unrecht gethan. Alles in seinem Symposion wäre dann sehr verständig und absichtlich zusammengeordnet; die Reden des Phädrus, Pausanias, Eryximachus, Aristophanes und Agathon hätten dann, außer den bereits berührten Nebenzwecken, zur Absicht, die gemeinen Begriffe von der Liebe, die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen, in verschiedenem Lichte von[278] verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen, und die gewöhnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser Leidenschaft zu erklären; sie selbst aber dienten dem Gespräch des Sokrates und der Diotima bloß als heraushebende Schattenmassen, und der große Zweck des Symposions wäre, uns mit der Theorie einer von aller gröbern Sinnlichkeit und Leidenschaft gereinigten geistigen Liebe zu beschenken; einer Liebe, welche eben darum, weil sie bloß das vollkommenste Schöne zum Gegenstand hat, durch nichts Geringeres als das ewige, unwandelbare, unbegreifliche, unendliche Selbstständigschöne befriedigt werden kann.

Lais. Weißt du auch, daß ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns stände, für diese großmüthige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers küssen möchte? Denn ich gestehe, daß ich es schmerzlich empfunden hätte, wenn der häßliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben wäre.

Aristipp. Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln, die schöne Belohnung, die du mir in Gedanken geben wolltest, schon verdient zu haben. Denn wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Günstling abzulehnen suchte, so kann ich dir doch nicht verbergen, daß mir das Mährchen von Porus und Penia, und der Dämon-Eros, den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter einer Hecke des Göttergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll, und sein unersättlicher Heißhunger nach einem gestaltlosen Urschönen, das allenthalben und nirgend ist, ungeachtet der naiven Unbefangenheit, womit Diotima das alles vorbringt, um keinen Splitter eines[279] Strohhalms ehrwürdiger ist, als die Androgynen des muthwilligen Aristophanes. Lieber wollte ich mir noch die zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen, wiewohl mich dünkt, daß der eine, den er Pandemos zubenennt, unter dem Namen Pothos (der seine Natur viel deutlicher bezeichnet) schon bekannt genug ist, um eine neue Benamsung überflüssig zu machen. Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Pothos würde ich darein setzen: daß Pothos alles Schöne bloß des Genusses wegen begehrt, oder noch eigentlicher, daß die Schönheit einer Sache, von welcher er sich einen den Sinnen schmeichelnden Genuß verspricht, für ihn nur ein stärkerer Anreiz ist, sich in den Besitz derselben zu setzen: da hingegen Eros das Schöne oder Schöngute (was im Grund einerlei ist) ohne einen Blick auf sich selbst, bloß weil es schön ist, liebt, d.i. inniges Wohlgefallen daran hat, und daher im bloßen Anschauen desselben, ja sogar in dem bloßen Gedanken daß es ist, schon Nahrung genug findet, um ewig dabei ausdauern zu können; so wie die Götter ihre Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedürfen. Was uns Diotima von der Unersättlichkeit dieses Amors sagt, ist ein täuschendes Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des Unendlichen, wobei die gute Seherin vergessen hat, daß ein abgezogener Begriff, als eine leere Hülse, kein Gegenstand der Liebe, und das Schöne, eben darum, weil es nur durch eine bestimmte Form schön ist, nicht unendlich seyn kann. Nicht wenig trägt auch zu dieser täuschenden Vorstellung bei, daß man gewohnt ist, die Unbeständigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe[280] zu setzen, da sie doch bloß eine natürliche Folge theils der Unbeständigkeit der Dinge selbst, theils der organischen Einrichtung unsers Körpers ist; denn es ist so sehr Natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genuß des Schönen befriedigt zu werden, daß jeder einzelne schöne Gegenstand, wofern er immer derselbe bliebe, und die Seele im reinen Genuß desselben nicht von außen her gestört würde, hinlänglich wäre, sie ewig fest zu halten und völlig zu befriedigen.

Euphranor. Wenn ich als Künstler meine Meinung von der Sache sagen darf –

Lais. Das war es eben, warum ich dich in diesem Augenblick bitten wollte.

Euphranor. So sage ich, daß ich keinen Begriff davon habe, wie ein Maler oder Bildner es anfangen sollte, um den Platonischen Eros, den nichts als das selbstständige Urschöne befriedigen kann, symbolisch darzustellen: den Aristippischen hingegen getraue ich mir so gut zu malen, daß er keinen Zettel aus dem Munde nöthig haben soll, um für das, was er ist, erkannt zu werden. Ich würde ihn, fürs erste, als einen schönen, ewig jugendlichen Genius schildern: denn mit Platons Amor, der weder schön noch häßlich ist, mag ich als Maler nichts zu schaffen haben; hingegen finde ich sehr schicklich, daß der Liebhaber der Schönheit selbst schön sey. Nur würde ich ihn so darzustellen suchen, daß es dem sinnigen Anschauer sogleich bemerklich würde, er empfange seinen schönsten Glanz von dem geliebten Gegenstand, und verschönere sich selbst im Anschauen desselben. Um dieß, so weit die Schranken[281] der Kunst es verstatten, bewirken zu können, und zugleich anzudeuten, daß dieser Amor gleichsam vom bloßen Anschauen des Schönen lebe, und ohne alle Begierde sich völlig daran ersättige und darin ruhe, würde ich ihm die himmlische Venus nicht in einer mit mancherlei prächtigen und reizenden Gegenständen ausgeschmückten Gegend weder des Olympus noch der Erde, sondern in einem den ganzen Raum ausfüllenden leeren und dunkeln Gewölk erscheinen lassen; so daß alles Licht allein von der Göttin ausginge, und den in ihrem Anschauen verlornen oder vielmehr sich selig fühlenden Genius dergestalt anstrahlte und verklärte, daß seine Schönheit bloß ein Widerschein der ihrigen zu seyn schiene. Dieß ist alles (freilich wenig genug) was ich von der Idee, die jetzt vor meiner Seele schwebt, anzudeuten vermögend bin; ausgesprochen kann sie nur durch die wirkliche Darstellung werden –

Lais. Und du getrauest dich dessen, sagtest du? Ich werde dich beim Wort nehmen, Euphranor!

Euphranor. Und ich lasse mich dabei nehmen, wenn du mir dagegen dein Wort gibst, daß die schönste Sterbliche, die ich kenne, das Modell meiner Venus Urania seyn soll.

Lais. Alles was ich dir versprechen kann, ist, daß die Schuld nicht an mir liegen soll, wenn dein Bild nicht zu Stande kommt. – Und so hätten wir denn Hoffnung, durch die That bewiesen zu sehen, daß die Kunst sich mit Aristipps Amor besser behelfen könne als mit dem Platonischen. Aber was die Realität betrifft, möchten sie einander wohl wenig vorzuwerfen haben. Denn eine Liebe ohne Begierde, eine Liebe die vom bloßen Anschauen lebt, und der Gegenliebe rein entbehren[282] kann, möchte doch wohl in dieser untermondlichen Welt eben so gut ein Hirngespenst seyn, als die Liebe zu einem Urschönen, das weder in den Begriff noch in die Sinne fällt.

Praxagoras. Diesen Ausspruch, schöne Lais, erwartete ich billig von einem so hellen und richtigen Blick, wie der deinige, und unfehlbar hängt auch Aristipp nicht so fest an seinem idealischen Amor, daß er uns nicht ehrlich gestehen sollte, daß mit solchen, auf die Schneide einer mathematischen Linie getriebenen Abstractionen weiter nichts gewonnen wird, als die Gewißheit, daß es gar keine Liebe unter dem Monde gebe.

Aristipp. Der Vorwurf des Praxagoras würde mich treffen, wofern ich sagte, ich kenne einen Menschen, der ein schönes Weib, oder auch nur eine schöne Bildsäule, einen schönen Wagen mit zwei milchweißen Thracischen Pferden, oder irgend ein schönes Ding in der Welt, sein Lebenlang vor sich sehen könnte, ohne jemals von der leisesten Begierde es zu besitzen angewandelt zu werden. Gewiß gibt es schwerlich einen solchen Sterblichen. Aber darauf wird bei Unterscheidung der Liebe von der Begier keine Rücksicht genommen; denn da ist es bloß darum zu thun, jedem das Seinige zu geben, dem Eros was der Liebe, dem Pothos was der Begierde zukommt. Daß es etwas zwar nicht Unmögliches, aber gewiß sehr Seltenes unter den Sterblichen ist, jenen ohne diesen zu sehen, geb' ich nicht nur zu, sondern find' es der Natur sehr gemäß. Indessen ist doch eben so wenig zu läugnen, daß es von jeher unter Blutsverwandten, unter Freunden, ja sogar unter Liebenden in der engern Bedeutung des Worts, an Beispielen reiner uneigennütziger Liebe, selbst an[283] solchen, wo der Freund dem Freunde, der Liebende dem Geliebten die größten Opfer ohne alle Rücksicht auf eigenen Vortheil oder Lohn zu bringen willig ist, nie gefehlt hat noch künftig fehlen wird: und wer so weit gehen wollte, das innerliche Vergnügen, das von dergleichen Gesinnungen und Handlungen unzertrennlich ist, für das geheime eigennützige Triebrad derselben zu erklären, da es ihm doch ewig unmöglich wäre, sein Vorgeben nach der Schärfe zu beweisen, würde mit ungleich besserm Fug zu tadeln seyn, als Plato, wenn er die Begriffe des Schönen, Wahren, Rechten u.s.f. durch Abscheidung von allem Fremdartigen zum höchsten Grade der Feinheit zu treiben sucht.

Euphranor. Meine Kunstverwandten wußten bisher nur von Einem eigentlichen großen Amor, der Cyprischen Göttin Sohn, den sie gewöhnlich mit dem Bogen in der Hand, und einem Köcher voll starkbekielter Pfeile auf dem Rücken, bilden; aber dafür stehen uns der kleinen Amorinen, seiner jüngern Brüder, so viele zu Diensten als wir gelegentlich nöthig haben. Sollte nicht, nach diesem Beispiel und einem Wink, den uns Aristipp bereits gegeben, zufolge, zur Erklärung aller der unzähligen Abartungen, Widersprüche mit sich selbst, Verwandlungen, Thorheiten und losen Streiche, die man dem armen Amor zur Last legt, das Bequemste seyn, statt eines einzigen Eros Pandemos oder Pothos (der, um sich zu gleicher Zeit und an so vielen Orten in so mancherlei Gestalten zu zeigen, ein größerer Zauberer als der alte Proteus oder die Empuse unsrer Kinderwärterinnen seyn müßte), so viele kleine Liebesgötter anzunehmen, als es verschiedene[284] Arten und Abarten der Liebe gibt, so daß eigentlich jedermann seinen eigenen hätte, und keiner von ihnen für die Narrheiten und Ausschweifungen eines andern verantwortlich gemacht werden dürfte?

Neokles. Der Einfall scheint mir glücklich; nur möchte ich ohne Maßgabe vorschlagen, den Eros nie mit seinem Stiefbruder Pothos zu verwechseln, sondern ihm (da er doch nicht ohne Gegenliebe ausdauern kann) bloß seinen Zwillingsbruder Anteros zum Gespielen zu geben; die ganze Brut der Amorinen aber nicht für Brüder des Pothos, sondern für seine Kinder zu erklären, die er mit den Nymphen Aphrosyne137, Aselgeia und andern ihres gleichen, zum Theil auch mit der Bettlerin Penia, welche von besonders fruchtbarer Natur seyn soll, in die Welt gesetzt haben könnte.

Praxagoras. Darf ich, ohne der Freiheit und Willkürlichkeit eines symposischen Gesprächs zu nahe zu treten, meine Gedanken von dem unsrigen sagen; so dünkt mich, Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und Allegorisiren angesteckt, und so sey es auch uns ergangen wie ihm, daß nämlich aus allen den schönen Sachen, die diesen Abend über die Liebe vorgebracht worden sind, zuletzt doch kein Resultat erfolgt, und wir aus einander gehen werden, ohne die wahre Auflösung des Problems gefunden zu haben. Wie, wenn mir erlaubt würde, die Sache bei einem andern Ende anzufassen, und – da wir doch alle wissen, daß die Liebe weder ein Gott noch ein Dämon, weder Uraniens, noch Polymniens noch Peniens Sohn, sondern eine menschliche Leidenschaft und die physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer[285] aus Thier und Geist sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist – zu sehen, was es aus diesem Gesichtspunkt für eine Bewandtniß mit ihr habe? – Was von ihr auf Rechnung des sympathetischen Instincts der beiden Androgynischen Hälften zu setzen, was hingegen bloß aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am materiellen, geistigen und sittlichen Schönen zu erklären sey; und endlich, welche von den Symptomen und Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden, auf die Verantwortung andrer selbstsüchtiger Leidenschaften kommen, die sich öfters zu ihr gesellen, und (wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht) nicht nur ihre eigene Energie verstärken, sondern sogar ihre Natur dergestalt überwältigen, daß sie, aus der sanftesten, geschmeidigsten und humansten, die unbändigste und grausamste aller Leidenschaften wird. Auf diesem Wege, däucht mich –

Lais (ihm lächelnd ins Wort fallend). Würdest du uns, lieber Praxagoras, unfehlbar zu einer sehr gründlichen und vollständigen Philosophie der Liebe verhelfen; aber für ein kleines anspruchloses Symposion, wie dieses, möchte, wie du selbst siehest, eine solche Operation fast zu ernsthaft und methodisch scheinen, zumal da die Nacht schon weit vorgerückt ist. Gefällt es euch, so will ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mährchen schließen, welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst, nämlich aus dem Mund einer der mährenreichsten Ammen in Milet geschöpft habe, und woran ihr wenigstens – die Kürze sehr preiswürdig finden werdet. Mich ließ die Milesische Amme nicht so leicht davon kommen.[286]

Es war einmal ein König und eine Königin, ich weiß nicht in welchem Lande, weit von hier, die hatten eine Tochter, Psyche genannt, von so übermenschlicher Schönheit, daß Aphrodite selbst eifersüchtig auf sie ward, und, um einer so gefährlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden, ihrem Sohn befahl, ihr mit dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu schießen, von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blaßgrünen Gespenst abgezehrt würde, daß ihr die Eitelkeit, sich mit der Göttin der Schönheit vergleichen zu lassen, wohl vergehen müßte. Amor schickte sich an, seiner Mutter Befehl zu vollziehen; aber kaum hatte er einen Blick auf die schöne Psyche geworfen, die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle eingeschlummert fand, so verliebte er sich so heftig in sie, daß er von Stund an beschloß sich auf ewig mit ihr zu verbinden. Weil er aber seine Leidenschaft vor seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen mußte, bewog er seinen Freund und Spielgesellen, den Zephyr, durch vieles Bitten, sich seiner anzunehmen, und (nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzuführen) die schlafende Psyche sanft aufzuheben, und auf einem gewissen Berg in einer menschenleeren Wildniß am Ende der Welt, wo niemand sie suchen würde, eben so sanft wieder niederzulegen. Psyche, die, während dieß mit ihr vorging, immer ruhig fortgeschlummert hatte, er wacht endlich und erstaunt nicht wenig, sich, ohne zu wissen wie, an einem Ort zu finden, wo ihr alles was sie sieht, neu und fremd ist. Mitten in einem unermeßlichen Lustgarten, der schon dem ersten Anblick[287] alle Schönheiten der Natur in der reizendsten Vereinigung darstellt, erblickt sie einen herrlichen Palast, dessen offne Pforten sie einladen, hineinzugehen, wiewohl die tiefste Stille, die um und in demselben herrscht, sie vermuthen läßt, daß er ohne Bewohner sey. Amor ist ein so großer Zauberer, daß es ihn nur einen Wink gekostet hatte, diesen Palast aufzuführen, und mit allem nur Ersinnlichen zu versehen, was zur Einrichtung und Ausschmückung einer eben so bequemen als prachtvollen Wohnung gehört; und da er in eigner Person, wiewohl unsichtbar, um seine junge Geliebte schwebte, vergaß er nicht, eine Art von Zauber auf sie zu legen, der die Schüchternheit vertrieb, von welcher sie natürlicherweise befangen seyn mußte. Um ihr noch mehr Muth zu machen, rief ihr eine liebliche Stimme aus der Luft herunter zu: sey getrost, schöne Psyche, dieser Palast und alles was du siehest, ist dein; du bist hier unumschränkte Gebieterin; unsichtbare Hände werden dich bedienen, deinen leisesten Wünschen zuvorzukommen suchen, und jeden deiner Winke aufs schleunigste vollziehen. Durch einen so schmeichelnden Zuruf beherzt gemacht, ging sie in den Palast hinein, und gerieth ganz außer sich vor Erstaunen und Freude, indem sie in den prächtigen Sälen und Zimmern umher irrte, in welchen alles von Silber und Gold und kostbaren Steinen dermaßen glänzte und funkelte, daß ihr die Augen davon übergingen. Unvermerkt befand sie sich in einem runden, auf Säulen von Jaspis ruhenden und mit großen Blumengewinden behangenen Saal, wo so eben in einer mit Elfenbein ausgelegten goldnen Kufe ein warmes Bad für sie zubereitet worden war. Sogleich[288] wurde sie von schwanenweichen unsichtbaren Händen ausgekleidet, ins Bad gehoben, mit köstlichen Wassern begossen, mit Rosenöl eingerieben, abgetrocknet, wieder angekleidet und aufgeschmückt, alles mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit, daß sie von den Grazien selbst bedient zu seyn glaubte. Als sie aus dem Bade hervor ging, öffnete sich ihr ein Speisezimmer, wo ein wahres Göttermahl auf sie wartete. Sie setzte sich, und aß von den köstlich zubereiteten Speisen, die von den Unsichtbaren aufgesetzt und wieder abgetragen wurden, während die lieblichste Musik, von gleich unsichtbaren Sängerinnen und Saitenspielern aufgeführt, ihr Gemüth wechselsweise bald in eine fröhliche bald wollüstig schmachtende und unbekannte Freuden ahnende Stimmung setzte. Endlich da die Nacht hereingebrochen war, und ihre Augenlieder zu sinken begannen, wurde sie von den Unsichtbaren in ein anderes Gemach geleitet, ausgekleidet und in das weichste und prallste aller Betten gelegt, wozu jemals Schwanen ihren Flaum und Kolchische Lämmer ihre Wolle hergegeben. Sie war eben im Begriff einzuschlummern, als ein leises Getön die Furchtsame wieder aufschreckte; aber in eben demselben Augenblick verlosch die Lampe, die von der Decke herab einen dämmernden Schein über das Schlafzimmer verbreitet hatte, und bald darauf blieb ihr keine Möglichkeit zu zweifeln, daß ein unbekanntes Wesen an ihrer Seite lag, und durch die zartesten Liebkosungen ihr zugleich seine Zuneigung, wiewohl stillschweigend, zu entdecken, und um ihre Gegengunst zu bitten schien. Wir wissen ungefähr alle, wie viel Bescheidenheit und Zurückhaltung sich unter solchen Umständen dem[289] verwegensten aller Götter zutrauen läßt, und ob von der zitternden, zwischen Grauen und Erwartung wie an einem Haare schwebenden Psyche etwas anders als ein leidendes Verhalten zu erwarten war.

Als sie des folgenden Tages gegen die Mittagsstunde aus den angenehmen Träumen, die ihr Amor zur Gesellschaft zurückgelassen hatte, erwachte, fand sie sich wieder allein, in einem Labyrinth von Gedanken und Erinnerungen verloren, aus welchem sie sich nicht zu helfen wußte. Endlich stand sie auf, die Unsichtbaren stellten sich wieder ein, sie ins Bad zu führen, und alles was die sorgfältigste Bedienung der Geliebten ihres Herrn erforderte, mit ihrer gewöhnlichen Zierlichkeit und Gewandtheit zu verrichten – kurz, der Tag ging unter mancherlei abwechselnden Vergnügungen unvermerkt vorüber; die Nacht, die ihm folgte, glich in allem der vorigen; und eben so war es mit einer Reihe folgender Tage und Nächte. Die unsichtbaren Dienerinnen wußten den Unterhaltungen, die sie ihr verschafften, immer den Reiz der Neuheit zu geben; der unsichtbare Liebhaber wurde immer verliebter, und Psyche gewöhnte sich unvermerkt an das Wunderbare ihres Zustandes so gut, daß sie ihn mit keinem andern in der Welt vertauscht hätte. Und dennoch hatte sie kaum zehn Tage in diesem glücklichen Zustande zugebracht, als sie zu fühlen begann, es fehle ihr etwas, ohne welches sie nicht glücklich seyn könne. Mit jedem Tage, mit jeder Stunde wurde dieß Gefühl schmerzlicher; es verbreitete Unruhe und Unbehaglichkeit über ihr ganzes Wesen; die Unsichtbaren konnten ihr nichts mehr recht machen;[290] sie fand die artigsten kleinen Feste, die man ihr gab, geschmacklos und langweilig, und es währte nicht lange, so verriethen übel verhaltene Seufzer ihrem Gemahl selbst, sogar in den süßesten Augenblicken der Zärtlichkeit, daß ihr etwas schwer auf dem Herzen liege. Er sah sich genöthiget, sein bisheriges Schweigen zu unterbrechen, und, da er sie einsmals ungewöhnlich kalt und zurückhaltend fand, sagte er zu ihr: »Liebste Psyche, du bist mißmüthig, und fühlst dich unglücklich. Ich kenne die Ursache deiner Unzufriedenheit, denn ich lese in deiner Seele. Der Vorwitz zu wissen wer ich bin, plagt dich; aber wenn du wüßtest, in welche Verlegenheit du mich durch die unglückliche Wißbegierde setzest, und welche Schmerzen du mir, welches Elend du dir selbst dadurch bereitest, du würdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus deinem Gemüthe verbannen. Wisse also von dem Augenblick an, da du erfährst wer ich bin, hast du mich auf immer verloren, dein bisheriges Glück ist dahin, und Jammer und Leiden ohne Maß sind dein Loos, bis du dein unglückseliges Daseyn in Verzweiflung endigest. Glaube mir, liebe Psyche, und habe Mitleiden mit dir selbst; denn wenn du mein Geheimniß entdeckt hast, so steht es nicht in meiner Macht, wie groß sie auch ist, dich zu retten. Du kannst nicht zweifeln, daß ich dich liebe; ich thue alles Mögliche dich glücklich zu machen; du würdest es seyn, wenn du dir genügen ließest, mich und alles was ich für dich thue ruhig zu genießen, ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist; und vielleicht ist dir noch ein viel herrlicheres Loos in der Zukunft aufbehalten, wenn du die Probe, worauf ich[291] deine Mäßigung zu setzen genöthigt bin, weislich bestehest. Also nochmals, Geliebte, verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen, beruhige dich im Genuß meiner Liebe, und erspare mir den endlosen Schmerz, dich elend zu sehen, und dir nicht helfen zu können.« So sprach Amor mit einem leisen traurigen Vorgefühl, daß sein Zureden fruchtlos seyn würde. Die geschreckte Psyche fuhr ihm in die Arme und gelobte ihm heilig, seiner Warnung immer eingedenk zu seyn. Aber kaum sah sie sich wieder allein, so kehrte das unruhige Verlangen, sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu erkundigen, mit dreifacher Stärke in ihren Busen zurück. Sie hatte sich ihn bisher unter einer liebenswürdigen Gestalt vorgebildet; jetzt regten seine eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen, womit er sein Verbot begleitet hatte, tausend Zweifel in ihrer Seele auf, und es war ihr unmöglich den Gedanken los zu werden, daß er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein häßlicher Zauberer oder sonst ein mißgeschaffner Unhold sey, der sie durch seine Unsichtbarkeit um ihre Liebe betrüge. Kurz, die Unglückliche faßte den Entschluß, die Qualen dieser Ungewißheit nicht länger zu ertragen, sondern noch in dieser Nacht zu erfahren, wer der Unsichtbare sey, dem sie bisher die Vorrechte und die Zuneigung, die einem Gemahl gebühren, so unbesonnen zugestanden; und sie hielt sich selbst Wort. Um ihn desto sicherer zu machen, erwiederte sie in der nächsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit: aber kaum merkte sie, daß er eingeschlafen war, so stand sie von seiner Seite auf, schlich sich mit bloßen Füßen in ein Vorzimmer, wo sie wußte, daß eine brennende Lampe[292] stand, kam mit der Lampe in der Hand zurück, näherte sich dem Bette, und erblickte – den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schönheit. Mitten in ihrer Entzückung bei diesem unverhofften Anblick überfällt sie die Angst daß er erwachen möchte; ihre Hand zittert, die Lampe schwankt, ein Tropfen heißes Oel fällt auf Amors schöne Brust; er erwacht, wirft einen schmerzlich zürnenden Blick auf Psyche, und fliegt davon. Und hiermit, lieben Freunde, ist mein Mährchen zu Ende. Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an; aber was weiter folgt, gehört nicht zu meinem Zweck138, und die Lehre aus meinem Mährchen zu ziehen, überlasse ich einem jeden selbst.

Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern, und die ganze Gesellschaft stand auf, sagte ihr viel Schönes über ihr Milesisches Mährchen, und wünschte ihr gute Nacht.

Als die übrigen alle sich entfernten, blieb ich noch allein bei ihr zurück, um sie auf ihr Zimmer zu begleiten.

Wir waren kaum angelangt, so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich reizenden Miene gegen mich, und sagte in einem leise spottenden Tone: du glaubst also im Ernst, daß Liebe ohne Begierde möglich ist?

Da ich sie sogleich errieth (was ich ohne Anspruch an eine große Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will), so antwortete ich bescheiden aber zuversichtlich: allerdings, und desto gewisser, je schöner der Gegenstand ist.

Lais. Auch dann, wenn er unmittelbar vor uns steht?

Ich. Auch dann.

[293] Lais. Auch wenn Zeit und Ort und alle übrigen Umstände sich vereinigen den schlummernden Pothos zu wecken?

Ich. Allerdings.

Lais (schalkhaft lächelnd). Wir reden, denk' ich, im Ernst, Aristipp? Der arme Pothos könnte freilich auch aus Erschöpfung schlummern!

Ich. Es versteht sich, daß dieß nicht der Fall seyn darf.

Lais schwieg, und fing an eine Nadel, womit ein Theil ihres in kleine Zöpfe geflochtnen Haars zusammengesteckt war, heraus zu ziehen, die Perlenschnur um ihren Hals abzunehmen, und sich, so sorglos unbefangen als ob sie allein wäre, der Binde, die ihren Busen fesselte, zu entledigen; kehrte sich dann wieder zu mir und sagte: ich glaube wirklich, Sokrates hätte die Probe unfehlbar ausgehalten; meinst du nicht?

O Lais, Lais, rief ich in einer unfreiwilligen Bewegung aus, welch ein himmlischer Anblick würde dieser Busen einem einzigen Auserkornen seyn, wenn er die mütterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino wäre!

Grillenhafter Mensch! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab. Aber es ist Zeit zum Schlafengehen; gute Nacht, Aristipp! – und mit diesem Wort entschlüpfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Thür sanft hinter sich nach. Ob sie auch den Riegel vorschob, weiß ich nicht; denn gleich darauf hörte ich etliche von ihren Mädchen, die zu ihr hereinkamen, und begab mich weg; unzufrieden mit mir selbst, daß es mir gleichwohl einige Anstrengung[294] kostete, mich von dieser allzu liebenswürdigen Sirene zu entfernen.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 23, Leipzig 1839, S. 262-295.
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