49.
Lais an Aristipp.

[351] Wenn du nicht gar zu sehr über mich lachen wolltest, Aristipp, so hätte ich große Lust dir einen Traum zu erzählen, den ich diesen Morgen geträumt habe.

Du erinnerst dich vielleicht noch der geflügelten Köpfe, von denen einst bei Gelegenheit des Platonischen Phädons zwischen uns die Rede war. Hättest du dir wohl einfallen lassen, daß diese Köpfe nach so vielen Jahren noch in dem meinigen zu spuken anfangen würden? Gleichwohl ist es geschehen, und (was ich wohl zu bemerken bitte) ohne daß ich mir irgend einer Veranlassung zu einer so seltsamen Träumerei bewußt bin. Die Sache ist so sonderbar, daß ich mich nicht erwehren kann ein wenig lächerlich in deinen Augen zu erscheinen, da du doch natürlicherweise denken mußt, ich würde dir meinen Traum nicht erzählen, wenn ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte, die ein Traum, wie außerordentlich er auch seyn mag, bei keiner verständigen Person haben sollte. Sey es darum! – Hier ist der meinige mit allen seinen Umständen,[351] deren ich mich so lebhaft erinnere, als ob mir alles bei offnen Augen begegnet wäre.

Ich befand mich in einem von den anmuthigen, mit unzähligen schönen Bäumen besetzten Lustgärten, die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen pflegt. Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefühlt; mich däuchte als ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wölkchen daher schwimme. Und so war es auch beinahe; denn wie ich mich genauer betrachtete, zeigte sich's, daß ich ein bloßer Kopf mit zwei prächtigen Goldfasanen-Flügeln war. Ohne mich diese Verwandlung im geringsten befremden zu lassen, flog ich, so frei und unbefangen, als hätte ich nie eine andere Art zu seyn gekannt, in dem reizenden Paradiese umher, und setzte mich endlich auf einen Granatbaum, um mich an den Farben und Wohlgerüchen einer unendlichen Menge der schönsten Blumen zu ergötzen, die dem Boden unter meinen Blicken zu entsprießen schienen. Plötzlich sah ich mich von mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flügelköpfen umringt, die von allen Seiten auf mich zugeflogen kamen, und über meinen Anblick ganz entzückt zu seyn schienen. Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich her, so groß und schimmernd wie ein Regenbogen, wenn die Sonne schon tief in Westen steht. Einige kamen näher herbei, redeten mich an und thaten ihr Möglichstes, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und meiner Eigenliebe zu schmeicheln. Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Köpfe, ihre Redseligkeit, das Feuer, womit jeder sich durch das, worauf er sich am meisten einbildete, bei mir geltend zu machen suchte, kurz alle die[352] lächerlichen Gestalten, in welchen ihre Eitelkeit und Selbstgefälligkeit sich mir zum Besten gab, belustigten mich eine ziemliche Weile; zumal da immer neue Köpfe aus dem Kreise herbeiflatterten, und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu verdrängen suchten. Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen; nur nach dir sah ich mich vergebens um. Des schalen Spiels mit so vielen leeren Köpfen endlich überdrüssig, machte ich mich von ihnen los, durchstöberte, dich aufsuchend, alle Gänge und Lauben des Lusthains, und glaubte endlich deinen Kopf aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen; wie ich aber hinzuflog, war es Arasambes, der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien, und mir über die Gefälligkeit, womit ich seine Nebenbuhler anhöre, die bittersten Vorwürfe machte. Unwillig wandt' ich mich von ihm weg, und sah mich auf einmal in meine Gärten zu Aegina versetzt, in einen deiner ehmaligen Lieblingsplätze, wo die Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs'nen Felsen den kleinen Silberbach aus ihrer Urne gießt, der sich durch das benachbarte Myrtenwäldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlängelt. Hier werd' ich ihn unfehlbar finden, dacht' ich, und wie ich mich umsehe, erblick' ich – den kleinen Gott der Liebe, schlummernd auf die Moosbank hingegossen, über welche (wenn du dich noch erinnerst) der hohe Busch mit den glühenden Essigrosen herabnickt. Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm. Ein nie gefühlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen; ich kannte mich selbst nicht mehr; es war mir als ob eine unsichtbare[353] Hand alle Bilder der Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange. Meine Augen unverwandt auf den schönen Schläfer geheftet, flog ich leise und schüchtern näher hinzu, um den süßen Athem seiner Purpurlippen einzusaugen, in Gefühlen zerschmelzend, die mir zu neu waren, als daß ich sie dir beschreiben könnte. Möcht' er doch, dacht' ich, wie Endymion auf der Stirn des Latmos,148 nie erwachen, damit ich ihn ewig ungestört anschauen könnte; aber indem ich es dachte, wacht' er auf. Ich fuhr zurück, aber mich zu entfernen war mir unmöglich. Unbeweglich blieb ich, wie eine in Elektron eingeschloss'ne Mücke, ihm gegen über in der Luft hangen. »Welch ein schöner Vogel! – rief er, mit einem schalkhaft lächelnden Blick einen Pfeil auf seinen Bogen legend – der soll mir nicht entgehen!« Indem er nach mir zielte, gab mir die Angst plötzlich die Bewegung wieder. Ich sank zu seinen Füßen und flehte ihm so rührend meiner zu schonen, daß er den Bogen von sich warf, und mich mit Blicken voll Zärtlichkeit betrachtete. Außer mir vor Entzücken flatterte ich mit ausgebreiteten Flügeln an seinem schönen Busen hinauf. Plötzlich verwandelte er sich in einen wunderschönen Jüngling, und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen, womit er mich überhäufte, meine vorige Gestalt wieder zu erhalten. Aber der Grausame trieb nur sein Spiel mit mir. Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn geschlungenen Armen, setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen Schooß, und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen Flügeln zu ziehen. Ich ließ es geschehen, weil ich sah, daß es ihm Vergnügen machte; denn[354] was hätte ich nicht für ihn gethan und gelitten? Aber sobald er die letzte ausgerupft hatte, spannte der Schalk seine Flügel aus, und flog lachend mit seiner Beute davon. Von unaussprechlichem Schmerz erdrückt, wollt' ich ihm nacheilen, aber fort waren meine Schwingen, ich sank zu Boden, und – erwachte, mit schrecklichem Herzklopfen, an dem ängstlichen Schrei womit ich dem Fliehenden nachgerufen hatte.

Was sagst du zu diesem Traum, Aristipp? Ist er nicht seltsam? Und wie komme ich zu einem solchen Traume? Bin ich abergläubig, wenn ich ihn für etwas mehr als ein bloßes Spiel der Phantasie halte? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem guten Genius? Wenn das, was der Flügelkopf, der mir in diesem Traume mein Ich gestohlen hat, für den Sohn Cytherens fühlte, Liebe ist, so hab' ich nie geliebt; und wahrlich, nachdem ich mich meiner selbst wieder bemächtigt habe, wünsch' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren.

Aber bin ich nicht eine Thörin, daß ich mich von einem Traum beunruhigen lasse? – Seitdem wir uns zum erstenmale zu Korinth sahen, sind bereits über zwanzig Jahre verflossen – ich habe während dieser Zeit die auserlesensten Jünglinge und Männer Griechenlands gekannt, habe mit dir, habe mit dem schönen Arasambes gelebt, und mich immer von dieser heillosen Leidenschaft frei erhalten; und sollte noch einen Zweifel in mich selbst setzen? Sollte mich fähig wähnen, dem Alter der Weisheit so nahe, noch zum gemeinen Weibe herabzusinken? – Nein, Aristipp! Ich kann und will nicht glauben, was uns die Dichter überreden wollen, daß eine Phädra, eine Smyrna149, eine Helena150, im Zorn der Göttin, wider ihren[355] Willen mit einer unwiderstehlichen Leidenschaft gestraft worden sey! – Aber freilich, wenn so weise Männer wie Sokrates und Xenophon auf die Seite der Dichter treten, und von der Liebe als einer Leidenschaft reden, über welche die Vernunft keine Gewalt hat, und von welcher man eben so unversehens wie von einem Fieber überfallen werden kann, das könnte doch wohl einen Weiberkopf, der nie auf große Weisheit Anspruch gemacht hat, ein wenig aus der Fassung bringen? Ich weiß nicht, ob dir Xenophons Cyropädie bereits zu Gesichte gekommen, da es noch nicht lange ist, daß Abschriften davon bei den Bibliopolen zu haben sind. Auf alle Fälle schicke ich dir hier ein Exemplar, das ich von dem besten Schönschreiber in Korinth für dich habe abschreiben lassen; denn ich kann das Vergnügen, so mir dieses in seiner Art einzige Dichterwerk gemacht hat, nicht bald genug mit dir theilen. Unglücklicherweise wirst du einen gewissen Araspes151 darin finden, der über die Macht der Liebe eben so profane Gedanken hegte wie wir, aber seinen Uebermuth durch eine schreckliche Erfahrung büßen mußte. Ich gestehe dir, nicht ohne Schamröthe, daß mir beim Lesen dieser Geschichte das Herz ein wenig pochte, und bald darauf kam mir der verhaßte Traum!

Ich bitte dich, Freund Aristipp, beruhige mich wenn du kannst; oder ist dir irgend ein Moly gegen den Zauber der Liebe bekannt, auf dessen Tugend man sich verlassen kann, so sage mir wo es zu finden ist, und ich gehe selbst es zu suchen, wenn ich es auch aus dem Schnee des Kaukasus hervorscharren müßte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 23, Leipzig 1839, S. 351-356.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Aristipp Und Einige Seiner Zeitgenossen (3)
Sammtliche Werke (34 ); Aristipp Und Einige Seiner Zeitgenossen Bd. 2
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Werke in zwölf Bänden: Band 4: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Werke in zwölf Bänden: Band 4: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Die Narrenburg

Die Narrenburg

Der junge Naturforscher Heinrich stößt beim Sammeln von Steinen und Pflanzen auf eine verlassene Burg, die in der Gegend als Narrenburg bekannt ist, weil das zuletzt dort ansässige Geschlecht derer von Scharnast sich im Zank getrennt und die Burg aufgegeben hat. Heinrich verliebt sich in Anna, die Tochter seines Wirtes und findet Gefallen an der Gegend.

82 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon