Siebentes Capitel
Eine kleine Abschweifung nach Lirias, wobei der Autor eine nicht unfeine Kenntnis des weiblichen Herzens sehen läßt

[181] Don Sylvio bejammerte allemal den Verlust des armen kleinen Pimpimps, so oft es darum zu tun war, welchen Weg sie gehen sollten. Allein, da es nun nicht anders sein konnte, so begnügten sie sich auf demjenigen fortzuwandeln, der sie hieher gebracht hatte.

Es begegnete ihnen einige Stunden lang so wenig merkwürdiges, daß wir, um den Leser nicht immer mit Erzählung ihrer Gespräche zu ermüden, indessen einen kleinen Absprung nach Lirias machen wollen, wo die Liebenswürdige Donna Felicia mit ihrer würdigen Vertrauten sehr erstaunt waren, von ihrem Bruder keine andre Nachricht zu erfahren, als daß er mit Don Gabriel ausgeritten sei, ohne jemand anders als seinen Kammerdiener mitzunehmen. Sein Außenbleiben setzte sie in die größte Unruhe, und die kluge Laura wußte sich endlich nicht anders zu helfen, als daß sie sich bemühte, die Aufmerksamkeit ihrer Dame auf einen andern Gegenstand zu lenken.

Sie brachten also beinahe die ganze Nacht mit Gesprächen von Don Sylvio zu, in denen die angehende Liebe, die er so gar im Schlafe glücklich genug gewesen war, der reizenden Felicia einzuflößen, sich nach und nach so lebhaft offenbarte, daß es sehr geziert heraus gekommen wäre, wenn sie ihrer Laura ein Geheimnis daraus hätte machen wollen; zumal da dieses Mädchen seines Verstands und guten Herzens wegen, des Vertrauens nicht unwürdig war, wodurch seine Gebieterin es beinahe zum Rang einer Freundin zu erheben schien.

Daß dieser unbekannte Schläfer der schönste unter allen Sterblichen sei, das hatten ihnen ihre Augen gesagt, und sie breiteten sich mit desto größrer Gefälligkeit über diesen Punct aus, da sie noch keine Gelegenheit gehabt hatten, andre Verdienste an ihm kennen zu lernen. Aber wer er sei, und ob sein Stand und seine moralischen Eigenschaften mit einer so einnehmenden Außen-Seite übereinstimme, das war eine Frage,[181] gegen deren Bejahung Donna Felicia tausend Zweifel zu erregen wußte, um das Vergnügen zu haben, sie von Lauren beantwortet zu sehen. Nachdem sie nun alles, was nur möglich war, dafür und dawider gesagt hatten, so wurde man endlich einig, daß es im äußersten Grad unwahrscheinlich sei, daß ein Jüngling, dessen Gestalt die Natur mit allem Fleiß dazu gemacht zu haben scheine, um eine vortreffliche Seele anzukünden, nicht der edelste, der tugendhafteste, der tapferste, der angenehmste, mit einem Wort, der liebenswürdigste unter allen, die jemals von Weibern geboren worden sein sollte. Selbst das Zeugnis des Pedrillo, so ungeneigt man war ihm in denjenigen Puncten, die seinem Herrn nicht so sehr zum Vorteil gereichten, einigen Glauben beizumessen, wurde in Absicht des Lobes, so er seinem moralischen Character erteilt hatte, für desto vollgültiger angesehen, je weniger Bediente sonst gewohnt sind, ihren Herrschaften in diesem Stück bei fremden Personen zu schmeicheln.

Allein was sollte man aus dem bezauberten Sommervogel der Princessin, den Feen und dem Zwerge machen, welche Pedrillo in seine Geschichte eingeflochten hatte? Was sollte man von der Ernsthaftigkeit, dem aufrichtigen Gesicht und dem zuverlässigen Ton denken, womit dieser Bursche, der die Mine gar nicht hatte, als ob er seinen Zuhörerinnen etwas hätte weis machen wollen, sie versichert hatte, daß sein Herr in eine bezauberte Princessin verliebt sei, die er mit Hülfe einer großen Fee zu erlösen im Sinn habe?

Über diesen Punct war Donna Felicia nicht so leicht zu befriedigen, und es währete lange, bis die sinnreiche Laura sie endlich überredete, daß man es eben damit so machen müsse, wie vernünftige Muselmänner mit gewissen unglaublichen oder kindischen Erzählungen des Alcorans; man müsse sie für eine Art von Allegorie ansehen, worunter, so bald man den Schlüssel dazu hätte, vermutlich nichts anders als ein ganz natürliches und alltägliches Liebes-Histörchen, verborgen liegen werde. Diese Erklärung, so wohl ausgesonnen sie schien, war dennoch nicht völlig nach dem Geschmack der Donna Felicia und Laura hatte Gelegenheit für sich selbst die Anmerkung zu machen, daß die gute junge Dame ihren Geliebten lieber mit einem[182] noch unversehrten Herzen ein wenig närrisch, als bei vollkommenem Verstand in eine andre verliebt gesehen hätte.

Man endigte also damit, daß Laura sich bemühen sollte, so bald als möglich nähere Erkundigungen von Don Sylvio von Rosalva einzuziehen. Zu gutem Glück ersparte ihr der Zufall diese Mühe, indem es sich von ungefähr fügte, daß der nämliche Barbier, dessen wir bereits mehrmal Erwähnung getan, und der in der ganzen Gegend für einen desto bessern Wundarzt gehalten wurde, weil er auf viele Meilen umher der einzige war, gleich den folgenden Morgen nach Lirias kam, um einen Bedienten zu besuchen, der schon etliche Wochen an einem Beinbruch gelegen war.

Laura kam eben in das Zimmer, wo er war, als er, mit der Waschhaftigkeit, die seiner Profession seit undenklichen Zeiten eigen gewesen ist, von der Entweichung des Don Sylvio als einer Neuigkeit erzählte, wovon bereits in der ganzen Gegend von Rosalva gesprochen werde. Sie hatte also keine Mühe von diesem glaubwürdigen Mann so viel Nachrichten über unsern Helden einzuziehen, als sie nur wünschen konnte. Sie erfuhr von ihm den Charakter der Tante, die Erziehung und Lebensart des jungen Ritters, die Absichten der Donna Mencia, ihn mit den hundert tausend Ducaten der mißgeschaffnen Mergelina Sanchez zu vermählen, und welchergestalt er mit seinem Diener Pedrillo, vermutlich um eine so unanständige Heurat auszuweichen, heimlich davon gegangen sei, ohne daß man wisse, wohin. Was seine persönliche Eigenschaften betraf, so versicherte der Herr Barbier, daß derjenige noch geboren werden müsse, der es ihm an Schönheit, Wissenschaft und Tugend zuvor tun sollte, und er setzte hinzu: er hoffe alles gesagt zu haben, wenn er die Herren und Damen versichere, daß Don Sylvio unter seiner Anführung binnen zween Monaten so wundertätige Progressen im Citherschlagen gemacht habe, daß er selbst sich nicht schäme, ihn als seinen Meister darin zu erkennen. Von einem Liebeshandel, worin Don Sylvio jemals verwickelt gewesen sein sollte, wollte der Barbier nicht das geringste wissen; hingegen verschwieg er nicht, daß er in der Tat etwas sonderbares und romanhaftes an sich habe, so ihm jedoch nicht übel lasse, und daß er aus einem gewissen Gespräch, das sie vor etlichen[183] Wochen mit einander geführt, so viel ersehen hätte, daß Don Sylvio einen außerordentlichen Geschmack an den Feen-Märchen finde, und sich in den Kopf gesetzt habe, daß es lauter wahrhafte Geschichten seien, daß es würklich Feen gehe, und daß es gar nichts seltsames sein würde, wenn ihm selbst dergleichen Dinge begegneten.

Diese Nachrichten enthielten bei nahe alles, was Donna Felicia zu ihrer Beruhigung nötig hatte. Allein ob gleich der romanhafte Schwung seiner Einbildungskraft etwas desto angenehmeres für sie hatte, weil er mit ihrer eigenen Sinnesart sympathisierte; So war sie doch auf der andern Seite nicht sehr vergnügt, daß er die Liebe zur Feerei bis zu einem Grad der Schwärmerei trieb, der ihn zu einer Art von Narren machte. Vielleicht, dachte sie, ist er in eine idealische Princessin verliebt, die er nie gesehen hat, und damit seine Liebe ein desto feenmäßigers Ansehen bekomme, hat er sich selbst beredet, daß sie von einer Fee, die sich seines Nebenbuhlers annimmt, in einen Sommervogel verwandelt worden sei. Diese Einbildung deuchte sie närrisch genung; aber wenn Don Sylvio lächerlich war, in eine bloße Idee verliebt zu sein, war es Donna Felicia weniger, da sie über diese arme Idee eifersüchtig war? In der Tat merkte sie es selbst; denn so vertraut sie sonst mit ihrer Laura zu sein pflegte; so konnte sie ihr doch diese Schwachheit nicht ohne Erröten gestehen. Die Unterredung, die sie darüber mit einander hatten, leitete sie nach und nach auf allerlei Projecte, wie man es anfangen könnte, um bekannter mit Don Sylvio zu werden; aber das schlimmste war, daß sich bei jedem irgend eine Schwierigkeit fand, die man allemal erst entdeckte, wenn man sich lange genug über die Ausführung desselben gefreuet hatte. Es blieb ihnen also zuletzt nichts anders übrig, als die Hoffnung, daß der Zufall, dem man in allen menschlichen Angelegenheiten vieles überlassen muß, vielleicht in kurzem mehr zu Begünstigung ihrer Absichten tun könne, als die ausgesonnensten Entwürfe.[184]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 181-185.
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