Dritter Abschnitt.

[121] Peregrin.


Die Sonne war nicht lange untergegangen, als ich mich nach den gewöhnlichen Vorbereitungen auf den Weg zum Tempel machte. Aber, wie groß meine Ungeduld nach diesem Augenblick gewesen war, so befiel mich doch, da ich unter den Säulengang trat und im Begriff war den Schlüssel in die Pforte zu stecken, ein so wunderbares Schaudern, daß ich wieder umkehren, und den langen Gang von Pomeranzenbäumen zwei- oder dreimal hin und her gehen mußte, bis ich Muth genug gefaßt hatte, die Pforte aufzuschließen.

Ich fand das Innerste des Tempels nur schwach beleuchtet, ohne zu sehen wo das Licht herkam; der Amor mit der Fackel fehlte, und die tiefe bogenförmige Blende, wo das Bild der Göttin zu stehen pflegte, war mit einem purpurnen Vorhang bedeckt.

Mit hochschlagendem Herzen stand ich in ehrfurchtsvoller Entfernung, die Augen auf den Vorhang geheftet, als er von zwei eben so schnell erscheinenden als verschwindenden Liebesgöttern plötzlich aufgezogen wurde, und die Göttin in ihrer gewöhnlichen Stellung meinen entzückten Augen zeigte.[122] Der einzige Unterschied war, daß sie nicht auf ihrem Fußgestelle, sondern auf einer kleinen, mit einem purpurnen Teppich belegten Erhöhung stand, zu welcher man auf zwei niedrigen Stufen emporstieg.

Während ich dieses Ideal der höchsten Schönheit mit einer Liebe und einem Verlangen, als ob ich es mit meinen Augen einsaugen wollte, betrachtete, schien mir's, die Statue belebe sich unvermerkt unter meinen Blicken; ihre Augen funkelten von einem überirdischen Lichte, ihr Busen schien sich zu heben, und eine liebliche Röthe alle Lilien ihrer nach dem schönsten Ebenmaße gebauten Glieder in Rosen zu verwandeln.

Du wirst mir gern glauben, daß mein Gefühl bei dieser Erscheinung – mochte sie nun Täuschung oder Wahrheit seyn – alle Beschreibung zu Schanden machen würde. Von einem unwiderstehlichen Zug überwältigt wagte ich es endlich, mich ihr mit zögernden Schritten zu nähern; ein unbeschreiblich süßer Blick schien mich dazu einzuladen, und in eben dem Augenblicke, da ich meinen unfreiwillig sich öffnenden Armen nicht länger gebieten konnte, breiteten sich die ihrigen gegen mich aus. Ich flog ihr entgegen, schlang jeden glühenden Arm um ihren Leib, fühlte ihren elastischen Busen den meinigen umwallen; dieses göttliche Feuer, das die ganze Natur beseelt, blitzte und strömte aus ihr mit einer Wollust, die ich nicht ertragen konnte, in mein ganzes Wesen über, alle meine Sinne taumelten, alle Bande meines Körpers lös'ten sich auf, meine Augen erloschen, und ich verlor alles Gefühl meiner selbst.


[123] Lucian.


Eine seltsame Geschichte! – und im Grunde doch die gemeinste von der Welt. Alles kommt bei diesen Dingen auf die vorhergehenden und begleitenden Umstände, und vornehmlich auf die Beschaffenheit und Stimmung des Subjects an. – Indessen muß ich gestehen, Peregrin, du warst ein glücklicher Erdensohn; und wäre deine Verbrennung zu Harpine die einzige Bedingung gewesen, unter welcher das Schicksal dir erlaubt hätte solche Erfahrungen zu machen, du hättest sie wahrlich nicht zu theuer bezahlt! Wenn die Sterblichen eines Genusses fähig sind, der ihnen das Glück sich zu vergöttern gibt, so ist es das, was du in diesen Augenblicken erfuhrst.


Peregrin.


Die Vergötterung, lieber Lucian, erfolgte erst, als sich der Todte, ohne zu wissen wie ihm geschah, auf einem zugleich äußerst weichen und elastischen Ruhebette – in den Armen der Göttin wiederfand. Aber über diese Mysterien versiegelt (mit der Hohenpriesterin Dioklea zu reden) das heilige Schweigen meine Lippen. Alles was ich dir schuldig zu seyn glaube, ist, dich nicht länger in der Ungewißheit zu lassen, wer diese irdische Venus Urania war, die den unbedeutenden Sohn eines Bürgers von Parium, mit einem solchen Aufwand von wunderbaren Anstalten und theurgischen Vorbereitungen, zu ihrem Adonis zu machen würdigte.

Ohne Zweifel mußt du schon selbst gefunden haben, daß dein Verdacht irre ging, da er auf die ehrwürdige Tochter des Apollonius fiel. Wäre die Priesterin und die Göttin nur eine und eben dieselbe Person gewesen, so müßte ich den Betrug[124] schon bei der ersten Theophanie, da sie mir mit ihren Grazien in der Wolke erschien, und noch deutlicher in dem Augenblicke, da ihre Bildsäule sich so unverhofft für mich belebte, nothwendig entdeckt haben, und sie hätte sich also dieser Mittel zu meiner Bezauberung nicht bedienen können. Denn, wiewohl Dioklea, den Mangel der Jugend abgerechnet, eine sehr schöne Frau genannt werden konnte, so sah sie doch der Bildsäule nicht gleich; hingegen war die Aehnlichkeit des Bildes mit der Göttin, die ich in den Wolken sah und in der Blende des Tempels umarmte, durchaus in allen Theilen, Formen und Zügen so vollkommen, daß das Leben allein den Unterschied zwischen dem einen und der andern machte.

Wisse also, Freund, daß der heilige Hain, die Felsenwohnung der Dioklea, die Gärten um sie her, und der Tempel der Venus Urania – einen Theil eines großen Landgutes ausmachten, welches, nebst vielen ansehnlichen Ländereien in Ionien, Karien, Lycien und auf der Insel Rhodus, das Eigenthum einer edlen Römerin war, die hier, im Mittelpunkt ihrer Besitzungen und in der vollkommensten Unabhängigkeit, den Rest ihrer Jugend, und die Reichthümer, die ihr ein betagter Gemahl hinterlassen hatte, nach einem eigenen, romantischen, aber (wie du gestehen wirst) nicht übel ausgedachten Plane zu genießen beschlossen hatte. Sie nannte sich Mamilia Quintilla, und würde in den Zeiten eines Caligula, Claudius oder Nero durch ihre außerordentliche Schönheit sich eben so leicht zu dem Range der Poppeen57 und Messalinen erhoben haben, als es ihr unter der Regierung Hadrians gelang, sich – mit Aufopferung ihrer ersten Blüthe an einen[125] alten Römischen Ritter, der durch Handelschaft, Glück und Pachtung der Staatseinkünfte ganzer Provinzen in Asien ein unermeßliches Vermögen zusammengebracht hatte – in wenig Jahren zur Erbin desselben zu machen.

Wenn die Dame Mamilia Quintilla den besagten Kaiserinnen, außer der Schönheit, noch in einer andern Eigenschaft, die ihren Ruhm bei der Nachwelt mehr als zweideutig gemacht hat, ähnlich war, so ist wenigstens nicht zu läugnen, daß sie einen so sinnreichen Geschmack in der Art, wie sie ihre Lieblingsleidenschaft befriedigte, und so viel Feinheit in der Wahl der Personen, welche sie dazu vonnöthen hatte, zeigte, daß es nicht gerecht wäre, sie mit jenen übel berüchtigten Augusten, oder andern Römerinnen ihrer zahlreichen Classe, in eben dieselbe Linie zu stellen. Ihre Phantasie hatte, wie die meinige, in früher Jugend einen gewissen dichterischen Schwung bekommen: und da sie vermuthlich von den Tischfreunden ihres alten Tithons oft genug mit der Göttin von Cythere verglichen worden war; so mochte ihr, als sie sich mit zwanzig Jahren, in der Fülle des Lebens und der Schönheit frei, und im Stande sah jeder ihrer Neigungen und Launen ein Genüge zu thun, der Gedanke leicht genug gekommen seyn, sich einiger Vorrechte dieser Göttin anzumaßen, und die Freuden, welche sie zu empfangen und zu geben gleich geschickt und geneigt war, einer gewissen idealischen Vollkommenheit so nahe zu bringen, als es einer Sterblichen nur immer möglich seyn könnte.

In dieser Absicht hatte sie ihre Villa zu einem wahren Zauberpalast, und den weitläuftigen Bezirk, der zu derselben gehörte, zu lauter Idalischen Hainen58 und zu einem zweiten[126] Daphne59 umgeschaffen. Die prächtigen Gebäude, woraus die Villa bestand, waren mit einer zahllosen Menge wunderschöner Knaben zwischen acht und zwölf, und reizender Mädchen zwischen zwölf und sechzehn Jahren angefüllt, die sie aus allen Provinzen des Römischen Reichs mit der eigensinnigsten Auswahl hatte zusammen kaufen lassen. Kein Fürst konnte sich rühmen, schönere Stimmen und Instrumente, vollkommnere Tänzerinnen, bessere Köche, und geschicktere Künstler von allen Gattungen die dem Vergnügen und dem Luxus dienen, in seinen Diensten zu haben, als die schöne Mamilia; und sie hatte sich der letztern so gut zu bedienen gewußt, daß ihr Palast und ihre Gärten eben so vielen künstlichen Scenen glichen, wo alles zu jedem Schauspiel, jeder Theaterveränderung, die zu ihrer Absicht nöthig seyn konnten, aufs sinnreichste eingerichtet und vorbereitet war. Und wie es von Zeit zu Zeit solche Günstlinge der Glücksgöttin gibt, zu deren Vortheil alle Zufälle sich miteinander verabredet zu haben scheinen, so mußte es sich fügen, daß auch diese Römerin, deren Einbildung auf einen so romantischen Lebensgenuß gestimmt war, die einzige Griechin antraf, die ganz dazu gemacht war, ihr zu Ausführung ihrer feinsten und sonderbarsten Ideen behülflich zu seyn.

Doch, ich will mir nicht länger selbst durch eine nähere Erklärung zuvor eilen, die noch zeitig genug an ihrem rechten Orte kommen wird. In den Augenblicken, wo die Erzählung meiner Abenteuer stehen geblieben ist, war ich noch unendlich weit von dem leisesten Argwohn entfernt, daß ich in allem dem Außerordentlichen, was mir seit einigen Tagen begegnete,[127] nur das Spielzeug einer phantastisch-wollüstigen jungen Römerin und einer – alternden Griechischen Schauspielerin seyn könnte. Freilich würde jeder andere, der nicht so ganz unerfahren in den Angelegenheiten der Göttin von Cythere gewesen wäre als ich, durch eine solche Entwicklung des Lustspiels auf einmal ins Klare gekommen seyn: aber bei mir stieg gerade durch das, was jedem andern die Augen geöffnet hätte, die Täuschung auf den höchsten Grad. So glücklich, als ich in den Armen der schönen Mamilia war, konnte, meinem Gefühle nach, nur die Göttin der Liebe machen, und nur ein Halbgott konnte unter solchem Uebermaß von Wonne nicht erliegen. Wirklich wandte die schlaue Römerin alles an, mich nicht einen Augenblick aus dieser Berauschung aller Sinne zu mir selbst kommen zu lassen; und die Leichtigkeit, womit es ihr gelang, schien etwas so Neues für sie zu seyn, daß sie (ohne einige täuschende Künste von meiner Seite) endlich selbst versucht war, mich für etwas mehr als einen Sterblichen zu halten.

Indessen, da sogar die Götter von Zeit zu Zeit nöthig haben, der unverlöschbaren Flamme ihrer ewigen Jugend etwas Nektar und Ambrosia zuzugießen, so erschienen, vermuthlich auf irgend ein geheimes Zeichen, plötzlich eben die drei lieblichen Mädchen, die bei ihrer ersten Theophanie die Grazien vorgestellt hatten, und boten uns auf goldenen Schalen und in zierlichen Gefäßen von geschliffenem Krystall Erfrischungen an, die einen bei großer Frugalität auferzogenen Bürger von Parium sehr leicht in dem Wahn erhalten helfen konnten, daß er in die Wohnung der Liebesgöttin versetzt sey.[128] Die Grazien ließen uns wieder allein, und – kurz, Freund Lucian, als ich nach einem kleinen Schlummer wieder erwachte, war der Tag angebrochen, die Göttin verschwunden, und ich befand mich, ohne zu wissen wie, von einem Gewimmel kleiner Amoretten umschwärmt, in einem lauen Bade, dem vermuthlich einige Tropfen Rosenöl den ambrosischen Wohlgeruch mittheilen, der auch hier nicht fehlte, sich mit so vielen andern Umständen zu vereinigen, um meine Sinne in immer währender Trunkenheit und Täuschung zu erhalten.


Lucian.


In der That scheint die Circe, in deren Schlingen du gefallen warst, an Alles gedacht zu haben.


Peregrin.


Nachdem ich das Bad verlassen hatte, und in einem daranstoßenden kleinen Gemache mit einer sehr zierlichen Kleidung von Fuß auf angethan worden war, öffnete sich eine Thür, und ich befand mich in einem großen Parterre, in welches Flora alle ihre schönen Kinder zum Vergnügen der Göttin der Liebe versammelt hatte. Eine Menge kleiner Zephyre, die unter den Blumen umher schwärmten, hüpften mir mit Kränzen und Sträußen entgegen, und führten mich, in tausend lieblichen Gruppierungen vor mir hergaukelnd, durch einen kleinen Wald von immer blühenden Citronenbäumen, auf eine sanft emporsteigende Anhöhe, wo ein prächtiger doppelter Säulengang sich um einen großen Platz herumzog, in dessen Mitte ein Brunnen, mit Gruppen von vergoldetem Erze[129] geziert, das schönste Wasser in ein geräumiges Becken von Jaspis ausströmte.

Ich folgte meinen kleinen Führern in einem Zustande von Begeisterung, den du dir eher einbilden kannst, als ich ihn beschreiben könnte. In meinem Leben hatte ich mich nie so leicht gefühlt; mir war als ob ich mit schärfern Augen sähe und mit feinern Ohren hörte, oder vielmehr als ob ich jetzt erst zu leben anfinge, und mit jedem Augenblick ein neuer Sinn, eine neue Quelle geistiger Gefühle sich in mir aufthäte.


Lucian.


Eine sehr natürliche Folge der unmittelbaren Mittheilungen der Liebesgöttin bei einem zwanzigjährigen Neuling in ihren Mysterien, der durch sein ganzes bisheriges Leben, und vornehmlich durch die guten Dienste einer Tochter des Apollonius, vorbereitet war, auf eine so angenehme Art mit der Wahrheit selbst getäuscht zu werden!


Peregrin.


Im Grunde des Platzes erhob sich zwischen den zwei Bogen, die der Säulengang zu beiden Seiten machte, ein Pavillion von Frygischem Marmor, aus dessen weit offner Pforte mir zwei Chöre junger Nymphen singend und tanzend entgegen kamen, die mich in diesem Palast, als meiner künftigen Wohnung, willkommen hießen, und das Glück des neuen Adonis priesen. Sie entschlüpften mir wieder aus den Augen, und ganze Schwärme neuer Amorinen und Zephyretten hüpften von allen Seiten herbei, um mich in den schimmernden Marmorsälen und zierlichen Gemächern meiner neuen Wohnung[130] herum zu führen, welche mit dem Reichsten und Ausgesuchtesten, was alle der Wollust dienstbaren Künste zu Befriedigung des feinsten Geschmacks, der üppigsten Phantasie und der verwöhntesten Sinnlichkeit erfunden haben, bis zur Verschwendung angefüllt war. Aber weder das alles, noch die Menge der schönen Gemälde, Bildsäulen und Hermen, womit die Galerie ausgeziert war, konnten mehr als einen flüchtigen Ueberblick von mir erhalten: meine Augen suchten überall nur die Göttin, und suchten sie vergebens. Der einsamste Busch, die dunkelste Höhle, wo ich mich ungestört dem Anschauen ihres Bildes, das sich mir aus meiner eignen Seele entgegen spiegelte, und den süßen Erinnerungen, die keinem andern Gedanken Raum gaben, überlassen konnte, wäre mir tausendmal lieber gewesen als alle diese Herrlichkeiten.

Ich eilte also wieder in die Gärten, warf mich neben einer Quelle, die aus der Urne einer schönen marmornen Nymphe sprudelte, unter ein dichtes Gewölbe von hohen Bäumen und duftenden Gebüschen, und verlor mich im Gefühl meines Glückes, in einer Art von Entzückung, worüber vielleicht alle andere Bedürfnisse vergessen worden wären, wenn die Liebesgötter, die mir zugegeben waren, mich nicht zur gewöhnlichen Zeit zu mir selbst gebracht, und zu einer Tafel geführt hätten, die unter einem dichten Laubgewölbe für mich bereitet war. Die lieblichste Musik unterhielt mich, ohne daß ich sah woher sie kam, während ich meine durch die höchste Kunst des Komus gereizte und befriedigte Eßlust stillte, und dauerte, sich unvermerkt entfernend, noch lange fort, nachdem die Tafel und die Amorinen wieder verschwunden waren.[131] Endlich überschlich mich eine wollüstige Mattigkeit, und ich verschlummerte die heißen Stunden des Tages unter den geistigsten Träumen, die vermuthlich jemals ein aus den ersten Umarmungen seiner Göttin kommender Verliebter geträumt hat. Ich erwachte wieder um die Zeit, da die Sonne ungefähr noch den sechsten Theil ihrer täglichen Reise zu vollenden hat, und eilte mit aller Munterkeit und Ungeduld, die ein Vorrecht unverdorbener Jugend ist, meine angebetete Göttin so lange zu suchen bis sie sich finden ließe. Ein anmuthiger Schlangengang führte mich auf einem sanften Abhang unvermerkt in ein enges von buschigen Felsen umringtes Thal –


Lucian.


– dessen Beschreibung ich dir erlasse, wie romantisch es auch ohne Zweifel gewesen seyn wird.


Peregrin.


Daran thust du mir einen großen Gefallen, lieber Lucian; denn in der That sah ich von allen seinen romantischen Schönheiten so viel als nichts, weil ein ganz anderes Schauspiel sich meiner Augen bemächtigte, und, hätte ich ihrer auch so viele gehabt als Argus60, sie alle zugleich angezogen und beschäftigt haben würde. In einer der Felsenwände, die dieß liebliche Thal von jeder andern Seite als der, woher ich hinein gekommen war, unzugangbar machten, hatte die Kunst eine hohe und geräumige Grotte, und in dieser Grotte ein so schönes, heimliches und einladendes Bad erschaffen, als sich irgend eine Göttin zu ihrer Erfrischung in den glühenden Tagen des Sommers nur immer wünschen könnte. In einem Gebüsche von Rosen und Myrten, das die Grotte umgab,[132] umherirrend, war ich ihr nahe genug gekommen, um durch ein leichtes Plätschern nach der Ursache desselben neugierig zu werden, und – wen anders als meine Göttin? in eben der Lage zu erblicken, worin eine nicht so gefällige Unsterbliche überrascht zu haben dem unglücklichen Aktäon61 einst so übel bekam. Wiewohl ich nun, allem Ansehen nach, kein ähnliches Schicksal zu besorgen hatte, so hielt mich doch Ehrfurcht und Entzücken bei diesem unverhofften Anblick so gefesselt, daß ich mir kaum zu athmen getraute – aber glücklicher Weise war das Gebüsche zugleich so dunkel und so durchsichtig, daß ich sehen konnte ohne gesehen zu werden.


Lucian.


Man sollte denken, deine Augen müßten durch die Bildsäule, die der Göttin so ähnlich war, mit ihrer Gestalt schon so bekannt gewesen seyn –


Peregrin.


Bekannt? – O ja; aber was für ganz andere Augen hatte mir die letzte Nacht gegeben! Welch ein Unter schied! Nicht geringer, als ob einer in ein Buch schaute, dessen Charaktere ihm unbekannt wären, oder ob er die Sprache und die Zeichen verstände, worin es geschrieben ist.


Lucian.


Du hast Recht, Peregrin! daran dachte ich nicht, und das macht doch in der That, selbst für einen so kalten Anschauer der Schönheit als ich und meines gleichen, einen großen Unterschied.


Peregrin.


Zudem vereinigten sich hier noch verschiedene kleine Umstände,[133] die Schönheit der Göttin in ein Licht zu setzen, worin ich sie noch nie gesehen hatte. Die Grazien, die ich in immer abwechselnden Gruppierungen um sie her beschäftigt sah, waren bekleidet; zwar leicht und nymphenhaft, aber doch genug, um mit allen ihren Reizen eine Art von Schatten zu machen, der die unverhüllte Schönheit der Göttin desto mehr erhob. Ueberdieß war die Zeit dieser neuen Theophanie so schlau gewählt worden, daß ein Strom von Sonnenstrahlen zwischen den Felsenspalten gerade in die gegenüber liegende Grotte fiel, und eine Glorie auf die badende Göttin warf, die meine Bethörung hätte vollenden müssen, wenn noch etwas daran zu vollenden gewesen wäre.


Lucian.


Du glaubst also, daß auch diese Bade-Scene absichtlich angelegt war?


Peregrin.


Ohne Zweifel; denn ich hatte (wiewohl ich damals nicht darauf merkte) immer den einen oder andern sichtbaren oder unsichtbaren Amor neben mir, oder über mir, oder hinter mir, der auf alle meine Bewegungen Acht gab, und kraft dieser Vorsicht konnte Quintilla genau wissen, um welche Zeit ich ungefähr auf dem Spaziergang, den mir einer von ihnen gezeigt hatte, nicht weit von der Grotte anlangen würde.

Die Göttin wurde ihrer Rolle eher müde als ihr Zuschauer der seinigen; sie verließ das Bad meiner Rechnung nach sehr bald, und nachdem sie von ihren Grazien wieder angekleidet worden war, wurden plötzlich auf ein gegebenes Zeichen alle Gebüsche umher lebendig, und eine unzählige Menge[134] junger Nymphen und kleiner Amorinen eilte herbei, sie zurückzubegleiten. Ich entfernte mich so schnell ich konnte; und als ich eine Weile darauf von einer andern Seite gegen den Pavillon zurückging, fiel mir mitten in einem dunkeln Myrtenwäldchen ein kleiner Tempel in die Augen, vor dessen halb offner Pforte ein Amor, mit dem Zeigefinger auf den Lippen, stand. Er winkte mir, öffnete die Pforte, schloß sie hinter mir zu, und ich befand mich in einem Augenblick zu den Füßen der Göttin, die in halb sitzender Lage auf einem thronförmigen Ruhebette mich zu erwarten schien. Die Wollust selbst hatte dieses Gemach, wie zur Scene ihrer Siege, mit einem zauberischen Rosenlichte beleuchtet, dessen Quelle verborgen war; und ein Pausanias hätte etliche Blätter zu Beschreibung aller Wunder der Kunst, womit es ausgeziert war, verwenden können. Aber besorge nichts, Lucian; wiewohl das Ganze, auch bei einem unaufmerksamen Anblick, nothwendig eine wunderbare Wirkung that, so wurde ich doch nicht so viel von den Theilen gewahr, daß ich dir diese Wirkung begreiflich machen könnte; denn auch hier sah ich nur die Göttin.

Die in der letzten Nacht angefangene Einweihung in ihren Mysterien wurde in dieser vollendet: aber da ihr der Zwang ihrer Gottheit endlich lästig werden mochte, so verwandelte sich Venus Urania unvermerkt in die leibhafte Mamilia Quintilla; und, wiewohl in dem süßen Taumel, worin sie ihren Adonis zu erhalten wußte, selbst das Uebermaß ihrer Gunsterweisungen die Täuschung eine Zeit lang beförderte, so kam doch endlich der Augenblick, wo die Erscheinung der Grazien eben so erwünscht als nothwendig war.[135]

Sie erschienen auch wie gestern; aber mit ihrer Ankunft lösete sich, leider! der Zauber auf, der meine Vernunft seit einiger Zeit so seltsam gebunden hatte. Ein gewisses spöttelndes Lächeln, das ich in den Augen und Lippen derjenigen, die mir die Nektarschale anbot, überraschte, machte mich stutzen. Ich betrachtete sie mit einer mißtrauischen Aufmerksamkeit, heftete dann mit Bestürzung meine Augen auf die Göttin, und glaubte – o Himmel, welche Verwandlung! – in der Grazie nur eine Cypassis62, und in der vermeinten Venus Urania nur eine sehr irdische Lais und Phryne zu entdecken.

Die plötzliche Veränderung, die bei diesem Gedanken in mir vorging, war zu groß, um einer Kennerin wie Mamilia unbemerkt zu bleiben: aber ohne das geringste Zeichen von Verdruß darüber sehen zu lassen, sagte sie bloß mit einem unbeschreiblich süßen Lächeln zu mir: du bedarfst der Ruhe, mein Geliebter! – Und, auf einen Wink, den sie ihren Mädchen zuwarf, hüllte sie sich in einen großen Schleier ein, und verschwand mit ihnen aus meinen Augen.

Wie bedürftig ich auch (nach dem Urtheil der schönen Mamilia) der Ruhe seyn mochte, so war doch in dem Zustande, worein mich meine so plötzliche – wiewohl freilich sehr natürliche – Entzauberung geworfen hatte, für diese Nacht an keine Ruhe mehr zu denken. Der Fall eines Phaëton63, mit welchen Farben ihn auch ein Dichter ausmalen könnte, gäbe nur ein schwaches Bild des Sturzes ab, den meine taumelnde Seele von der Spitze ihrer vergötternden Aussichten that, als der magische Nebel so auf einmal von meinen Augen niedersank. Keine Beschreibung könnte die Beschämung des betrognen[136] Dämons und den Unwillen erreichen, worin er über sich selbst entbrannte, der Held einer lächerlichen Posse, das Spielzeug einer Bande leichtfertiger Weibsstücke gewesen zu seyn, die sich zusammen verschworen hatten, ihren Muthwillen mit seiner Unschuld und Aufrichtigkeit zu treiben.

Da meine Unerfahrenheit mich in diesem Augenblicke noch unwissend darüber ließ, wie vielen Antheil vor zwei Tagen der Ueberfluß meiner Lebensgeister an meiner Bezauberung, und nun die Erschöpfung an der Auflösung derselben hatte: so war es bei einem Menschen von meiner Vorstellungsart nicht wohl anders möglich, als daß ich von einem Aeußersten ins andere fiel, mich selbst sowohl als die Gegenstände, denen meine Phantasie und mein Herz unwissender Weise eine idealische Vollkommenheit geliehen hatte, auf einmal tiefer als recht war herabwürdigte, und indem ich mir alles, was seit acht Tagen mit mir vorgegangen, mit den kleinsten Umständen ins Gedächtniß zurückrief, nicht begreifen konnte, wie es möglich gewesen sey, daß ich die Kunst, womit Dioklea und die vorgegebene Göttin mir ihre Schlingen gelegt hatten, nicht viel früher gewahr geworden. Der Unmuth, womit mich diese Gedanken erfüllten, machte mir die Scene meiner Entgötterung unerträglich; ich floh in den entlegensten Theil des Waldes, der die Gärten umgab, warf mich unter einen Baum, und hatte schon einige Stunden in dieser von meiner vorigen Wonne so stark abstechenden Gemüthslage hingebracht, als eine Erscheinung, deren ich mich gerade am wenigsten versah, den Lauf meiner kränkenden Betrachtungen hemmte.

Es war die Tochter des Apollonius selbst, die mit der[137] Ruhe und Unbefangenheit einer Person, welche keine Vorwürfe befürchtet weil sie keine verdient zu haben glaubt, auf mich zukam und mich anredete. Wie? sagte sie mit einer angenommenen Miene von Verwunderung, wie finde ich dich hier, Proteus? – Möchtest du mich nie gefunden haben! antwortete ich, mein Gesicht mit einem tiefen Seufzer von ihr wegwendend. – Ist's möglich, versetzte sie schalkhaft lächelnd, daß Proteus, nach allem was seit unsrer Trennung mit ihm vorging, eines so undankbaren Wunsches fähig seyn kann? – »Undankbaren? – Und du, kannst du nach dem schändlichen Betrug, den du mir gespielt hast, noch Dank erwarten?« – Seltsamer Mensch! Wenn du das Betrug nennest, wo ist der König, der sich nicht glücklich schätzte so betrogen zu werden? Du bist mir unbegreiflich, Proteus! »Und du, Dioklea, oder wie du heißen magst denn warum sollte nicht auch dein Name, wie alles andere an dir, falsch seyn? – kannst du läugnen, daß die Venus, in deren Arme du mich betrogen hast, eine –«

Dioklea ließ mich nicht vollenden was ich selbst nicht herauszusagen vermochte. Du bist in einer Laune, fiel sie ein, worin du nicht zu fühlen scheinst, was dir zu sagen, oder mir anzuhören geziemt. – Und mit diesen Worten entfernte sie sich mit ihrer gewöhnlichen Majestät, und ließ mich in einem Zustande von Verwirrung und Unzufriedenheit über meine eigenen Gefühle, den ich mir selbst nicht hätte erklären können. Genug, es zeigte sich bald, daß mein Unwille nicht lange gegen diese räthselhafte Frau aushalten konnte. Die Zuversicht mit der sie sich mir darstellte, ihr Anblick selbst,[138] der edle Anstand womit sie dem Ausbruch meines Unmuths Einhalt that, alles an ihr gebot mir eine unfreiwillige Ehrerbietung; und so wie sie sich entfernte, wurden alle die wunderbaren und zauberischen Eindrücke wieder rege, die sie von unsrer ersten Bekanntschaft an auf mich gemacht hatte. Kurz, sie erhielt wieder ihre vorige Gewalt über mich; und kaum hatte ich sie aus den Augen verloren, als ich in einer plötzlichen Anwandlung von Reue über mein ungebührliches Betragen aufsprang, und ihr, zwar nicht ohne innern Kampf, aber wie von einer stärkern Kraft fortgezogen, nachzugehen anfing.

Es währte eine ziemliche Weile, bis ich sie wieder zu Gesichte bekam. Sie saß, mit einer Nadelarbeit auf ihrem Schooße, unter einer Laube des Myrtenwäldchens, und schien nicht zu bemerken daß ich ihr immer näher rückte. Nachdem ich in einiger Verlegenheit eine Zeit lang hin und her um die Laube herumgegangen war, ohne daß sie sich nach mir umgesehen hätte, konnte ich mich nicht länger zurückhalten hineinzutreten, und mich stillschweigend ihr gegenüber zu setzen. Sie schien meine Gegenwart noch immer nicht zu achten, und diese stumme Scene dauerte so lange bis ich zu seufzen anfing. War das nicht ein Seufzer, Proteus? sagte sie in einem scherzenden Tone. Du bist in der That sehr zu bedauern, daß man dich wider deinen Willen dahin gebracht hat, ein chimärisches Glück gegen ein wirkliches, das alles was du dir jemals einbilden konntest übertrifft, zu vertauschen! – Ich glaube selbst, sagte ich, daß ich mich sehr glücklich finden würde, wenn ich so denken könnte, wie du es jetzt zu verlangen scheinst.[139] – Glaubst du das? versetzte sie mit einem kleinen Nasenrümpfen. Aber, fuhr sie in dem ernsthaften Tone, den ich an ihr gewohnt war, fort, indem sie aufstand und auf den Pavillion zuging, wir sind jetzt nicht aufgelegt, von einem so zarten Gegenstande zu sprechen. Die Gebieterin dieses Ortes, von deren Stand und Vermögen du dir aus allem was du hier siehest die richtigste Vorstellung machen kannst, ist durch unvermuthete Geschäfte nach Milet abgerufen worden, und hat mir aufgetragen, in ihrer Abwesenheit dafür zu sorgen, daß dir die Weile nicht lang werde. Wenn es dir nicht zuwider ist, wollen wir die Zeit bis zur Tafel mit Besehung der merkwürdigsten Dinge in dieser Villa hinbringen.

Hiermit nahm sie mich bei der Hand, führte mich in die Galerie, die ich zuvor nur flüchtig übersehen hatte, und zeigte mir, indem sie die mannichfaltigen Kunstwerke, welche Reichthum und Geschmack hier aufgehäuft hatten, mit mir betrachtete, so viele Kenntnisse in diesem Fache, und bei jeder Gelegenheit, die sich dazu anbot, so viel Weltkunde und Bekanntschaft mit allen merkwürdigen Personen der Zeiten Trajans und Hadrians, daß die Bewunderung, die sie mir einflößte, mit jeder Minute höher stieg, und alle Beschwerden, die ich gegen sie zu führen hatte, auf die Seite drängte. Kurz, Dioklea war so reich an Erfindung angenehmer Zerstreuungen, so unerschöpflich an Unterhaltung wenn wir uns allein befanden, und so aufmerksam, jeden leeren Zwischenraum mit Musik, Tänzen, Pantomimen, oder den übrigen Künsten, die hier für Mamiliens Vergnügen beschäftigt waren, auszufüllen, daß mir die drei Tage, welche die Dame des Hauses[140] abwesend war, wie einzelne Stunden vorbei kamen. Die Wolken, die mein Gemüth umzogen hatten, zerstreuten sich; meine Einbildung klärte sich wieder auf; die tausendfachen zauberischen Eindrücke, welche Natur und Kunst auf alle meine Sinne machten, gewannen unvermerkt die Oberhand, und ehe der zweite Tag vorüber war, befand ich mich wieder so lebendig und so hohen Muthes als jemals; mit dem einzigen Unterschiede, daß die Götternächte der Venus Mamilia einen Sinn, dessen geheime Forderungen mir so lange unverständlich geblieben waren, in eine Thätigkeit gesetzt hatten, die sich nicht so leicht beruhigen ließ, und sich nun des Einflusses und der Obermacht bemeisterte, in deren Besitz ehemals die Phantasie gewesen war. – Warum sollte ich dir, da ich doch einmal im Bekennen bin, nicht alle meine Verirrungen und Bethörungen gestehen? Zwei Tage Abwesenheit, die Ruhe einer einsamen Nacht, und der üppige Ueberfluß einer Römischen Tafel hatten der schönen Mamilia in meiner Einbildung ihre ganze Gottheit wiedergegeben; ich sehnte mich nach ihrer Zurückkunft: aber sie war abwesend, und die Tochter des Apollonius war gegenwärtig. Ihre ehemalige priesterliche Feierlichkeit war mit der Binde um ihre Stirn verschwunden; sie hatte sich allmählich ihrer natürlichen Lebhaftigkeit überlassen; und so wie sie alle Reize ihres Geistes vor mir entfaltete, schien sie sich auch nicht länger verbunden zu glauben, mir aus den eben so mannigfaltigen Reizen ihrer Person länger ein Geheimniß zu machen. Nie waren vielleicht die Grazien einem Weibe holder gewesen als ihr, und in der Kunst, die Gunstbezeugungen der Natur mit Anstand in das vortheilhafteste[141] Licht oder Helldunkel, und was der Zahn der Zeit etwa daran benagt haben mochte, in den schlauesten Schatten zu setzen, hatte sie schwerlich jemals ihres gleichen gehabt. Kurz, wiewohl sie die Hälfte ihrer Jahre hätte abgeben müssen um die Göttin der Jugend vorzustellen, so blieb ihr doch mehr, als für einen Neuling meiner Art nöthig war, um in einer dämmernden Rosenlaube oder in dem kleinen Tempel des Stillschweigens die Abwesenheit der Göttin Mamilia zu ersetzen.


Lucian.


Und sie machte sich vermuthlich eben so wenig Bedenken daraus, als der Neuling sich machte diese Untreue an seiner Göttin zu begehen?


Peregrin.


Er glaubte Mamilien keine Treue schuldig zu seyn. Aber die erfahrne Dioklea kannte die Männer zu gut, als daß sie ihm den Sieg, den er über ihre Weisheit erhielt, nicht schwer genug zu machen gewußt hätte, um den Werth desselben in seinen Augen zehnfach zu verdoppeln. – Soll ich dir noch mehr sagen? So lächerlich es in unserm dermaligen Stande seyn mag, von den Spielzeugen und Kurzweilen unsrer ehemaligen Kindheit mit einem gewissen Wohlbehagen zu sprechen, so kann ich mich doch der Tochter des Apollonius nicht ohne das Vergnügen erinnern, welches den Gedanken, irgend etwas Schönes oder Gutes in seiner höchsten Vollkommenheit genossen zu haben, natürlicherweise begleitet. Wie weit war die Römerin auch in diesem Stücke unter der seiner organisierten, seelenvollern, erfindungsreichern Griechin, die, von[142] allen Musen und Grazien mit ihren Gaben überschüttet, einige Jahre lang unter andern Namen, als Mimentänzerin die Augenlust und der angebetete Liebling der halben Welt gewesen war!


Lucian.


Du kannst dich nun verbrennen wenn du willst, Peregrin! Du hast gelebt, und in einer einzigen Woche auf der Villa Mamilia zu Halikarnaß des Lebens mehr genossen, als Millionen Menschen in der ganzen Zeit ihres Daseyns.


Peregrin.


Gut! Aber ehe wir zu jenem letzten und höchsten Lebensgenuß, zu meinem Verbrennen kommen, Lucian, wirst du wohl noch einige Scenen meines Lebensmimus (wie es Cäsar Augustus nannte) anhören müssen, die zur Vorbereitung dieses letzten Auftritts nothwendig waren.


Lucian.


Für jetzt bin ich nur begierig zu sehen, wie du dich aus den Händen zweier so gefährlichen Personen, als deine Venus Mamilia und ihre Priesterin zu seyn scheinen, retten wirst.


Peregrin.


Wiewohl Dioklea die priesterliche Maske mit der Gleichgültigkeit einer Schauspielerin, die ihre Theaterkleidung von sich wirft, abgelegt hatte, so war sie doch viel zu klug, meinen Enthusiasmus, durch dessen magische Wirkung sie Vortheile, die ihr nicht gleichgültig zu seyn schienen, über mich gewonnen hatte, geradezu bestreiten zu wollen. Sie suchte ihm nur eine andere Richtung zu geben, und unvermerkt den[143] Gedanken in mir zu veranlassen, daß es keine andere Göttinnen gebe als liebenswürdige Weiber, und keine höhere Magie als den Zauber ihrer Reizungen und des Instinkts der uns zu ihnen zieht; und diesem Plan zufolge fand sie für gut, mir in einer vertraulichen Stunde den Schlüssel zu dem ganzen Zauberspiele zu geben, dessen Held ich, ohne es zu merken, gewesen war.

Nachdem sie mir von Mamiliens Person und Charakter, und von ihrer eigenen Verbindung mit dieser Römerin, so viel als ich (ihrer Meinung nach) zu wissen brauchte, entdeckt hatte, sagte sie mir: diese Dame werde durch gewisse Kundschafter, welche sie zu Halikarnaß und an verschiedenen noch entferntern Orten halte, so gut bedient, daß sie schon am ersten Tage meiner Ankunft eine ziemlich genaue Beschreibung meiner Person erhalten habe. Da ihre Aufmerksamkeit dadurch nicht wenig gereizt worden sey, habe sie nicht nur alle meine Schritte aufs genaueste beobachten lassen, sondern auch bald Mittel gefunden, aus meinem alten Diener (einem arglosen und kurzsinnigen Phrygier) so viel von meinen Lebensumständen auszufischen, daß der Anschlag, sich meiner auf die eine oder andere Art zu bemächtigen, schon vor dem Empfang meines seltsamen Briefes an die göttliche Dioklea eine beschlossene Sache gewesen sey. Dieser Brief (sagte Dioklea), indem er die schöne Römerin mit einem Charakter bekannt machte, der allen möglichen Reiz der Neuheit und des Wunderbaren für sie hatte, trieb ihre Vorstellung von der Wichtigkeit deiner Eroberung auf den höchsten Grad, und zeigte uns zugleich den einzig möglichen Weg, auf welchem[144] sie zu machen war. Wie viel Dank wurde jetzt dem Unbekannten gesagt, der vor mehrern hundert Jahren einen Theil der Waldungen, welche zu Mamiliens Halikarnassischen Gütern gehörten, der Venus Urania geheiligt hatte! Wie glücklich pries man sich, daß man den Einfall gehabt hatte, der Göttin, statt ihres alten in Ruinen gefallnen Capellchens, den schönen marmornen Tempel aufzuführen, und ihn mit den Hauptgebäuden der Villa, besonders mit demjenigen, welches zu theatralischen Vorstellungen eingerichtet war, in unmittelbare Verbindung zu bringen! – Der Plan und die Ausführung gab sich nun von selbst; und die wenigen Tage, die du in dem heiligen Hain und bei mir in meiner Felsenwohnung zubrachtest, waren völlig hinreichend, alle zu unserem Zauberspiele nöthigen Maschinen in Bereitschaft zu setzen.

Du begreifst nun, fuhr Dioklea fort, wie natürlich es zuging, daß du auf deinen Brief ohne Namen eine Antwort mit der Aufschrift, an Peregrinus Proteus von Parium, auf deinem Schooße fandest, als du im Hain aus einem Schlafe erwachtest, der, ohne daß du es merktest, sehr genau beobachtet worden war. Mamilia, die vor Ungeduld brannte den wunderbaren Jüngling selbst in Augenschein zu nehmen, hatte ihn mit eigner Hand auf deinen Schooß gelegt. Der schlafende Endymion kann schwerlich seine Göttin stärker bezaubert haben als du die deinige, da sie dich, wie in einem süßen Traume, in der schönsten Beleuchtung des durch einige Zweige gebrochnen Mondlichtes, vor sich liegen sah. Du wirst mir, da du die Lebhaftigkeit dieser feurigen Römerin nun kennst, gern glauben, daß ich alle Mühe von der Welt hatte, sie wieder[145] wegzubringen, ehe sie sich, durch den Kuß den sie dir geben wollte, in Gefahr setzte, den schlummernden Träumer zur Unzeit aufzuwecken. Mir kostete diese Scene meinen Schlaf; denn ich mußte den ganzen Rest der Nacht an Mamiliens Bette zubringen, um die Ergießungen ihrer Leidenschaft anzuhören, und ihre Ungeduld durch die Beschreibung aller Maschinen, die zu ihrem Vortheile zusammenspielen sollten, einzuschläfern. Wir konnten nicht zweifeln, daß die bloße Versetzung in einen so romantischen, mit lauter schönen Gegenständen angefüllten Ort, verbunden mit dem Scheine des Wunderbaren, den alles von sich werfen sollte, auf einen Neuling, den seine eigene Schwärmerei und die ihm unbewußte Magie des noch mit seiner ganzen Stärke wirkenden Naturtriebes so ganz wehrlos in unsre Hände lieferte, schon sehr viel zur Beförderung unsers Anschlages thun würde. Aber das meiste kam doch auf den ersten Eindruck an, den die Tochter des Apollonius bei der ersten Zusammenkunft auf dich machen sollte; und daher wurden auch (wie du dich erinnern wirst) alle Umstände so gewählt und verbunden, daß sie die verlangte Wirkung thun mußten, und daß keiner hätte fehlen dürfen, ohne dieser etwas von ihrer Stärke zu benehmen. Alles mußte mit deinen enthusiastischen Ideen zusammen klingen, alles mußte sie wahr machen und immer höher spannen, alles in deinen Augen ungewöhnlich und wunderbar seyn und dir doch natürlich vorkommen, alles übereinstimmen deine Vernunft vollends zu betäuben, und deine bezauberte Seele mit ungewissen Erwartungen, neuen entzückenden Gefühlen, und dumpfer Ahndung der hohen Mysterien, die der Gegenstand deiner Wünsche[146] waren, anzufüllen. Bei einem so arglosen, so unerfahrnen, so schwärmerischen Jüngling war wenig zu besorgen, daß er das Maschinenspiel, wodurch er gefangen werden sollte, so leicht entdecken würde: aber du wirst dich nun auch hintennach erinnern, wie sorgfältig alles darauf angelegt war, dir eine solche Entdeckung unmöglich zu machen. Unsere Nymphen und Amoretten, die gewandtesten Geschöpfe von der Welt, waren jedes zu seiner Rolle aufs beste abgerichtet. Die Beschaffenheit des Ortes, und die Art, wie die Gärten der Villa von dem geheiligten Hain und dem Bezirke, der die Felsenwohnung umgibt, abgesondert sind, ließ dich nicht ahnden, daß eine solche Villa in der Nähe sey. Wiewohl der hintere Theil des Tempels, der dem Anschein nach an einen Felsen angelehnt ist, unmittelbar mit derselben zusammenhängt, so war diese Verbindung doch durch die dichten Gebüsche und hohen Bäume, die den Tempel umgeben, so gut versteckt, daß sie ohne eine sehr genaue Untersuchung schwerlich entdeckt werden konnte; und sowohl damit du hierzu keine Gelegenheit finden möchtest, als um die gute Wirkung der Theophanien, womit wir dich beglücken wollten, zu befördern, wurde dir gleich anfangs zum Gesetz gemacht, daß der Tempel nur nach Sonnenuntergang besucht werden dürfe. Die Bildsäule der Göttin war schon lange zuvor nach dem Modell der schönen Mamilia verfertigt worden, und eine jede andere, wäre es auch die Knidische selbst gewesen, würde zu unserer Absicht nichts getaugt haben. Ohne Zweifel wäre diese Absicht eben so wenig erreicht worden, wenn sie dir bei Tageslicht und an einem andern Orte, als das Bild irgend einer schönen Römerin, gezeigt[147] worden wäre. Aber nachdem die Idee der Göttin in deiner Phantasie nun einmal mit diesem Bilde zusammengeschmolzen war, und Mamilia, sogar im Marmor, schon beim zweiten Besuche deine Sinne so stark beunruhiget hatte: so durften wir es wagen, sie dir mit ihren Grazien in eigener leibhafter Person, wiewohl in Wolken und in einem übernatürlich scheinenden Lichte, erscheinen zu lassen, und konnten um so gewisser seyn, daß die abgezielte Täuschung bei dir erfolgen, und daß dir selbst der Taumel deiner Sinne als eine natürliche Folge der vermeinten Theophanie er scheinen werde, da du, zu allem Ueberfluß, durch die zwischen uns vorgefallenen Unterredungen (deren du dich vermuthlich noch besinnest) so trefflich zu dieser Scene vorbereitet warst. Denn du wirst nun leicht begreifen, warum ich zu eben der Zeit, da ich dich des Wohlgefallens der Göttin an der Reinheit deiner Empfindungen versicherte, mir so angelegen seyn ließ, dich zu überzeugen, daß es in ihrem Belieben stehe, durch welche Art von Einwirkung sie sich dir mittheilen wolle. – Spitzbübin! rief ich (wiewohl mit einer Umarmung, die ich ihrer reizend schalkhaften Miene nicht versagen konnte), ich erinnere mich noch deiner eigensten Worte: »ist die Liebe, die sie dir eingeflößt hat, nicht ihr eignes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck seyn? Die reinste Liebe – Venus Urania kann keine andere erwecken – veredelt und verfeinert die Sinne, erhöht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.« – Du hast ein treffliches Gedächtniß, versetzte sie lächelnd: vermuthlich verstehst du nun auch, – nachdem wir dir den Schlüssel nicht nur zu dem was mit dir vorgenommen[148] wurde, sondern auch zu dem was in dir vorging, gegeben haben – was ich damit meinte, als ich zu zweifeln schien, »ob du auch einer so rein und ganz sich hingebenden Liebe, wie die Göttin verlange, fähig seyest?« – Und gleichwohl, bei allen diesen Täuschungen, glaubtest du nicht, als dir Mamilia mit ihren drei Mädchen in der helldunkeln Wolke von gemalter Leinwand erschien, die Göttin der Liebe selbst mit ihren ewig jugendlichen Grazien zu erblicken? und kannst du läugnen, daß dich diese vermeinte Theophanie unaussprechlich glücklich machte? – Weil ich sie für Theophanie hielt, fiel ich ihr ins Wort. O daß ihr mich doch ewig in diesem Wahne gelassen hättet! – Sey versichert, antwortete Dioklea, es wäre geschehen, wenn nicht die Natur selbst es unmöglich gemacht hätte, nach dem höchsten Grade von Genuß, dessen die Sinne fähig sind, noch länger getäuscht zu werden. Aber, wer wollte sich, wenn er so glücklich geworden ist als es ein Sterblicher seyn kann, noch beklagen, daß man ihn nicht gar zum Gott gemacht hat? Und zudem, hattest du nicht, in den Stunden da sich die Göttin in Mamilien verwandelte, Augenblicke, worin du dich wirklich vergöttert fühltest? – »O da war mir Mamilia noch immer die Göttin selbst.« – Und sollte sie es nicht, trotz aller Aufschlüsse die du bekommen hast, wieder werden können? sagte Dioklea.

Die Zurückkunft der schönen Römerin, die dieser sonderbaren Unterredung ein Ende machte, verfehlte die Wirkung nicht, welche die Tochter des Apollonius von ihren Reizungen und meiner starken Anlage, immer auf eine oder andere Art zu schwärmen und getäuscht zu werden, erwartete. Meine[149] Verführerinnen glaubten die außerordentlichen Mittel, die nun nicht länger zu gebrauchen waren, auch nicht länger nöthig zu haben. Sie hatten den Zauber, der vorher auf meiner Einbildungskraft lag, nun auf meine Sinne geworfen, und zweifelten nicht, in der fortwährenden Trunkenheit, worin sie mich durch immer abwechselnden Genuß der ausgesuchtesten Vergnügungen zu erhalten wußten, mich unvermerkt dahin zu bringen, daß meine vorige Denkungsart mir selbst endlich eben so lächerlich werden müßte als sie ihnen war. Kurz, sie hofften mich aus dem eifrigsten Verehrer und Nachahmer des Pythagoras und Apollonius in den ausgemachtesten Epikuräer zu verwandeln. Auch in den Künsten, die zu einer solchen Operation erfordert wurden, war Dioklea eine ausgelernte Meisterin; und hätte nur Mamilia mehr Gelehrigkeit für ihre Unterweisungen gehabt, so möchte es ihr, wo nicht auf eine sehr lange, doch gewiß auf eine weit längere Zeit gelungen seyn, mich in dem Taumel zu erhalten, der in den ersten Tagen nach ihrer Zurückkunft mein ganzes Daseyn in einem fortdauernden Moment von Genuß und Wonne verschlang. Aber diese kluge Mäßigung, die allen Befriedigungen der Sinne so nöthig ist, diese Kunst dem Ueberdruß von ferne schon zuvorzukommen, die Begierde immer lebendig zu erhalten, sie auf tausendfache Art zu ihrem desto größern Vergnügen zu hintergehen, sie in jedem Genuß einen noch vollkommnern ahnden zu lassen, und dieß alles auf eine so ungezwungene Art und mit so viel Grazie zu bewerkstelligen, daß es Natur scheint, – alle diese feinen Künste, worin Dioklea unübertrefflich war, vertrugen sich nicht mit der raschen Sinnesart der[150] feurigen Römerin. Der Zwang, den sie sich hätte auflegen müssen, um ihren Adonis wie einen Liebhaber, den man verlieren könnte, zu behandeln, war der Tod des Vergnügens in ihren Augen: kurz, sie betrug sich als ob sie wirklich die Göttin wäre, deren Rolle sie so gern spielte; und ihr Günstling hätte nichts Geringer's als der ewig junge Apollo oder der unerschöpfliche Sohn der Alkmena seyn müssen um nicht viel eher, als sie es vielleicht erwarten mochte, gesättigt, ermüdet, und wieder zu sich selbst gebracht zu werden.

Wie unangenehm die Gefühle und Betrachtungen seyn mußten, die auf dieses zweite Erwachen folgten, wird dir die Kenntniß, die du bereits von der eigenen Form meiner Seele, und der sonderbaren Vorstellungsart die ihr natürlich war, erlangt hast, anschaulicher machen, als ich es durch irgend eine Schilderung bewirken könnte. Diese Form, diese Vorstellungsart war mir zu wesentlich, um durch irgend eine zufällige Veränderung ausgelöscht zu werden. Die ungewohnte Trunkenheit, worein Mamiliens Zauberbecher meine Sinne gesetzt hatte, konnte unter keinen Umständen von langer Dauer seyn; und ihre verschwenderische Art zu lieben beschleunigte nur den Augenblick des Erwachens.

Mein erstes Gefühl in diesem schmerzlichen Augenblicke war die Höhe, von welcher ich gefallen war, und die Tiefe, worin ich lag. Aber glücklicherweise war es nicht der Sturz eines Ikarus, dessen mit Wachs zusammengeleimte Flügel an der Sonne schmolzen, sondern der Fall eines Platonischen Dämons aus den überhimmlischen Räumen in den Schlamm der gröbern Elemente. Wie groß auch meine Beschämung[151] darüber war, so fühlte ich doch, daß mich dieser Fall nur erniedriget und besudelt, nicht zerschmettert hatte. Die Schwingen meiner Seele waren nicht zerbrochen; ich konnte sie wieder loswinden, mich wieder in die reinen Lüfte, die ich gewohnt war, emporschwingen, und die Erfahrungen selbst, die mich jetzt demüthigten, konnten mir dazu dienen, mich künftig vor ähnlichen Verirrungen zu hüten, und das Ziel meiner innersten Wünsche desto sicherer zu erreichen.

Dieses Gefühl allein, oder vielmehr die Ahndung dieser Gedanken, und das dunkle Bewußtseyn der in mir liegenden Kräfte und Hülfsquellen war es, was mich in den ersten Augenblicken vor Verzweiflung bewahrte. Aber es fehlte viel, daß Gedanken wie diese gleich anfangs die Oberhand gehabt, und mit ihrer ganzen Stärke auf mich gewirkt hätten. Im Gegentheil, ich wurde finster, mißmuthig und übellaunisch; alles umher verlor seinen Reiz und Glanz, und nahm die Farbe meiner düstern Seele an; ich verachtete mich selbst, und zürnte bitterlich auf diejenigen, die mich dazu gebracht hatten. Und dennoch hatte dieses Seelenfieber seine Abwechslungen; und ich lernte nun verstehen, was Xenophons Araspes64 mit dem Streit seiner beiden Seelen sagen wollte, denn ich erfuhr es in mir selbst. Ich schämte mich, wie ein anderer nektartrunkner Ixion65, eine Theatergöttin für Venus Urania genommen zu haben, und erinnerte mich doch mit Entzücken der Augenblicke wo mich diese Täuschung zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich betrachtete in den Stunden der bösen Laune die üppige Mamilia als eine zauberische Lamie, die mich bloß deßwegen nährte und liebkosete, um mir alles[152] Blut aus den Adern zu saugen; und bald darauf, wenn ein Becher voll unvermischten Weins von Thasos in der schönen Hand dieser Lamie dargeboten, und zuvor von ihren wollustathmenden Lippen beschlürft, meine Lebensgeister wieder in Schwingung setzte, war ich wieder schwach genug, eine irdische Venus in ihr zu sehen, und in ihren immer willigen Armen neuen Stoff zu der bittern Reue zu holen, die meine einsamen Stunden vergiftete.

Wie sehr ich mich auch eine Zeit lang bemühte, diesen peinvollen Zustand meines Gemüthes vor Mamilien und ihrer scharfsichtigen Freundin zu verbergen, so war es doch (wie du leicht denken kannst) eben so verlorne Mühe, als alles was diese Damen sagen und thun konnten, um die einmal aufgelöste Bezauberung der ersten Wonnetage wieder herzustellen. Die Römerin hoffte es durch Verdopplung dessen, was sie ihre Zärtlichkeit nannte, zu bewerkstelligen, beschleunigte aber dadurch die gegenseitige Wirkung. Die Tochter des Apollonius versuchte es auf einem andern Wege. Sie ließ meine Sinne unangefochten, machte bloß die Freundin und Rathgeberin, schien nichts Angelegneres zu haben als mich zu beruhigen und mit mir selbst auszusöhnen; und indem sie die Unterredung bei jeder Gelegenheit vom Gegenwärtigen ablenkte und ins Allgemeine spielte, suchte sie mir unvermerkt eine feine Aristippische Art zu philosophieren einleuchtend zu machen, die in ihrem Munde eine so einnehmende Gestalt annahm, daß die ganze Widerspänstigkeit eines zum Enthusiasten gebornen Menschen dazu erfordert wurde, nicht von ihr gewonnen zu werden. Sie erhielt indessen doch immer so viel,[153] daß die Grazien ihres Geistes, die sich in diesen Gesprächen in so mancherlei vortheilhaftem Lichte zeigen konnten, mir ihren Umgang immer unentbehrlicher und gar bald zu dem einzigen machten, was mich an diesen Ort fesselte. Wir verirrten uns unter diesen Gesprächen zuweilen in ihre Felsenwohnung, oder in das Rosenwäldchen, dessen Anblick so viel angenehme Erinnerungen in meiner Seele wieder anklingen machte; und nicht selten endigte sich dann unser Streit über die Verschiedenheit unsrer Grundbegriffe auf eine Art, die das Uebergewicht der Aristippischen Philosophie über die Platonische völlig zu entscheiden schien; wiewohl im Grunde nichts dadurch bewiesen wurde, als die Schwäche des Platonikers, und die große Fertigkeit seiner Gegnerin in dem, was man die Sophisterei ihres Geschlechts nennen möchte. Genug, sie verhalf der schlimmern Seele zu manchem schmählichen Sieg über die bessere: aber eben dieß stürzte mich unversehens in jenen gewaltsamen und qualvollen Zustand zurück, der von dem ewigen Widerspruch zwischen einer Art zu denken, deren Wahrheit man im Innersten fühlt, und einem Betragen, das man immer hintennach mißbilligen muß, die natürliche Folge ist.

Während dieses seltsame Verhältniß zwischen Diokleen und mir bestand, hatte Mamilia, deren Leidenschaften eben so schnell verbraus'ten als aufloderten, einen neuen Gegenstand für ihre launenvolle Phantasie gefunden. Sie war fast immer abwesend, und schien sich eine geraume Zeit gar nicht mehr um mich zu bekümmern. Ohne Zweifel trug die Ruhe, die sie uns ließ, viel dazu bei, daß auch jenes Verständniß mit[154] Diokleen, das im Grunde weder Liebe noch Freundschaft war, den Reiz ziemlich bald verlor, den es anfangs für mich gehabt hatte. Der leeren Stunden wurden immer mehrere, in welchen der Zweikampf der beiden Seelen sich erneuerte, und der Sieg sich endlich auf die Seite der bessern neigte, ohne daß Dioklea, die es auf der andern Seite an mancherlei Kriegslisten nicht fehlen ließ, mehr als einige Verzögerung ihrer gänzlichen Niederlage bewirken konnte. Ich sah mich mit Unwillen und Selbstverachtung wie in den Stall einer neuen Circe eingesperrt. Jeden Morgen stand ich von meinem weichen aber meist schlaflosen Lager mit dem Vorsatz zu entfliehen auf, und legte mich jede Nacht mit Grimm über mich selbst nieder, daß ich den Muth nicht gehabt hatte ihn auszuführen.

Einsmals, da ich mit der ersten Morgenröthe aufgestanden war, und in dem abgelegensten Theile des Waldes, der an Mamiliens Gärten stieß, verdrießlich und unentschlossen herum irrte, kam eine reizende weibliche Gestalt zwischen den Bäumen hervor geschlichen, die mich aufzusuchen schien, und in welcher ich bald eine der vermeinten Nymphen erkannte, die uns in Diokleens Felsenwohnung bedient hatten. Diese Sklavin, Myrto genannt, war eines von den Geschöpfen, die eine allgemeine Empfehlung an die ganze Welt in ihrem Gesichte tragen; und sie redete mich mit so vieler Anmuth und anscheinender Schüchternheit an, daß ich nicht stark genug war, die Unhöflichkeit zu begehen und ihr den Rücken zuzukehren, wie mein erster Gedanke gewesen war, da ich sie erkannte. Sie sagte mir, sie habe schon lange diese Gelegenheit[155] gesucht mich allein zu finden, um mir verschiedene Dinge, die mir nicht gleichgültig seyn könnten, zu entdecken; und nachdem wir uns in einem Gebüsche, wo wir nicht überrascht zu werden besorgen durften, gesetzt hatten, fing sie damit an, mir im engesten Vertrauen eine Menge geheimer Nachrichten von Mamilien mitzutheilen, die nicht sehr geschickt waren den Widerwillen zu mildern, den ich bereits gegen diese Venus Pandemos66 gefaßt hatte. Aber was der guten Nymphe ganz besonders am Herzen lag, war die allzu günstige Meinung herunter zu stimmen, die ich von ihrer Gebieterin Dioklea zu hegen schien. Die umständliche Geschichte, die sie mir von ihr erzählte, würde uns zu weit von der meinigen entfernen; ich will also nur das Wesentlichste davon berühren.

Die sogenannte Dioklea war, unter den Namen Chelidonion, Dorkas, Philinna, Anagallis, und einer Menge anderer dieser Art, schon zwanzig Jahre in Griechenland, Italien und Gallien eine der bekanntesten Personen ihrer Classe gewesen, ehe sie zu Halikarnaß als Prophetin auftrat und sich Dioklea nennen ließ. Ein junger Thessalier hatte sie beinahe noch als Kind zu Korinth einem Manne abgekauft, der mit hübschen Mädchen handelte, und ein feines Sortiment von dieser schlüpfrigen Waare beisammen hatte. Ein paar Jahre hernach bekam ein alter Epikuräer zu Athen Lust zu ihr, als sie mit einer kleinen Truppe von herumziehenden Tänzern und Luftspringern in Gestalt einer Flötenspielerin vor seine Thüre kam: er nahm sie zu sich, und fand großes Belieben daran, die mannichfaltigen Talente, die er in dem Mädchen aufkeimen sah, auszubilden, und ihr die Maximen[156] von Klugheit und Wohlanständigkeit einzuprägen, durch deren Beobachtung sie sich in der Folge so weit über die meisten Personen ihrer Classe erhob. Nachdem sie noch durch verschiedene andere Hände gegangen war, und allerlei Abenteuer bestanden hatte, erschien sie zu Antiochia und Alexandria unter dem Namen Anagallis als die schönste und geschickteste Mimentänzerin, die man jemals in Syrien und Aegypten gesehen hatte. Sie zeigte sich nach und nach in dieser Eigenschaft in verschiedenen Provinzen des Römischen Reichs, und endlich in Rom selbst, wo sie einige der ersten Senatoren und Hofleute unter ihren Anbetern zählte. Nun erschien sie nicht mehr öffentlich auf dem Schauplatz, sondern lebte von den Einkünften ihrer Reize und Geschicklichkeiten, mit dem verschwenderischen Aufwand einer Person, die es in ihrer Gewalt zu haben glaubt, sich überall die Mächtigsten und Reichsten zinsbar zu machen. Indessen hörte sie unvermerkt auf neu und jung zu seyn, die Quellen ihres Aufwands flossen immer spärlicher, und sie fand sich endlich genöthiget, in Gallien, Sicilien und Griechenland ihre vorige Profession wieder auszuüben. Da sie aber die große Wirkung nicht mehr that, die sie in der glänzendsten Zeit ihrer Blüthe zu thun gewohnt worden war, so gab sie diese Lebensart wieder auf, veränderte ihren Namen, und gesellte sich zu einer in Pontus, Cappadocien und Syrien herumwandernden Bande von Isispriestern, deren Gewerbe sie durch ihre erfinderische Einbildungskraft und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente sehr einträglich zu machen wußte. In dieser Epoche ihres Lebens, fuhr die Nymphe fort, war es, wo sie sich mit allen den goëtischen,[157] magischen und theurgischen Mysterien und Künsten vertraut machte, wodurch sie geschickt wurde, einige Zeit darauf, als die besagte Bande durch ein unangenehmes Abenteuer aus einander getrieben worden war, die Rolle einer vorgeblichen Tochter des göttlichen Apollonius zu spielen, und unter dem Schutze der Römerin Mamilia Quintilla, einer erklärten Liebhaberin alles Außerordentlichen, eine Art von Orakelbude in dem heiligen Hain der Venus Urania, der ein Zugehör ihrer Halikarnassischen Güter ist, aufzurichten. Der Name einer Erbin der Wissenschaften des großen Apollonius, der mystische Schleier worein sie sich hüllte, ihre sonderbare Lebensart, und die vielerlei Gerüchte, die sie von ihrer prophetischen Gabe, ihrem geheimen Umgang mit den Göttern, und den Wunderdingen die sie verrichtet hätte, unter das Volk zu bringen wußte, fing schon an in Karien und den benachbarten Gegenden zu wirken, und gab der Prophetin gute Hoffnung, in dem Aberglauben begüterter Thoren eine neue ergiebige Quelle von Einkünften zu finden: als die Entschließung der Dame Mamilia, diese Villa zu ihrem gewöhnlichen Aufenthalte zu machen, der ganzen Sache eine andere Wendung gab. Dioklea wurde nun bekannter mit der edlen Römerin, und bemächtigte sich in kurzem ihrer Zuneigung in einem so hohen Grade, daß sie die vertrautesten Freundinnen wurden: und da die Prophetin kein Geheimniß mehr für ihre neue Freundin hatte, so wurde beschlossen, daß sie die angefangene Rolle, wiewohl mit verschiedenen Abänderungen die zu Mamiliens Absichten nöthig schienen, fortsetzen sollte. Die Mysterien der Venus Urania, zu deren Priesterin sie sich aufwarf,[158] schienen der wollüstigen Römerin eine Menge unterhaltender Scenen zu versprechen, wodurch sie das Einförmige des ländlichen Lebens zu vermannichfaltigen, und ihrem Hang zu romantischen Einfällen und sonderbaren Liebesabenteuern Nahrung zu geben hoffte. Dioklea ordnete alle Einrichtungen an, die in den Gebäuden und Gärten der Villa zu diesem Ende für dienlich gehalten wurden, alles ging nach Wunsch von Statten, und schon mancher Unvorsichtige hatte sich in den Schlingen gefangen, die der treuherzigen oder lüsternen Jugend hier überall gelegt waren, ehe mein Verhängniß, oder – um die Sache mit ihrem rechten Namen zu nennen, meine Thorheit mich, wiewohl auf meine eigene Weise, zu ihrem Nachfolger machte. Es wäre, setzte die geschwätzige Nymphe hinzu, zwischen den beiden Sirenen verabredet, daß Mamilia die Unglücklichen, die ihnen in die Klauen geriethen, sobald ihr die Phantasie zu ihnen vergangen wäre, ihrer dienstfertigen Freundin überließe. Dieses schreckliche Schicksal würde, wofern ich es nicht bereits erfahren hätte, auch das meinige seyn. Sie schilderte mir hierauf die Dame mit den vielen Namen als eine wahre Zaubrerin; es sey nicht anders möglich, sagte sie, das Weib müsse unerlaubte magische Mittel dazu gebrauchen, um die feinsten Männer so unbegreiflich zu verstricken, daß sie in einer Hetäre, die der halben Welt angehört habe, und die ohne die Hülfe der Färbekunst, des Pinsels und aller nur ersinnlichen Geheimnisse des Putztisches, der Kumäischen Sibylle gleich sehen würde, die liebenswürdigste Person ihres Geschlechtes zu umarmen glaubten. Aber dieß sey gewiß, daß ich mir vergeblich schmeicheln würde, jemals[159] diesen Ort verlassen zu können, so lange Dioklea mich zurück behalten wolle; und ich könnte versichert seyn, daß sie dieß so lange wolle, bis sie mich durch ihre verderblichen Liebkosungen zum Schatten abgemergelt, und in ein wahres Gespenst verwandelt haben werde.

Die Lebhaftigkeit, womit die schöne Myrto diese Uebertreibungen vorbrachte, hatte mir ihre Absicht bei der ganzen Vertraulichkeit schon verdächtig gemacht, als sie, nach einer kleinen Pause, mit dem Tone des zärtlichsten Mitleidens und mit aller Verführung, die sie in ihre schwarzen Augen legen konnte, fortfuhr: der Gedanke, daß ein so liebenswürdiger Mann wie ein Wachsbild an dem Zauberfeuer einer so schändlichen Empuse dahin schmelzen sollte67, sey ihr unerträglich; sie hätte seit dem ersten Augenblicke, da sie mich in der Felsenwohnung gesehen, einen Antheil an mir genommen, der sie zu meiner genauen Beobachterin gemacht habe; sie finde mich eines bessern Looses würdig; und kurz, wenn ich ihre uneigennützige Freundschaft mit einiger Gegengunst belohnen wollte, so fühle sie sich stark genug, mir alle Annehmlichkeiten ihrer Lage in diesem Hause aufzuopfern, meine Flucht zu befördern, und mir, an welchen Orte der Welt es mir gefiele, zu folgen.


Lucian.


Das uneigennützige Nymphchen hätte also doch mit dem Rest, den die Empusen von dir übrig gelassen, großmüthig fürlieb genommen?


Peregrin.


Sie war noch uneigennütziger als du denkst; denn es[160] zeigte sich in der Folge, daß sie, wie ihr der Anschlag alles zu haben nicht gelingen wollte, bescheiden genug gewesen wäre, mich mit den Empusen zu theilen. Ich machte mich mit so guter Art als ich konnte von ihr los, indem ich ihr ein unverbrüchliches Stillschweigen über die Geheimnisse, die sie mir vertraut hatte, angeloben mußte. Die Flucht, womit ich schon mehrere Tage umging, war mit so wenig Schwierigkeiten verbunden, daß ich der Hülfe dieser Sklavin dazu nicht vonnöthen hatte. Aber, anstatt daß ihre geheimen Nachrichten von Diokleens bisherigem Lebenslauf, und die Furcht, die sie mir vor ihrer angeblichen Zauberei einzujagen hoffte, meine Lust zum Fliehen hätte vermehren sollen, fand ich mich nach dieser Unterredung weniger dazu geneigt als jemals. Ich konnte mich nicht entschließen, die Villa Mamilia zu verlassen, bevor mich Dioklea eine Probe ihrer so hoch gerühmten Geschicklichkeit in der pantomimischen Tanzkunst hätte sehen lassen. Ich ergriff die erste Gelegenheit, die sich anbot, um zu versuchen ob ich ihr Lust dazu machen könnte, ohne ihr merken zu lassen, daß ich mehr von ihrer Geschichte wisse, als sie mir selbst davon zu entdecken beliebt hatte. Es traf sich, daß einer von den Knaben und eines von den kleinen Mädchen, womit dieses Haus so reichlich bevölkert war, während wir bei Tische saßen, die Fabel von Amor und Psyche ganz artig für Kinder ihres Alters tanzten. Ich möchte wohl, sagte ich, nachdem wir ihnen eine Weile zugesehen hatten, ein so schönes Sujet von der berühmten Anagallis tanzen gesehen haben! Mein Wille war, indem ich dieß sagte, so unbefangen dazu auszusehen, daß Dioklea glauben müßte, ich dächte nicht mehr[161] noch weniger dabei, als wenn ich gewünscht hätte die Glycera des Menanders oder die Corinna des Ovidius gesehen zu haben: aber ich erröthete, zu meinem großen Verdruß, so plötzlich und stark bei dem Namen Anagallis, daß sie leicht merken konnte, ich müsse mehr von ihr wissen als ich das Ansehen haben wollte. Ohne die geringste Betroffenheit in ihrem Gesichte zu zeigen, versetzte sie: du hast also auch von dieser Anagallis gehört? Und da ich mich wunderte, wie sie daran zweifeln könne, flüsterte sie mir lächelnd zu: ich bin eine mächtigere Zaubrerin als du denkst; du sollst sie tanzen sehen, wiewohl sie schon eine geraume Zeit aus der Welt verschwunden ist.

Ein paar Tage darauf lud sie mich zu einem kleinen Schauspiel ein, das sie mir zu Ehren veranstaltet habe. Die Scene war mit zwei Chören von Liebesgöttern, Zephyrn und jungen Nymphen besetzt, die unter einem mit Musik begleiteten Tanz einen Lobgesang auf Amor und Psyche zu singen anfingen. Bald darauf theilten sie sich wieder zu beiden Seiten, und es erschien eine Tänzerin, die mir beim ersten Anblick die nämliche Psyche darstellte, die ich öfters in Mamiliens Galerie betrachtet hatte, wo sie, von der Hand Aëtions gemalt, unter die vorzüglichsten Zierden derselben gerechnet wurde. Ihre Kleidung, von einem sehr zarten Indischen Gewebe, zeichnete mit Anstand und Grazie die zierlichste Jugendgestalt, und eine Fülle der feinsten goldgelben Haare floß in großen ringelnden Locken um ihre schönen Schultern den Rücken hinab. Ohne diese gelben Haare hätte sie beim ersten Anblick Dioklea scheinen können; wiewohl die Tänzerin auch noch schlanker und feiner[162] gebildet schien. Ich betrachtete sie mit einem halb schauderlichen Erstaunen, ungewiß wofür ich sie halten sollte, und beinahe zweifelhaft, ob das was ich sehe nicht wirklich ein Wunder der Zauberkünste sey, deren die Sklavin Myrto ihre Gebieterin beschuldigt hatte. Aber das sogleich angehende Spiel ihrer Arme und Hände, oder vielmehr die bewundernswürdige Musik aller Glieder und Muskeln ihres ganzen Körpers, die mit unbeschreiblicher Fertigkeit, Wahrheit und Anmuth zu einem immer malerischen und vorbildenden Ausdruck der Fabel, deren verschiedene Scenen sie darstellte, zusammenstimmten – bemächtigte sich meiner ganzen Aufmerksamkeit zu stark, um einem andern Gedanken Raum zu lassen. Dieser pantomimische Tanz – der, ohne Hülfe der Wortsprache, bloß von einer melodiösen und ausdrucksvollen Musik unterstützt, in einer allgemein verständlichen, unmittelbar zur Empfindung und Einbildungskraft redenden Sprache, die feinsten Schattierungen nicht nur der stärkern Leidenschaften, sondern sogar der zartesten Gemüthsregungen, den Augen mit der größten Deutlichkeit verzeichnete – gewährte mir ein Vergnügen, das nach und nach zu einem nie gefühlten und beinahe unaushaltbaren Entzücken stieg. Aber was wurde erst aus mir, als auf einmal alle Amoretten und Nymphen verschwanden, und die reizende Psyche in meine Arme flog, mich vollends zu überzeugen, daß sie mir Wort gehalten, und – um mich einen der stärksten Züge aus dem Nektarbecher der Wollust thun zu lassen – wieder Anagallis geworden sey! – O gewiß warst du eine Zaubrerin, Dioklea! wiewohl in einem andern Sinn als es die uneigennützige Myrto nahm; in dem einzigen, worin[163] es vermuthlich jemals Zaubrerinnen gegeben hat: denn alles was Natur und Kunst Reizendes, Verführerisches und Seelenschmelzendes haben, war in dir aufgehäuft! Wer hätte, mit einer Empfindlichkeit wie die meinige, deinen Zaubereien widerstehen können! – Diese einzige Stunde, Lucian, warf mich auf einmal mitten in den Taumel der ersten Tage meiner Verirrungen zurück: und da die Gefälligkeit der wieder auferstandnen Anagallis eben so unerschöpflich war, als die Quelle dieser neuen Art von Unterhaltung, wozu ich ihr so unverhofft Gelegenheit gemacht hatte, so dauerte dieser neue und letzte Rückfall länger, als ich dir ohne Beschämung gestehen dürfte.


Lucian.


Ich glaube gar, du willst dir noch leid seyn lassen, daß die Götter des Vergnügens mit ihren Wohlthaten so verschwenderisch gegen dich gewesen sind? Täuschung oder nicht! welcher König (möchte ich mit Anagallis-Dioklea sagen), ja welcher Weise in der Welt hätte sich nicht um diesen Preis täuschen lassen wollen!


Peregrin.


Um die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen, lieber Lucian, mußt du dich in meine eigenste Person hineindenken, und den Zustand, worin du mich so neidenswürdig findest, mit demjenigen vergleichen, worin ich von Kindheit an aufgewachsen war, und der im Grunde als eine bloße Entwicklung meines Ichs anzusehen ist. Wäre meine vorige Gemüthsverfassung, und die ganze Sinnesart, woraus sie entsprang, bloß das Werk einer unfreiwilligen Beraubung angenehmer Gegenstände, und also eines nothgedrungnen Bedürfnisses, den Mangel eines[164] reellen Genusses durch Chimären zu ersetzen – kurz, wäre das hohe Selbstgefühl, die innere Ruhe, die Zufriedenheit mit mir selbst, das Ahnden einer erhabenen Bestimmung, und das Aufstreben zu idealischer Vollkommenheit, die mein vormaliges Glück ausmachten, bloße Täuschung gewesen: dann wäre wohl nichts begreiflicher, als warum sie gegen eine Kette der lebhaftesten und ausgesuchtesten Vergnügungen der Sinne und des Geschmacks, welche keine Täuschungen sind, nicht hätten aushalten können. Aber jene Ideen und Gesinnungen, wie viel oder wenig sie auch mit Wahnbegriffen in meinem Kopfe verschlungen seyn mochten, waren meinem Gemüthe natürlich und wesentlich; die moralische Venus, die meinem Geiste vorschwebte, war kein Phantom, sondern ewige unwandelbare Wahrheit; nicht dieses Ideal, sondern meine durch erwachende Naturtriebe überraschte Phantasie, hatte mich in das künstliche Netz gelockt, das meiner erfahrungslosen Jugend von sinnlicher Liebe und Wollust gestellt wurde. Dieß, däucht mich, macht einen großen Unterschied; und bei dieser Bewandtniß der Sache ist wohl nichts natürlicher, als daß ich keine dauernde Zufriedenheit in einem Zustande finden konnte, worin tausend andere sich viele Jahre lang den Göttern gleich geachtet hätten.

Indessen dauerte doch dieser letzte Rückfall in das goldne Netz der Zaubrerin Dioklea lange genug, daß ich das Vergnügen hatte mein beliebtes Rosenwäldchen zum zweitenmale in voller Blüthe zu sehen. Während dieser Zeit hatte Mamilia mehr als Einmal den Einfall gehabt, und Mittel gefunden, ihre vernachlässigten Ansprüche wieder geltend zu machen: da sie aber, nach ihrer leichten Sinnesart, bloß die Vergnügung[165] einer augenblicklichen Laune suchte, und weder zu lieben wußte noch geliebt zu werden verlangte, so schien sie mich ihrer Freundin immer wieder mit eben so wenig Eifersucht zurückzugeben, wie sie ihr alles übrige, was sie hatte, zum Gebrauch überließ. Denn dieß that sie mit so wenigem Vorbehalt, daß ein Fremder lange ungewiß bleiben konnte, welche von beiden die Dame des Hauses sey. Ueberdieß brachte sie einen großen Theil der Zeit, die ich noch hier verweilte, bald zu Milet, bald auf ihren Gütern zu Rhodus zu, und schien sich ohne uns gut genug zu belustigen, um von unserm Thun und Lassen keine Kenntniß zu nehmen.

Dioklea bediente sich dieser Freiheit mit so vieler Behutsamkeit, hatte eine so große Mannichfaltigkeit reizender Formen und Umgestaltungen in ihrer Gewalt, wußte auf so vielerlei Art zu gefallen, und dem Ueberdruß durch eine so große Abwechslung und eine so feine Mischung der Vergnügungen der Sinne, der Einbildungskraft und des Geschmacks zuvorzukommen, daß sie sich mit einigem Rechte schmeicheln konnte, einen bei eben so vieler Empfindsamkeit weniger sonderbaren Menschen als ich war, noch ziemlich lange in ihren Fesseln zu erhalten. Gleichwohl konnte sie mit allen ihren Künsten nicht verhindern, daß die Täuschung, die dazu gehörte, wenn sie sich sogar in den Augen eines sehr von ihr eingenommenen Zuschauers in eine Psyche, Danae, oder Leda verwandeln sollte, immer schwerer wurde, je öfter man sie in dergleichen Rollen gesehen hatte; und wie nichts unterm Monde vollkommen seyn kann, so war es ganz natürlich, daß sie mir, nachdem die Stärke des ersten Eindrucks durch öftere Wiederholung geschwächt[166] worden war, zuletzt immer weiter unter dem Ideale zu bleiben schien, dem sie so nahe als möglich zu kommen sich beeiferte.

Die Zeit, da auch dieser Talisman alle seine Zauberkraft an mir verlor, rückte immer näher heran, als die schöne Mamilia auf den Einfall gerieth, die bevorstehenden Dionysien durch ein großes Bacchanal zu feiern, wobei Dioklea die Ariadne und ich den Bacchus vorstellen sollte.

Du wirst mich, denke ich, gern mit einer Beschreibung dieses Festes verschonen, dessen ich mich ungern erinnere, wiewohl es würdig gewesen wäre, einem Sardanapal68 oder Elagabalus gegeben zu wer den. Die üppige Römerin, die sich viel darauf zu gut that, die ganze Einrichtung dieser Lustbarkeit mit allen ihren Scenen selbst erfunden und angeordnet zu haben, hatte sich vorgesetzt, die Darstellung eines ächten Bacchanals, wie es von Malern und Dichtern geschildert wird, so weit zu treiben als sie nur immer gehen könnte; und sie hatte zu diesem Ende eine ziemliche Anzahl frischer wohl gebildeter Jünglinge aus ihren weitläufigen Landgütern zusammengebracht, welche die Faunen und Satyrn vorstellen mußten, während sie selbst sich an der bescheidenen Rolle einer gemeinen Bacchantin genügen ließ. Aber, ihrer Meinung nach, der feinste Zug von Imagination an dem ganzen Feste, und etwas, wodurch sie mich auf eine sehr angenehme Art zu überraschen hoffte, war: daß sie mit ihrer immer gefälligen Freundin die Abrede genommen hatte, wenn diese, als Ariadne, ihre Person bis zum letzten Act gespielt haben würde, sich, unter Begünstigung der Dunkelheit, unvermerkt an ihren Platz zu[167] setzen, und das übrige in ihrem Namen vollends auszuspielen. Der arme Bacchus, von einer zweifachen Trunkenheit erhitzt, fand den Betrug, als er ihn endlich entdeckte, so angenehm, daß er in dem Taumel, worein der Zusammenfluß so vieler berauschenden Umstände seine Sinne setzte, mehr Bacchus war als einem Sterblichen geziemet. Mamilia ließ nichts, was dem Charakter einer Bacchantin Ehrema chen konnte, unversucht, ihn dazu aufzumuntern; und um dieses ächte Satyrspiel mit einem recht lustigen Ende zu krönen, mußte zuletzt Ariadne an der Spitze eines Schwarms von Faunen, Satyrn, Mänaden, Amoretten und Nymphen, alle mit Fackeln in der Hand, unversehens dazu kommen, und ihren Ungetreuen, unter einem ungezähmten Gelächter des ganzen Thyasos69, auf der That ertappen.

Dieser letzte Zug stellte den bestürzten After-Bacchus auf einmal in die vollkommenste Nüchternheit her, und der Zauber, unter welchem er so lange gelegen, war unwiederbringlich aufgelöst. Ein Mensch, der in einem entzückenden Traum an Jupiters Tafel mitten unter den seligen Göttern gesessen hätte, und im Erwachen sich von Gespenstern, Furien, Gorgonen und Harpyien umzingelt fände, könnte von keinem grauenvollern Erstaunen ergriffen werden, als ich, da ich mich in einer solchen Lage dem unsittigen Muthwillen einer solchen Gesellschaft Preis gegeben sah. Indessen behielt ich doch so viel Gewalt über mich selbst, daß ich die Bewegungen zurückhielt, deren Ausbruch meine Demüthigung nur vergrößert, und die Entschließung, die ich auf der Stelle faßte, vielleicht unausführbar gemacht haben würde. Aber sobald das Unvermögen[168] es länger auszuhalten diesen Scenen der wildesten Schwärmerei endlich ein Ende machte, und die sämmtlichen Bewohner der Villa, die daran Theil genommen hatten, in einen allgemeinen Schlaf versunken lagen: raffte ich mich auf, bekleidete mich mit der einfachsten Kleidung die ich finden konnte, und verließ, ohne von Mamilien und ihrer Freundin Urlaub zu nehmen, mit einem Vorrath neuer Begriffe und Erfahrungen, den ich mit dem Verlust meiner Unschuld und Gemüthsruhe theuer genug bezahlt hatte, diesen verhaßten Boden, ohne auch nur Einen Blick auf die Wunder der Natur und Kunst, womit er bedeckt war, zurückzuwerfen.


Lucian.


Vermuthlich war dieß gerade was die edle Römerin wollte. Denn, ich kann dir nicht bergen, dieses Bacchanal, und diese Abrede mit der ehrwürdigen Venuspriesterin Anagallis, hat mir ganz das Ansehen eines Anschlags, einen Menschen, der uns lästig zu werden anfängt, mit guter oder böser Art los zu werden. Die scharfsichtige Dioklea mußte dich zu gut kennen, um die Wirkung, die ein so übertrieben ausschweifendes Possenspiel auf dich thun mußte, nicht voraus zu sehen.


Peregrin.


Ich denke du hast es getroffen, ob ich gleich noch immer glaube, daß Dioklea bei dieser ganzen Sache bloß einer allzu großen Gefälligkeit gegen ihre Freundin schuldig war. Wie es aber auch damit seyn mochte, so war doch jeder Tag, um den ich eher aus diesen Sirenenklippen entrann, Dankes werth; und wenn ich ihn auch dem Ueberdruß der edlen Mamilia[169] Quintilla schuldig gewesen wäre. Allein so viel Gutes traute ich ihr damals nicht zu; ich besorgte vielmehr, daß es der launischen und viel vermögenden Römerin leicht einfallen könnte, mir nachsetzen zu lassen. Diese unnöthige Furcht bewog mich, sobald ich zu Halikarnaß anlangte, anstatt den Weg gerade nach Milet zu nehmen, tiefer ins Land hineinzugehen; wo ich einige Wochen in großer Verborgenheit damit zubrachte, dem was mit mir vorgegangen war nachzudenken, und zu überlegen, was für Mittel mir übrig geblieben seyn könnten, das so übel verfehlte Ziel meiner Wünsche zu erreichen.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 16, Leipzig 1839, S. 121-170.
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