Sechster Abschnitt.

[3] Peregrin (fährt in seiner Geschichte fort).


Nach etlichen Jahren erfolgte der Tod meines Vaters; plötzlich, aber niemand befremdend, da man, seiner Leibesbeschaffenheit und Lebensweise nach, schon lange voraus vermuthet hatte, daß ein Stickfluß etwas früher oder später seinem Leben ein Ende machen würde. Keiner Seele in Parium, am wenigsten mir selbst, fiel nur der Gedanke einer Möglichkeit ein, daß nach mehrern Jahren die boshafteste Verleumdung fähig seyn könnte, von diesem Umstande den Stoff zu jenem schändlichen Gerüchte herzunehmen, dessen dein ungenannter Redner zu Elis sich so boshaft und zuversichtlich gegen mich bedient hat. Das gute Vernehmen, welches immer zwischen meinem Vater und mir, der Verschiedenheit unsrer Grundsätze und Neigungen ungeachtet, verwaltete, und die Achtung, in welche mein sittlicher Charakter und ein Betragen, das keiner Art von Verleumdung die mindeste Blöße gab, mich bei meinen Mitbürgern gesetzt hatte, machte einen solchen Argwohn eben so unnatürlich, als es die That selbst[3] gewesen wäre. Meines Wissens hatte ich um diese Zeit in ganz Parium keinen Feind. Der einzige Menekrates, der seit mehrern Jahren alle nur ersinnliche Künste der Erbschleicherei (die du in deinen Todtengesprächen so meisterlich geschildert hast) angewandt hatte, um sich eine ansehnliche Stelle in dem letzten Willen meines Vaters zu verschaffen, ließ mich einige Erkältung seiner Freundschaft spüren, nachdem sich bei Bekanntmachung des Testaments gezeigt hatte, daß seiner gar nicht darin erwähnt, und nur seine Gemahlin Kallippe, als Nichte meines Vaters, mit einem nicht sehr erheblichen Legat bedacht worden war. Die Wahrheit zu gestehen, auch diese Dame, die seit meiner Zurückkunft nach Parium ihre alten Ansprüche an mich bei jeder Gelegenheit ohne Erfolg erneuerte, gab mir seit Eröffnung des Testaments wenig Ursache, sie für meine besondere Gönnerin zu halten; indessen kam ihr Mißvergnügen doch zu keinem öffentlichen Ausbruch. Erst nachdem ich durch meine Entfernung von Parium, und durch das Gerüchte, daß ich unter die Christianer gegangen sey, ein Gegenstand des allgemeinen Tadels meiner Mitbürger geworden war, erlaubte sie sich (wie ich lange nachher erfuhr) Anmerkungen und Winke über mich, die den ersten Grund zu der Verleumdung legten, auf welche ich zu rechter Zeit wieder zurückkommen werde.


Lucian.


Ich brauche dich wohl nicht erst zu versichern, mein Bester, daß du bei mir schon gerechtfertiget bist. Wäre die Rede nur von irgend einer großen Narrheit, so wirst du mir erlauben zu sagen, daß meine Partei genommen wäre: aber wer dich[4] eines Bubenstücks beschuldiget, hat seinen Proceß bei mir verloren, und wenn er auch ganz Mysien zum Zeugen gegen dich aufstellen könnte. Doch, das versteht sich von selbst. – Wohlan denn, Freund Peregrin! das einzige Hinderniß, das deiner gänzlichen Vereinigung mit den Christianern im Wege stand, ist nun fortgeräumt; du bist frei und Herr über ein ansehnliches Vermögen – Doch nein! ich vergesse, daß du dir bereits einen unsichtbaren Herrn gegeben hast, dessen sichtbare Hausverwalter schon vorläufig bedacht gewesen waren, dich aller Sorge, was du mit deinem Erbgut anfangen wollest, zu entbinden. Vermuthlich hattest du nun nichts Angelegneres, als alles je eher je lieber dem wundervollen Unbekannten zu Füßen zu legen?


Peregrin.


Das konnte nicht fehlen. Sobald ich von der ganzen Erbschaft, die sich nach Abzug einiger Vermächtnisse auf zweihundert und zwanzig Talente1 belief, Besitz genommen hatte, schrieb ich an Hegesias: ich hoffte, man würde nun kein längeres Bedenken tragen, in meine gänzliche Absonderung von den Kindern der Finsterniß einzuwilligen, und zu erlauben, daß ich mich selbst, und alles was ich besäße, einzig und allein dem Dienst unsers Herrn und der Beförderung seines Reiches aufopferte.

In der That hatte Hegesias, durch seine Verbindungen mit den vornehmsten Kaufleuten und Wechslern in den Asiatischen Handelsplätzen, bereits auf eine so gute Art, daß ich ihm noch dafür verbunden seyn mußte, dafür gesorgt, daß ein großer Theil meines Vermögens schon zu seinen Befehlen[5] stand. Er begnügte sich also, ohne etwas Bestimmtes auf mein Ansuchen zu antworten, mir eine Zusammenkunft in Nikomedien vorzuschlagen, wo wir uns mündlich darüber besprechen könnten; als bis dahin er von dem Propheten (wie Kerinthus gewöhnlich von seinen Anhängern genannt wurde) zu vernehmen hoffte, was der Wille unsers Herrn in Absicht meiner wäre.

Auf diese Antwort beschleunigte ich meine Abreise mit Ungeduld; und nachdem ich alle meine Angelegenheiten zu Parium in Ordnung gebracht, schiffte ich mich, unter dem Vorwande die mir angefallnen Landgüter in Bithynien zu besichtigen, nach Nikomedien ein, ohne mich das gemächliche Leben, welches ich im Schooße des Vergnügens unter meinen Mitbürgern hätte genießen können, auch nur einen Augenblick dauern zu lassen; so voll war meine ganze Seele von den Herrlichkeiten, die in der Gemeinschaft der Kinder des Lichts auf mich warteten, und von dem hohen Beruf, dem ich entgegen eilte! Denn wie konnte der höchste Stolz eines Sterblichen einen größern Gedanken erstreben, als an dem glorreichen Werk aller Aeonen, welche ihre göttlichen Kräfte und Einflüsse zur Zerstörung des Reichs des Gottes dieser Welt und seiner Dämonen vereinigten, ein Mitarbeiter zu seyn, und eine neue Erde unter dem Scepter des menschgewordnen Logos2 regieren zu helfen? – Du kennest doch diese Sprache, Lucian?


Lucian.


Meinen Ohren wenigstens ist sie nicht so fremd als meiner Vernunft.


[6] Peregrin.


Auch dieser wird sie sehr verständlich seyn, wenn ich dir diese vorgeblichen Geheimnisse der Geisterwelt aus der räthselhaften Bildersprache unsrer Secte in die gewöhnliche Menschensprache übersetze. Erinnere dich der großen Entwürfe eines Alexanders und Julius Cäsars, – aus dem ganzen Erdboden ein einziges Reich, aus allen Völkern eine einzige Nation zu machen, diesem ungeheuern Reiche eine einzige Hauptstadt zum Mittelpunkt zu geben, und in diesem Mittelpunkt ihr stolzes Selbst zur regierenden Seele des Ganzen zu machen.

Mein Kerinthus hatte keinen kleinern Plan; und wiewohl es ihm mit dem seinigen nicht besser gelang als dem großen Alexander, so bin ich doch gewiß, daß er sich schmeicheln darf, den ersten Grund zu der großen Revolution gelegt zu haben, die wir in den Zeiten der Theodosier zu Stande kommen sahen. Diese furchtbare Umkehrung der Dinge, die er mir gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft so feierlich ankündigte, der Untergang des Reichs der Dämonen, das Herabsteigen der Stadt Gottes, zu welcher sich die Völker der Erde versammeln, und deren blitzende Strahlen die Feinde des Lichts verzehren sollten – alle diese pompösen Bilder waren keine Worte ohne Sinn; ganz gewiß wußte er was er damit sagen wollte: und was konnte dieß anders seyn, als daß es der neuen Theokratie der Christianer gelingen werde, die alte Religions- und Staatsverfassung umzustürzen? Diese Revolution zu bewirken und zu beschleunigen, war der wahre Zweck des geheimen Ordens, wovon ich einige Jahre nicht sowohl ein sehendes Mitglied, als ein blindes Werkzeug war.


[7] Lucian.


Dein Kerinthus war ein kalter kluger Mann. Ein so warmer treuherziger Enthusiast, wie du, war zu seinem Plane sehr gut zu gebrauchen, aber nur so lange als man deine Vernunft in dem gehörigen Helldunkel zu erhalten wußte. Alles war verloren, wenn man dich sehen ließ, was hinter dem hoch tönenden mystischen Prunk verborgen steckte, und wie natürlich diese theurgische Magie war, womit man die herrschende Leidenschaft deiner Seele gefesselt hatte.


Peregrin.


Der Erfolg wird zeigen, daß du richtig gerathen hast, Lucian. Hegesias empfing mich zu Nikomedien mit der zärtlichsten Bruderliebe; führte mich in die dortige Gemeine ein, welche nicht sehr zahlreich, aber gänzlich unter dem Zauber des Kerinthus war; bezeugte mir die Zufriedenheit des Vorstehers über die Treue, die ich bisher in dem angefangenen Werke meiner Heiligung bewiesen hätte, und endigte mit der Versicherung: daß er nun kein Bedenken mehr trüge, den letzten Vorhang wegzuziehen, und mich in Geheimnisse schauen zu lassen, welche selbst dem größern Theile der Brüder nur in Bildern und Symbolen geoffenbaret würden.

Dieses Versprechen spannte, wie du denken kannst, meine Erwartung auf den höchsten Grad; und Hegesias, dem das Mystagogenamt hierbei aufgetragen war, wußte dem geheimen Unterricht, den ich nun einige Wochen lang von ihm empfing, alles das Feierliche, Heilige und Magische zu geben, wodurch seine Wirkung auf ein Gemüth, wie das meine, zehnfach verstärkt werden mußte. Die Gnosis umleuchtete mich wie[8] ein überirdisches Licht, das aus offnem Himmel auf mich herabströmte; ich fühlte mich davon emporgetragen, fühlte die schauervolle Gegenwart und das gewaltige Eindringen der göttlichen Urkräfte in das Innerste meines Wesens, und glaubte, mit Einem Worte, in manchen Augenblicken jenes hohe dämonische Leben, jenes unmittelbare Zusammenfließen mit der göttlichen Natur – ein Gefühl, unter welchem (wie viel Täuschung auch dabei seyn mag) alle menschliche Sprache einsinkt – wirklich zu erfahren, wovon in meiner ersten Jugend, und in dem Hain Uraniens zu Halikarnaß, nur der schwache Schimmer leiser Vorempfindungen (wie ich jetzt wähnte) in meiner Seele aufgedämmert hatte. – Vermuthlich würde eine ausführliche Darstellung dieser erhabenen Gnosis wenig Interesse für dich haben –


Lucian.


Darauf kannst du dich verlassen! nicht das allermindeste!


Peregrin.


Ich begnüge mich also zu sagen, daß sie weder mehr noch weniger als ein Gewebe von theosophisch-magischen Träumereien war, welche Kerinthus eben so leicht den Grundbegriffen des damaligen Christenthums anzupassen wußte, als sie sich mit jeder andern Moral und Religion in Verbindung setzen ließen. Denn es war eine der natürlichen Folgen seiner Theorie, daß der menschliche Geist, trotz der dichten Rinde von kaltem und finsterm Stoffe, womit er nach seiner Verbannung aus den empyreischen Wohnungen umzogen worden, doch nie so ganz verfinstert geblieben sey, daß nicht, gleichsam durch die Risse und Spalten dieser Kruste, einige Funken und[9] Strahlen des allumfließenden Oceans von Feuer und Licht, der sich ewig aus dem Abyssus3 der Gottheit ergießt, in sie eingedrungen wären, und –


Lucian.


Genug, genug, lieber Peregrin! – Mir ist nichts unausstehlicher als diese dithyrambische Art von Philosophie, die sich die Miene gibt, das unergründliche Geheimniß der Natur ausfindig gemacht zu haben; und doch mit allen den Phantasiebildern, in welche sie ihre vorgeblichen Offenbarungen verkleidet, entweder nichts, als was jedermann schon längst gewußt hatte, offenbart, oder geradezu platten Unsinn sagt. Indessen hat mich gleichwohl die Neugier einst verleitet, unter so vielen andern Ausgeburten der menschlichen Thorheit, mich auch mit diesem gnostischen Aberwitz bekannt zu machen: und du kannst also getrost voraussetzen, daß es überflüssig wäre, dich über das ganze theurgische System deines hochwürdigsten Propheten weiter auszubreiten; wie viel oder wenig es auch mit dem Ebionitischen, Valentinianischen4, und andern dieser Art, wovon es in der Folge verschlungen wurde, gemein haben mochte. Die Vollständigkeit deiner eigenen Geschichte wird, denke ich, nichts dadurch verlieren.


Peregrin.


Erlaube mir nur noch diese einzige Anmerkung. Es kommt bei dieser gnostischen Theosophie alles im Grunde darauf an, daß die abstracten Begriffe der gemeinen Philosophie darin versinnlicht, und den Wörtern, wodurch sie bezeichnet werden, die unbekannten Wesen und Urkräfte selbst, wovon jene metaphysischen Begriffe nur leere Hülsen sind,[10] untergelegt werden: und gerade dieß war es, was diese Art zu philosophiren für alle warmen Köpfe und glühenden Herzen eben so anziehend und verführerisch machte, als sie den kalten Köpfen deiner Art immer verächtlich seyn mußte. Ihr wußtet, daß die Göttin, in deren Arme man euch zu führen versprach, nur ein Wolkengebilde war; was für Genuß hätte euch also eine wissentliche Täuschung verschaffen können? Wir Ixionen hingegen glaubten in der Wolke die Göttin, deren Gestalt sie uns vorspiegelte, selbst zu umfassen, und fühlten uns selig, nicht nur weil wir nicht wußten daß wir getäuscht wurden, und also unser Genuß (so lange die Täuschung dauerte) wirklich war; sondern auch, weil die Aehnlichkeit der Wolke mit der Göttin etwas Wirkliches, und also der Gegenstand, der uns in diese Entzückungen setzte, mehr als ein bloßes Hirngespinnst war. Denn, wofern auch dem Menschen in jenem irdischen Leben alle unmittelbare Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt versagt ist, so wird doch niemand zu läugnen begehren, daß in dem unergründlichen Geheimnisse der Natur (wie du es nanntest) etwas sey, das sich zu den Aeonen oder Urkräften der Gnostiker, und dem ewigen Urwesen, aus welchem sie ausströmen, ungefähr so verhält, wie die Juno der Fabel zu der Wolke, womit Jupiter den Ixion täuschte. Immerhin mögen also die Bestrebungen der wärmsten Einbildungskraft, sich zum wirklichen Anschauen dieser unerreichbaren Gegenstände zu erheben, vergeblich seyn: so sind doch diese Gegenstände selbst wirklich; so besitzt doch die menschliche Seele das Vermögen sich eine Art von Schattenbildern von ihnen zu machen; und so ist begreiflich, wie jenes bloße Bestreben in[11] den innern Sinnen begeisterter Menschen Gefühle und Erscheinungen hervorbringen kann, die bei aller Täuschung noch immer Realität genug haben, um das Subject derselben, wenigstens seiner eigenen Schätzung nach, unbeschreiblich glücklich zu machen.


Lucian (lächelnd).


Ich glaube etwas davon zu begreifen, Freund Peregrin. Aber weiter, wenn ich bitten darf!


Peregrin.


Der geheime Unterricht, den mir Hegesias während meines Aüfenthalts zu Nikomedien ertheilte, anstatt daß er der letzte Grad meiner Initiation gewesen seyn sollte (wie ich mir schmeichelte), war ohne allen Zweifel vielmehr eine Art von Probe, worauf man mich stellte, um zu sehen, ob ich würdig sey zum Aufschlusse des wahren Geheimnisses zugelassen zu werden. Denn in diesem Punkte sich nicht zu irren, mußte ihnen aus mehr als Einer Rücksicht sehr angelegen seyn. Wäre meine Vernunft damals schon meiner Phantasie mächtig genug gewesen, daß ich – anstatt alle diese Blendwerke einer den Thatsachen des Christenthums untergelegten theurgischen Magie (woraus die Gnosis des Kerinthus größtentheils zusammengewebt war) im Wortverstande zu nehmen und mich unbeschreiblich dafür zu erhitzen – vernünftige Zweifel gegen den wörtlichen Sinn derselben und gegen ihre Uebereinstimmung mit der reinen Lehre des Gottgesandten geäußert, und den scharf sehenden Menschenkenner Hegesias durch mein ganzes Benehmen überzeugt hätte, daß ich durch schimmernde Luftgestalten nicht zu täuschen sey: so würde er wohl kein Bedenken[12] getragen haben, mir das Innere des Ordens wirklich aufzuschließen, mich des Unterschiedes zwischen seiner exoterischen und esoterischen Lehrart5 zu verständigen, und, kurz, mir zu vertrauen, daß der buchstäbliche Sinn nur für die schwächern und schwärmerischen Seelen, der moralische und politische hingegen (der alles wieder in die natürliche Ordnung der Dinge einleitete, und welchem jener nur zur Hülle dienen sollte) nur für die Wenigen sey, die an der Spitze der ganzen Verbrüderung standen, und eben darum heller sehen mußten als die übrigen. Aber einen Enthusiasten meiner Art, einen Menschen, dem das, was Kerinthus und Hegesias nur als Mittel zu ihrem Zwecke gebrauchten, der Zweck selbst war, und dem, so wie man die Binde von seinen Augen genommen hätte, auf einmal alle Lust zum Werke vergangen wäre, konnte man unmöglich in ein Geheimniß von dieser Wichtigkeit sehen lassen.

Sie beschlossen also (wie die That zeigte) den einzigen Gebrauch von mir zu machen, wodurch ich ihrer Sache wirklich Nutzen schaffen konnte, und wozu ich mich selbst so treuherzig darbot. Sie bemächtigten sich, zu Beförderung des Reichs Gottes, nach und nach mit meinem besten Willen, meines Erbgutes; mich selbst aber, sobald sie sahen, daß der Eifer für die Ausbreitung der heilsamen Lehre (wie sie ihre Gnosis nannten) meine ganze Seele in Flammen gesetzt hatte, bestimmten sie in den Missionen zu arbeiten, welche der Orden in allen Theilen der Asiatischen und morgenländischen Provinzen des Römischen Reichs unterhielt. Denn außerdem,[13] daß sie mich bereit sahen, für die Sache Gottes (wofür ich die ihrige ansah) alles Mögliche zu wagen und zu leiden, glaubten sie in meinen Fähigkeiten und selbst in meinem Aeußerlichen alles zu finden, was ihnen einen glücklichen Proselytenmacher in meiner Person versprechen konnte. Ein einziges Requisit ging mir noch ab: ich sah für einen Missionär noch zu wohl genährt aus. Aber dafür wußte der kluge Hegesias in kurzem Rath zu schaffen. Das heilige Werk, wozu mich der Herr erwählt hatte, erforderte eine strenge Vorbereitung; und so mußte ich einige Monate lang so viel fasten, wachen und beten, daß die wenige Nahrung und die vielen in erhitzender Betrachtung und Contemplation durchwachten Nächte mir bald genug das Ansehen eines Indischen Büßers gaben, welches in der That ein wesentliches Erforderniß zu dem Beruf ist, dem ich mit brennendem Verlangen entgegenging.

Endlich kündigte mir Hegesias an, daß er eine Reise zu machen hätte, auf welcher ich sein Gefährte seyn würde. Wohin, sagte er mir nicht, und mir war es nicht erlaubt zu fragen; denn ein unbedingter Gehorsam gegen alle Winke des Vorstehers – von welchem vorausgesetzt wurde, daß er seine Verhaltungsbefehle unmittelbar von unserm Herrn empfange – war eine der ersten Pflichten, zu deren Erfüllung ich mich, vor meiner angeblichen Einführung in das innere Heiligthum des Ordens, verbindlich gemacht hatte. Hegesias selbst schien in diesem Stücke nichts vor mir voraus zu haben. Er verbarg mir sorgfältig, daß er die rechte Hand, ja, im eigentlichen Verstande des Wortes, das Factotum des hochwürdigen[14] Kerinthus war, und wollte dafür angesehen seyn, daß er ein eben so blindes und passives Werkzeug in der Hand des Herrn sey als ich selbst.

Nach einer langen Wanderschaft, auf welcher wir Bithynien, Galatien und Phrygien die Kreuz und die Quer durchzogen und überall die Brüder besucht und gestärkt hatten, langten wir endlich zu Ikonium an, wo Kerinthus eine der ansehnlichsten Pflanzschulen seiner Secte angelegt hatte. Wir fanden ihn mitten unter seinen Zöglingen, welche (wie ich in der Folge erfuhr) theils von ihm selbst, theils von einem seiner Vertrauten, zu der nämlichen Bestimmung, wozu der Herr meine Wenigkeit erwählt hatte, ausgebildet wurden. Kerinthus empfing mich mit aller Zärtlichkeit und Offenheit, die mich (falls ich noch gezweifelt hätte) gewiß machen mußten, daß ich ein Jünger von der vertrautesten Classe sey, und daß er vor mir kein Geheimniß mehr habe; und, so lange ich zu Ikonium lebte, zeichnete er mich durch tausend Merkmale einer besondern Achtung vor den übrigen Brüdern, welche, wie ich, zum fahrenden Apostolat bestimmt waren, aus. Nichts konnte, bei allem Anschein von der offensten Mittheilung, feiner seyn als sein Betragen gegen mich; wiewohl ich diese Reflexion zu machen erst lange nachher fähig war, und damals alles so für wahr nahm wie es schien. Um dir nur ein einziges Beispiel davon zu geben, so wußte er es so einzurichten, daß ich es selbst war, der die erste Anregung von dem Amte, wozu er mich bestimmt hatte, that, indem ich ihm davon als von einem Geschäfte sprach, wozu ich mich innerlich berufen fühlte. – »Ich zweifelte keinen Augenblick (war seine Antwort), als mir[15] geoffenbaret wurde daß du zu diesem hohen Beruf erwählt seyest, daß dir auch die Gewißheit davon in deinem Innersten würde gegeben werden.«

Von dieser Zeit an unterhielt er sich mit mir, so oft wir allein waren, von keinen andern Gegenständen, als die sich auf dieses Geschäft bezogen, und theilte mir eine Menge Verhaltungsregeln und Cautelen mit, die ich dabei zu beobachten haben würde. Er verbarg mir nicht, daß von mehr als fünfhundert größern und kleinern Brüdergemeinen, welche damals durch Asien, Syrien und Aegypten zerstreut waren, kaum der siebente Theil in näherer und unmittelbarer Verbindung mit ihm stehe; und daß es daher von unumgänglicher Nothwendigkeit sey, zahlreiche Arbeiter auszusenden, um der Verwirrung, dem Mißtrauen und den Spaltungen, welche der Geist der Finsterniß unter den Gemeinen zu unterhalten geschäftig sey, vorzubeugen, und alle diese zerstreuten Schafe, durch die engeste Verbindung ihrer Hirten unter einander, nahe genug beisammen zu haben, um die Stimme des Oberhirten immer hören zu können, und von keinen blinden oder betrügerischen Leitern irre geführt zu werden. Er ließ sich hierüber, besonders über die Klugheit, womit die Vorsteher der verschiedenen Gemeinen geprüft, behandelt und gewonnen werden müßten, in sehr genaue Instructionen ein, die ich übergehe, weil sie mich zu weit von mir selbst abführen, und einem Menschenkenner, wie du, wenig Neues sagen würden.


Lucian.


Ich muß gestehen, Peregrin, daß ich der Entwicklung dieses Theils deiner Geschichte mit Verlangen entgegen sehe.


[16] Peregrin.


Wir kommen ihr immer näher, lieber Lucian. Nur Eines Umstandes muß ich, ehe ich mein sogenanntes Apostolat wirklich antrete, noch vorher erwähnen; und dieser war, daß ich während meines Aufenthalts zu Ikonium, unter andern jungen Männern, die in der Pflanzschule des Kerinthus beisammen lebten, einen kennen lernte, der meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben würde, wenn ihn der Vorsteher auch nicht durch eine besondere Art von fein beobachtender Hochachtung von den andern unterschieden hätte. Er nannte sich Dionysius, war (dem Ansehen nach) einige Jahre älter als ich, und hatte Paphlagonien (wo er aus einer kleinen Stadt gebürtig war) schon in seinen ersten Jünglingsjahren verlassen, um sich zu Athen aus einem Paphlagonier6 zu – einem Menschen bilden zu lassen. Nachdem er in dieser ehrwürdigen Grabstätte der Sokraten und Platonen über zehn Jahre von einer Philosophenschule zur andern herumgeirret und nirgends hinlängliche Befriedigung gefunden hatte, begab er sich, um mit der Natur und den Menschen durch eigenes Anschauen bekannt zu werden, auf Reisen; durchwanderte Griechenland, Italien, Gallien, Spanien, das Römische Afrika und Aegypten; wurde zu Alexandrien mit Hegesias, und durch diesen mit Kerinthus bekannt, und gefiel sich so wohl bei diesen Männern (welchen, wenn sie jemand an sich ziehen wollten, schwerlich zu widerstehen war), daß er, nachdem sie einander eine Zeit lang beobachtet hatten, den Entschluß faßte, sich in ihren Mysterien einweihen zu lassen, und sein Loos mit dem ihrigen zu verketten. Die Heiterkeit und anscheinende[17] Ruhe, die sich in der Physiognomie dieses Dionysius ausdrückte, zog mich eben so stark zu ihm, als ihn ich weiß nicht was in der meinigen hinwieder anzuziehen und zu interessiren schien. Wir suchten und fanden einander öfters; aber die Aufrichtigkeit meiner Schwärmerei hielt ihn (wie ich in der Folge aus seinem eigenen Munde hörte) wider seinen Willen in einer Art von Respect, und unsre Gespräche blieben, wie unsre Freundschaft, immer an der äußersten Gränze der Vertraulichkeit stehen. Kerinthus und Hegesias schienen große Absichten mit ihm zu haben; allein zu Beobachtungen dieser Art waren meine Augen damals noch nicht hell genug. Ich trennte mich ungern von diesem Menschen, den ich, seiner Kälte ungeachtet, ungemein liebenswürdig fand, und der überdieß wegen seiner mannichfaltigen Kenntnisse ein unterhaltender Gesellschafter war. Aber die Zeit kam, da wir, mit dem Bedauern einander nicht näher gekommen zu seyn, scheiden mußten: er blieb bei unserm Vorsteher zurück, und ich wurde mit einem jungen Akoluthen7, der mir zum Dienst zugegeben war, nach Cappadocien geschickt, um bei den Brüdergemeinen, die in diesem großen Lande zerstreut waren und unter die eifrigsten gerechnet wurden, meine erste Mission anzutreten.

Ueber diesem Geschäfte, worin ich – da ich es mit Cappadociern zu thun hatte – ziemlich glücklich war, gingen einige Jahre hin, binnen welcher Zeit es mir gelang, verschiedene zahlreiche Gemeinen mit der Kerinthischen Schwärmerei anzustecken, und in mehrern andern wenigstens einen so guten Anfang zu machen, daß es dem Propheten ein Leichtes[18] war, das Uebrige durch seine eigene Gegenwart, und durch einige Wunder, die ich ihn verrichten sah, vollends zu Stande zu bringen.


Lucian.


Wunder? – Was nennst du Wunder, Freund Peregrin?


Peregrin.


Ich will damit eben nicht sagen, daß er den Mond vom Himmel herabgerufen habe, um ihn in seinen linken Rockärmel hinein und zum rechten wieder heraus rollen zu lassen; oder daß er durch sein bloßes Wort Berge versetzt und Flüssen einen andern Lauf geboten habe: indessen muß ich doch bekennen, daß ich ihn höchst seltsame Nervenkrankheiten, welche (wie leicht zu erachten) auf Rechnung böser Dämonen gesetzt wurden, durch bloßes Handauflegen vertreiben sah; wobei doch vielleicht, als kein unbedeutender Umstand, nicht zu vergessen ist, daß dieses Handauflegen mit einem ziemlich lange anhaltenden Streicheln und Reiben verbunden war –


Lucian.


Das lass' ich gelten!


Peregrin.


Einige Teufel wurden durch die bloße Kraft lieblich betäubender Wohlgerüche und die Magie eines feierlich schönen Gesangs, den er von den Brüdern und Schwestern mit gedämpften Tönen anstimmen ließ, vertrieben. Ein paar Kranke – in der Einbildung vermuthlich – wurden bloß dadurch plötzlich gesund, daß er ihnen, nach allerlei vorbereitenden Feierlichkeiten, auf einmal mit mächtiger Stimme befahl zu glauben daß sie gesund seyen –


[19] Lucian.


Auch nicht übel!


Peregrin.


Das stärkste Stück aber, das ich mit meinen eignen Augen gesehen habe, war die Auferweckung einer – hysterischen Jungfrau, welche, als er herbei gerufen wurde, nach der Versicherung ihrer weinenden Verwandten, schon vor zwei Tagen gestorben war –


Lucian.


Und – den einzigen Umstand, daß sie noch lebte, ausgenommen – ohne Zweifel alle Zeichen einer todten Person an sich hatte?


Peregrin.


Wie es auch damit beschaffen seyn mochte, bei den ehrlichen Cappadocischen Bauern galt diese Auferweckung für ein augenscheinliches Wunder; und ich kann nicht läugnen, daß ich selbst bei dieser Gelegenheit so sehr Cappadocier war als ein anderer; mit so vielem Anstand und in einer so großen Manier wußte der hochwürdige Kerinthus seine Rolle in solchen Scenen zu spielen. Kurz, die Wirkung der Wunder, die er zum Beweise seiner Sendung that, war so entscheidend, daß nicht nur alle anwesenden Brüder, die noch an ihm gezweifelt hatten, sondern sogar viele von der Neugier herbeigezogene Götzendiener auf der Stelle gewonnen wurden. Ich, dem er sich gleich im ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft als ein außerordentlicher und mit höhern Wesen in Verbindung stehender Mann dargestellt hatte, wurde vielleicht durch diese Dinge am wenigsten befremdet: indessen gaben sie doch[20] meinem Glauben an ihn einen neuen Schwung; und ich zog nun, nachdem er mir seine wunderthätigen Hände aufgelegt hatte, desto getroster auf das neue Abenteuer aus, zu dessen Bestehung er mich, mit den nöthigen Empfehlungen und Instructionen versehen, nach Syrien abschickte.

Die Eroberung dieser Provinz lag ihm sehr am Herzen. Denn die Brüder zu Antiochia, Seleucia und Laodicea am Meer waren zum Theil reiche Handelsleute, von deren Vermögen und Verbindungen in allen Theilen des Römischen Reiches der geheime Orden, dessen Seele er war, große Vortheile ziehen konnte, wenn es ihm nur erst gelang, die Gemeinen selbst auf seinen Ton zu stimmen, und mit seinen Anhängern in den Provinzen des kleinen Asiens in nähere Vereinigung zu bringen. Da die Syrer überhaupt Leute von sehr lebhaften Sinnen und warmer Einbildungskraft sind, so schien ich ihm zu diesem Werk ein auserwähltes Rüstzeug zu seyn: und damit meine Bearbeitung eines so guten Bodens desto schneller und reichlicher Früchte bringen möchte, hatte er mich durch Hegesias und andere seiner heimlichen Anhänger als einen Jünger aus der Schule des heiligen Johannes ankündigen lassen, der die Tradition der wahren Lehre unmittelbar aus der lautersten Quelle geschöpft habe, und sowohl dieses Vorzugs halber, als wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Eifers für die Ausbreitung des Reichs unsers Herren, als ein wahrhaft apostolischer Mann aufgenommen zu werden verdiene.

In der That hatte meine Schwärmerei um diese Zeit den höchsten Grad ihrer Hitze erreicht. Meine innige Liebe[21] für das Ideal der reinsten Menschheit, unter welchem ich mir die Person unsers ersten Meisters dachte, und mein Sinn für die Wahrheit seiner eben so erhabenen als einfachen Lebensweisheit hatte sich mit der schwärmerischen Gnosis und dem Glauben an die bevorstehende Theokratie des Kerinthus völlig amalgamirt; und meine von so viel brennbaren Materien entzündete und in stetem Feuer erhaltene Seele kochte und strudelte von einem so heißen Verlangen, ihre Gefühle und Ueberzeugungen mit ihrer ganzen Fülle von Glauben, Liebe und Hoffnung über alle, die derselben nur einigermaßen empfänglich wären, auszuströmen, daß Kerinthus schwerlich ein tauglicheres Subject zu Ausführung dessen, wozu er mich sendete, hätte finden können.

Ich machte meine erste Erscheinung in den Gemeinen, die unter der Aufsicht des Bischofs von Laodicea standen, und wurde allenthalben wie ein Engel, der geraden Weges vom Himmel käme, aufgenommen. Das Evangelium Johannis, wovon mir Kerinthus eine von ihm nach seinen Grundsätzen verfälschte Abschrift mitgegeben hatte, und die Auslegung, die ich – der selbst keine andre Abschrift kannte – den Brüdern in ihren Versammlungen über die darin enthaltenen Geheimnisse vortrug, wirkten außerordentlich. Mein Ansehen unter diesen guten Leuten, deren größter Theil sich eben so treuherzig von mir täuschen ließ als ich selbst getäuscht war, nahm von Tag zu Tage zu, und – kurz, meine Mission ging so gut von Statten, daß in weniger als zwei Jahren mehr als die Hälfte der Gemeinen in Syrien und Palästina unvermerkt in den feinen Netzen des Kerinthus gefangen[22] war, und sammt ihren Vorstehern unter die unsichtbare Leitung und Oberherrschaft eines Ordens kam, von dessen Existenz sie nicht die geringste Ahndung hatte.

Du stellst dir wohl von selbst vor, daß bei diesem Geschäfte von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten und Hindernisse zu bekämpfen waren, deren Beschreibung meine Erzählung ohne Noth verlängern würde. Dafür konnte ich aber auch sicher auf beständige Unterstützung der Unsichtbaren rechnen; und, was mir am meisten zu Statten kam, war der Umstand, daß die Bischöfe und andere Diener der Gemeinen, welche mir hätten hinderlich seyn können, durch ansehnliche Verbesserungen ihrer Einkünfte, die ihnen aus der Ordenscasse (vermuthlich auf Unkosten meines Erbgutes) zuflossen, klüglich gewonnen waren, sich wenigstens bloß leidend bei der Sache zu verhalten.

Mitten in dem Laufe meiner apostolischen Triumphe wurde ich ganz unvermuthet von einer unsichtbaren Hand aufgehalten, welche keinem der unsichtbaren Obern, von welchen ich abhing, zugehörte. Hättest du wohl gedacht, Lucian, daß der geheime Pfeil, der mich zu Antiochia traf, in Parium abgeschossen wurde.


Lucian.


In deiner Vaterstadt? – Ich begreife. Deine Verwandten und präsumtiven Erben hatten wohl keine Lust, ruhig zuzusehen, wie das ansehnliche Erbgut, worauf das Gesetz, falls dir etwas Menschliches begegnete, ihnen die nächste Anwartschaft[23] gab, in die Brüdercasse der Christianer, wie in einen Strudel der nichts wieder zurückgab, hineinstürzte?


Peregrin.


Du hast es errathen, Lucian! Meine Entfernung von Parium – welcher man, wiewohl sie nichts weniger als heimlich geschehen war, in der Folge den Anschein einer Entweichung zu geben suchte – hatte großes Aufsehen erregt, sobald man gewahr wurde, daß ich an kein Wiederkommen dachte, und sobald man ausgekundschaftet hatte, daß ich unter den Christianern lebe, und, wie es scheine, in sehr enge Verbindungen mit ihnen getreten sey. Einige Jahre lang hatten meine Verwandten sich vergebens Mühe gegeben, den Ort meines Aufenthalts, seit der Zeit da ich Nikomedien verließ, ausfindig zu machen; bis endlich der alte Menekrates von einem seiner Freunde, der einen Correspondenten zu Antiochia hatte, erfuhr, daß ich mich, in der Qualität eines Propheten und Mystagogen der Christianer, bald zu Laodicea, bald zu Antiochia oder Seleucia aufhielte, und in großem Ansehen bei dieser Secte stände. Meine Verwandten gingen nun mit einander zu Rathe, wie sie es anfangen wollten, um wenigstens das, was von der väterlichen Verlassenschaft noch zu Parium war, und das Landgut meines Großvaters aus den Klauen der Christianer zu retten. Das Resultat ihrer Berathschlagungen war endlich: durch Vermittlung des besagten Antiocheners mich dem kaiserlichen Statthalter als einen Christianer von der gefährlichsten Art anzuzeigen, dessen unruhige Schwärmerei die Aufmerksamkeit der Regierung um so mehr erregen müsse, weil er seinem[24] Eifer für die Ausbreitung dieser hassenswürdigen Secte bereits den größten Theil eines ansehnlichen Erbgutes aufgeopfert habe.

Du erinnerst dich, Lucian, daß die Strafgesetze gegen alle heimliche Zusammenkünfte überhaupt, und gegen die ausdrücklich verbotenen geheimen Versammlungen der Christianer insonderheit, unter der milden Regierung des Kaisers Hadrianus zwar nicht aufgehoben, aber doch unvermerkt eingeschlafen waren. Da sich die Christianer um diese Zeit ziemlich ruhig verhielten, so waren die Obrigkeiten überall unter der Hand angewiesen worden, sie auch hinwieder in Ruhe zu lassen, und, ohne daß man sie ganz aus den Augen verlöre, zu thun als ob man sie nicht gewahr würde; so lange nicht besondere Umstände oder eine förmliche Anklage es etwa nöthig machten, gegen diesen oder jenen nach der Strenge der Gesetze zu verfahren. Die eben so unvernünftige als unmenschliche Maxime, keine andere Religion neben sich dulden zu wollen, war (wie du weißt) den Priestern der alten gesetzmäßigen Religion so lange fremd geblieben, bis diese neue, welche geduldet seyn wollte ohne eine andere zu dulden, im Dunkeln und durch die Nachsicht der Obrigkeiten und der Priester unvermerkt so weit um sich griff, daß die letztern nothwendig aus ihrer allzu großen Sicherheit erwachen mußten. Es war seit geraumer Zeit zur Mode geworden, die Christianer und Epikuräer (weil beide darin, daß sie die alte Volksreligion für Aberglauben erklärten, gemeine Sache zu machen schienen) gewissermaßen mit einander zu vermengen; und da die Epikuräische Secte schon einige Jahrhunderte lang[25] bestanden hatte, ohne dem Interesse der Priesterschaft merklichen Abbruch zu thun (denn man hatte ja Beispiele, daß Priester selbst, ohne ihrem Amt oder ihrer Philosophie etwas dadurch zu vergeben, Epikuräer waren), so ging es ganz natürlich zu, daß man sich, gerade dieser Vermengung wegen, unvermerkt angewöhnte, die Christianer für eben so unschädlich anzusehen als jene. Gleichwohl war der Unterschied in diesem Punkte so groß, daß er auch den sorglosesten Priestern der alten Götter in die Augen springen mußte. Die Epikuräer glaubten zwar so wenig als die Christianer an die Pronöa (Vorsehung) des großen Jupiter, aber seine Gottheit machten sie ihm nicht streitig; sie spotteten über alle Arten von Aberglauben, aber die herrschende Religion respectirten sie als ein politisches Institut der Gesetzgeber. Indem sie also jenen verlachten, und diese unangetastet ließen, blieben sie (dem Geist ihrer Philosophie gemäß) in einer Gleichgültigkeit gegen beide, die keinen Eifer, ihre Secte auf Unkosten der Staats- und Priesterreligion auszubreiten, unter ihnen aufkommen ließ. Bei den Christianern hingegen fand das vollkommenste Gegentheil statt. Sie waren die erklärten Gegner nicht nur des Aberglaubens, sondern des gesetzmäßigen Dienstes der Götter selbst; und der Enthusiasmus, womit sie den Dienst ihres Einzigen, der keine andern neben sich duldete, und den Glauben an seinen Gesandten, welcher das Reich dieses Einzigen allgemein machen sollte, auszubreiten suchten, ließ mit Recht von ihnen erwarten, daß sie nicht eher ruhen würden, bis sie den alten Volksglauben und den darauf gegründeten Götterdienst, oder, in ihrer[26] Sprache zu reden, das Reich der Dämonen, gänzlich vertilgt haben würden.

Meine Verwandten zu Parium hatten, bei dem Anschlag den sie gegen mich faßten, sehr richtig darauf gerechnet, daß Vorstellungen dieser Art die Priesterschaft zu Antiochia in Feuer setzen und geneigt machen würden, ihre Angebung bei dem Statthalter von Syrien durch eine förmliche Klage zu unterstützen; und, um dieser den gehörigen Nachdruck zu geben, hatte man solche Maßregeln genommen, daß ich in einer nächtlichen Versammlung der Brüder, mitten in der Begehung unsrer heiligsten Mysterien ergriffen wurde. Man begnügte sich, die übrigen, mit der ernstlichen Verwarnung, sich nie wieder in einer solchen gesetzwidrigen Zusammenkunft betreten zu lassen, nach Hause zu schicken: ich hingegen, als Vorsteher und Mystagog dieser verbotenen nächtlichen Zusammenkünfte, wurde vor den Richter der ersten Instanz gebracht, und sobald ich die Frage, ob ich ein Christianer sey? mit aller Entschlossenheit eines Märtyrers bejahet hatte, dem Trajanischen Edict zufolge in ein öffentliches Gefängniß abgeführt.

Diese Begebenheit machte anfangs um so mehr Aufsehen zu Antiochia, weil sich seit mehrern Jahren nichts Aehnliches in dieser großen, reichen und unendlich üppigen Hauptstadt zugetragen hatte. Man sprach ein paar Tage von nichts anderm; dafür wurde aber auch, sobald sie aufhörte etwas Neues zu seyn, gar nicht mehr daran gedacht. Die Christianer hingegen, und besonders die mit Kerinthus verbündeten Gemeinen, geriethen dadurch in außerordentliche Bewegung:[27] und, wiewohl man bald merken konnte, daß alles bloß auf meine Person gemünzt sey, und die Brüder überhaupt wenig oder nichts deßhalben zu befürchten hätten; so zeigten sie doch so viel Unruhe, nahmen so warmen Antheil an meinem Schicksal, und machten im Verborgenen so vielerlei Anschläge und zum Theil so viel wirkliche Schritte zu meiner Befreiung, daß eben diese ihre unruhige Geschäftigkeit wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, meine Gefangenschaft über ein ganzes Jahr hinaus zu ziehen. Kerinthus und Hegesias waren zwar viel zu klug, um in dieser Sache unmittelbar zu erscheinen; aber ich bin ihnen die Gerechtigkeit schuldig, zu gestehen, daß sie sich durch die dritte Hand mit vielem Eifer für mich verwendeten, und große Sorge trugen, daß es mir, so lang' ich im Gefängniß war, an keiner Bequemlichkeit, die um Geld zu erhalten war, fehlen möchte. Ueberhaupt, Lucian, ist dein Ungenannter zu Elis in seiner ganzen Erzählung der Wahrheit nirgends so getreu geblieben als da, wo die Rede von meiner Gefangenschaft ist. Alle Umstände, die er anführt, sind buchstäblich wahr; den einzigen ausgenommen, daß ich durch die Freigebigkeit der Brüder nicht so reich ward als er vorgibt. Denn, wiewohl sie in solchen Fällen nichts zu sparen pflegten, den Zustand ihrer Märtyrer (wie sie einen jeden aus ihrem Mittel nannten, der deßwegen, weil er sich zum Christenthum bekannte, etwas leiden mußte) zu erleichtern, und, wo möglich, ihre Befreiung zu bewirken, so waren sie doch viel zu gute Oekonomen, um etwas Ueberflüssiges und Zweckloses zu thun. Man ließ keinen Bruder Noth leiden; aber ihn durch ihre Freigebigkeit reich zu machen, wäre gänzlich[28] gegen den Geist des Ordens gewesen, bei welchem die einzelnen Glieder nur in so weit in Betrachtung kamen, als der Vortheil des Ganzen es erforderte.

Was mich betrifft, so hatte die Einkerkerung, durch den Gedanken, für welche Sache ich litt, und durch alles das Heroische und Glorreiche, das in meiner Einbildung mit dem Namen eines Bekenners und Dulders verbunden war, zumal in den ersten Tagen und Wochen, etwas so Herzerhöhendes für mich, daß ich mich vielleicht in meinem ganzen Leben nie freier fühlte als damals –


Lucian.


Zum klaren Beweise, daß die Stoiker ihrem Weisen zu viel schmeicheln, wenn sie behaupten, er allein habe das Vorrecht, selbst in Ketten und Banden frei zu seyn. Der Schwärmer, der doch, um nichts Härteres zu sagen, gerade das Gegentheil des Weisen ist, kann diesem auch hierin den Vorzug sogar noch streitig machen. – Uebrigens, Freund Peregrin, würdest du mich verbinden, wenn du, diesem edeln Freiheitsgefühl unbeschadet, deinen Ausgang aus dem Kerker so viel möglich beschleunigen wolltest.


Peregrin.


Sehr gern. Denn, wiewohl diese Epoche meines Lebens die letzte war, wo mir die hohe Stimmung meiner Einbildungskraft eine Art von Glückseligkeit verschaffte, deren Verlust ich in der Folge oft genug zu bedauern Ursache hatte: so muß ich doch gestehen, daß die allzu große Einförmigkeit dieses fantastischen Glücks nach Verfluß einiger Monate seinen Zauber merklich schwächte, und mich das Unangenehme der Einkerkerung[29] und der Ungewißheit meines Schicksals zuweilen sehr lebhaft fühlen ließ.

Auch der Mangel an Umgang mit Menschen, die, anstatt bloß an mir zu saugen, auch mir, wie Hegesias und Kerinthus, etwas zu geben fähig gewesen wären, trug nicht wenig dazu bei, das Unbehagliche meines Zustandes zu vermehren. Zwar ermangelten die andächtigen Schwestern und gutherzigen alten Mütterchen, welche meiner pflegten, nicht, durch Bestechung des Kerkermeisters von Zeit zu Zeit kleine Versammlungen von Glaubigen, die das Wort von mir zu hören Verlangen trugen, und bei dieser Gelegenheit sehr reichliche Liebesmahle in meinem Gefängnisse zu veranstalten, auch überhaupt ihr Möglichstes zu thun, mir ihre herzliche und eben dadurch oft sehr beschwerliche christliche Liebe mit Worten und Werken zu beweisen: aber –


Lucian (lachend).


Armer Peregrin! – Kein Aber, wenn ich bitten darf – nur immer zu!


Peregrin.


Genug, es kam endlich so weit mit mir, daß in gewissen Stunden – zumal wenn ich (wie öfters geschah) auf meinem nicht allzu weichen Lager den Schlaf nicht finden konnte – Erinnerungen und Bilder aus der zauberischen Villa Mamilia in mir erwachten –


Lucian.


Und du wunderst dich noch darüber?


Peregrin.


Wenigstens geschah es sehr wider meinen Willen, das[30] kannst du mir glauben! und ich kämpfte oft bis aufs Blut, um dieser Anfechtungen (wie sie in unsrer Sprache hießen), als Eingebungen böser Dämonen, los zu werden. Ich sage bis aufs Blut, im wörtlichen Verstande; denn ich geißelte mich zuweilen, wenn mir Satan zu mächtig werden wollte, so unbarmherzig, daß mein Rücken des folgenden Tages meinen mitleidigen Wärterinnen nicht wenig zu schaffen machte.


Lucian.


Und was war der Erfolg dieser listigen Art dem Feind in den Rücken zu fallen?


Peregrin.


Ich kann nicht läugnen, daß ich übel dadurch ärger machte.


Lucian.


Das hätte ich dir vorhersagen wollen, mein guter Peregrin. Diesen Dämon mit Fasten und Beten zu bekämpfen, das lass' ich allenfalls gelten: aber Ruthen und Geißeln sind immer für ein besseres Mittel gehalten worden, ihn vielmehr aufzureizen als zu dämpfen.


Peregrin.


Der Hauptfehler war wohl, daß ich (nach den Grundsätzen der Kerinthischen Philosophie) gleich anfangs solchen sehr natürlichen Anfechtungen die Wichtigkeit gab, sie in meinem Wahne zu übernatürlichen zu erheben. Eben daß ich sie für Anfälle böser Geister hielt, und mich mit so großen Bewegungen und Anstalten gegen sie zur Wehre setzte, mußte die Sache immer ernsthafter und schwieriger machen. – Doch,[31] es ist hohe Zeit, auf die Begebenheit zu kommen, die das Ende aller dieser Ausschweifungen und meine gänzliche Trennung von den Christianern herbeiführte.


Lucian.


Ich bin lauter Ohr.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 17, Leipzig 1839, S. 3-32.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Peregrinus Proteus
C. M. Wielands sämtliche Werke: Band XXVIII. Peregrinus Proteus, Teil 2. Nebst einigen kleinen Aufsätzen
C. M. Wielands sämtliche Werke: Band XXVII. Peregrinus Proteus, Teil 1
Peregrinus Proteus (2)
Geheime Geschichte Des Philosophen Peregrinus Proteus, Volume 1 (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmannswaldau, Christian Hoffmann von

Gedichte

Gedichte

»Was soll ich von deinen augen/ und den weissen brüsten sagen?/ Jene sind der Venus führer/ diese sind ihr sieges-wagen.«

224 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon