Achter Gesang

[295] 1.

Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln,

Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensaal,

Hoch überwölbt von alten Tannenwipfeln,

In stiller Dämmerung ein kleines schmales Tal.

Ein Schauder überfällt den matten Erschöpften

Wanderer, indem sein wankender Schritt

Dies düstre Heiligtum der Einsamkeit betritt;

Ihm ist, er tret ins stille Reich der Schatten.


2.

Bald leitet ihn ein sanft gekrümmter Pfad,

Der sich allmählich senkt, zu einer schmalen Brücke.

Tief unter ihr rollt über Felsenstücke

Ein weiß beschäumter Strom, gleich einem Wasserrad.

Herr Hüon schreitet unverdrossen

Den Berg hinan, auf den die Brücke führt,

Und sieht sich unvermerkt in Höhen eingeschlossen,

Wo bald die Möglichkeit des Auswegs sich verliert.


3.

Der Pfad auf dem er hergekommen

Wird, wie durch Zauberei, aus seinem Aug entrückt!

Lang irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen,

Bis durchs Gesträuch, das aus den Spalten nickt,

Sich eine Öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)

Der Anfang ist von einem schmalen Gang

Der durch den Felsen sich um eine Spindel windet,

Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.


4.

Kaum hat er atemlos den letzten Tritt erstiegen,

So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar;

Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zügen,

Mit langem weißem Bart und silberweißem Haar.

Ein breiter Gürtel schließt des braunen Rockes Falten,

Und an dem Gürtel hängt ein langer Rosenkranz.

Bei diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganz

Natürlich, ihn sogleich für was er war zu halten.
[296]

5.

Doch Hüon – schwach vor Hunger, und erstarrt

Vor Müdigkeit, und nun, in diesen wilden Höhen,

Wo er so lang umsonst auf Menschenanblick harrt,

Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen,

Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen,

Auf einmal überrascht von einem weißen Bart –

Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen,

Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.


6.

Der Eremit, kaum weniger betroffen

Als Hüon selbst, bebt einen Schritt zurück;

Doch spricht er, schnell gefaßt: »Hast du, wie mich dein Blick

Und Ansehn glauben heißt, Erlösung noch zu hoffen

Aus deiner Pein, so sprich, was kann ich für dich tun,

Gequälter Geist, wie kann ich für dich büßen,

Um jenen Port dir aufzuschließen

Wo, unberührt von Qual, die Frommen ewig ruhn?«


7.

So bleich und abgezehrt, mit Not und Gram umfangen

Als Hüon schien, war der Verstoß, in den

Der alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen.

Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn,

Und als der Greis aus Hüons Mund vernommen

Was ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schon

Ihm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn,

Und heißt recht herzlich ihn in seiner Klaus willkommen;


8.

Und führt ihn ungesäumt zu einem frischen Quell,

Der, rein wie Luft und wie Kristallen hell,

Ganz nah an seinem Dach aus einem Felsen quillet;

Und während Hüon ruht und seinen Durst hier stillet,

Eilt er und pflückt in seinem kleinen Garten

In einen reinlichen Korb die schönsten Früchte ab,

Die, für den Fleiß sie selbst zu bauen und zu warten,

Nicht kärglich ihm ein milder Himmel gab;


9.

Und hört nicht auf ihm sein Erstaunen zu bezeigen,

Wie einem, der sich nicht zwei Flügel angeschraubt,[297]

Es möglich war die Felsen zu ersteigen,

Wo, dreißig Jahre schon, er sich so einsam glaubt

Als wie in seinem Grab. »Es ist ein wahres Zeichen

Daß euch ein guter Engel schützt;

Allein, setzt er hinzu, das nötigste ist itzt

Dem jungen Weibe die Hand des Trosts zu reichen.


10.

Ein sichrer Pfad, wiewohl so gut versteckt,

Daß ohne mich ihn niemand leicht entdeckt,

Soll in der Hälfte Zeit, die du herauf zu dringen

Gebrauchtest, dich zu ihr, zurück euch beide bringen.

Was meine Hütte, was mein kleines Paradies

Zu eurer Notdurft hat, ist herzlich euch erboten.

Glaubt, auch auf Heidekraut schmeckt Ruh der Unschuld süß,

Und reiner fließt das Blut bei Kohl und magern Schoten.«


11.

Herr Hüon dankt dem gütigen alten Mann,

Der seinen Stab ergreift ihm selbst den Weg zu zeigen;

Und, daß der Rückweg ihn nicht irre machen kann,

Bezeichnet er den Pfad mit frischen Tannenzweigen.

Noch eh ins Abendmeer die goldne Sonne sinkt,

Hat den erseufzten Berg Amanda schon erstiegen,

Wo sie mit durstigen weit ausgeholten Zügen

Den milden Strom des reinsten Himmels trinkt.


12.

In eine andre Welt, ins Zauberland der Feen,

Glaubt sie versetzt zu sein; ihr ist als habe sie

Den Himmel nie so blau, so grün die Erde nie,

Die Bäume nie so frisch belaubt gesehen:

Denn hier, in hoher Felsen Schatz

Die sich im Kreis um diesen Lustort ziehen,

Beut noch der Herbst dem Wind von Norden Trutz,

Und Feigen reifen noch, und Pomeranzen blühen.


13.

Mit ehrfurchtbebender Brust, wie vor dem Genius

Des heilgen Orts, fällt vor dem eisgraun Alten

Amanda hin, und ehrt die dürre Hand voll Falten,

Die er ihr freundlich reicht, mit einem frommen Kuß.[298]

In unfreiwilligem Erguß

Muß ihn ihr Herz für einen Vater halten:

Die Furcht ist schon beim zweiten Blick verbannt;

Ihr ist, sie hätten sich ihr Leben lang gekannt.


14.

In seinem Ansehn war die angeborne Würde,

Die, unverhüllbar, auch durch eine Kutte scheint;

Sein offner Blick war aller Wesen Freund,

Und schien gewohnt, wiewohl der Jahre Bürde

Den Nacken sanft gekrümmt, stets himmelwärts zu schaun;

Der innre Friede ruht auf seinen Augenbraun,

Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben,

Scheint überm Erdentand die reine Stirn zu schweben.


15.

Den Rost der Welt, der Leidenschaften Spur,

Hat längst der Fluß der Zeit von ihr hinweg gewaschen.

Fiel eine Kron ihm zu, und es bedürfte nur

Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen,

Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier,

Von keiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen,

Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen,

Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.


16.

Alfonso nannt er sich, bevor er aus den Wogen

Der Welt geborgen ward, und Leon war das Land

Das ihn gebar. Zum Fürstendienst erzogen,

Lief er mit Tausenden, vom Schein wie sie betrogen,

Dem Blendwerk nach, das immer vor der Hand

Ihm schwebte, immer im Ergreifen ihm entschwand,

Dem schimmernden Gespenst, das ewig Opfer heischet,

Und, gleich dem Stein der Narrn, die Hoffnung ewig täuschet.


17.

Und als er dergestalt des Lebens beste Zeit

Im Rausch des Selbstbetrugs an Könige verpfändet,

Und Gut und Blut, mit feurger Willigkeit

Und unerkannter Treu, in ihrem Dienst verschwendet,

Sah er ganz unverhofft, im schönsten Morgenrot

Der Gunst, durch schnellen Fall sich frei von seinen Ketten;[299]

Noch glücklich, aus der Schiffsbruchsnot

Das Leben wenigstens auf einem Brett zu retten.


18.

In diesem Sturm, der alles ihm geraubt,

Blieb ihm ein Schatz, wodurch (ganz gegen Hofes Sitte)

Alfonso sich vollkommen schadlos glaubt,

Ein liebend Weib, ein Freund, und eine Hütte.

Laß, Himmel, diese mir! war nun die einzge Bitte,

Die sein befriedigt Herz zu wagen sich erlaubt.

Zehn Jahre lang ward ihm, was er sich bat, gegeben;

Allein, sein Schicksal war, auch dies zu überleben.


19.

Drei Söhn, im vollen Trieb der ersten Jugendkraft,

Der eignen Jugend Bild, die Hoffnung grauer Jahre,

Sie wurden durch die Pest ihm plötzlich weggerafft.

Bald legt auch Schmerz und Gram die Mutter auf die Bahre.

Er lebt, und niemand ist der mit dem Armen weint,

Denn ach! verlassen hat ihn auch sein letzter Freund!

Er steht allein. Die Welt die ihn umgiebet

Ist Grab – von allem Grab, was er, was ihn geliebet.


20.

Er steht, ein einsamer vom Sturm entlaubter Baum,

Die Quellen sind versiegt, wo seine Freuden quollen.

Wie hätt ihm itzt die Hütte, wo er kaum

Noch glücklich war, nicht schrecklich werden sollen?

Was ist ihm nun die Welt? Ein weiter leerer Raum,

Fortunens Spielraum, frei ihr Rad herum zu rollen!

Was soll er länger da? Ihm brach sein letzter Stab,

Er hat nichts mehr zu suchen – als ein Grab.


21.

Alfonso floh in dieses unwirtbare

Verlaßne Eiland, floh mit fast zerstörtem Sinn

In dies Gebirg, und fand mehr als er suchte drin,

Erst Ruh, und, mit dem stillen Fluß der Jahre,

Zuletzt Zufriedenheit. Ein alter Diener, der

Ihn nicht verlassen wollt, die einzge treue Seele

Die ihm sein Unglück ließ, begleitet' ihn hierher,

Und ihre Wohnung war nun eine Felsenhöhle.
[300]

22.

Allmählich hob sein Herz sich aus der trüben Flut

Des Grams empor; die Nüchternheit, die Stille,

Die reine freie Luft, durchläuterten sein Blut,

Entwölkten seinen Sinn, belebten seinen Mut.

Er spürte nun, daß, aus der ewgen Fülle

Des Lebens, Balsam, auch für seine Wunden, quille.

Oft brachte die Magie von einem Sonnenblick

Auf einmal aus der Gruft der Schwermut ihn zurück.


23.

Und als er endlich dies Elysium gefunden,

Das, rings umher mit Wald und Felsen eingeschanzt,

Ein milder Genius, recht wie für ihn, gepflanzt,

Fühlt' er auf einmal sich von allem Gram entbunden,

Aus einer ängstlichen traumvollen Fiebernacht

Als wie zur Dämmerung des ewgen Tags erwacht.

»Hier«, rief er seinem Freund, vom unverhofften Schauen

Des schönen Orts entzückt, »hier laß uns Hütten bauen!«


24.

Die Hütte ward erbaut, und, mit Verlauf der Zeit,

Zur Notdurft erst versehn, dann zur Gemächlichkeit,

Wie sie dem Alter eines Weisen

Geziemt, der minder stets begehret als bedarf.

Denn, daß Alfons, als er den ersten Plan entwarf

Von seiner Flucht, sich mit Gerät und Eisen,

Und allem was zur Hülle nötig war,

Versehen habe, stellt von selbst sich jedem dar.


25.

Und so verlebt' er nun in Arbeit und Genuß

Des Lebens späten Herbst, beschäftigt seinen Garten,

Den Quell von seinem Überfluß,

Mit einer Müh, die ihm zu Wollust wird, zu warten.

Vergessen von der Welt, – und nur, als an ein Spiel

Der Kindheit, sich erinnernd aller Plage

Die ihm ihr Dienst gebracht, – beseligt seine Tage

Gesundheit, Unschuld, Ruh, und reines Selbstgefühl.


26.

Nach achtzehn Jahren starb sein redlicher Gefährte.

Er blieb allein. Doch desto fester kehrte[301]

Sein stiller Geist nun ganz nach jener Welt sich hin,

Der, was er einst geliebt, itzt alles angehörte,

Der auch er selbst schon mehr als dieser angehörte.

Oft in der stillen Nacht, wenn vor dem äußern Sinn

Wie in ihr erstes Nichts die Körper sich verlieren,

Fühlt' er an seiner Wang ein geistiges Berühren.


27.

Dann hört' auch wohl sein halb entschlummert Ohr,

Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor,

Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herüber hallen.

Ihm wird als fühl er dann die dünne Scheidwand fallen,

Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt;

Sein Innres schließt sich auf, die heilge Flamme brennt

Aus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen Lichte

Der unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.


28.

Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betäubt

Entschlummert sind. Wenn dann die Morgensonne

Den Schauplatz der Natur ihm wieder aufschließt, bleibt

Die vorige Stimmung noch. Ein Glanz von Himmelswonne

Verkläret Fels und Hain, durchschimmert und erfüllt

Sie durch und durch; und überall, in allen

Geschöpfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild,

Als wie in Tropfen Taus das Bild der Sonne, wallen.


29.

So fließt zuletzt unmerklich Erd und Himmel

In seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht.

In dieser tiefen Ferne vom Getümmel

Der Leidenschaft, in dieser heilgen Nacht

Die ihn umschließt, erwacht der reinste aller Sinne –

Doch – wer versiegelt mir mit unsichtbarer Hand

Den kühnen Mund, daß nichts Unnennbars ihm entrinne?

Verstummend bleib ich stehn an dieses Abgrunds Rand.


30.

So war der fromme Greis, vor dem mit Kindestrieben

Amanda niederfiel. Auch Er, so lang entwöhnt

Zu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt,

Ein menschlich Angesicht – erlabt nun an dem lieben,[302]

Herzrührenden, nicht mehr gehofften Anblick sich,

Und drückt die sanfte Hand der Tochter väterlich,

Umarmt den neuen Sohn zum zweiten Mal, und blicket

Sprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;


31.

Und führt sie ungesäumt nach seiner Ruhestatt,

Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben,

Bedeckt mit goldnem Obst und großen Purpurtrauben,

Und setzt sie in Besitz von allem was er hat.

»Natur«, spricht er, »bedarf weit minder als wir glauben;

Wem nicht an wenig gnügt, den macht kein Reichtum satt:

Ihr werdet hier, so lang die Prüfungstage währen,

Nichts Wünschenswürdiges entbehren.«


32.

Er sagte dies, weil ihm der erste Blick gezeigt

Was er nicht fragen will und Hüon ihm verschweigt.

Denn beide, hatte gleich das Elend ihre Blüte

Halb abgestreift, verrieten durch Gestalt

Und Sinnesart, wo nicht ein königlich Geblüte,

Doch sichrer einen Wert, dem selbst die Allgewalt

Des Glücks nichts rauben kann vom reinen Vollgehalt

Der innern angebornen Güte.


33.

Schon dreimal wechselte der Tag sein herbstlich Licht,

Seit diese Freistatt sie in ihrem Schoße heget,

Und beide können noch sich des Gedankens nicht

Entschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget,

Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist,

Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,

Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,

Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.


34.

Nun schwindet zwar allmählich dieser Wahn,

Und ach! mit ihm stirbt auch, nicht ohne Schmerzen,

Die Hoffnung die er nährt; doch schmiegen ihre Herzen

Sich an ein Menschenherz nur desto stärker an.

Es war so sanft das Herz des guten Alten,

So zart sein Mitgefühl, sein innrer Sinn so rein,[303]

Unmöglich konnten sie sechs Tage um ihn sein

Und länger sich vor ihm verborgen halten.


35.

Der junge Mann, im Drang der Dankbarkeit

Und des Vertrauns, (zumal da ihn zu fragen

Sein Wirt noch immer säumt) eröffnet ungescheut

Ihm seinen Namen, Stand, und was, seit jener Zeit,

Da er zu Montlery des Kaisers Sohn erschlagen,

Bis diesen Tag mit ihm sich zugetragen;

Durch welchen Auftrag Karl den Tod ihm zugedacht,

Und wie er glücklich ihn mit Oberons Schutz vollbracht;


36.

Und wie in einem Traum die Liebe sich entsponnen,

Die ihn beim ersten Blick mit Rezia vereint;

Wie er mit ihr aus Babylon entronnen,

Und das Verbot, das sein erhabner Freund

Ihm auferlegt, und wie, so bald er dessen

In einem Augenblick von Liebesdrang vergessen,

Die ganze Natur sich gegen sie empört

Und ihres Schützers Huld in Rache sich verkehrt.


37.

»Wohl«, spricht der edle Greis, »wohl dem, den sein Geschick

So liebreich, und zugleich so streng, als dich, erziehet,

Den kleinsten Fehltritt ihm nicht straflos übersiehet,

Wohl ihm! denn ganz gewiß, das reinste Erdenglück Erwartet ihn.

Auf Herzen wie die euern Zürnt Oberon nicht ewig. Glaube mir,

Mein Sohn, sein Auge schwebt unsichtbar über dir;

Verdiene seine Huld, so wird sie sich erneuern!«


38.

»Und wie verdien ich sie? mit welchem Opfer still

Ich seinen Zorn?« fragt Hüon rasch den Alten;

»Ich bin bereit, es sei so schwer es will!

Was kann ich tun?« – »Freiwillig dich enthalten«,

Antwortet ihm Alfons; »was du gesündigt hast

Wird dadurch nur gebüßt.« – Der junge Mann erblaßt.

»Ich fühl es«, spricht der Greis mit sanft errötender Wange;

»Allein, ich weiß von wem ich es verlange!«
[304]

39.

Ein edles Selbstgefühl ergreift den jungen Mann:

»Hier hast du meine Hand!« Mehr ward kein Wort gesprochen.

Und wohl ihm, der, nach mehr als hundert Wochen,

Sich selbst das Zeugnis geben kann,

Er habe sein Gelübde nicht gebrochen!

Es war der schönste Sieg den Hüon je gewann.

Doch hat er oft die Furcht vorm Alten zu erröten.

Oft Rezias standhaftern Ernst vonnöten.


40.

»Nichts unterhält so gut (versichert ihn der Greis)

Die Sinne mit der Pflicht im Frieden,

Als fleißig sie durch Arbeit zu ermüden;

Nichts bringt sie leichter aus dem Gleis

Als müßge Träumerei.« Um der zuvor zu kommen.

Wird ungesäumt, so bald der Tag erwacht,

Die scharfe Axt zur Hand genommen,

Und Holz im Hain gefällt bis in die dunkle Nacht.


41.

Noch eine Hütte für Amanden aufzurichten,

Und Dach und Wände wohl mit Leim und Moos zu dichten,

Dann zum Kamin, der immer lodern muß,

Und für den Herd, den nötigen Überfluß

Von fettem Kien und klein gespaltnen Fichten

Hoch an den Wänden aufzuschichten,

Dies und viel andres gibt dem Prinzen viel zu tun:

Allein es hilft ihm Nachts auch desto besser ruhn.


42.

Zwar Anfangs will es ihm nicht gleich nach Wunsch gelingen,

Die Holzaxt statt des Ritterschwerts zu schwingen;

Die ungewohnte Hand greift alles schwerer an,

Und in der halben Zeit hätt es ein Knecht getan.

Doch täglich nimmt er zu, denn Übung macht den Meister;

Und fühlt er dann und wann sich dem Erliegen nah,

So wehet der Gedank, es ist für Rezia,

Sein Feuer wieder an, und stärkt die matten Geister.


43.

Indessen Hüon sich im Wald ermüdet, pflegt

Der edle Greis, der mit noch festem Tritte[305]

Die schwere Last von achtzig Jahren trägt,

Der Ruhe nicht; nur daß er von der Hütte

Sich selten weit entfernt. Kein heitrer Tag entflieht,

Der nicht in seinem lieben Garten

Ihn dies und das zu tun beschäftigt sieht.

Amandens Sorge ist des kleinen Herds zu warten.


44.

Da sähe man (wiewohl, wenn Engel nicht

Mit stillem Blick ihr Ebenbild umweben,

Wer sieht sie hier?) mit heiterm Angesicht,

Auf dem die Sorgen nur wie leichte Wölkchen schweben,

Die Königstochter gern sich jeder niedern Pflicht

Der kleinen Wirtschaft untergeben:

Auch was sie nie gekannt, viel minder je getan,

Wie schnell ergreift sie es, wie steht ihr alles an!


45.

Oft schürzt sie, ohne mindsten Harm

Daß ihre zarte Haut den schönen Schmelz verliere,

Beim Wassertrog, vor ihrer Hüttentüre,

Den schlanken schwanenweißen Arm.

Die Freud (ihr süßer Lohn) den väterlichen Alten

Und den geliebten Mann in einem Stand zu halten,

Der von dem Drückendsten der Armut sie befreit,

Veredelt, würdigt ihr des Tagwerks Niedrigkeit.


46.

Und sieht sie dann (auch Er ist jener Engel einer)

Der heilge Greis, der von der Arbeit kehrt,

Und segnet sie: o dann ist ihre Freude reiner

Und inniger, als würd ihr dreimal mehr verehrt

Als sie zu Bagdad ließ. Wenn dann bei Sternenlichte

Die Nacht sie alle drei am Feuerherd vereint,

Und auf Amandens lieblichem Gesichte,

Das halb im Schatten steht, die Flamme widerscheint:


47.

Dann ruht, mit stillem liebevollen

Entzückten Blick, der junge Mann auf ihr,

Und seine Seele schwillt, und süße Tränen rollen

Die dunkle Wang herab. Tief schweiget die Begier![306]

Sie ist ein überirdisch Wesen

Das ihm zum Trost erscheint – er ist beglückt genug

Daß er sie lieben darf, und o! in jedem Zug,

In jedem keuschen Blick, daß er geliebt ist, lesen!


48.

Oft sitzen sie, der fromme freundliche Greis

In ihrer Mitt, Amanda seine rechte

In ihrer linken Hand, und hören halbe Nächte

Ihm zu, von seiner langen Lebensreis

Ein Stück, das ihm lebendig wird, erzählen.

Vom Anteil, den die warmen jungen Seelen

An allem nehmen, wird's ihm selber warm dabei,

Dann werden unvermerkt aus zwei Geschichten drei.


49.

Zuweilen, um den Geist des Trübsinns zu beschwören,

Der, wenn die Flur in dumpfer Stille traurt,

Im Schneegewölk mit Eulenflügeln laurt,

Läßt Hüon seine Kunst auf einer Harfe hören,

Die er von ungefähr in einem Winkel fand,

Lang ungebraucht, verstimmt, und kaum noch halb bespannt:

Doch scheint das schnarrende Holz von Orpheus' Geist beseelet,

So bald sich Rezias Gesang mit ihm vermählet.


50.

Oft lockte sie ein heller Wintertag,

Wenn fern die See von strenger Kälte rauchte,

Der blendend weiße Schnee dicht auf den Bergen lag,

Und itzt die Abendsonn ihn wie in Purpur tauchte,

Dann lockte sie der wunderschöne Glanz

Im reinen Strom der kalten Luft zu baden.

Wie mächtig fühlten sie sich dann gestärkt! wie ganz

Durchheitert, neu belebt, und alles Grams entladen!


51.

Unmerklich schlüpfte so die Winterzeit vorbei.

Und nun erwacht aus ihrem langen Schlummer

Die Erde, kleidet sich aufs neu

In helles Grün; der Wald, nicht mehr ein stummer

Verödeter Ruin, wo nur die Pfeiler stehn

Der prächtgen Laubgewölb und hohen Schattengänge[307]

Des Tempels der Natur, steht wieder voll und schön,

Und Laub drückt sich an Laub in lieblichem Gedränge.


52.

Mit Blumen decket sich der Busen der Natur,

Aufblühend lacht der Garten und die Flur;

Man hört die Luft von Vogelsang erschallen;

Die Felsen stehn bekränzt; die fließenden Kristallen

Der Quellen rieseln wieder rein

Am frischen Moos herab; den immer dichtern Hain

Durchschmettert schon, im lauen Mondenschein,

Die stille Nacht hindurch, das Lied der Nachtigallen.


53.

Amanda, deren Ziel nun immer näher rückt,

Sucht gern die Einsamkeit, sucht stille dunkle Steige

Im Hain sich aus, und dicht gewölbte Zweige.

Da lehnt sie oft, von Ahnungen gedrückt,

An einem blühnden Baum, und freuet sich des Webens

Und Sumsens und Gedrängs und allgemeinen Lebens

In seinem Schoß – und drückt mit vorempfundner Lust

Ein lieblich Kind im Geist an ihre Brust;


54.

Ein lieblich Kind, das ihre Mutterliebe

Mit jedem süßen Reiz verschwenderisch begabt,

Sich schon voraus an jedem zarten Triebe,

Der ihm entkeimt, sich schon am ersten Lächeln labt,

Womit es ihr die Leiden alle danket

Die sie so gern um seinetwillen trug,

Sich labt an jedem schönen Zug

Worin des Vaters Bild sanft zwischen ihrem schwanket.


55.

Allmählich wird der wonnigliche Traum

Von schüchternen Beängstigungen

Und stillem Gram, den sie vor Hüon kaum

Verbergen kann und doch verbirgt, verdrungen.

»Ach Fatme«, denkt sie oft, und Tränen stehen ihr

Im Auge, »wärest du in dieser Not bei mir!«

Getrost, o Rezia! Das Schicksal, das dich leitet,

Hat dir zu helfen längst die Wege vorbereitet!
[308]

56.

Titania, die Elfenkönigin,

Sie hatte seit dem Tag, da Trotz und Widersinn

So unvermutet sie um Oberons Herz betrogen,

Sich in dies nämliche Gebirg zurückgezogen.

Mit dem Gemahl, der ihr durch einen Schwur entsagt,

Den unterm unbegrenzten Bogen

Des himmlischen Azurs kein Geist zu brechen wagt,

Mit seiner Lieb und ihm war all ihr Glück entflogen.


57.

Zu spät beweint sie nun die eitle, rasche Tat

Des Augenblicks; fühlt mit beschämten Wangen

Die Größe ihrer Schuld, den schweren Hochverrat

Den sie an ihm und an sich selbst begangen.

Vergebens kämpft ihr Stolz der stärkern Zärtlichkeit

Entgegen! – Ach! sie flöge himmelweit,

Und würfe gern, um ihr Vergehn zu büßen,

In Tränen sich zu des Erzürnten Füßen.


58.

Was hälf es ihr? Er schwor, in Wasser noch in Luft,

Noch wo im Blütenhain die Zweige Balsam regnen,

Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft

Bei Zauberschätzen wacht, ihr jemals zu begegnen!

Vergebens käm ihn selbst die späte Reue an;

Auf ewig fesselt ihn der Schwur den er getan.

Ihn auszusöhnen bleibt ihr keine Pforte offen!

Denn von der einzgen, ach! was ist von der zu hoffen?


59.

Sie ist auf ewig zu. Denn nur ein liebend Paar,

Wie keines ist, wie niemals eines war

Noch sein wird, schließt sie auf. Von schwachen Adamskindern

Zu hoffen eine Treu, die keines Sturmwinds

Stoß Erschüttert, eine Treu, die keine Probe mindern,

Kein Reiz betäuben kann, Unmöglich! – Hoffnungslos

Sinkt in der fernsten Zukunft dunkeln Schoß

Ihr tränenschwerer Blick; nichts kann ihr Elend mindern!


60.

Verhaßt ist ihr nunmehr der Elfen Scherz, der Tanz

Im Mondenlicht, verhaßt in seinem Rosenkleide[309]

Der schöne Mai. Ihr schmückt kein Myrtenkranz

Die Stirne mehr. Der Anblick jeder Freude

Reißt ihre Wunden auf. Sie flattert durch das Leer

Der weiten Luft im Sturmwind hin und her,

Findt nirgends Ruh, und sucht mit trübem Blicke

Nach einem Ort, der sich zu ihrer Schwermut schicke.


61.

Zuletzt entdeckt sich ihr im großen Ozean

Dies Eiland. Aufgetürmt aus schwarzen ungeheuern

Ruinen, lockt es sie durch seine Schwärze an

Den irren Flug dahin zu steuern.

Es stimmt zu ihrem Sinn. Sie taumelt aus der Luft

Herab, und stürzet sich in eine finstre Gruft,

Um ungestört ihr Dasein wegzuweinen,

Und, unter Felsen, selbst, wo möglich, zu versteinen1.


62.

Schon siebenmal, seitdem Titania

Dies traurige Leben führt, verjüngte sich die Erde

Ihr unbemerkt. Als wie auf einem Opferherde

Liegt sie auf einem Stein, den Tod erwartend, da;

Der Tag geht auf und sinkt, die holde Schattensonne

Beleuchtet zauberisch die Felsen um sie her;

Vergebens! strömten auch die Quellen aller Wonne

Auf einmal über sie, ihr Herz blieb wonneleer.


63.

Das einzge, was ihr noch, mit einem Traum des Schattens

Von Trost, ihr ewig Leid versüßt,

Ist, daß vielleicht der Zustand ihres Gattens

Dem ihren gleicht, und Er vielleicht noch härter büßt.

Gewiß, noch liebt er sie! und o! wofern er liebet,

Er, durch sich selbst verdammt zum Schöpfer ihrer Pein

Und seiner eignen Qual, wie elend muß er sein!

So elend, daß sie gern ihm ihren Teil vergiebet!


64.

Doch, da für jede Seelenwunde,

Wie tief sie brennt, die Zeit, die große Trösterin,

Den wahren Balsam hat: so kam zuletzt die Stunde

Auch bei Titania, da ihr verdumpfter Sinn[310]

Sich allgemach entwölkt, ihr Herz geduldger leidet,

Und ihre Phantasie in Grün sich wieder kleidet;

Sie gibt den Schmeichelein der Hoffnung wieder Raum,

Und was unmöglich schien wird itzt ihr Morgentraum.


65.

Auf einmal grauet ihr vor diesen düstern Schlünden,

Worin sie einst sich gern gefangen sah;

Schnell muß aus ihrem Aug ein Teil der Klippen schwinden,

Und ein Elysium steht blühend vor ihr da.

Auf ihren leisen Ruf erschienen

Drei liebliche Sylphiden, die ihr dienen;

Ein schwesterliches Drei, das ihren Gram zerstreut,

Und der Verlaßnen, mehr aus Lieb als Pflicht, sich weiht.


66.

Das Paradies, das sich die Elfenkönigin

In diese Felsen schuf, war eben das, worin

Alfonso schon seit dreißig Jahren wohnte;

Und, ihm unwissend, war's die Grotte, wo sie thronte,

Woraus ihm, durchs Gebüsch vom Nachtwind zugeführt,

Der liebliche Gesang, gleich Engelsstimmen, hallte;

Sie war's, die ungesehn bei ihm vorüber wallte,

Wenn er an seiner Wang ein geistig Wehn verspürt.


67.

Auch unsre Liebenden, vom Tag an, da die Wogen

An dieses Eiland sie getragen, hatte sie

Bemerkt, und täglich spät und früh

Erkundigung von ihnen eingezogen.

Oft stand sie selbst, wenn jene sich allein

Vermeinten, ungesehn, sich näher zu belehren;

Und was sie hört' und sah gab ihr den Zweifel ein,

Ob sie vielleicht das Paar, das sie erwartet, wären.


68.

Je länger sie auf ihr Betragen merkt,

Je mehr sie sich in ihrer Hoffnung stärkt.

Sind Hüon und Amanda die getreuen

Probfesten Seelen nicht, die Oberon begehrt,

So mag sie ihrer nur auf ewig sich verzeihen!

Von nun an sind sie ihr wie ihre Augen wert,[311]

Und sie beschließt, mit ihren kleinen Feen

Dem edlen jungen Weib unsichtbar beizustehen.


69.

Die Stunde kam. Von dumpfer Bangigkeit

Umher getrieben, irrt Amanda im Gebüsche,

Das um die Hütten her ein liebliches Gemische

Von Wohlgeruch zum Morgenopfer streut.

Sie irret fort, so wie der schmale Pfad sich windet,

Bis sie sich unvermerkt vor einer Grotte findet,

Die ein Geweb von Efeu leicht umkränzt,

Auf dessen dunkelm Schmelz die Morgensonne glänzt.


70.

Alfonso hatte oft vordem hinein zu gehen

Versucht, und allemal vergebens; eben dies

War seinem alten Freund, war Hüon selbst geschehen,

So oft er, um des Wunders sich gewiß

Zu machen, es versucht. Sie hatten nichts gesehen:

Sie fühlten nur ein seltsam Widerstehen,

Als schöbe sich ein unsichtbares Tor,

Indem sie mit Gewalt eindringen wollten, vor.


71.

Schnell überfiel sie dann ein wunderbares Grauen;

Sie schlichen leise sich davon,

Und keiner wollte sich der Probe mehr getrauen.

Man weiß nicht, ob Amanda selbst es schon

Zuvor versucht; genug, sie konnte dem Gedanken,

Die erste, der's geglückt, zu sein,

Nicht widerstehn; sie schob die Efeuranken

Mit leichter Hand hinweg, und – ging hinein.


72.

Kaum sah sie sich darin, so kam ein heimlich Zittern

Sie an; sie sank auf einen weichen Sitz

Von Rosen und von Moos. Itzt fühlt sie, Blitz auf Blitz,

Ein schneidend Weh Gebein und Mark erschüttern.

Es ging vorbei. Ein angenehm Ermatten

Erfolgte drauf. Es ward wie Mondesschein

Vor ihrem Blick, der stets in tiefre Schatten

Sich taucht, und, sanft sich selbst verlierend, schlief sie ein.
[312]

73.

Itzt dämmern liebliche verworrene Gestalten

In ihrem Innern auf, die bald vorüber fliehn,

Bald wunderbar sich in einander falten.

Ihr däucht, sie seh drei Engel vor ihr knien,

Und ihr verborgene Mysterien verwalten,

Und eine Frau, gehüllt in rosenfarbnes Licht,

Steh neben ihr, so oft der Atem ihr gebricht

Ein Büschel Rosen ihr zum Munde hin zu halten.


74.

Zum letzten Mal beklemmt ihr höher schlagend Herz

Ein kurzer sanft gedämpfter Schmerz;

Die Bilder schwinden weg, und sie verliert sich wieder.

Doch bald, erweckt vom Nachklang süßer Lieder

Der halb verweht aus ihrem Ohr entflieht,

Schlägt sie in ihrem Traum die Augen auf, und sieht

Die Drei nicht mehr, sieht nur die Königin der Feen

In Rosenglanz sanft lächelnd vor ihr stehen.


75.

Auf ihren Armen liegt ein neu geboren Kind.

Sie reicht's Amanden und verschwebet

Vor ihren Augen, wie im Morgenwind

Ein Wölkchen schmilzt aus Blumenduft gewebet.

Im gleichen Nu entwacht Amanda ihrem Traum,

Und streckt die Arme aus, als wollte sie den Saum

Des rosigen Gewandes noch erfassen;

Umsonst! sie greift nach Luft, sie ist allein gelassen.


76.

Doch, einen Pulsschlag noch, und wie unnennbar groß

Ist ihr Erstaunen, ihr Entzücken!

Kaum glaubt sie dem Gefühl, kaum traut sie ihren Blicken

Sie fühlt sich ihrer Bürde los,

Und zappelnd liegt auf ihrem sanften Schoß

Der schönste Knabe, frisch wie eine Morgenros

Und wie die Liebe schön! Mit wonnevollem Beben

Fühlt sie ihr Herz sich ihm entgegen heben.


77.

Sie fühlt's, es ist ihr Sohn! – Mit Tränen inniger Lust

Gebadet, drückt sie ihn an Wange, Mund, und Brust,[313]

Und kann nicht satt sich an dem Knaben sehen.

Auch scheint der Knabe schon die Mutter zu verstehen.

Laßt ihr zum mindsten den Genuß

Des süßen Wahns! Er schaut aus seinen hellen Augen

Sie ja so sprechend an – und scheint nicht jeden Kuß

Sein kleiner Mund dem ihren zu entsaugen?


78.

Sie hört den stillen Ruf – wie leise hört

Ein Mutterherz! – und folgt ihm unbelehrt.

Mit einer Lust, die, wenn sie neiden könnten,

Die Engel, die auf sie herunter sahn,

Die Engel selbst beneidenswürdig nennten,

Legt sie an ihre Brust den holden Säugling an.

Sie leitet den Instinkt, und läßt nun an den Freuden

Des zartsten Mitgefühls ihr Herz vollauf sich weiden.


79.

Indessen hat im ganzen Hain umher

Ihr Hüon sie gesucht, zwei ängstlich lange Stunden,

Und, da er nirgends sie gefunden,

Führt ihn zuletzt sein irrer Fuß hierher.

Er nähert sich der unzugangbarn Grotte;

Nichts hält ihn auf, er kommt – o welch ein Augenblick!

Und sieht das holde Weib, mit einem Liebesgotte

An ihrer Brust, vertieft, verschlungen in ihr Glück.


80.

Ihr, denen die Natur, beim Eingang in dies Leben,

Den überschwenglichen Ersatz

Für alles andre Glück, den unverlierbarn Schatz,

Den alles Gold der Aureng-Zeben

Nicht kaufen kann, das Beste in der Welt

Was sie zu geben hat, und was ins beßre Leben

Euch folgt, ein fühlend Herz und reinen Sinn gegeben,

Blickt hin und schaut – Der heilge Vorhang fällt!

1

Versteinen, VIII. 61. Zu Stein werden, statt des gewöhnlichen versteinern, wo das in der Endsilbe überflüssig und sogar unrichtig ist. Wenn man verbessern, verschönern, verkleinern, vergrößern, sagt, so geschieht es darum, weil etwas besser, schöner, kleiner, größer werden soll als es war. Bei versteinen hingegen ist die Rede nicht davon, etwas noch steinerner als es ist, sondern etwas, das kein Stein war, zum Stein zu machen.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 5, München 1964 ff., S. 295-314.
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