Die Maatschapijen.

[22] Nichts beweiset mehr für den aristokratisch- republikanischen Geist der Holländer, als die auffallende Menge der von ihnen zur Erreichung verschiedener Zwecke gestifteten Vereine. Wer den Holänder von einer seiner besten Seiten kennen lernen will, muß auf diesen Gegenstand seine Aufmerksamkeit richten. Er wird aus der Anzahl, Stärke, Einrichtung, Verzweigung und Wirksamkeit der maatschapijen in Holland einen sehr vortheilhaften Schluß auf den regsamen öffentlichen Geist machen, der in diesem Lande herrscht. Ich will nur einige dieser Gesellschaften namhaft machen und zwar solche, die entweder ihren Hauptsitz oder wenigstens eine bedeutende Mitbesteurung im Haag gefestigt haben. Zunächst führe ich an:


Die maatschapij tot nut van't algemeen.


Dieselbe ist im Jahr 1784 zu Edam errichtet, hat aber in der Folge ihren Hauptsitz nach Amsterdam[23] verlegt. Die Anzahl ihrer Departemente, durch ganz Holland zerstreut, beläuft sich auf 192, welche 13,188 Mitglieder befassen. Die Provinz Süd- Holland hat 35 Departemente aufzuweisen, wovon eins auf die Hauptstadt. Der jährliche Beitrag der Mitglieder 6 Gulden. Dafür empfängt Jeder ein Exemplar von den Werken, welche die Gesellschaft im laufenden Jahr herausgibt.

Das Haager Departement hat folgende vortreffliche Einrichtungen für die Stadt ins Leben gerufen:

1) Eine Lesebibliothek, seit dem Jahr 1798. Der Katalog befaßt die Titel von 1800 Büchern für das Volk und die Jugend. Die Bücher werden unentgeldlich ausgeliehn und am Donnerstag Abend für vierzehn Tage gewechselt.

2) Eine Schule, gestiftet im Jahr 1804, mit sechs Lehrern.

3) Eine Zeichenschule vom Jahr 1809. In derselben wird am Montag, Mittwoch und Sonnabend Unterricht im Zeichnen ertheilt, sowohl wie nach antiken Büsten, wie nach Handzeichnungen und Kupferstichen. Für den dreimaligen Besuch in der Woche wird Jahrs zwanzig Gulden entrichtet, für den zweimaligen Besuch nur sechzehn.

4) Eine Sparbank, aufgerichtet im Jahr 1818. Schon im Jahr 1830 besaß die Bank[24] einen Werth von 347,632 Gulden. Sie gibt vier von Hundert und nimmt Alles an, was über einen halben Gulden ist.

5) Volksunterricht durch öffentliche Vorlesungen etlicher Werke der Gesellschaft, seit dem Jahre 1823. Der Stadtrath hat dazu die kleine englische Kirche hergegeben, wo 150 Zuhörer auf Vorzeigung einer Karte zugelassen werden.


Maatschapij van weldadigheid.


Diese Gesellschaft verdankt ihren Ursprung dem unermüdlichen Eifer des bekannten Generallieutenants van den Bosch. Als dieser würdige Mann sich auf der Insel Java aufhielt und für geringen Preis sehr bedeutende Ländereien an sich gebracht hatte, führte ihm ein glücklicher Zufall einen aus China geflüchteten Mandarinen zu, dessen sinnreicher Kopf in kurzer Zeit seine Güter dermaßen verbesserte, daß sie beim Wiederverkauf dem Herrn van den Bosch, wie auch dem Mandarin selbst, der vom Verwalter zum Miteigenthümer gestiegen war, einen überraschenden Gewinn abwarfen. Voll von diesem Resultat kehrte Herr van den Bosch nach Europa zurück. Hier faßte er den Gedanken, wüste Strecken seines Vaterlandes, nach den Grundsätzen des chinesischen Mandarinen urbar zu machen, und zwar nicht zu eigenem Vortheil,[25] sondern zum Besten nothleidender Menschen, die sich darauf als Anbauer niederlassen sollten. In dieser Absicht gründete er die obige Maatschapij, eine Gesellschaft, die gegenwärtig nicht weniger als 15,000 Mitglieder zählt und vielen hundert fleißigen, dem Mangel und Elende entrissenen Familien Brod, Arbeit, Aussicht auf Wohlstand gewährt. Die Colonien Fredericksoord in Drenthe, Wilhelmsoord in Overyssel, Wilhelminasoord in Friesland sind nach der Beschreibung sachverständiger Reisender, wie z.B. des Herrn von Gruner, Muster in ihrer Art. Der Fleiß findet dort Mittel und Wege, etwas vor sich zu bringen, der tüchtige Arbeiter kann mit der Zeit freier Eigenthümer werden, kann den Besitz, den er mit seinem Schweiße gedüngt hat, beim Tode seinen glücklicheren Kindern überlassen. Das lasse ich mir gefallen. Sonst, ich hasse diese Hungergaben, diese Haide-Sibirien, diese Zuchthäuser in freier Natur, diese Armen-Colonien mit ihren todtblassen Gesichtern, die muthlos auf den Boden starren, mit ihren gespenstischen Weibern, die, ihre Säuglinge an der welken Brust, die langen dürren Hände zum Betteln ausstrecken, mit ihren Hütten, die das menschliche Elend selbst gebaut und aufgezimmert zu haben scheint, um sie von ihrer leibeigenen Tochter, der Hoffnunglosigkeit, bewohnen zu lassen;[26] ich hasse diese Colonien, wo das Land kein Wasser, die Mutter keine Milch, der Vater keinen Muth in der Seele und kein Mark in den Knochen hat. Dagegen bin ich überzeugt, daß die meisten von den 2200 Menschen, die in den holländischen Colonien einen Grund von 1100 Bundern Land ur- und fruchtbar machen, Schullehrer, Prediger und Bücher haben, die Wohlthat der Gesellschaft dankbar anerkennen und segnen. Sie haben nicht viel, aber sie haben die Hoffnung, sie sind arm, aber sie sind keine Bettler, sie wohnen einsam, aber sie sind nicht ausgestoßen von der Gesellschaft, sie werden von ihren Nachbarn vielleicht nicht beneidet, aber auch nicht bemitleidet, sie haben einen Weg hinter sich, einen Weg vor sich und niemals, wenn sie nur wollen, Noth und Kummer an ihrer Seite. Da läßt es sich leben. Und selbst jene zwei andern Colonien, welche die Gesellschaft außerdem errichtet hat, um eine wohlthätige Scheidewand zu ziehn, zwischen dem Fleiß der Armuth und der in Faulheit versunkenen Bettelei, selbst diese beiden Colonien sind menschlich, sind mit menschlichem Sinne auf menschliche Bedürfnisse berechnet, lassen der Furcht und der Hoffnung eine Thür offen, und gewähren dem Bettler, der arbeitet die nahe und gewisse Aussicht, kein Bettelcolonist zu bleiben, sondern in die achtbarere Gesellschaft[27] der drei oberen Landbaucolonien einzutreten. Das eine dieser Stifte befindet sich an der Ommerschans in der Provinz Overyssel, das andere zu Veenhuizen in der Provinz Drenthe. Ersteres zählt 1400 Seelen mit 800 Bundern Grund, letzteres 1100 Seelen, mit einem mir unbekannten Inhalt von Moor und Ländereien.

Zu Veenhuizen hat die Gesellschaft noch zwei an dere wohlthätige Einrichtungen getroffen. Sie hat 2 bis 3000 Bunder Landes bestimmt für Waisen, Findlinge, verlassene Kinder, alte Soldaten, nothdürftige Leute, welche sie auf eine ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihren Kräften angemessene Art auf dessen Raum in Thätigkeit setzt.

Endlich hat die Gesellschaft eine Landbauschule zu Vateren errichtet, wo sie einer Zahl von 60 jungen Leuten Gelegenheit gibt, durch die dort erworbnen Kenntnisse sich einmal zu Beamten in den verschiedenen Colonien der Gesellschaft aufzuschwingen. Vortrefflicher konnte die Maatschapij van weldadigheid den Kreis ihrer Colonisationsthätigkeit nicht schließen.


Maatschapij tot onderwijs van dooven en stommen.


Diese Gesellschaft zum Unterricht für Taubstumme hat ihren Hauptsitz zu Groningen, woselbst sie im Jahr 1790 durch den Prediger an[28] der Valschen Gemeinde, Guyot, gestiftet wurde. Sie ist gegenwärtig in vier und siebenzig Departemente ausgebreitet.


Genootschap tot onderwijs van blinden.


Die Wörter genootschap, geselschap klingen im holländischen bescheidener als maatschapij und wer den daher von weniger ausgedehnten Vereinigungen gebraucht. Jedoch hat die obige genootschap die im Jahr 1808 zu Amsterdam sich aufthat, in den vornehmsten Städten des Landes ihre Correspondenten und überall, auf dem Lande wie in der Stadt, ihre Theilnehmer. Der jährliche Beitrag ist fünf Gulden.


Genootschap ter zedelijke verbetering der gefangenen.


Diese Genossenschaft ist im Jahr 1823 durch den Herrn Suringar zu Leeuvarden errichtet.

Sie hat zum Zweck: sittliche Verbesserung der Unglücklichen beider Geschlechter, welche in Zucht-, Gefangen- und Werkhäusern eingesperrt sind. Sie hat aber bei diesem edlen Ziel nicht nur die Zeit während der Gefangenschaft vor Augen, sondern vor Allem die Zeit nach derselben.

Der jährliche Beitrag der Mitglieder beträgt drittehalb Gulden, was für die 4902 Mitglieder, welche die Gesellschaft bereits einige Jahre nach[29] ihrer Stiftung zählte, eine Summe von 12,500 Gulden zur Verwendung stellte. Wie hoch sich gegenwärtig die Zahl der Mitglieder beläuft, ist mir nicht bekannt.


Nederlandsche huishoudelijke maatschapij.


Niederländische haushälterische Gesellschaft. Sie bestand bereits seit dem Jahr 1774, und machte damals eine besondere Abtheilung der hollandsche maatschapij van wetenschappen aus. Im Jahr 1796 ward sie von der Nationalversammlung als selbstständig mit obigem Titel anerkannt. Süd-Holland zählt sieben Departemente derselben.


Maatschapij tot befordering der toonkunst.


Der Zweck dieser Gesellschaft geht dahin, den Sinn für Tonkunst zu erwecken, musikalische Kenntnisse zu verbreiten und zu diesem Behufe Preisfragen auszuschreiben. Ihre Hauptbesteuerung ist abwechselnd zu Amsterdam, Rotterdam und im Haag. Ihre erste Versammlung hielt sie im Jahr 1829; diese bestand aus 700 Mitgliedern. Sie hat ihre verschiedenen Abtheilungen, welche aus nicht minder als 20 Leuten bestehn dürfen, an deren Spitze fünf ausübende Künstler stehn.


[30] Maatschapij voor natur-en letterkunde.


Diese Gesellschaft führt den Namen diligentia und besteht seit dem Jahr 1793. Sie soll zur Ausbreitung der Wissenschaften durch ihre gelehrten Mitglieder viel beigetragen haben. Der Zuschuß ist für zwei Jahr 15 Gulden. Die Mitglieder besitzen ein schönes Local im Haag. Damit verbunden ist die Societeit, zur Lesung von Broschüren, Zeitungen u.s.w., in welcher der gebildetere Theil der Einwohner vom Haag, das diplomatische Corps u.s.w. tagtäglich verkehrt.


Maatschapij van fraaije kunsten en wetenschappen.


Die Gesellschaft freier Künste und Wissenschaften ist gestiftet worden im Jahr 1772. Die Haager Abtheilung derselben war Anfangs auf Poesie gerichtet, en dichtlievend genootschap mit dem Sinnspruch: Kunstliebe spart keinen Fleiß. Später hat sie sich mit der obengenannten Gesellschaft vereinigt.


Maatschapij ter bevordering van welstand.


Diese Gesellschaft geht, wie die folgenden, von einem religiösen und kirchlichen Princip aus. Die protestantischen Mitglieder haben sich dazu vereint, um, so viel in ihren Kräften steht, solchen[31] von ihren Glaubensbrüdern hülfreich unter die Arme zu greifen, die trotz aller Anstrengung, trotz Lust und Kräften vergeblich gegen widerwärtige Umstände ankämpfen. Die Gesellschaft macht zinslose Vorschüsse zum Ankauf von Häusern, Ländereien, Geräthschaften und andern Bedürfnissen; jedoch mit solchen Bedingungen für die Rückgabe der Sachen und Gelder, welche sie nach ihren Ansichten für zweckmäßig hält. Dieselbe hatte im Jahr 1829 anderthalbtausend Mitglieder und ein Capital von gegen 32,000 Gulden.


Maatschapij tot vitbreiding van het Christendom onder de Slaven en verdere heidensche bevolking der Kolonie Suriname.


Oder: Gesellschaft zur Ausbreitung des Christenthums unter den Sklaven und der übrigen heidnischen Bevölkerung der Colonie Surinam. Dieselbe ward im Jahr 1829 zu Surinam selbst errichtet, doch aus Mangel an hinlänglichen Mitteln an diesem Ort, traf man später die Verfügung, ihren Hauptsitz nach dem Haag zu verlegen. Die Gesellschaft läßt Sklavenkinder unterrichten, vergrößert bis Zahl der Missionaire (Sendlinge im Holländischen) und sucht die in Surinam dem Unterricht der Sklaven entgegenstehenden örtlichen Hindernisse aus dem Wege zu räumen.


[32] Nederlandsche bibelgenootschap.


Steht in Verbindung mit der großbritannischen und hat ihren Hauptsitz zu Amsterdam, seit dem Jahr 1814. Sie vertheilt Bibeln in verschiedenen Sprachen. Der jährliche Beitrag ist fünf Gulden.


Bijbelvereeniging.


Die Bibelvereinigung theilt denselben Zweck mit der Bibelgesellschaft. Sie läßt sich aber von ihren Mitgliedern, ein halbtausend an der Zahl, einen beliebigen jährlichen Beitrag einschreiben und schießt dieses Geld in die Casse der Bibelgesellschaft.


Zendeling – genootschap.


Die Gesellschaft für Missionaire ist im Jahr 1797 zu Rotterdam errichtet, hat ihre Abtheilungen durch ganz Holland und zählt allein in der Haager Abtheilung gegen 200 Mitglieder.


Genootschap tot verdediging van de christelijke Godsdienst, tegen derzelver hedendaagsche Bestrijders.


Die Genossenschaft zur Vertheidigung des christlichen Gottesdienstes wider dessen heutige Feinde und Bestreiter, ist gestiftet im Jahr 1785. Sie beschränkt sich darauf, jährliche Preisfragen auszuschreiben und ihre gekrönten Preisschriften in den Druck herauszugeben. Den Vorsitz führen[33] etliche Doctoren der Theologie. Hätte ich mich überwinden können, eine dieser gekrönten Schriften durchzulesen, so würde ich schon ungefähr in Erfahrung gebracht haben, welches Christenthum, das biblische, symbolische oder rationale, bei der Genossenschaft zur Vertheidigung des Christenthums, in Ansehn steht. Soll ich aber einem deutschen Prediger glauben, der bei Gelegenheit einer holländischen Sammelreise ein Langes und Breites über die holländische Theologie geschrieben hat, so liegt das wahre Christenthum, wie er's nennt, bei den holländischen Theologen sehr im Argen.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 22-34.
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