Wär'n alle Berge golden.

[164] Wär'n alle Berge golden,

Und alle Wasser Wein,

So hätt' ich dich viel lieber,

Schönes Kind, dann wärst du mein.


Hätt'st du mich dann viel lieber,

Als du nur thust zum Schein,

So geh' vor meinem Vater stehn,

Und bitt' um die Tochter sein.


Ich stand vor deinem Vater,

Doch er versagt dich mir.

Nimm Abschied von dir selber,

Schönes Kind und komm mit mir.
[165]

Von mir selber Abschied nehmen?

Die Knappen sind so los,

Und läßt du mich dann sitzen,

So bin ich freundelos.


Ich will dich nicht verlassen,

Von nun an bis in den Tod.

Du bist eines Königs Töchterlein,

Ein Röschen gar so roth.


Bin ich eines Königs Tochter,

Und du eines Grafen Kind,

Sie nahmen einander bei der Hand,

Und gingen unter die Linde.


Er nahm bei der Hand das Mädchen,

Und führte sie unter die Linde,

Nach einem abgelegenen Lande,

Die Mutter und ihr Kind.


Nun sitz ich hier gebunden,

Im Schooß ein kleines Kind;

So bitt ich die reine Maria,

Daß sie mich davon entbind.


Ich wollt du wärst entbunden,

Von deinem kleinen Kind,

Und daß ich dich begrübe

Unter dieser grünen Linde.


Wolltest du, ich läg begraben

Unter dieser Linde grün,

So wollt ich mein stolzer Ritter,

Daß du an der Kehle hingst.
[166]

Der Ritter hub auf seine Rechte,

Er gab ihr einen Schlag,

Daß sie zur Erde stürzte,

Nichts hörte und nichts sah.


So hast du mich geschlagen,

Mein Liebster, da ist keine Noth,

Sind um die sieben Jahre,

So sollst du kommen um's Brod.


Als um die sieben Jahre,

Der Ritter kam um's Brod,

In der Hand die Lazarusklapper,

Litt er viel Pein und Noth.


Kind, sprach sie, vor sieben Jahren,

Nun setz' deinem Vater einen Stuhl,

Ich hab den Tag wohl gesehen,

Da war er ein Ritter kühn.


Kind, sprach sie, vor sieben Jahren,

Nun gib deinem Vater Brod,

Ich hab den Tag wohl gesehen,

Da hatt' er dran keine Noth.


Kind, sprach sie, vor sieben Jahren,

Nun schenk deinem Vater Wein,

Ich hab den Tag wohl gesehen,

Da war er der Liebste mein.


Der Vater stand vor der Thüre,

Er hörte das hohe Wort,

Er zog sein Schwert aus der Scheide,

Und schlug ihm ab den Kopf.
[167]

Er nahm den Kopf bei den Haaren,

Und warf ihn in ihren Schooß:

Wohlan meine Herzallerliebste,

Beweine deinen Apfel roth.


Sollt' ich das alles beweinen,

Was zu beweinen wär,

Ich hätte zu thun alle Tage,

Die gehn und kommen im Jahr.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 164-168.
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