Wer will hören ein neu Lied.

[159] Wer will hören ein neu Lied,

Hört zu, ich will's euch singen.

Wie Gerhard von Welsen Graf Floris verräth,

Sind wundersame Dinge.


Graf Floris an Gerhard von Welsen frug,

Gerhard von Welsen, ihr müßt heirathen,

An ein Weibchen, hat Gut genug

Und ist auch sehr säuberlich.


Die Schande gescheh mir nimmermehr,

Daß ihr mich bringt in solch Gerücht,

Sprach Gerhard von Welsen zu seinem Landsherr;

Eure alten Schuhe will ich nicht.


Von Welsen mein lieber Neff auserkoren,

Hättet ihr die Worte was besser geleit't;

Und habt ihr bei eurem Ritterhals geschworen

Ihr sollt sie tragen, es sei euch lieb oder leid.
[159]

Eine kurze Weil, es war nicht lang,

Hat Gerhard von Welsen eine Frau genommen.

Graf Floris schrieb Gerhard von Welsen an,

Er sollte ihm an die Hand kommen.


Gerhard von Welsen durft's lassen nicht,

Er ritt über Felder und Auen;

Er that, was sein Landsherr ihn hieß,

Zuweil der schlief bei seiner Frauen.


Sie rief so laut, Kraft und Gewalt,

Thut ihr das mein edler Landsherr,

War da ein andrer auf mich gestellt

Ihr sollt't mit dem Schwerdt ihn abkehren.


Ihr Flehen mogt kein Gehör empfahn,

Ihre Ehre die mußte sie da lassen;

Als er seinen Willen hatte getyan,

Ritt er nach Utrecht seiner Straßen.


Von Welsen hatte sein süßes Lieb fein

Von Wurdens Tochter zum Weibe,

Da meinte er mit fröhlig zu sein,

Aber sie mußte des Grafen Buhle werden.


Der Graf von Welsen ließ Hauswarts gehn,

Sein werthes Liebchen kam nicht ihn zu grüßen.

Was ist denn meiner werthen Frau geschehn,

Daß sie nicht kommt mich zu grüßen?
[160]

Gerhard von Welsen auf ihre Kammer kam;

Da fand er sein süßes Lieb in Thränen:

Hat dir jemand Leid's angethan?

Sprich meine liebe Frau überschöne.


Gerhard von Welsen, mein lieber Mann,

Nun ist das alles verloren;

Zu schlafen an deiner grünen Seit,

Graf Floris hat mir die Ehr genommen.


Daß er dir die Ehr genommen hat,

Daß ist dir, süßes Lieb, schon vergeben;

Gestern war er mein Herr, nun bin ich seiner,

Das soll ihn kosten das Leben.


Er setzte einen Falken auf seine Hand,

Als wollt' er spatzieren reiten;

Er that einen Sprung, als wie ein Has,

Daß er möcht Graf Floris entleiben.


Ach, Gerhard von Welsen, mein lieber Neff

Wollt ihr mir lassen das Leben,

So will ich aus eurer Bastardtochter

Eine Gräfin von Holland machen.


Das thu ich nun und nimmermehr.

Will keinem Verräther sie geben;

Ihr habt meiner Frau genommen die Ehr,

Das soll euch kosten das Leben.
[161]

Daß ihr meinen Bruder ermordet habt,

Das hab ich euch schon vergeben,

Nun habt ihr meiner Frau genommen die Ehr,

Das soll euch kosten das Leben.


Er warf ihm ein Paar Handschuh in den Mund,

Um daß er nicht sollte schreien,

Er führte ihn von da zurstund,

Auf's hohe Schloß zu Meuden.


Des Nachts, es war um Mitternacht,

Um die Mitte der Nacht herum,

Da lag der Graf von Holland

Geschlossen in Ketten und Banden.


Des Morgens, da es war schon Tag,

Um die Zeit, daß die Herren essen,

Da dachte der Graf von Holland,

Reicher Gott, nun bin ich schon vergessen.


Sie brachten ihm ein Stück Bärenspeck,

Sein Schweinespeck war ungebraten,

Da dachte der Graf von Holland:

Reicher Gott, nun bin ich schon verrathen.


Und hätt ich nur einen Schildknappen hier,

Der mich erlöste vom Blute,

Ich würd ihm schenken mein braunes Schild

Und meine eiserne Haube.
[162]

Gerhard von Welsen war bei der Hand,

Er griff nach einem Becken an der Wand,

Sagt mir, o Graf von Holland,

Wie ist euch nun zu Muthe?


Wie mir nun zu Muthe ist?

Und sollt ich immerhin sterben,

Hätt ich nur ein Weib mit einem Kind,

Die mein groß Gut thät erben.


Ich hab noch wohl einen Sohn Johann,

Er ist so fern in fremden Landen,

Er kann sein Gut verwalten nicht,

Das thut ihm große Schande.


Und da ist mir ein Bastardsohn,

Er ist noch jung an Wochen,

Und käm er auch über hundert Jahr,

Seines Vaters Tod läßt er nicht ungerochen.


Eine kurze Weil, es war zur Kehr,

Gerhard von Welsen ward gefangen,

Er dachte wohl oft bei seiner Ehr,

Reicher Gott, nun muß ich hangen.


Hangen war ihm nicht genug,

Er mußte wohl siebenmal mehr leiden,

Sie schlugen ein Faß mit Nägeln aus,

Drin mußte sein edles Blut spritzen.
[163]

Sie rollten ihn drei Tage lang,

Drei Tage, bis zum Mittag;

Gerhard von Welsen, mein lieber Mann:

Wie ist euch nun zu Muthe?


Wie mir nun zu Muthe ist,

Das will ich euch wohl sagen:

Ich bin noch derselbe Mann,

Der Graf Floris hat erschlagen.


Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 159-164.
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