Neue und alte Volkslieder.

[148] Es wird vielleicht in keinem Lande mehr gesungen und gepfiffen, als in Holland. Selten geht ein Knabe über die Gasse, der nicht die Luft mit seiner hellen durchdringenden Stimme durchschneidet. Er genießt das glückliche Vorrecht seines Alters, reine und helle Töne hervorzubringen mit sichtbarem Vergnügen. Sobald er älter wird, legt sich die dicke feuchte Luft seines Landes wie ein Dämpfer auf sein Organ, seine Stimme wird rauh und dumpf, die Lerche schweigt und der Sumpfvogel duckt aus dem Schilfe. Die Männer quärren, die Weiber kreischen. Sie sind so unglücklich daran mit ihrer Liebe zum Gesang, daß Einer desto öfter singt, je schlechter er singt; die aber gar Profession vom Gesange machen, die Bänkelsänger und umherstreifenden Troubadours, singen, daß einem die Haare zu Berge stehn.[149]

Weil das Volk viel singt, hat es auch viele Lieder, alte und neue, züchtige und unzüchtige, letztere besonders im Munde der Matrosen, im Hafen von Amsterdam und Rotterdam. Die sehr würdige Gesellschaft tot nut van't allgemeen hat von Zeit zu Zeit einige tugendhafte Volkslieder wie Melodien verfertigen lassen; aber das Volk singt sie nicht. Dagegen hat der Krieg mehrere Soldaten- und Volkslieder ausgeheckt, worunter eins von Tollers sich auszeichnet durch eine sehr sangbare Melodie. Unzählig sind die Schütterlieder, bis Lieder auf Papa Chassé, Papa van Geen u.s.w. Was von neuen Liedern sein Glück macht, wird gesammelt und geheftet in kleinen Büchern mit blauem Umschlag, genannt blaue Buckje's. Davon kann man sich die Hülle und Fülle ankaufen zu Rotterdam. Sie gehen ins vorvorige Jahrhundert zurück, und enthalten manche Perle aus der alten Liederzeit des Volkes. Diese Zeit ist längst vorüber, man hat das Volk in Holland, wie anderswo im Stich gelassen, die Philister haben sich der Poesie bemächtigt und diese hat unter ihren Händen ganz das Ansehen eines Harlemmer Tulpengartens bekommen. Auch in Deutschland hat sich freilich seit dem sechszehnten Jahrhundert eine spießbürgerliche Poesie außer und über der Volkspoesie gebildet, und zwar auf Unkosten[150] der Kraft, des Gemüths, des Witzes, der Phantasie, der Sprache unserer Nation; aber man muß doch eingestehn, die deutschen Poeten sind zu keiner Zeit so glatt und öde geworden, wie ihre Nachbarn und Stammverwandten, die holländischen. – Die Liederbücher des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, die seeische Nachtigall, der friesische Lusthof, der neue Jugendspiegel, der Apoll oder Gesang der Musen, der Bellerophon und andere, sind eben so viele traurige Denkmäler von der Gedankenarmuth einer Gesellschaft, welche sich so gierig zeigte nach den Reichthümern beider Indien, und die auf Java, dem schönsten und glücklichsten Eilande der Südsee, die nationale Literatur eines dichterisch reizbaren, freisinnigen Volksstammes mit dessen Freiheit kalt und fühllos untergrub. Da saßen sie zu Hause im Geruch ihrer Pfeffersäcke, die reichen Mijnheers, steif hingepflanzt mit kreideweißen Gesichtern, vor einer Tafel mit weißer Harlemmer Leinewand bedeckt und mit rothen Rosen und Nelken zierlich bestreut, Spitzgläser mit spanischem Wein in der manschettirten Hand, in bunter Reihe und wohlabgemessenen Zwischenräumen mit ihren Ehefrauen, Töchtern und Bräuten – so sieht man sie eben auf den feinen Kupferstichen, welche die seeische Nachtigall, den friesischen Lusthof und die andern unsterblichen Werke dieser Art verzieren[151] – da saßen sie, tranken und sangen mit trockner Seele aus Liederbüchern, welche sie mit einem reizenden Namen ihre Mopsjes nannten, die allertrockensten Lieder, woran jede andere Kehle erstickt wäre.

Die Mopsjes sind Auszüge aus den eben genannten größern Liederbüchern; man pflegte dieselben bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf reichen Hochzeiten als Geschenke auszutheilen, wie denn auch meistens Hochzeitlicher ihren Hauptbestand ausmachten. Es gibt noch manche Familie in Nord-Hol land, welche solche Mopsjes als Erbstücke heilig verwahrt. Sie führten verschiedene Namen, Enkhuiser, Purmerender u.s.w. Aber sie sang doch noch die gute Gesellschaft. Darnach ist sie ganz verstummt, oder wenn sie einmal bei festlichen Zusammenkünften den Mund aufthat, so waren es französische Operliedchen. Ihre neueren Dichter, Bilderdyk, Tollees, Bellamy und wie sie heißen, konnten wenig Sangbares zu Stande bringen, oder auch nur einen Funken Lese-Poesie in die Gemüther fallen lassen. Wie konnten sie auch einen Geschmack von dem mittheilen, was sie selbst nicht besaßen. Die beiden neuesten Dichter, die ich am öftersten nennen und preisen höre, Hoopt und Lennep, sind leider eben so philiströse Sänger und eben so wenig fähig,[152] den Geist der Poesie über den Wassern erscheinen zu lassen; man möchte denn die orangerothe Begeisterung ihrer Gedichte für den Geist der Poesie halten.

Aber – die Natur hat den Holländern die Empfänglichkeit für Poesie versagt? Ich wäre der Letzte, um dies zu behaupten. Ich, der ich keinem Menschen die Liebe und die Seligkeit abspreche, spreche auch keinem Volke den Sinn und die Genußfähigkeit für Poesie ab. Apollo kann sich ihrer erbarmen. Ein Arion kann auf dem Rücken eines Delfins im Texel landen und durch das Spiel seiner Leier dem dickhäutigsten Seehund und der kältesten Schildkröte wonnige Ahnungen ins Herz flößen. Ueberdies, Holland ist im Besitz alter Volkslieder, welche unzweifelhaft darthun, daß die Poesie in voriger Zeit sowohl an den Ausflüssen des Rheins wie an dessen Quellen ihren Fuß gesetzt; ihr ist, wie der Liebe, kein Fels zu hoch und kein Sumpf zu tief.

Hier folgt eine kleine Reihe dieser Lieder, die ich, so gut es mir gelingen wollte, übersetzt. Das erste ist das älteste und trägt am meisten den Stempel der Nationalität. Manches gilt sonst den Holländern für altes Volkslied, was nur in alter Zeit den Rhein hinab gesungen wurde und aus dem Kölnischen in Holland eindrang. Ich[153] halte das genannte Lied für eins der schönsten Volkslieder irgend einer Zunge. Es ist so dramatisch und epigrammatisch abgefaßt, so naiv in der Sprache, so springend in den Uebergängen, so ergreifend im Schluß, daß ich nichts mehr bedaure, als nicht das holländische Original, den meisten Lesern unverständlich, mittheilen zu können. Meine Uebersetzung ist schlecht.

Es erfordert dies Lied aber zu seinem Verständniß eine Einleitung; die holländische Geschichte aus der Zeit der Grafen möchte Wenigen bekannt genug sein. Die Meisten dieser Grafen heißen Floris oder Florenz. Ein Graf Floris überraschte die Frau seines Vasallen, Gerhard von Welsen, wie Tarquinius die Lucretia, nicht aus Uebermaß der Begierde und leidenschaftlicher Liebe, sondern um ihrem Mann den Schimpf anzuthun, wie gleich voran im Liebe vermeldet wird: Der Herr von Welsen hatte eine große Sippe, diese nahmen den Grafen auf einer Jagd bei Utrecht gefangen, führten ihn von einem Schloß zum andern und unterwegs verfolgt erstachen sie ihren Gefangenen, dessen Pferd in einem Graben stecken geblieben war. Herrman von Wurden und Gisbrecht von Amstel flüchteten außer Landes, Gerhard von Welsen fiel mit den Uebrigen, nach Eroberung des Schlosses Kronenburg, in die Hände des Volks[154] und einiger Edeln, welche sich für die Sache des Grafen erklärt hatten. In Folge des Urtheils, das man über die Verschwörer sprach, wurden sie mit dem Schwerte hingerichtet, ihre Schlösser zerstört und ihre Kinder und Verwandte bis auf den neunten Grad Landes verwiesen, was unter dem holländischen Adel bedeutend aufräumte und dazu beitrug, den Muth der Städte zu beleben und vorzüglich der willkührlichen Macht der Grafen noch freiem Spielraum zu verschaffen. Was Gerhard von Welsen betrifft, so soll für ihn noch eine besondere, ausgesucht grausame Strafe aufgespart worden sein; die Leidener wälzten ihn auf dem blauen Stein vor dem Rathhaus in einem mit spitzen Nägeln ausgeschlagenen Faß zu Tode. Dies Schicksal des Regulus geben ihm wenigstens mehrere alte Chroniken und unser altes Lied. Allein Melis Stoke sagt nichts davon, und dies macht mir die Sache bedenklich. Melis Stoke, einer der besten und wahrhaftesten Chronikenschreiber, welcher nur ein Land sich zu rühmen hat, lebte zur Zeit des Grafen Floris und war von Allem genau unterrichtet; sein Schweigen über diese Geschichte gilt daher fast als ein Beweis ihrer Unwahrheit, besonders wenn man bedenkt, daß sie ein gefundener Bissen sein mußte für einen Chronikenschreiber. Nicht weniger verdächtig scheint mir ein[155] anderer Umstand im Liede, der ebenfalls von Melis Stoke mit Schweigen übergangen wird, obgleich dieser Geistliche das Leben des Grafen Floris und die Umstände der Verschwörung sehr ausführlich behandelt, und man in seiner treuherzigen Reimerei durchaus keine Spur findet, als hätte er die etwas freien und lockern Sitten des Grafen Floris beschönigen wollen. Nach dem Liede hat nämlich der Graf Floris die Ehefrau seines Vasallen, Gerhard von Welsen, auf ihrem Schlosse geschändet, und zwar nicht, wie Tarquinius die Lucretia, aus Liebesbegierde, sondern um ihrem Mann den Schimpf anzuthun und ein in der Hitze ausgesprochenes Wort wahr zu machen. Auch nach der Reimchronik wird Gerhard von Welsen als der eigentliche Rädelsführer der Verschwörung und der Mörder des Grafen dargestellt, allein dieselbe gibt ein anderes und viel allgemeineres Motiv dafür an, nämlich den Unmuth der Adligen mit einem Fürsten, der ihren Stolz demüthigte und bei jeder Gelegenheit das Volk hervorzog und begünstigte. Dies wird von allen alten Schriftstellern bestätigt. Die Dortrechter Chronik von Holland, Seeland, Friesland sagt von Graf Floris, die Edeln hätten ihn den Gott der Kerle genannt, weil er einst auf Einen Tag ein halbhundert reicher Eingesessenen nach dem Haag beschieden[156] und ihnen sämmtlich in Gottes und des Kaisers Namen den Ritterschlag ertheilt. Dagegen weiß man aber auch, daß er bei schöner Gestalt und ritterlichen Neigungen ein großer Liebhaber von Frauenzimmern war, daß er solche in allen Gegenden auf seinen Schlössern unterhielt und die Töchter seiner Vasallen zu verführen suchte. Sein Leichtsinn, verbunden mit seiner Verachtung des Adels, konnte ihn also möglicherweise in roher Zeit zu einer so wollüstigen Art der Rache verführen, wie ihn das Lied an Gerhard von Welsen ausüben läßt, besonders wenn man aus den ersten Versen die nähere Ursache zu dieser Rache in Anschlag bringt. Füge ich noch hinzu, daß eine andere und ebenfalls sehr alte holländische Chronik, die von Gauda, der That des Gerhard von Welsen denselben Grund unterlegt, so glaube ich kaum berechtigt zu sein, eine Entscheidung zum Nachtheil des Liedes zu treffen und dadurch den Eindruck zu stören, welchen der Glaube an eine Thatsache beim Anhören eines Gedichtes hervorbringt.

Vom Grafen Floris oder Florenz dem Fünften, Sohn des Grafen Wilhelm, der als Gegenkaiser auch in unserer deutschen Geschichte bekannt ist, sagt die Chronik von Dortrecht, er war schön von Angesicht, groß von Leib, klug und tapfer,[157] wohlsprechend, großmüthig, mild von Gaben, ein guter Musikus und Sänger. Gerhard von Welsen, sein Todtschläger, war nach den Worten derselben Chronik ein kluger, großmüthiger und tapfrer Ritter. –[158]

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 148-159.
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