2. Das stille Haus

[150] Philemon 15


In einer stillen Seitenstraße der sonst sehr lebendigen kleinen Stadt stand ein unscheinbares Haus, das man für unbewohnt hätte halten können, so wenig Bewegung und Geräusch wurde darin vernommen, wenn man nicht an dessen Hinterseite, welche die Aussicht auf das weite Tal und die grüne Alb bot, helle Fenster mit Gardinen und Blumen geschmückt und hinter diesen manchmal eine weibliche Gestalt erblickt hätte.[150]

Die anspruchslose Wohnung war die Heimat einer stillen Jungfrau, die eigentlich einem sehr lauten Familienkreise angehörte. Außerhalb dieses Kreises war sie nur wenigen bekannt: den Armen, den Kranken und bekümmerten Herzen. In der Welt und mit der Welt lebte sie nicht; die mancherlei kleinen Interessen, die Tagesneuigkeiten, welche die Bewohner kleiner und großer Städte in Bewegung erhalten, waren nicht für sie vorhanden; aber mit den Ihrigen teilte sie Freude und Leid herzlich und warm, und obwohl ihre Weise still und gelassen war, so konnte sie doch recht kindlich heiter sein mit den Jungen und Frohen.

Am liebsten war sie freilich allein in ihren stillen Zimmern, durch die der Geist der Ordnung und des Friedens wehte, und ließ ihre müden Augen ausruhen auf dem schönen, frischen Grün des Tales. Doch nahm sie es auch freundlich auf, wenn das stille Jungfernstübchen sich belebte von kleinen und großen Nichten und Neffen, die gar zu gern den Schauplatz aller Familienfeste hierher verlegten, zu der freundlichen Tante, die alle Jugendlust so gerne gewähren ließ und die nachher mit aller Ruhe und Heiterkeit ihr kleines Anwesen wieder in Ordnung brachte, wenn die wilde Schar das Unterste zu oberst gekehrt hatte.

Im Mai war der Tante Marie Geburtstag, und auf diesen Tag wußte man schon, daß sie keine Besuche aus der Familie brauchen konnte; da kam alle Jahre ein stattlicher Mann am ersten Gasthof zu Kirchheim mit Extrapost angefahren. Von hier aus verfügte er sich sogleich zur Tante Marie und brachte die wenigen Tage, die er im Städtchen verweilte, von Morgen bis Abend bei ihr zu. Sie machten große Spaziergänge, lasen zusammen und schienen bis zur Abschiedstunde nicht fertig werden zu können mit eifrigen Gesprächen.

Nach diesen Besuchen war die stille Marie eine Zeitlang noch stiller; ihre Geschwister wußten wohl, daß man sie jetzt allein lassen mußte, bis sie selbst wieder einmal in einem der Familienkreise mit der alten heitern, anspruchslosen Miene erschien.[151]

Die Besuche des ansehnlichen fremden Herrn bei der alten Jungfer, die für eine Pietistin galt, obgleich sie deren Versammlungen gewöhnlich nicht besuchte, machten anfangs großes Aufsehen in Kirchheim; allmählich gewöhnte man sich daran. Der Fremde war Professor an der Universität eines Nachbarstaates und ein gekannter Schriftsteller. Alle seine Werke kamen zuerst in das stille Jungfernstübchen der Tante Marie, die ununterbrochen in brieflichem Verkehr mit ihm stand. Die Bewohner von Kirchheim waren längst an den rätselhaften Gast gewöhnt; die jungen halberwachsenen Nichten und Neffen, hauptsächlich aber die ersteren, plagten sich und die Eltern unablässig mit Fragen und Vermutungen, ob er denn ein Verwandter von ihr sei – aber dann wäre er ja auch einer von ihnen – oder ein Freund? Aber solche Freunde hatte man doch gewöhnlich nicht? ... Die Eltern jedoch schwiegen still, und das Rätsel blieb ungelöst.

Ob Tante Marie einmal schön gewesen, war gleichfalls ein Gegenstand häufiger Beratungen. Neben ihrem Freund, der, obwohl einige Jahre älter, doch in der Fülle und Kraft des Mannesalters stand, sah sie freilich recht verblüht aus; aber es war eine milde Anmut über ihr ganzes Wesen ausgegossen, ein Hauch des Friedens, der höher ist als alle Schönheit, weil er über dem Wechsel der Zeit steht.

Marie war von äußerst zarter Gesundheit, und lange vor der Zeit fühlte sie ihre Lebenskraft abnehmen. Sie hatte bis jetzt meist eine ihrer Nichten um sich gehabt, und diese hatten ihrem stillen Einfluß den größten Teil ihrer innern Bildung zu danken; – nun aber bat sie ihre älteste Schwester, ihr Hermine, die ihr stets die liebste der Nichten gewesen war, für den Rest ihres Lebens ganz zu überlassen.

Sehr gern folgte die junge Hermine dem Wunsch der verehrten Tante, obgleich sie diese im stillen gar nicht für so krank hielt. »Aber, Mutter, ehe ich jetzt ganz zur Tante gehe, mußt du mir sagen, wie es denn ist mit dem Professor; ich weiß ja gar nicht, wie ich daran bin, wenn er kommt.«

»Nun ja, Kind,« meinte die Mutter, »du hast nicht unrecht[152] und bist alt genug dazu; was ich weiß, will ich dir gern sagen, aber das ist nicht viel; es ist eine kuriose Geschichte.

Du weißt, daß Marie das jüngste von uns Geschwistern ist, auch war sie daheim das Nesthäkchen und der Liebling, solange unsre selige Mutter noch lebte; wir zwei älteren Schwestern waren schon verheiratet und Marie noch nicht ganz vierzehn, als die Mutter starb. Sie war eine vortreffliche, fromme Frau gewesen, und ihr Tod brachte uns allen ein tiefes Leid; die Marie aber war ganz trostlos. Von nun an hatte sie wenig Freude mehr daheim; unser Vater war ein verschlossener, heftiger Mann, der ihrem Herzen nie nahe gekommen war. Nach kurzer Zeit verheiratete er sich wieder, und jetzt kann ich dir's schon sagen, daß wir alle die zweite Mutter nie recht liebgewannen. Sie war gar nicht bös, aber launisch und oberflächlich; in den ersten Wochen zehrte sie die Marie fast auf vor Liebe, nachher ließ sie sie gehen, tat ihr nichts zulieb oder zuleid mehr, und so wurde das Mädchen immer stiller, und außer ihrem Religionslehrer verkehrte sie am liebsten mit ihren Blumen und Büchern; doch konnte sie recht heiter sein, und sie war ein sehr hübsches Mädchen, so wenig sie aus sich machte.«

»Seh' ich ihr gleich, Mama?«

»Du? bewahre! Du bist nicht halb so hübsch und kannst dich nicht so nett und einfach kleiden wie Marie. Nun, der Doktor R., eben der Professor, lernte die Marie kennen auf einem Ferienbesuch, den er hier machte; sie fanden beide Gefallen aneinander, niemand hatte etwas einzuwenden. Wir hielten's alle für ein rechtes Glück, daß sich Marie in ihrem achtzehnten Jahre mit ihm verlobte. Jetzt lebte sie erst recht auf und ward eine Person von Bedeutung in der Familie; dem Vater, dem Bruder und den Schwägern schienen erst die Augen aufzugehen über ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand und die Bildung, welche sie sich in aller Stille erworben hatte. Die Mutter bekam einen heftigen Anfall von mütterlicher Zärtlichkeit und besorgte mit Eifer die Ausstattung.

Marie blühte wie ein Röslein; mit ihrem Geschmack an Büchern und Lesen und Studieren war sie bei dem Doktor ganz[153] an den Rechten gekommen. Die zwei wurden viel geplagt mit ihren Studien und gelehrten Gesprächen; sie schrieben einander ganze Pferdslasten von Briefen, der alte Stadtbote mußte noch einmal öfter in der Woche aufs Postamt fahren, – mitunter waren sie freilich auch recht kindisch zusammen. Es war alles schön und gut; doch fiel mir's auf, als ich längere Zeit hier war, daß Marie gar selten mehr den Stadtpfarrer besuchte und so äußerst still und schüchtern in seiner Gegenwart war.

Etwa ein halb Jahr waren sie verlobt, als R. einen Ruf auf die Professorstelle in *** bekam; da war nun der Jubel vollkommen, und der Hochzeitstag wurde festgesetzt. Marie freute sich wie ein Kind auf ihr eigenes neues Hauswesen, das Hochzeitskleid war fertig und das Aufgebot bestellt.

Da kam der Professor, um vor seinem Abzug noch einen Besuch bei der Braut zu machen, ehe er sie heimführte. Marie war wie immer heiter und zärtlich. Der Bräutigam mußte in der Nacht mit dem Eilwagen abreisen, und das Brautpaar machte abends noch einen langen Spaziergang zusammen; ich glaube, es war auf den Kirchhof, wohin sie auch sonst gern gingen. Marie kam ganz lebendig und aufgeregt heim von ihrem eifrigen Gespräch, und sie nahmen einen so zärtlichen, liebevollen Abschied wie immer.

Am andern Morgen, ich war damals auf Besuch beim Vater, kam die Marie so bleich zum Frühstück, daß wir alle erschraken, obgleich wir es der Trennung zuschrieben. Die Mutter wollte sie aufheitern und sagte: ›Morgen, Marie, wollen wir nach Stuttgart fahren, um deine Sachen vollends zu besorgen; wir haben nur noch vier Wochen bis zur Hochzeit.‹ Da sagte Marie ruhig, aber mit leiser Stimme: ›Sie dürfen sich keine Mühe mehr geben, Mutter, ich werde gar nicht Hochzeit haben.‹

Da saßen wir alle und starrten sie an mit offenem Mund; wir hätten sie für verrückt gehalten, wenn sie nicht so gar sanft und ruhig den ganzen Sturm von Fragen und Vorwürfen ausgehalten hätte, der über sie losbrach. ›Und Ludwig?‹ fragte ich endlich. ›Dem habe ich schon heute früh geschrieben.‹ Das[154] war ihre einzige Antwort, mehr konnten wir nicht herausbringen.

Der Professor kam am zweiten Tag, in heftiger Bewegung; wir hatten ihn mit Schmerzen erwartet und hofften alles von seiner Gegenwart. Was es an jenem Abend zwischen ihnen gegeben, darüber rückte er auch nicht heraus. ›Setzen Sie dem Mädchen den Kopf zurecht, Herr Tochtermann,‹ sagte der Vater, ›oder ich werde selbst noch toll.‹ Marie empfing ihn ruhig, still und schüchtern. Sie gingen in den Garten; da saßen sie in der Laube, in der sie sich verlobt hatten, weiß Gott wie lange, immer im eifrigsten Gespräch. Wir waren voll der besten Hoffnung; da kamen sie endlich herauf, alle zwei bleich wie der Tod. Der Professor sagte dem Vater, daß er sich in Mariens Willen fügen müsse und auf ihren Besitz verzichte, gab uns allen die Hand, auch der Marie, küßte sie auf die eiskalte Stirn und fuhr davon.

So wenig ich Marie begreifen konnte, so dauerte sie mich doch viel zu sehr, als daß ich ihr hätte Vorwürfe machen können; der Vater aber war furchtbar böse, und bei der Stiefmutter war der Zärtlichkeitsanfall gründlich vorbei. Ich nahm Marie auf eine Zeitlang mit mir; sie war so angegriffen, daß ich alles fürchtete, und sie erholte sich nur nach und nach in der Stille und Ruhe, die ich ihr ließ.

Es war gar nicht wie sonst bei einem Brautpaar, das sich aufgegeben: keine Briefe, keine Geschenke und Porträts wurden zurückgegeben; im Gegenteil, der Schriftwechsel fing wieder an, wenn auch nicht so eifrig wie zuvor, und Marie las die Briefe mit so ängstlicher Spannung, als ob sie von jedem ihr Lebensheil erwarte. Ich konnte nicht glauben, daß es bei den zweien aus sein sollte, und erschöpfte, als Marie wieder gesunder war, all meine Beredsamkeit, ihren Sinn zu ändern oder doch zu erfahren, warum sie es denn so gewollt. So sanft und nachgiebig sie sonst ist, so fest blieb sie hier. Aber das muß ich sagen, daß sie noch viel lieber und besser wurde als vorher. Sie schien gar nimmer an sich selbst zu denken, so fromm, so fleißig, so gut gegen Arme, – wie ein wahrer Engel[155] war sie. Als der erste Ärger des Vaters verraucht war, kam sie wieder heim; man gewöhnt sich an alles: wo die Zeit nicht Rosen bringen kann, da nimmt sie doch Dornen. Der Vater sagte nichts mehr; er schien es auch zu fühlen, daß mit dem bleichen Kinde ein Engel unter sein Dach eingezogen war.

Von Jahr zu Jahr hofften wir, es solle anders werden; es blieb aber dasselbe. Acht Jahre nach jenem Tag starb der Vater, die Mutter zog zu entfernten Verwandten. Wir alle hätten Marie gern bei uns gehabt; da fiel uns aber um diese Zeit das alte Haus in Kirchheim als Erbschaft eines Herrn Vetters zu, und Marie bat uns, da es ohnehin nicht leicht verkäuflich war, es ihr zum Wohnsitz zu überlassen. Das geschah, und seither ist alles geblieben, wie es jetzt noch ist; Marie und der Professor schreiben sich fortwährend, er besucht sie jeden Geburtstag, er schickt ihr all seine Bücher, – aber keines von uns hat jemals erfahren, was sie getrennt hat.« – – – – – – – – –

Das war alles, was Hermine über die Lebensgeschichte der Tante hörte, und es steigerte nur ihre Neugierde, das eigentliche Wort des Rätsels zu wissen. Diese Neugierde verklärte sich zu einem Gefühl des tiefsten, innigsten Anteils, als sie in der unmittelbaren Nähe der Tante, unter dem Einfluß dieses ruhigen, klaren, innig frommen Gemütes stand; aber nie hätte sie eine Frage gewagt.

Tante Marie hatte übrigens ihren Zustand richtig beurteilt; ihre Gesundheit war gebrochen, ihr Leben einer langsamen Zehrkrankheit verfallen. Bald wurde ihre Schwäche so groß, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Hermine ließ sich das ihr liebe und heilige Amt der Pflege nimmer abnehmen; das Verhältnis zwischen Tante und Nichte wurde immer inniger, das Muttergefühl, das Marien versagt war, schien in ihr für dies junge Mädchen erwacht zu sein.

Es war in der Zeit des beginnenden Herbstes, die so leicht Kranke dieser Art hinrafft, – eine recht stille Abendstunde; Hermine saß an dem Bett der Kranken, lautlos ihre Züge beobachtend, da schlug Marie die halbgeschlossenen Augen auf:[156] »Kind, hast du an den Professor geschrieben?« – »Ja, Tante, gleich nachdem Sie es gewünscht.« – »Es ist gut, ich glaube, er kommt bald,« sagte sie mit sanftem Lächeln. Hermine stiegen die Tränen ins Auge, ihr Herz war zum Überfließen voll; zum erstenmal wagte sie ein weiteres Wort: »Tante, liebe Tante, wenn Sie sich so freuen auf ihn, warum, o warum sind Sie nicht sein eigen geworden? Oh, Sie hätten ihn gewiß recht glücklich gemacht!«

Marie legte sanft ihre Hand auf die des weinenden Mädchens. »Liebes Kind, ich lebe nicht mehr lange; du hast mich so lieb gehabt, du sollst mich nicht für launisch, für seltsam halten. Ich will dir sagen, was ich niemand noch gesagt – rück näher, Kind, ich kann nicht lang' und nicht laut reden! – schiebe die Lampe zurück!

Hermine, ich war jünger als du, noch ein Kind, als ich so an meiner Mutter Sterbebett saß, wie du hier an meinem. Aber mir starb mit der Mutter mein alles, ich war außer mir vor Schmerz; ich glaubte sie dem Himmel abringen zu können mit meinem Gebet. Die Mutter allein hatte noch die Macht, mich zu beruhigen. In jener Nacht sprach sie recht lang' und herzlich mit mir und wies mich auf den festen, tiefen, innigen Glauben hin, der ihres Lebens Glück und Trost gewesen war; aber mein Schmerz brach immer wieder aus: ›Mutter, o liebe Mutter,‹ rief ich, ›wie soll ich fromm bleiben, wie gut werden ohne dich? Versprich mir, daß du wieder zu mir kommen willst auch noch vom Himmel!‹ – ›Kind,‹ sprach sie ernst, ›du weißt nicht, was du bittest, das liegt nicht in Gottes Willen; er hat uns Licht genug gelassen für unsern Weg. Aber ich verspreche dir,‹ sagte sie mit wunderbar klarer, heller Stimme, ›wenn Gott es zuläßt, so komme ich zu dir, wenn deine Seele in Gefahr ist!‹ Das waren ihre letzten Worte.«

Die Kranke ruhte längere Zeit, dann begann sie wieder in kürzeren Pausen: »Hermine, ich habe Ludwig unbeschreiblich lieb gehabt, mehr als ich sagen kann. Ich wußte, daß er meinen Glauben nicht ganz teile; das tat mir weh, aber ich dachte nicht daran, ihn darum aufzugeben; er war ein edler Mann, – ich[157] vertraute auf die Macht der Liebe, – Gott werde ihn durch mich wieder zum Glauben führen. Aber, Kind, das ist schwerer, als man glaubt. Ludwig ist ein glänzender, reich gebildeter Geist; die Ansichten eines geliebten Mannes sind wunderbar hinreißend; ich vermied die Besprechungen über diesen heiligsten Gegenstand nicht, ich wollte ihn ja bekehren. Allmählich schlichen sich diese Ideen, ›der Geist des Christentums‹, wie er es nannte, in meine Seele, ich glaubte Ludwig, solang' ich ihn hörte; war ich allein, so fühlte ich, daß das nicht Wahrheit war, aber den Stern, der mir seither geleuchtet, fand ich nimmer. Ich konnte nicht mehr aufblicken wie das Kind zum Vater; ich war oft innerlich unglücklich, aber ich dachte nicht daran, Ludwig aufzugeben. An jenem Abend sagte ich ihm alles, was mein Herz bekümmerte und bewegte, er war dadurch nicht angefochten; er zeigte und bewies mir klar, auf welchem Standpunkt ich noch stehe, das sei nur ein Übergang zum Wahren. Aufs neue legte er mir das ganze glänzende Gebäude seiner Ideen vor Augen. Ich weiß nicht mehr alles; ich war hingerissen, überzeugt, wie ich meinte; er warb mich für ein neues Leben im Dienste des ewigen Geistes. Erhoben, neubelebt glaubte ich heimzukehren; in meinem stillen Stübchen war es noch nicht anders. In jener Nacht, was ich gesehen, soll nicht über meine Lippen –, Hermine, meine Mutter hat Wort gehalten. Von nun an wußte ich, was ich zu tun hatte; als sein Weib hätte ich ihm nicht widerstehen können, und ich löste das Band. Er sagte mir viel: nicht mit einer Silbe wolle er meinen Glauben antasten; ach, ich wußte wohl, daß ein absichtliches Schweigen oft mehr tut als ein Angriff, gegen den man sich waffnet. Mein Weg war mir klar, und Gott ist sehr gnädig gegen mich gewesen. Von allen Bitten, die ich seitdem zu Gott schickte, ist nur eine, meine erste und letzte, meine heißeste, noch nicht erfüllt; wir sind noch nicht eins in allem – Ludwig ist wahr gegen mich wie gegen sich selbst; wenn sich der Himmel mit einer Lüge erkaufen ließe, er würde es nicht tun. Und nun, gute Nacht, Kind!«

Am folgenden Tag kam ein Brief, Marie las ihn mit leuchtenden[158] Augen; »er hat deinen Brief noch nicht, Hermine, aber er kommt bald.« Die Schwestern kamen noch, um Marie zu besuchen; sie nahm herzlichen Abschied von ihnen, wünschte aber nicht, daß eine bleibe. Sie lag still und ruhig wie in froher Erwartung. Endlich fuhr ein Wagen vor; der Professor stürzte heraus: »Lebt sie noch?« rief er atemlos Herminen entgegen. »Gott sei Dank!« rief er auf ihre bejahende Antwort und eilte zur Kranken. Eine Vorbereitung war hier nicht nötig. Lange, lange waren die beiden allein beisammen, bis Hermine wagte, wieder einzutreten. Ludwig saß dicht bei Marie, die, aufgerichtet im Bett, ihr Haupt an seine Brust gelehnt hatte und ihm mit seligen, strahlenden Blicken ins Auge sah. Beider Hände ruhten ineinandergelegt auf Mariens Bibel, dem liebsten Erbteil von ihrer seligen Mutter.

Hermine wollte sich schüchtern zurückziehen, Marie winkte ihr freundlich und sagte leise: »Danke Gott, Kind! Mein Gebet ist erhört, mein Opfer war kein vergebliches.« Sie sprach nicht mehr viel, aber sie trennte sich nimmer von ihm, von dem sie so lange getrennt gewesen war. Vereint genossen sie das heilige Abendmahl, das letzte, was über Mariens Lippen ging; sie starb mit seligem Lächeln. Ihr Bild im Tode war wie verklärt, fast so lieblich wie einst das der jungen Braut, nur etwas bleicher.

Das stille Haus hat sich geschlossen – vielleicht, um später ein lautes zu werden; nur für die wenigen, denen sie angehörte, ist es geweiht durch das fromme sanfte Bild der Tante Marie.

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 1, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 150-159.
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