Der Maler

[143] Wie viel gebetene und ungebetene Gäste auch das Kloster heimsuchten, ein Zimmer wurde stets freigehalten und blieb sogar bei den hohen Wasch- und Putzfesten verschont: des[143] Malers Stube. – Der Maler war so recht der Stammgast des Hauses; man wußte fast nicht mehr, wann er zuerst gekommen war. Seine Ankunft wurde stets ohne Zeremonie angekündigt durch einen großen, langen Korb, der, mit einem Tuche bedeckt, sein Malergerät enthielt. Seine übrige fahrende Habe war leicht transportabel, da sich seine Garderobe mehr durch Qualität als durch Quantität auszeichnete. – Der Maler, der in der Residenz eine bescheidene Mietwohnung innehatte, war den größten Teil des Jahres der Gast irgend einer befreundeten Familie, um diese und die ganze Umgegend mit den Erzeugnissen seiner Kunst zu beglücken.

Er machte eine recht anständige Figur, der Maler; er war nicht groß, aber wohlgeformt und abgerundet, jederzeit höchst proper und zierlich gekleidet, in Frack, Schuhen und seidenen Strümpfen, die er eigenhändig zu stopfen pflegte. Somit machte er in seinem Äußern keinen Anspruch auf Genialität. Wie würde er sich entsetzt haben, wenn ihm ein Kunstgenosse aus unsern Tagen zu Gesicht gekommen wäre, mit Waldungen von Schnurr-, Backen- und Knebelbärten, einer Haarwildnis und einem Paar düsterer, rollender Augen, während ihn ein Stäubchen auf den blankgewichsten Schuhen unglücklich machen konnte! Nur in einem Stück erhob sich sein Künstlergeschmack über die Herrschaft der Mode: inmitten des Zeitalters der Zöpfe und Zöpfchen, Buckeln und Haarbeutel, Puderköpfe und Perücken trug er unverändert seine eigenen, halblang geschnittenen Haare, wodurch er sich noch in spätern Jahren ein gewisses jugendliches Aussehen bewahrte.

Im Kloster war er daheim wie im eigenen Hause. Er kommandierte die Mägde, die seiner unendlichen Pünktlichkeit nie Genüge tun konnten; er schulte die Kinder herum, ohne die Vermittlung der elterlichen Oberbehörde zu suchen; er kritisierte die Speisen und machte den Küchenzettel; denn er war ein ziemlicher Feinschmecker und hatte Kenntnisse in der Kochkunst, welche die selige Verfasserin des schwäbischen Kochbuchs beschämt hätten. Wegen all dieser Eingriffe in ihr Gebiet lebte er denn auch in beständigem kleinen Krieg mit der Großmutter,[144] obgleich sie es von Herzen gut mit ihm meinte und er großen Respekt vor ihr hatte. Desto besser stand er mit dem Großvater, mit dem er immer zu kleinen Schutz- und Trutzbündnissen gegen die Frauenwelt verbunden war.

Der Beginn seiner Laufbahn war ein sehr vielversprechender gewesen, weil sie, wie die so vieler großer Männer, zu allerunterst angefangen hatte. Er war der Sohn eines armen Kupferschmieds in Urach. Herzog Karl bemerkte die wunderschöne Stimme des Buben, als er einmal durch die Stadt ritt. Äußerst begierig, jedes aufkeimende Talent in seiner Akademie zu hegen, welches Treibhaus damals in der Blüte seines Gedeihens stand, nahm er den Knaben alsbald in die Anstalt auf. Die Singstimme bildete sich mit der Entwicklung des Knaben nicht so glänzend aus, wie man gehofft; dagegen schien bei ihm Geschmack und Talent für Malerei vorherrschend zu sein. Der Herzog, der sich sonst fast göttliche Rechte anmaßte und wenn nicht die Herzen, so doch den Willen und die Gaben der Menschen lenken wollte wie Wasserbäche, ließ diesmal einen Menschen seinen eigenen Weg gehen. Zu viel scheint er sich nie vom Maler versprochen zu haben; denn er verlor ihn aus dem Auge und tat nichts dafür, sein Talent durch Reisen und dergleichen zu heben. – Der Maler hat auch die Akademie keineswegs als großer Künstler verlassen, und es schien nicht, als ob er seine Kunst für etwas andres ansehe als für einen recht anständigen Nahrungszweig. Er war und blieb ausschließlich Porträtmaler. Seine Bilder haben fast alle den Vorzug großer Treue, aufs Idealisieren ließ er sich höchst selten ein; sie sind keine vergeistigte Wiedergabe der Natur, wohl aber eine genaue Kopie davon, und die Warze auf der Nase des Herrn Stadtschreibers durfte so wenig wegbleiben wie der kleine Auswuchs am Halse der Frau Dekanin, obgleich diese solche Treue sehr übel vermerkte. Er war unermüdet fleißig, und da er sehr wohlfeil malte und daneben ein angenehmer Hausgenosse war, so läßt sich erklären, wie in jener sparsamen Zeit ganze Generationen sich durch seinen Pinsel verewigen ließen. Durch ganz Schwaben, das Land auf und ab, finden sich in Zimmern oder[145] Rumpelkammern noch Bilder, die ohne Malerzeichen unverkennbar den Stempel seiner Hand tragen.

Die Familie im Kloster malte er in allen Formaten und Lebensaltern: rotwangige Kinder, Jungfrauen mit kurzer Taille und Spickelkleidern, Papa, Mama und Großmama. Die Großmutter wollte mit ihren Bildnissen nie zufrieden sein, sie wäre gern hübscher gewesen und hätte eine kleinere Nase gewünscht. Doch, wie gesagt, Verschönern war nicht des Malers Sache. Er behandelte die Rockknöpfe und Halskrausen gerade mit derselben Aufmerksamkeit wie das »gesegnete Menschenantlitz« und fühlte sich noch geschmeichelt, als die Magd bei einem seiner Porträts nichts zu bewundern wußte als: »Ach, wie sind des Herrn Buchhalters Weste so gut getroffen!« Für Schönheit hatte er aber doch ein lebendiges Auge und war ein großer Freund und platonischer[146] Verehrer des schönen Geschlechts. Unter seinen zahlreichen Freundinnen hatte er immer noch besonders bevorzugte, die er mit Auszeichnung »meine Auguste«, »meine Karoline« nannte; nie aber hörte man, daß seine Vorliebe auch in jungen Jahren den Grad einer ruhigen, freundschaftlichen Zuneigung überschritten hätte. Diese seine Erwählten pflegte er dann auch unentgeltlich und sogar in etwas idealer Gestalt zu malen, etwa mit einem Blumenkranz oder nach damaligem Zeitgeschmack mit fliegenden Haaren, an einem Altare stehend. Solche Bilder erheben sich auch wirklich in Auffassung und Ausführung ziemlich über seine andern.

Ein lästiger Gast wurde der Maler nie, obgleich er ein sehr dauerhafter war. Ohne seiner Würde zu vergeben, machte er sich nützlich durch allerlei kleine häusliche Dienstleistungen, zu denen er eine geschickte Hand hatte. Er malte nicht, wie ein moderner Maler, nur in einem absonderlich zubereiteten Atelier, in dem er aufgesucht werden muß. Was er bedurfte an Licht und Schatten, das war durch einen geschlossenen Fensterladen, durch einen aufgezogenen Vorhang leicht hervorgebracht, und so zog er denn mit seiner Staffelei und seinem Korb in jedes Haus, wo er gerade porträtierte, und war den ganzen Tag über dessen Gast. Dadurch trat er mit den Gegenständen seiner Darstellung in ein recht vertrautes gemütliches Verhältnis, was gewiß viel zu dem natürlichen, hausbackenen Charakter seiner Bilder beitrug, die nicht absichtlich liebenswürdige oder schalkhafte Gesichter machen wie die Porträts in unsern Kunstausstellungen. – Alle, auch die mechanischen Verrichtungen, die zu seiner Kunst gehörten, vollbrachte er selbst; im Hof grundierte er seine Leinwand, rieb seine Farben und brauchte so keine Art von Gehilfen.

Er war ein recht unterhaltender Gesellschafter und erheiterte unermüdet den Familienkreis durch Vorlesen, durch Gesang – seine Stimme erhielt sich lange schön –, durch Teilnahme an den damals im Schwange gehenden Pfänderspielen. Hatte ihn die Karlsakademie nicht zum großen Manne gemacht, so hatte sie ihm doch eine zugleich feine und gründliche Bildung mitgeteilt,[147] so daß sein Umgang wirklich von Wert für die Jugend war, zumal in einem Landstädtchen, dessen Schulunterricht sich nicht weit übers Buchstabieren und Dividieren erhob. Nur trug die gute Großmutter Sorge, ob er nicht den jungen Leuten etwas von den freigeisterischen Ansichten mitteilte, die er, wie so viele seiner Zeit, als notwendiges Erfordernis feiner Bildung und als Zeichen eines guten Kopfes sich angeeignet hatte. Sein im Grunde doch heimatloses Leben, das ihm tiefere Erregungen ferne hielt, trug wohl dazu bei, daß das Glaubensbedürfnis in seiner Seele nicht recht erwachte. – Dieser Mangel an innerer Glaubens- und Lebenswärme ließ nun auch Raum in seiner Seele für einen stillen Trübsinn, der ihn bei der heitersten Außenseite mit zunehmenden Jahren beschlich. Seine Sehkraft fing an abzunehmen; mit den Augen verfiel sein einziges Unterhaltsmittel, und für die Zukunft hatte er nie vorgesorgt. Er hatte kein geniales Künstlerleben geführt, nicht in einer tollen Champagnernacht lange Hungertage zu vergessen gesucht; aber ein anständiger Wohlstand, ein gewisser Komfort in Nahrung und Kleidung war ihm Bedürfnis. Dabei hatte er eine freigebige Hand, sowohl ein Scherflein der Armut als auch ein Ehrengeschenk der Freundschaft zu bieten. Der Notpfennig für die alten Tage fehlte ihm, und seinem ehrenhaften Sinn widerstrebte es, sich als unnützes Mitglied in der Gesellschaft von fremder Güte erhalten zu lassen. In tiefster Seele mochte ihn wohl auch schmerzlich das Bewußtsein erfüllen, daß er nur in dem Vorhof seiner herrlichen Kunst stehen geblieben und nie in ihr Heiligtum eingedrungen war. – So sah er bei kräftigem Körper mit den verdunkelten Augen in eine öde Zukunft. Zu der Höhe des Bewußtseins konnte er sich nicht erheben, sich als Kind des großen Vaterhauses, als Diener des unendlich reichen Hausherrn zu fühlen, in dessen Dienst keine Hand müßig gehen darf, wenn wir nur zu verstehen wissen, zu welchem Werke er uns wirbt.

In des Malers sonst so ruhiger Seele reifte ein Entschluß, den niemand bei dem heitern, gleichmütigen Manne vermutet hätte. Er beschloß, sein Leben selbst zu enden. Ganz im stillen,[148] anscheinend mit vollkommener Seelenruhe, bereitete er die Ausführung des dunkeln Gedankens vor und brachte alle seine zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung mit der peinlichen Pünktlichkeit, die lebenslänglich ein Charakterzug an ihm gewesen war. – Aber nie wurde wohl der eigenmächtige Beschluß eines Menschenwillens in so wunderbarer und trauriger Weise verhindert und befördert zugleich wie der Vorsatz des Malers.

Er war schon längere Zeit vom Hause des Großvaters fern gewesen, als eines Tages statt des erwarteten Korbes ein Brief von ihm kam nebst seiner goldenen Taschenuhr. Neben dem sonst ganz gleichgültigen Inhalt des Briefes bat er den Großvater, die Uhr als Vergütung für ein kleines Darlehen anzunehmen. Der Großvater war ärgerlich und gekränkt über dieses Verfahren eines Freundes, den er nie gemahnt hatte; noch aber stieg keine Ahnung des wirklichen Grundes in ihm auf. – Einige Zeit nachher kam ihm die Kunde zu, daß in B. am Neckarufer ein fast unkenntlicher Leichnam gefunden worden sei. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über das Geschick seines unglücklichen Freundes. Er eilte hin und erkannte die durch schwere Wunden und längeres Liegen im Wasser sehr entstellte Leiche, weniger an den Zügen als an des Malers Lieblingsdose, die sich noch bei ihm fand. Aber ein dunkles Rätsel schien auf dem Tode des Mannes zu liegen. Daß er beabsichtigt, sich selbst zu töten, das stellte sich durch tausend kleine Umstände seiner letzten Lebenstage unzweifelhaft heraus, und doch trug die Leiche Wunden, die ebensowenig durch seine eigene Hand wie durch das Umhertreiben des Körpers im Wasser entstanden sein konnten. Woher nun diese? Der Maler war der friedfertigste Mensch von der Welt gewesen: wer konnte seiner eigenen Hand auf solche Weise vorgegriffen haben?

Erst einer Untersuchung späterer Jahre, die aus ganz andern Gründen geführt wurde, war es vorbehalten, dieses Geheimnis ans Licht zu ziehen. – Es lebte in der Nähe von B. ein Wirt, der eine so wunderbare Ähnlichkeit mit dem Maler hatte, daß er oft mit ihm verwechselt wurde, so wenig sonst Verwandtes[149] war zwischen dem anständigen, gesitteten Maler und dem rohen, jähzornigen Wirt. Dieser hatte wenige Tage vor dem Ende des Malers mit ein paar Schiffern, gleichfalls rohen und wüsten Gesellen, einen heftigen Streit gehabt, der damit endete, daß er sie zum Hause hinauswerfen ließ, worauf sie ihm blutige Rache schwuren. – Am Morgen des Tages, wo der Maler vor Sonnenaufgang hinausging, um sich selbst zu Grabe zu tragen, traf er am Neckarstrand die Schiffer, die mit wilder Gier auf ihn, als den vermeinten Gegenstand ihres wütenden Hasses, losstürzten. Ob sie in ihrer Wut nicht achteten, was sie über ihren Irrtum hätte belehren können; ob der Maler, froh, daß ihm die eigene Tat erspart war, sich selbst enthielt, sie zu enttäuschen: das weiß niemand. So ist dem friedlichen Künstler ein dunkles und blutiges Ende geworden. Möge er einen milden Richter gefunden haben an dem, der Herzen und Nieren prüft und der nicht gewollt, daß ihn der eigene Schritt vor der Zeit zum Tode führen sollte! – In der Familie des Klosters ward ihm ein freundliches Andenken bewahrt, und in manchem schwäbischen Hause wird bei diesem Umriß, der Wahrheit gibt, keine Dichtung, die Erinnerung an den gemütlichen heimischen Künstler wieder aufleben. Mir sei vergönnt, mit seiner traurigen Geschichte das Kloster zu schließen und euch hineinschauen zu lassen in ein paar andre alte Häuser von Kirchheim.

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 1, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 143-150.
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