24. Der gescheite Hans'l.

[122] Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne. Der Jüngste darunter war der dümmste und hieß Hans; die Leute nannten ihn aber zum Spotte immer nur den gescheiten Hans. Hans mußte im Herbste mit seinen Brüdern auf den Wiesen die Schafe und Böcke seines Vaters hüten und da neckten und tratzten ihn die andern Hirtenbuben oft und Hans gab den Narren ab für alle.

Einmal vergaßen die drei Knaben, als sie von Hause fortgingen, das Mittagsmahl mitzunehmen. Erst als es sie hungerte, gedachten sie desselben und schickten den Hans nach Hause zurück, damit er ihnen etwas zu essen hole. Die Mutter kochte, als Hans angetrollt gekommen war und seinen Auftrag entrichtet hatte, dem Knaben einen Stupfplenten, gab diesen dem Hans und schickte ihn dann auf die Wiese hinaus zu den hütenden Brüdern. Hans trollte mit offenem Munde über Stock und Stein dahin und dachte wie ein rechter Lappe weder an den Himmel noch an die Welt noch an die Hölle. Es stieß ihm auf seiner Wanderung lange nichts Erhebliches zu, bis er neben sich auf dem Boden einen langen, langen dunkeln Mann einhergehen sah. Der Mann hatte aber so lange Arme, daß sie länger waren als der ganze Hans'l, und die Beine des Mannes waren so hoch als die fünfzigjährigen Pappeln am Wiesenbache. Der vermeintliche Mann[123] war aber Hansens Schatten. Anfangs wären dem Hans, als er den riesigen, geheimnisvollen Mann sah, bald die Gänsrupfen aufgestanden, als aber der lange Hans'l sich ganz ruhig verhielt, faßte sich Hans'l wieder, und als er Hunger verspürte, nahm er ein Stück Plenten und aß es mit großem Behagen.

Kaum hatte aber Hans'l die Lippen bewegt, so schien der große Mann auch zu kauen, als ob sein Mund in Wieden gewesen wäre.

»Das ist ein Stummer,« dachte sich Hans'l, »und weil er auch etwas zu beißen haben will, macht er so das Maul auf und zu.« Mitleidig warf er dem stummen Begleiter ein Stück Plenten zu und ging seines Weges weiter. Wie aber Hans seinen Mund auftat, tat der Stumme dasselbe. »Der arme Teufel will halt auch noch ein Stück haben,« dachte Hans und warf ihm wieder ein gutes Stück zu. So ging es fort, Hans aß immer und der lange Kerl hatte einen solchen Regimentshunger, daß er nie genug zu haben schien. Hans war endlich des Spieles überdrüssig und wollte den Langen jagen. Allein es war umsonst, der Mann begleitete ihn, bis die Sonne hinter den bewaldeten Bergen untergegangen war; da war aber auch der Stupfplenten zu Ende und Hans hatte seinen Brüdern nichts mehr zu bringen, denn er hatte alles selbst verzehrt oder seinem Begleiter gegeben.

Als ihn seine Brüder von ferne kommen sahen, stürzten sie ihm entgegen, denn es hungerte sie. Auf ihr Begehren sprach er, er hätte keinen Bissen mehr, denn sein langer, stummer Begleiter habe ihm alles abgefressen. Die Brüder ahnten, daß hinter dieser Geschichte nur eine Dummheit stecke, und darüber erbost jagten sie ihn gleich wieder nach Hause, etwas anderes zu holen.

Hans'l eilte nun heim und hinterbrachte der Mutter das Anliegen seiner Brüder. Sie riß die Augen nicht wenig auf, als sie dieses[124] hörte, und mit einem nicht eben freundlichen Gesichte ging sie in die Küche und buk dort Kuchen.

Als ein Teller damit vollgetürmt war, legte sie dieselben in ein Körbchen und gab es dem Hans.

»Da nimm die Kost für deine Brüder,« sprach die Mutter mahnend, »und mache nicht eine neue Dummheit; denn die Gottesgabe ist teuer und deine Brüder plagt der Hunger und das ist ein böser Gast.«

Dabei gab sie ihm zwei Kuchen, damit er die andern desto sicherer den Brüdern brächte.

Hans nahm sich die Worte der Mutter zu Herzen und aß die Kuchen und machte dann rechtsum durch die Türe hinaus. Er ging seine Wege fort und alles ging in Ordnung. Da kam er aber zu einer Brücke und auf dieser sah er gar viele Löcher und Spalten. »Ah,« dachte Hans, »das geht nicht. Morgen müssen wir mit den Schafen da überfahren und da könnten sich die armen Tiere leicht ihre Füße brechen. Ich will sie zur Vorsicht vermachen.« – Hans setzte seinen Gedanken ins Werk. Er nahm einen Kuchen nach dem andern aus dem Körbchen und verstopfte damit die Löcher der Brücke. – Als er mit der Arbeit fertig war, war auch das Körbchen leer und so kam Hans wieder mit leeren Händen zu seinen Brüdern.

Die Brüder wurden sehr böse, als sie Hans mit leeren Händen sahen; denn es hungerte sie, daß sie Holz und Steine hätten essen mögen. Allein es war schon dunkle Nacht und so war guter Rat teuer. Sie legten sich nun mit dem hungernden Magen auf die Streu und schliefen gar süß, denn sie hatten keine bösen Träume.

Als der Morgen hinter den Bergen emporstieg und den Himmel goldenrot malte, erwachten die Brüder und der Hunger mit ihnen. »Was ist nun zu tun?« dachten sie, »den Hans'l können wir nicht heimschicken;[125] denn die dritte Dummheit bliebe gewiß nicht aus.« Nach einigem Hin- und Herdenken gerieten sie endlich auf den Einfall selbst nach Hause zu gehen und dem Hans'l einstweilen das weidende Vieh anzuvertrauen.

»He, Hans'l!« rief der Älteste, »heute gehen wir nach Hause, das Essen zu holen, habe indessen auf das Vieh recht acht, auf daß kein Stück verlaufe.«

Die Brüder waren nun fort und Hans war allein bei der Herde. Er legte sich an den Rain hinaus in die Sonne und ließ dieselbe sich in das Gesicht scheinen, denn dies gefiel ihm gar zu gut. Die Geise und Böcke sprangen und grasten und mäckerten und klingelten, daß es eine Lust war. So ging die Wirtschaft ganz gut und Hans'l war auch mit sich zufrieden. Als aber die Mittagszeit kam und die Magenuhr sich immer mehr bemerklich machte, da wollte Hans nicht mehr so ruhig sich sonnen, sondern stund auf und spähte in die Ferne, ob seine Brüder nicht kämen. Er schaute und harrte, allein alles war umsonst. Da legte sich Hans wieder unmutig in das Gras und die Herde legte sich um ihn und wiederkäute das abgerupfte Futter. Der Hirt nahm nun seine braune Lodenjoppe her und durchstöberte jeden Sack derselben, um ein Krümchen Brot zu finden. Lange war sein Suchen vergebens, da fand er endlich ein Stückchen hartes, verschimmeltes Maisbrot und das verzehrte er mit dem größten Heißhunger und es schmeckte ihm besser als der herrlichste Butterweck.

Nach diesem kurzen Mittagsmahle legte er sich wieder ins Gras und sah den sich lagernden Ziegen und Böcken zu. Wie er aber diese so da liegen sah, glaubte er, dies Vieh äffe ihn nach und spotte seiner, und wurde über die Maßen zornig. Er nahm in seiner Tollwut einen Erlenstock, fiel über das arme, unschuldige Vieh her und mißhandelte es schrecklich.[126]

Es dauerte nicht mehr lange und die Brüder kamen von der Heimat zurück aufs Feld. Wie groß war aber ihr Staunen und ihr Schrecken, als sie den Hans mit dem blutigen Erlenstocke dastehen und die ganze Herde blutig und tot daliegen sahen.

»Was hast um des Himmels willen du da getan?« riefen beide wie aus einem Munde ihn an.

»Ja, das Teufelsvieh hat mich da geantert1 und das hab' ich ihm mit dem Stecken schon ausgetrieben,« gab Hans zur Antwort.

Die Brüder jammerten und weinten aus Furcht vor den Eltern und getrauten sich nicht mehr nach Hause. Was war nun zu tun? – Beim toten Vieh bleiben wollten sie auch nicht und so beschlossen sie, durch den Wald zu gehen und in der nächsten Stadt ihr Unterkommen zu suchen.

Hans wollte auch mit ihnen, allein sie ließen ihn lange nicht mit. Als er aber nicht zu bitten aufhörte und immer inständiger flehte, gaben sie endlich nach und nahmen ihn mit. Die drei wanderten nun in den Wald hinein. Als sie schon tief hineingekommen waren und der Weg sich schon sehr verschlimmert hatte, hörten sie von ferne Stimmen. Sie erschraken darüber gar sehr; denn es war schon dunkel und im Walde hausten Räuber und wilde Männer. Um sich nun zu retten, flüchteten sich die beiden älteren Brüder auf einen hohen, hohen Tannenbaum hinauf und zitterten dort wie das Birkenlaub beim Frühlingswehen.

Hans'l stund aber drunten und verrichtete sich nicht hinauf, so oft ihm auch die Brüder halblaut zuriefen: »Komm, sonst fressen dich die Räuber.«

Er blieb an einem Gehege stehen und riß heftig ein Gatter, das sich daran befand, hin und wieder, bis er es endlich aus den Angeln hatte. – Dieses nahm er und schleppte es mit sich auf den hohen[127] Baum hinauf; denn er meinte die Brüder hätten ihm zugerufen: »Komm, nimm das Gatter mit herauf!«

So saßen alle drei nun droben wie die Zeisige auf den Leimstangen und Hans hielt das schwere Gatter fest. Da kamen dann die Räuber und führten einen Wagen mit sich, der voll Gold war. Sie machten halt und setzten sich gerade unter den Baum, auf den die Brüder sich geflüchtet hatten, und zählten ihr Geld und tranken Gebranntes aus einem Kürbisse, den sie die Runde machen ließen. Wie die drei auf dem Baume die Räuber drunten sahen, und diese nie eine Miene machten weiterzuziehen, wurde ihnen so unheimlich und bange, daß ihnen helle Schweißtropfen kamen und vom Baume herunterfielen.

Wie so einzelne Tropfen herunterschauerten, meinten die Räuber, es drohe ein Regen und sie müßten sich bald auf den Weg machen. Als sie nun so hin und wieder redeten, was zu tun sei, wurde dem Hans droben das Gatter zu schwer und er ließ es fallen. Pump, pump! rauschte es durch die Zweige herunter und brauste näher und näher. Die Räuber hörten das Gepolter und in der Furcht, es nahe augenscheinlich die Strafe Gottes, liefen sie alle von dannen. In der Ferne hörten sie noch das Gepolter, das vom Auffallen des Gatters verursacht wurde, und stürzten noch atemloser weiter.

Die Räuber waren nun fort und hatten den Wagen und das Gold zurückgelassen. Als dies die drei Unglücksbrüder sahen, stiegen sie alsbald vom Baume herab, machten sich das viele Geld eigen und trabten lustig und singend miteinander nach Hause. Dort zahlten sie dem traurigen Vater, der sie nicht mehr erwartet hatte, die ganze Herde und noch mehr. Alle drei Brüder kauften sich Haus und Hof und lebten recht zufrieden und glücklich miteinander und leben noch, denn es hat für sie noch nie Zügen geläutet.


(Meran.)

Quelle:
Zingerle, Ignaz Vinc. und Josef: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Innsbruck: Schwick, 1911, S. 122-128.
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