Wie es Un-Amen auf seiner Reise erging.

[93] Ein Papyrus, dessen Bruchstücke sich jetzt im Besitze des russischen Aegyptologen Golenischeff befinden, enthält den Anfang der Schilderung einer Reise, die angeblich ein ägyptischer Beamter namens Un-Amen, um das Jahr 1050 v. Chr. nach Philistäa und Syrien unternahm. Wie bei anderen erzählenden ägyptischen Texten, so glaubte man auch bei diesem Papyrus zunächst die Schilderung geschichtlicher Vorgänge vor sich zu haben, man wollte ihn gelegentlich sogar für ein amtliches Aktenstück, für den Bericht des Un-Amen an seine Regierung erklären. Das ist nicht möglich. Das Fehlen des für historische Zwecke unentbehrlichen Königsnamens, die ganze Art der Darstellung, der Aufbau der Schilderung zeigen, daß der Text der erdichtenden Literatur angehört und eine Abenteuererzählung enthält. Man hat seinen Zweck mit Recht mit dem der eben wiedergegebenen Geschichte von der besessenen Prinzessin verglichen. Diese sollte die Heilkunst des Gottes Chunsu, des Ausführers der Pläne, in das richtige Licht setzen. Der vorliegende[94] Papyrus will an einem klaren Beispiele zeigen, wie der Gott Amon des Weges einem unglücklichen Reisenden zu Hilfe kam. Wenn der Gott auch nicht immer das Mißgeschick ganz zu verhindern vermochte, so gelang es seiner Unterstützung doch, es erträglich zu machen und zum Schlusse alles zum Guten zu lenken.

Für rein geschichtliche Fragen ist demnach dem Texte nichts zu entnehmen, für die Kulturgeschichte dagegen ist sein Wert ein sehr großer. Die Erzählung des Saneha entwarf ein Bild der Zustände bei den Beduinen Süd-Syriens am Ende des dritten Jahrtausends v. Chr., hier werden die Zustände an der syrischen Küste am Anfange des ersten Jahrtausends v. Chr. vorgeführt. Wenn dabei auch die einzelnen Tatsachen erfunden sind, so ist doch, wie auch aus anderweitigen Andeutungen der ägyptischen Texte hervorgeht, der Hintergrund, auf dem sich das Ganze abspielt, treu und zuverlässig geschildert. Der Stil des Verfassers ist breit und gelegentlich schleppend, es fehlte ihm die Frische, die manche der andern Erzählungen auszeichnet. Damit entspricht er vollständig dem Geschmack der Zeit, der er entstammte und in der sich auch die Inschriften durch Breite und Phrasenhaftigkeit unvorteilhaft auszeichnen. Abgesehen von den ersten Worten, welche als eine Art einleitende Ueberschrift erscheinen, ist die Erzählung in der Ichform gehalten. Diese Berichtweise ist uns bereits öfters bei den altägyptischen Erzählungen begegnet. Sie ist hier wie in anderen Ländern gewählt, um beim mündlichen Vortrage einen möglichst persönlich überzeugenden, anschaulichen, auf der Wiedergabe[95] scheinbar selbsterlebter Dinge beruhenden Eindruck bei dem Hörer hervorzurufen.


* * *


Am sechzehnten des Monats Epiphi des fünften Regierungsjahres (des augenblicklich auf dem Throne sitzenden Königs Aegyptens) reiste Un-Amen, der Vorsteher des Saales des Tempels des Gottes Amon, des Königs der Götter, des Herrn der Throne der Welt, ab, um Holz zu holen für das große und ehrwürdige Schiff des Gottes Amon-Râ, des Königs der Götter, welches sich auf dem Nile befindet und den Namen Amen-user-hâti trägt.

An dem Tage, an dem ich in der Stadt Tanis (an der Ostgrenze Aegyptens nach Palästina hin) ankam, an dem Orte, an dem sich Smendes1 und die Frau Tent-Amen befanden, übergab ich diesen die Schreiben des Amon-Râ, des Königs der Götter (der mich selbst ausgeschickt hatte). Sie ließen dieselben in ihrer Gegenwart vorlesen und sprachen: »Man handle, man handle gemäß den Worten des Amon-Râ, des Königs der Götter, unseres Herrn.« Ich verblieb bis zum Monat Mesori in Tanis, dann entsendeten mich Smendes und Tent-Amen mit dem Schiffskapitän Mângabuta.[96] Am ersten Mesori schiffte ich mich auf dem großen syrischen Meere ein. Ich gelangte nach Dor, einer Stadt des Landes Takar, ihr Fürst Badil ließ mir sehr viele Brote, ein großes Maß Wein und einen Ochsenschenkel bringen.

Da entfloh ein Mann von meinem Schiffe, er stahl ein Goldgefäß, das fünf Teben (ein Teben wiegt etwa neunzig Gramm) schwer war, vier Silbergefäße, die zwanzig Teben schwer waren, Silber in einem Sack, das elf Teben schwer war, so daß er im ganzen fünf Teben Gold und einunddreißig Teben Silber stahl. Ich stand am Morgen früh auf, ich ging an die Stelle, an der sich der Fürst befand und sagte ihm: »Man hat mich in deinem Hafen bestohlen. Nun bist du der Fürst dieses Landes, nun bist du sein Untersuchungsrichter, suche mir mein Silber. Denn wahrlich, dieses Silber (ist nicht etwa nur mein Privateigentum, es) gehört dem Amon-Râ, dem Könige der Götter, dem Herrn der Länder, es gehört dem Smendes, es gehört dem (Oberpriester) Her-Hor, meinem Herrn, und den anderen Fürsten Aegyptens und es gehört dir (für den es als Geschenk bestimmt war) und dem Uarta, es gehört dem Maka-mâl, es gehört dem Takar-Baal, dem Fürsten der Stadt Byblos.« Er sagte: »Ich unterwerfe mich deinem Zorn und deiner Güte! Aber siehe, ich weiß von dieser Geschichte, die du mir mitteilst, nichts. Wohlan! Wenn der Dieb aus meinem Lande stammt, der Dieb, der in dein Schiff gestiegen ist und dein Silber gestohlen hat, dann werde ich dir aus meinem Schatze Ersatz leisten, bis man den Namen des[97] Mannes, der dich bestohlen, festgestellt hat (und ihm seine Beute wieder abnehmen kann). Wenn aber der Dieb, der dich bestohlen hat, zu deinem Schiffe gehört, so verweile einige Tage bei mir. Ich werde ihn in der Zeit suchen.«

Ich verbrachte dort neun Tage, mein Schiff war angelegt in seinem Hafen, dann ging ich zu dem Fürsten und sagte ihm: »Wohlan! Wenn du mein Geld nicht findest, dann werde ich mit dem Schiffskapitän und den Leuten, die mit mir gekommen sind, wieder abreisen.«

An dieser Stelle folgt im Papyrus ein größeres Stück, von dem nur einzelne Worte erhalten geblieben sind. Dieselben genügen aber im Zusammenhange mit dem ferneren Verlaufe der Erzählung, um das hier Berichtete wieder herstellen zu können: Un-Amen erhielt sein Geld nicht wieder, da man nicht feststellen konnte, ob ein Mann aus Dor oder einer seiner eigenen Leute der Dieb war. Er reiste daher ab, um sich bei dem Fürsten von Tyrus über den Diebstahl zu beschweren. Dieser ließ sich aber auf weitere Untersuchungen nicht ein, sondern befahl ihm, er solle schweigen. So verließ Un-Amen denn eines Morgens früh Tyrus, um sich zu dem Fürsten von Byblos Takar-Baal zu begeben.

Unterwegs traf er einige Leute von dem Volke der Takar, die einen Sack mit Silber bei sich hatten. Er beschloß, sich an ihnen für das ihm in Dor Gestohlene schadlos zu halten, nahm ihnen den Sack ab und erklärte, als er darin dreißig Teben Silber fand, er werde das Silber so lange behalten, bis sich sein eigenes Geld[98] wieder fände. Die Takar waren nicht imstande, sich zu widersetzen, sie mußten ohne ihr Silber abziehen, während sich Un-Amen nach Byblos begab. Hier verließ er das Schiff, nahm das Bildnis des Gottes Amon des Weges mit sich, versteckte sein Eigentum und wollte den König von Byblos aufsuchen. Aber dieser, der bereits von der Beraubung der Takar gehört hatte, ließ ihm mitteilen, er solle seinen Hafen verlassen. Un-Amen frug darauf hin an, warum man so hart mit ihm verfahre, er sei doch beauftragt, Holz für die Barke des Gottes Amon zu holen und könne da nicht gut unverrichteter Dinge wieder umkehren. Er habe keinerlei Unrecht begangen, denn das Silber, das er den Takar abgenommen habe, sei doch nur Ersatz für das ihm abhanden Gekommene gewesen. Der Fürst möge ihm daher ruhig seinen Auftrag ausführen lassen.

»Wenn man dann (hiermit beginnt wieder ein erhaltener Teil des Papyrus) in See sticht, dann möge man mich nach Aegypten bringen lassen.« Ich verbrachte neunzehn Tage in dem Hafen und der Fürst verbrachte seine Zeit damit, daß er mir täglich sagen ließ: »Verlasse meinen Hafen.« Als er aber eines Tages seinen Göttern opferte, da ergriff der Gott (Amon des Weges) einen der vornehmen Pagen aus dem Kreise seiner vornehmen Pagen und ließ ihn in Zuckungen verfallen, und der Page sprach: »Bringe den Gott herauf (von der Meeresküste, an der Un-Amen das Bildnis des Gottes versteckt hatte), bringe den Boten, der mit dem Gotte ist, zu Amon. Entsende ihn, lasse ihn gehen!«[99]

Während der Verzückte in dieser Nacht seine Zuckungen hatte, hatte ich ein Schiff gefunden, das nach Aegypten gerichtet war, ich hatte (da ich die Geduld verloren hatte und nicht länger warten wollte) alles was mein war auf das Schiff geladen. Ich achtete auf die Dunkelheit und sagte: »Wenn sie eintritt, dann werde ich (unter ihrem Schutze) den Gott (Amon des Weges) auf das Schiff bringen, so daß ihn kein anderes Auge erblicken kann.« Da kam der Vorsteher des Hafens zu mir und sagte: »Bleibe bis Morgen angesichts (in erreichbarer Nähe) des Fürsten.« Da sagte ich: »Bist du es nicht, der seine Zeit damit zubrachte, daß er täglich zu mir kam, um mir zu sagen: Verlasse meinen Hafen! Und wenn du mir heute sagst: Bleibe! geschieht das nicht etwa nur damit das Schiff, das ich gefunden habe, abfährt. Und (wenn das geschehen ist), dann wirst du wiederkommen und mir sagen: Beeile dich (fortzugehen)!« Da ging der Vorsteher des Hafens fort und teilte dem Fürsten meine Worte mit. Der Fürst schickte zu dem Kapitän des Schiffes und ließ ihm sagen: »Bleibe bis zum Morgen angesichts des Fürsten!«

Als es Morgen wurde, da ließ er mich in seine Burg hinauf führen, gerade als man in der Burg, in der er sich am Ufer des Meeres befand, das Gottesopfer darbrachte. Ich fand ihn in seinem Obergemache sitzend, er lehnte mit dem Rücken an ein Fenster und hinter ihm schlugen die Wogen des großen syrischen Meeres an die Ufermauern. Ich sagte zu ihm: »Die Gnade des Gottes Amon (sei mit dir).« Er sagte zu mir: »Wie lange Zeit ist bis zum heutigen[100] Tage verstrichen, seit du den Ort (Theben) verlassen hast, an dem der Gott Amon weilt?« Ich sagte zu ihm: »Es verstrichen bis zum heutigen Tage fünf Monate und ein Tag.« Er sagte zu mir: »Wohlan! Sprichst du (wenn du behauptest ein ägyptischer Gesandter zu sein) die Wahrheit? Wo sind die Schreiben des Gottes Amon, die (als Beglaubigung) in deiner Hand sein sollen? Wo ist das Schreiben des Oberpriesters des Gottes Amon, das in deiner Hand sein sollte?« Ich sagte zu ihm: »Ich gab sie dem Smendes und der Tent-Amen«.

Da wurde er sehr zornig und sagte zu mir: »So befinden sich also weder Schriftstücke noch Briefe in deiner Hand? Wo ist denn dann das Schiff aus Akazienholz, das dir Smendes (zur Beförderung nach Syrien) gegeben hat? Wo ist seine syrische Bemannung? Hat er (Smendes) dich nicht etwa dem Kapitän des Schiffes (mit dem du von Aegypten abfuhrst) übergeben, damit er dich umbringen und in das Meer werfen sollte? Wenn das der Fall ist, von wem wird denn dann nach dem Götterbilde (das du bei dir hast) gesucht werden, und von wem wird dann nach dir gesucht werden (wenn ich dich jetzt umbringe)?« So sprach er zu mir. Ich aber sagte ihm: »Es ist doch ein ägyptisches Schiff (mit dem ich abfuhr) und es ist doch eine ägyptische Bemannung, die für Smendes das Schiff fährt, und keine syrische Bemannung (wie du annimmst).« Er sagte zu mir: »Verweilen denn nicht zwanzig Schiffe in meinem Hafen, welche in Verbindung mit Smendes stehen, und in Sidon, wohin du reisen willst, sind da nicht weitere zehntausend[101] Schiffe, die mit Uarkatal (wohl einem Kaufmanne in Tanis) in Verbindung stehen und welche nach dessen Heimat fahren (und von allen diesen Schiffen ist niemals nach dir gefragt worden)?«

Ich schwieg in dieser großen Stunde (der Entscheidung über mein Schicksal). Der Fürst aber redete weiter und sprach zu mir: »Wegen was für einem Auftrag bist du denn eigentlich hierher gekommen?« Ich sagte ihm: »Ich bin wegen des Holzwerkes der großen und ehrwürdigen Barke des Gottes Amon-Râ, des Königs der Götter, hierher gekommen. Das, was dein Vater tat, das, was der Vater deines Vaters tat, das tue auch du (und verschaffe mir das nötige Holz).« So sagte ich zu ihm. Er aber sagte zu mir: »Das haben sie wirklich getan (und Holz besorgt). Du wirst mir nun den nötigen Auftrag geben und ich werde ihn (unter den früher üblichen Bedingungen) ausführen. Oh ja! Meine Verwandten haben einen derartigen Auftrag ausgeführt, aber dann hatte auch der Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, sechs Schiffe hierher kommen lassen und diese Schiffe waren mit ägyptischen Waren beladen und diese Waren lud man in die Speicher meiner Verwandten aus. Nun lasse du mir auch etwas (von ägyptischen Waren) bringen!«

Er ließ die Tagebücher seiner Vorfahren herbeibringen, er ließ sie mir vorlesen, und man fand, daß tausend Teben von allerhand silbernen Gegenständen (als Bezahlung für geliefertes Holz) in seinen Büchern standen. Da sagte mir der Fürst: »Wenn der Herrscher Aegyptens der Herr meines Besitzes wäre und wenn ich[102] sein Diener wäre, dann hätte der König Aegyptens nicht Gold und Silber bringen lassen, wenn er (meinen Vorfahren) sagte: Vollziehe den Befehl des Gottes Amon. Es war kein Königlicher Befehl, den man meinem Vater überbrachte. Aber ich, ich, ich bin nicht (so wenig wie meine Vorfahren) dein Diener, ich bin nicht der Diener dessen, der dich ausgesendet hat. Wenn ich dem Libanon laut zurufe, dann öffnet sich der Himmel und die Hölzer (die auf dem Gebirge wachsen) liegen hingeworfen hier am Ufer des Meeres. Man möge mir doch die Segel zeigen, die du hierher mitgebracht hast, um deine Schiffe, die mit den Hölzern, die du hier zu erhalten gedenkst, beladen werden sollen, nach Aegypten zu führen! Man möge mir doch die Stricke zeigen, mit denen du die Balken zusammen binden willst, die ich abschneiden soll, um sie dir als Geschenk zu geben. Wenn ich dir nicht die Segel für deine Schiffe (die, wenn du überhaupt Schiffe hättest, jämmerlich sein würden) verschaffte, dann wären die Spitzen deiner Schiffe zu schwer, sie würden zerbrechen und du würdest mitten im Meere sterben. Denn Amon donnert (bisweilen) am Himmel und läßt den Gott (des Verderbens) Sutech zur richtigen Zeit walten. Denn Amon beherrscht (nach eurer ägyptischen Anficht) alle Länder, er beherrscht sie wie er vor allem das Land Aegypten beherrscht, von dem du herkommst. Und aus Aegypten soll dann das Gute bis zu dem Lande gekommen sein, in dem ich weile, aus Aegypten sollen die weisen Lehren in das Land gekommen sein, in dem ich weile. Was soll denn dann (wenn diese Behauptung wahr ist) die jämmerliche[103] Herumreiserei, die man dich hat unternehmen lassen?«

Da sagte ich: »Das ist nicht wahr! Für die, zu denen ich gehöre, gibt es keine jämmerliche Herumreiserei. Es gibt kein Schiff auf den Gewässern, das nicht dem Gotte Amon gehörte. Sein ist das Meer und sein sind die Bäume des Libanon, von denen du behauptet hast, sie seien dein. Der Libanon ist ein Gebiet, das bestimmt ist (Bäume zu liefern) für die Barke Amen-user-hât, die die Herrin aller Schiffe ist. Oh! Er (Amon des Weges, der mich geleitet) hat mit Amon-Râ, dem Könige der Götter, gesprochen, er hat mit Her-Hor, meinem Herrn, gesprochen und hat ihm gesagt, er solle mich schicken und da ließ er mich mit diesem (in seinem Bildnisse verkörperten) großen Gotte gehn. Siehe! Du hast diesen großen Gott neunundzwanzig Tage lang warten lassen, seit er in deinem Hafen gelandet ist. Du hast nicht gewußt, ob er da war oder nicht. Er ist aber da, und da willst du wegen der Libanonbäume Handelsgeschäfte mit Amon machen, der der Herr dieser Bäume ist! Was soll aber dein Gerede, daß die früheren Könige Silber und Gold bringen ließen? Oh, hätten sie Leben und Gesundheit geschickt (wie es jetzt durch die Ankunft des Gottes selbst geschieht), dann hätten sie keine Schätze geschickt. Sie haben deinen Vorfahren derartige Schätze an Stelle von Leben und Gesundheit geschickt. Aber Amon-Râ, der König der Götter, ist der Herr des Lebens und der Gesundheit, er war der Herr deiner Vorfahren und sie verbrachten ihre Lebenszeit damit, daß sie dem Amon opferten.[104] Und auch du, du bist ein Diener des Amon. Wenn du zu Amon sagst: Ich tue es, ich tue es, und wenn du seinen Befehl ausführst, dann wirst du leben, dann wirst du heil sein, dann wirst du gesund sein, dann wirst du ein Glück für dein ganzes Land und deine Leute sein. Wünsche dir aber nichts von dem Besitze des Amon-Râ, des Königs der Götter, denn der Löwe liebt seinen Besitz! – So, jetzt lasse mir einen Schreiber kommen, denn ich will diesen Mann an Smendes und Tent-Amen, an die Schutzherrn, die Amon dem Norden seines Landes (Aegypten) gegeben hat, entsenden. Sie sollen dir alles das bringen lassen, dessentwegen ich den Schreiber zu ihnen schicke, denn ich werde ihnen sagen lassen: Man möge diese Dinge (als Anzahlung) schicken, bis daß ich in den Süden komme und dir dann die jämmerlichen Dinge (den Rest der Bezahlung) schicke, alle, alle, die du haben willst.« So sprach ich zu ihm.

Der Fürst von Byblos übergab meinen Brief seinem Boten, er lud auf ein Schiff eine Planke, die vordere Spitze eines Schiffes, das hintere Ende eines Schiffes, ferner vier andere zubehauene Hölzer, im ganzen sieben Hölzer, und ließ sie nach Aegypten bringen. Der Bote ging nach Aegypten und kam im Monat Tybi zu mir nach Syrien zurück. Smendes und Tent-Amen ließen bringen: vier Krüge und ein Gefäß von Gold, fünf Krüge von Silber, zehn Stücke königlicher Leinwand für zehn Gewänder, fünfhundert Stück feinen Papyrus, fünfhundert Ochsenfelle, fünfhundert Stricke, zwanzig Säcke Linsen, dreißig Packen getrocknete Fische. Und[105] mir persönlich ließ Tent-Amen fünf Stücke königliche Leinwand für fünf Gewänder, einen Sack Linsen und fünf Packen getrocknete Fische bringen.

Der Fürst freute sich (als diese Sendung ankam), er brachte dreihundert Mann und dreihundert Ochsen zusammen, er stellte Anführer an ihre Spitze, um die Bäume abzuhauen. Sie hieben die Bäume ab und dieselben blieben den Winter hindurch dort (im Libanon) liegen. Als der Monat Epiphi kam, da zog man sie an das Ufer des Meeres. Der Fürst kam aus seiner Behausung heraus und trat zu den Stämmen, dann schickte er nach mir und ließ mir sagen: »Komme.« Als ich nun vor ihn trat, da fiel der Schatten seines Sonnenwedels auf mich. Da trat Pen-Amen, einer der Beamten des Fürsten, zwischen ihn und mich und sagte: »Der Schatten des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, deines Herrn, der fällt auf dich.«2 Der Fürst aber wurde ärgerlich auf ihn und sagte: »Lasse ihn!«

Da trat ich vor den Fürsten und er redete und sagte zu mir: »Siehe! Den Auftrag, den meine Vorfahren früher ausführten, den habe ich auch ausgeführt, wenn du mir auch nicht das getan (und als Bezahlung abgeliefert) hast, was deine Vorfahren mir zu tun (und zu zahlen)[106] pflegten. Nun siehe! Auch der letzte Rest des für dich bestimmten Holzes ist angekommen. Handle jetzt nach dem Wunsche deines Herzens, komme, um es einzuladen, denn, wahrlich, man hat dir das Holz jetzt (vollständig) geliefert. Komme aber nicht hierher und sieh dir die Schrecken des Meeres an (und verzögere deine Abreise); sondern, wenn du die Schrecken des Meeres dir ansiehst, dann sieh dir auch den Schrecken an, den ich einzuflößen vermag. Ich habe dir nicht das angetan, was einst den Boten des Chamoïs angetan wurde. Die mußten siebzehn Jahre hier in diesem Lande bleiben und dann starben sie hier an dem Orte, an dem sie waren.«

Dann sagte er seinem Beamten: »Führe ihn und laß ihn das Grab sehen, in dem die Leute ruhen!« Ich sagte ihm: »Lasse es mich nicht sehen. Bei Chamoïs waren es Menschen, die er dir als Boten schickte, nur Menschen standen an der Spitze der Gesandschaft, es war aber nicht (wie bei mir) ein Gott einer seiner Boten. Und obwohl du das weißt, sagst du doch zu mir: ›Siehe deine Genossen an!‹ Warum freust du dich nicht lieber und läßt dir einen Denkstein setzen und sagst darauf: ›Amon-Râ, der König der Götter, hat mir den Amon des Weges, seinen göttlichen Boten, zusammen mit Un-Amen, seinem menschlichen Boten, geschickt, wegen des Holzes für die große und ehrwürdige Barke des Amon-Râ, des Königs der Götter. Ich habe die Bäume gefällt, ich habe sie einladen lassen, ich habe ihm meine Schiffe und meine Mannschaften zur Verfügung gestellt, ich habe sie nach Aegypten gelangen lassen, um[107] für mich von Amon eine Lebensdauer von zehntausend Jahren über die mir eigentlich bestimmten Lebensjahre hinaus zu erflehen. So ist es geschehen.‹ Wenn dann nach Verlauf weiterer Tage ein Bote von dem Lande Aegypten hierher kommt, der die Schrift zu lesen versteht und er liest deinen Namen auf dem Denkstein, dann (wird er dir ein Opfer darbringen und) wirst du in dem Totenreiche (frisches) Wasser empfangen gerade so wie die Götter, die dort weilen.«

Da sagte der Fürst zu mir: »Das, was du mir gesagt hast, das ist eine Streitfrage, über die man viel reden könnte.« Ich sagte zu ihm: »Was die vielen Dinge anbetrifft, von denen du gesprochen hast (und die den Rest deiner Forderung ausmachen), so wird der Oberpriester des Amon dir eine Reihe von Sachen herbeischaffen lassen, wenn ich an die Stelle gelangt sein werde, an der er sich befindet, und er gesehen haben wird, wie du seinen Auftrag ausgeführt hast.«

Hierauf ging ich an den Strand des Meeres an die Stelle, an der die Balken lagerten. Da erblickte ich elf Schiffe, die von dem Meere herkamen. Sie gehörten den Takar und man hatte ihnen aufgetragen: »Nehmt den Un-Amen gefangen, laßt kein Schiff, das ihm gehört, nach Aegypten gelangen.« Da setzte ich mich hin und weinte. Der Schreiber der Bücher des Fürsten kam zu mir heraus und sagte mir: »Was ist dir?« Ich sagte ihm: »Siehst du nicht die Zugvögel, welche wieder nach Aegypten ziehen? Siehe sie! Sie gehen zu den kühlen Wassern (des Nils), aber ich, ach, bis wann werde ich hier verlassen bleiben? Siehst du denn nicht die[108] Leute dort, die kommen, um mich wieder gefangen zu nehmen?« Der Schreiber ging fort und sagte es dem Fürsten. Da fing der Fürst an zu weinen als er die Worte hörte, die so traurig waren. Er ließ seinen Bücherschreiber zu mir herauskommen, der brachte mir zwei Krüge Wein und ein Schaf, und ließ die Tent-mut zu mir bringen, eine ägyptische Sängerin, die bei ihm war, und sagte ihr: »Singe ihm etwas vor, damit sein Herz sich nicht traurigen Gedanken hingibt.« Dann schickte er zu mir und ließ mir sagen: »Iß und trink, laß dein Herz keine traurigen Gedanken hegen, denn morgen wirst du alles hören, was ich sagen werde.«

Als der Morgen kam, da ließ er seine Leute rufen und trat in die Mitte seiner Leute und sagte zu den Takar: »Was bedeutet es, daß ihr hierher kommt?« Sie sagten zu ihm: »Wir kommen hierher auf der Verfolgung dieser ganz zerbrochenen Schiffe, die du nach Aegypten zurückgehen lassen willst mit (dem von Un-Amen geraubten Gelde) unserer unglücklichen Genossen.« Der Fürst sagte ihnen: »Ich kann den Gesandten Aegyptens nicht in meinem Lande gefangen nehmen lassen. Laßt mich ihn fortschicken und dann geht hinter ihm her, um ihn gefangen zu nehmen.«

Er lud mich auf ein Schiff, er schickte mich fort, ich entfernte mich von dem Hafenorte, der Wind verschlug mich nach dem Lande Alasa (in Nord-Syrien oder Cypern). Die Bewohner der Stadt, zu der ich gelangte, zogen gegen mich aus, um mich zu töten, sie schleppten mich in ihrer Mitte zu einer Stelle, an der sich Hataba, die Fürstin jener Stadt befand. Ich fand sie, wie[109] sie gerade aus einem ihrer Häuser heraustrat, um in ein anderes ihrer Häuser zu gehen. Ich flehte sie an und sagte zu den Leuten, die bei ihr standen: »Ist keiner unter euch, der die Sprache Aegyptens versteht?« Da war einer unter ihnen, der sagte: »Ich verstehe sie!« Ich sagte zu ihm: »Sage dieser Frau, meiner Herrin: Bis nach Theben hin, bis zum Wohnsitze des Gottes Amon hin habe ich sagen hören: Wenn man auch in allen Städten Unrecht tut, so handelt man doch im Lande Alasa gerecht. Aber siehe! Nun tut man auch hier täglich Unrecht!«

Da sagte die Fürstin: »Wie? Was sagst du?« Ich sagte zu ihr: »Nun, jetzt wo das Meer in Wut geraten ist und der Sturm mich in das Land verschlagen hat, in dem du weilst, läßt du mich da nicht vor dich schleppen, um mich zu töten? Ich bin aber ein Bote des Gottes Amon und siehe (wenn ich verschwinde) wird man nach mir suchen bis an das Ende der Tage. Und wenn deine Leute diese dem Fürsten von Byblos gehörige Schiffsmannschaft umbringen, wird da nicht ihr Herr, wenn er einmal zehn Leute von deiner Mannschaft antrifft, diese gleichfalls töten?« Da ließ sie ihre Leute zusammenrufen, man stellte sie auf, zu mir aber sagte sie: »Lege du dich schlafen.«


* * *


Damit bricht der uns erhaltene Text ab. Im folgenden wird berichtet worden sein, wie die Bewohner von Alasa erst allerhand Schwierigkeiten machten, wie sie dann aber durch den Hinweis auf die Größe des Amon des Weges[110] bewegen wurden, den Un-Amen ziehen zu lassen. Der Gott führte diesen, ohne daß den Takar die beabsichtigte Rache gelungen wäre, samt seinen Schiffen zu den ägyptischen Gestaden. Er besuchte zunächst Smendes in Tanis und zog dann mit dem Holz für die Tempelbarke nach Theben. Der Oberpriester des Amon ersah aus dem Berichte, wie mächtig sich der Gott Amon des Weges in dem Unglück, das Un-Amen betroffen hatte, erwiesen hatte. So befahl er denn dem Gotte ein großes Opfer darzubringen und einen Bericht dieser Ereignisse aufzuzeichnen, damit auch fernen Geschlechtern die Kunde von der Bedeutung der Gottesgestalt übermittelt werde.

1

Smendes ist der Name des um 1050 v. Chr. herrschenden ersten Königs der 21. Dynastie. Er erhält aber in dem Texte nirgends den Königsring, den der Name eines Pharao in offiziellen Aktenstücken stets zu bekommen hat, falls der Fürst nicht nur als Gottheit auftritt, was hier nicht der Fall ist. Oberpriester des Amon von Theben war um diese Zeit der weiter unten genannte Her-Hor.

2

Un-Amen war dem Fürsten zu nahe gekommen und hatte damit nach orientalischer Anschauung eigentlich sein Leben verwirkt. Hierauf machte Pen-Amen aufmerksam und bezeichnet dabei, um darauf hinzudeuten, daß diese Sitte auch in Aegypten besteht, den Fürsten von Byblos als Pharao.

Quelle:
Wiedemann, Alfred: Altägyptische Sagen und Märchen. Leipzig: Deutsche Verlagsactiengesellschaft, 1906, S. 93-111.
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