Der Sultan und der Kaufmann.

[139] Es war einst ein Sultan und ein Kaufmann. Sie hatten Freundschaft geschlossen von Kindheit an. Eines Tages sprach der Kaufmann: »Jetzt wollen wir uns[139] Frauen nehmen.« Der Sultan antwortete ihm: »So lass uns denn heiraten.« Und sie heirateten und schwuren einander einen Eid folgendermassen: »Wenn Du, Sultan, ein Mädchen erzeugst, oder wenn Du einen Sohn bekommst und ich eine Tochter, so sollen sie Mann und Frau werden.« Er antwortete ihm: »Gut.«

Und sie lebten viele Tage, bis die Frau eines jeden von ihnen schwanger wurde. Der Sultan bekam eine Tochter und der Kaufmann als Kind eine Schlange. Und er zog dies sein Kind, die Schlange, auf, bis es gross wurde. Auch die Tochter jenes Sultans wuchs bald heran.

Der Kaufmann nahm nun die Schlange und sagte zu seiner Frau: »Dies ist kein Kind, es ist eine Schlange.« Seine Frau antwortete ihm: »Was soll ich dabei thun? Es ist eine Fügung Gottes, ein Schlangenkind zu gebären; ich kann es nicht verstossen und auch nicht töten, ich will es selbst aufziehen, bis Gott mich erlöst.« Und er, ihr Mann, sprach zu ihr: »Es wird Dich vielleicht beissen?« Seine Frau sagte: »Lass es mich töten; denn es ist mein Kind, das mir Gott gegeben hat, ich kann es nicht zurückweisen.« Er sprach zu ihr: »So bringe es denn aufs Land und ziehe es dort auf.« Seine Frau sagte: »Ich werde ein grosses Haus bauen hier auf dem Lande, um dies mein Kind hineinzuthun.«

Sie liess viel Steine und Kalk herbeischaffen, legte sehr viele Kalköfen an mit vielen Handwerksleuten, kaufte eine Menge Baubalken und errichtete dann das Gebäude. Sie bauten ein Steinhaus mit sieben Zimmern.

Nun nahm sie jene Schlange, ihr Kind, brachte es dorthin aufs Land und trug es in eins von den Zimmern. Dann rief sie ihre Sklaven und sagte zu ihnen: »Wer will hingehen und mein Kind erziehen?«[140] Die Sklaven antworteten ihr: »Wir sind Deine Sklaven; wenn Du irgend eine andere Arbeit verlangst, so nenne sie uns, wir wollen sie thun; wenn wir sie nicht thun, magst Du uns einsperren und schlagen, wie es so Sitte ist zwischen einem Herrn und seinem Sklaven, der sich etwas zu Schulden kommen lässt. Und sollte es so sein, dass ein Sklave von seinem Herrn mit der Kugel erschossen werden kann, so erschiesse uns, aber jenes, Dein Schlangenkind, ziehen wir nicht auf.« Darauf entliess sie ihre Sklaven, und sie gingen davon.

Da war noch eine junge Sklavin, die hatte sie vergessen zu rufen, um ihr jenen Vorschlag zu machen. Jetzt entsann sie sich ihrer und rief sie. Sie sprach zu der Sklavin, die Kihinja hiess: »Kihinja, gehe hin und sorge für Deinen Herrn, den ich geboren habe, meinen Sohn! Willst Du hingehen, Kihinja?« Sie antwortete ihr: »Ich bin Deine Sklavin, wenn Du mich töten willst, so wird Dich niemand danach fragen. Dies Kind gehört Dir, und wenn ich es nicht aufziehe, wer soll es dann thun? Es mag sein, dass es mich frisst; aber was bin ich, Kihinja, denn? Lass es mich fressen.« Sie sagte zu ihr: »So geh denn.«

Kihinja ging nun zu jener Schlange, bereitete ihr ihre Speise, Pfeilwurzel in Wasser, und gab sie ihr. Und die Schlange leckte sie auf. Allmälig nahm sie derartig an Umfang zu, dass ein Zimmer durchbrochen wurde. Im Monat darauf wurde wieder eins durchbrochen. Von den sieben Zimmern blieben somit noch fünf übrig. Auch jene Tochter des Sultans wuchs bei kleinem heran, bis sie bald mannbar wurde. Die Schlange durchbrach wieder ein Zimmer und im Monat darauf das zweite. Die Sultanstochter war unterdes im Hause zur Jungfrau herangewachsen und auch die Schlange war[141] gross geworden; es blieben noch drei Zimmer übrig, die andern vier waren alle durchbrochen worden.

Nun sandte die Schlange ihre Dienerin, jene Kihinja, und sagte zu ihr: »Geh' zu meinem Vater, ich brauche einen Lehrer – ›gebt ihn Eurem einzigen Sohne Omari.‹« Kihinja ging zu ihrem Herrn und sagte zu ihm; »Dein Sohn Omari will einen Lehrer haben.« Dieser suchte einen Lehrer und schickte ihn dorthin zu der Schlange. Aber die Leute fürchteten, dabei doch nur umzukommen, und deshalb bekam er nur einen ganz armen Lehrer, der noch dazu sehr alt war. Zu dem sprach er: »Ich will, dass wir hingehen, damit Du meinen Sohn lesen lehrst; aber er ist eine Schlange. Kannst Du das?« Er antwortete ihm: »Ich werde es können.«

Sie gingen zu der Schlange, und sie sagte zu ihm: »Setz' Dich.« Der Lehrer setzte sich. Am Morgen ergriff er seinen Koran, die Schlange hielt sich fern von ihm, und er lehrte sie. Und sie las allein von dem »Gelobt sei Gott« bis zum »alif lam« der dreissigsten Sure1. Der Lehrer verstand nicht, wie sie so schnell lesen gelernt hatte. Darauf sprach die Schlange zu Kihinja: »Geh' zu meinem Vater und sage ihm, Dein Sohn Omari kann lesen, er möge dem Lehrer sein Geld geben.«

Und er sandte Kihinja wieder: »Sage dem Vater, dass ich einen Beschneider haben will – ›gebt ihn Eurem Sohne Omari.‹« Es wurde einer gesucht und gefunden, und er wurde hingeschickt. Er beschnitt den Schwanz der Schlange und zwar nur ganz wenig an der Spitze. Bald darauf rief sie Kihinja: »Geh' und sage zu meinem Vater, ich sei nun wieder geheilt, er möge dem Beschneider sein Geld geben.« Kihinja stand auf, ging[142] zu dem Vater und sagte zu ihm: »Dein Sohn ist wieder geheilt, er will ausgehen, gieb ihm einen Rock, Turban, Dolch und Säbel, und dem Beschneider selbst gieb seinen Lohn.« Er antwortete ihr: »Gut.« Und er schickte ein Kleid und einen Säbel, Dolch, Rock, Turban und Schuhe, das alles sandte er hin.

Und der Vater erhob sich und liess in der ganzen Stadt bekannt geben: »Alle, nur Kinder und Frauen ausgenommen, sollen zu mir kommen, ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen.« Es kamen sehr viele Leute, und er sprach zu ihnen: »Ich habe Euch gerufen, damit jeder, dessen Haus ein Loch hat, dies ausfülle.« Die Leute gingen davon, und jeder, dessen Haus verfallen war, baute es wieder auf, und jeder, dessen Haus ein Loch hatte, füllte dieses aus.

Endlich am Sonnabend in der Nacht auf Sonntag ging die Schlange aus und kam in die Stadt, um spazieren zu gehen. Sie ging durch die ganze Stadt und kehrte dann zurück dort in ihr Haus aufs Land. Zwei Zimmer waren wieder durchbrochen worden und es blieb nur noch ein grosses übrig.

Die Tochter des Sultans war nun erwachsen und lebte zu Hause. Und die Schlange sandte Kihinja: »Geh' zu meinem Vater und sage ihm, Dein einziger Sohn Omari will eine Frau haben – ›gebt sie Eurem einzigen Sohne Omari.‹« Sein Vater ging zum Sultan und sagte zu ihm: »Unser eidliches Versprechen, das wir einander einst gegeben haben, besagt: ›Wenn Du eine Tochter bekommst und ich einen Sohn, oder wenn Du einen Sohn bekommst und ich eine Tochter, so sollen sie Mann und Frau werden‹, ich wünsche jetzt, dass Deine Tochter meinen Sohn heirate.« Der Sultan antwortete ihm: »Bist Du toll? Ich will nicht, dass Du[143] meine Tochter nimmst, um sie zu Deinem Schlangenkinde zu bringen! Nein, das will ich nicht. Wenn Du einen menschlichen Sohn hast, dann sag es mir, und ich will sie Dir geben; aber da es eine Schlange ist, so will ich nicht.«

Der Kaufmann ging fort und suchte allenthalben eine Frau für seinen Sohn, bis er schliesslich eine bekam, die Tochter eines armen Mannes. Er brachte sie aufs Land zu seinem Sohne, jener Schlange. Sie blieb einen vollen Monat dort. Eines Nachts, als sie schlief, kam aus der Schlange ein sehr schöner Araber hervor; der setzte sich auf einen Stuhl und legte sein Lendentuch, sein Hemd und die volle Kleidung eines Arabers, mit Dolch und Rock, mit Turban und Säbel, an. Er betrachtete sich selbst, und seine Frau schlief, sie hatte zuvor geweint. Sie erwachte allmälig aus dem Schlafe und sah den Araber: »Wo kommt der her? Mein Mann ist doch eine Schlange!« Dann schlief sie wieder ein, und indem sie sich ausstreckte, verschwand jener Mann wieder in der Schlange.

Sie schliefen bis zum Morgen; dann ging die Frau aus und begab sich zu ihren beiderseitigen Vätern und Müttern und sprach: »Er ist keine Schlange, ich habe einen schönen Mann, aber er ist nicht zu bekommen; dieser Mann ist drinnen in der Schlange.«

Da war eine alte Frau, die sagte zu ihr: »Bereite berauschende Getränke von jeder Sorte, giesse sie zusammen, koche dieselben und thue Zucker hinzu.« Die Frau that so und stellte den Krug mit dem Getränk nahe an das Bett. Als der Araber nun in der Nacht wieder aus der Schlange herauskam und den Krug sah, trank er davon, bis er betrunken war und keine Besinnung mehr hatte. Er sank auf sein Bett und schlief[144] ein. Da stand seine Frau und seine Sklavin Kihinja auf und trugen die Schlange fort, aber sieh' da, es war keine Schlange, sondern nur eine Schlangenhaut. Sie trugen sie auf den Hof, schüttelten sie aus und zündeten sie dann an. Sie verbrannte und wirbelte bis zu der Stelle, wo jener Jüngling lag; dieser wachte plötzlich auf und fiel zu Boden. Nachdem sie ihm sieben Krüge Wasser eingeflösst hatten, kam er wieder zur Besinnung.

Die Sklavin lief nun schnell zu seinem Vater und sagte zu ihm: »Herr, Dein Kind ist keine Schlange, es ist ein sehr schöner Araber, so wie Du selbst.« Er rief: »Wirklich?« Und sie sagte: »Wenn ich lüge, so steht mein Kopf zu Deiner Verfügung.« Darauf gab der Kaufmann allen Leuten bekannt und rief sie zusammen und sprach zu ihnen: »Jenes, mein Schlangenkind, ist keine Schlange, mein Kind ist genau wie ich selbst, mein Blut, auch ein Araber, wie es keinen zweiten giebt.« Als der Sultan das hörte, schämte er sich und brachte seine Tochter herbei, aber der Kaufmann nahm sie nicht. Und der Sohn des Kaufmanns blieb auf dem Lande wohnen mit seiner Frau in ungestörter Ruhe, und sie bekamen einen Sohn und jener Kaufmann hatte Freude an seinem Enkel.

Der Sultan verheiratete seine Tochter an einen sehr schlechten Mann, und er schämte sich immer wieder, wenn er an das Versprechen dachte, das er und der Kaufmann einander gegeben hatten.

1

Kapitel des Korans.

Quelle:
Velten, C[arl]: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart/Berlin: W. Spemann, 1898, S. 139-145.
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