Muhemedi und seine Ankläger.

[34] Es war einmal ein sehr reicher Sultan; der hatte zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Ihr Vater starb und es blieben nur die beiden Geschwister übrig. Der Sohn heiratete, und es wurde ihm ein Sohn geboren; die Tochter heiratete gleichfalls und gebar einen Sohn.

Die beiden Kinder wurden erzogen, bis sie herangewachsen waren. Da sagten sie zu ihren Eltern: »Suchet uns Frauen, denn wir sind nun erwachsen.« Und sie warben für jeden von ihnen eine Frau.

Eines Tages gingen beide auf den Markt und fanden zwei Ziegen, die für zwanzig Rupien feilgeboten wurden. Sie kauften sie, da es kurz vor einem Festtage war. Der eine sagte: »Warten wir, mein Freund, bis zum Festtag mit dem Schlachten.« Dieser erwiderte: »Gut.«

Als der Festtag herankam, schlachtete der eine seine Ziege und brachte dem andern den Kopf derselben und sagte: »Ich gebe Dir den Kopf meiner Ziege, gieb Du mir den Deinigen.« Dieser willigte ein. Sie assen das Fleisch, und als es zu Ende ging, schlachtete der andere seine Ziege und brachte seinem Freunde den Kopf derselben[34] hin. Der aber sagte: »Damit bin ich nicht einverstanden, ich gab Dir den Kopf meiner Ziege, gieb Du mir den Deinigen, wozu bringst Du mir jetzt den Kopf einer Ziege, so sind wir doch nicht übereingekommen! Ich muss Deinen Kopf haben.« Jener hielt die Worte, die er hörte, für Scherz. Der Andere blieb jedoch dabei und sagte: »Du musst mir Deinen Kopf geben, so haben wir die Vereinbarung getroffen.« Sie begaben sich nun zu ihren Vätern, damit diese ihren Streit schlichten sollten; dieselben waren jedoch nicht im stände dazu. Sie sagten vielmehr: »Gehet zum Sultan Ediri1

Es machten sich viele Leute mit ihnen auf den Weg. Der Angeschuldigte Muhemedi hatte grossen Hunger. Alle gingen voraus, nur er kam traurig hinterher, da er fürchtete, sterben zu müssen. Als er an einem Dorfe vorbeikam, ging er hin und bat um etwas Wasser. Dort traf er eine ganz alte Frau, die Kleider zum Trocknen aufhing. Die Sonne schien sehr heiss, deshalb bat er um etwas Wasser. Man sagte ihm jedoch: »Wasser ist bei uns mühsam zu erhalten, die Frauen sind seit heute morgen ausgegangen, um Wasser zu holen, sind aber noch nicht zurückgekehrt. Da ist jedoch ein Kokosbaum vor der Vorhalle, steige hinauf und hole Kokosnüsse herunter und trinke die Milch.« Muhemedi kletterte hinauf und warf Kokosnüsse herab. Plötzlich stürzte er herunter und fiel auf die alte Frau, so dass sie starb.

Als ihr Sohn sah, dass seine Mutter tot war, ergriff er den Muhemedi und sprach: »Du hast meine Mutter getötet, ich werde zum Sultan gehen, damit er unsere Angelegenheit richte.« Sie gingen beide zusammen, bis[35] sie ein anderes Dorf erreichten. In der Nähe dieses Ortes ergriff Muhemedi ein Perlhuhn und schlachtete es. Dann ging er in das Haus des Ersten im Orte und bat um Feuer. Nun las er Brennholz zusammen und ging hinter das Haus, um sein Huhn zu braten. Der Geruch davon drang bis ins Haus. Die Frau des Ortsältesten aber war schwanger. Als sie den Geruch des Fleisches verspürte, war es mit ihrer Schwangerschaft vorbei.

Ihrem Manne wurde sofort hinterbracht, dass Muhemedi sich Feuer geholt habe und hinter das Haus gegangen sei, um sein Huhn zu braten; der Geruch desselben sei bis zu seiner Frau gedrungen, so dass dadurch dem Leibessegen ein Ende bereitet worden sei. Das erboste ihn sehr und er liess Muhemedi ergreifen und sprach zu ihm: »Gehen wir zum Sultan, damit er Dein Urteil spreche, denn Du hast mir die Schwangerschaft meiner Frau genommen.«

Es folgten ihnen viele und sie begaben sich zum Sultan Ndozi, um bei ihm ihr Recht zu holen. Als sie unterwegs waren, meinten etliche: »Vertragt Euch, das war nicht seine Schuld, der Hunger hat ihn dazu getrieben.« Der Mann willigte jedoch nicht ein. Muhemedi sagte: »Ich bitte erst um die Erlaubnis, zum Sultan Ediri gehen zu dürfen wegen einer anderen Angelegenheit, denn seine Rechtsprechung ist gut.«

Da trat jener Eigentümer der Ziege auf und brachte folgende Klage vor: »Im Namen Gottes, ich klage den Muhemedi an, wir sind übereingekommen, ich und er, ich gebe dir den Kopf meiner Ziege und du giebst mir den Deinigen. Heute weigert er sich; aus welchem Grunde? Wir haben doch diese Vereinbarung getroffen. Ich will jetzt seinen Kopf haben.« Der Sultan sagte[36] zu ihm: »Das geht nicht an, Deinen Bruder zu töten, vertragt Euch.« Dieser lehnte es jedoch ab.

Dann kam auch jener Mann, dessen Mutter, jene alte Frau, gestorben war. Er beeilte sich, seine Klage vorzubringen. Sultan Ndozi prüfte seine Worte und sprach: »Du wirst 100 Realen bekommen, denn es war nicht seine Absicht, sie zu töten, ohne den Willen Gottes geschah es nicht.« Auch der weigerte sich, sich dem Urteil zu fügen.

Nun begaben sie sich zum Sultan Ediri. Da kam der Eigentümer der Ziege und klagte: »Im Namen Gottes, ich klage den Muhemedi an; ich gab ihm den Kopf meiner Ziege und sagte ihm, gieb mir den Deinigen, und er willigte ein. Später wollte er mir den Seinigen nicht geben; er schlachtete seine Ziege und brachte mir deren Kopf; unserer Verabredung gemäss war aber sein Kopf gemeint.« Der Sultan fragte den Muhemedi: »Sind die Worte Deines Freundes wahr?« Er sprach: »Sie sind wahr, Herr.« Dann wurden Soldaten herbeigerufen und der Sultan befahl ihnen: »Ergreift den Muhemedi.« Sie ergriffen ihn und führten ihn in den Hof. Sein Ankläger holte das Messer hervor. Der Sultan sprach: »Schneide ihm den Kopf ab und nimm ihn mit, aber gieb acht, dass Du ihm seine Seele lässt.« »Das kann ich nicht,« erwiderte jener, »wenn ich ihm den Kopf abschneide, wird er sterben.« Der Sultan fragte den Muhemedi: »Hast Du ihm die Seele oder den Kopf versprochen?« Er antwortete: »Ich habe ihm nur den Kopf versprochen.« »Gut, so nimm seinen Kopf und lass ihm sein Leben!« »Das kann ich nicht, Herr.« »Du wirst es können; denn ich will Dich nicht Deines Rechtes berauben; nimm seinen Kopf, aber lass ihm seine Seele und zwar schnell;[37] zögere nicht; denn das Stehen hier ist mir lästig; ich habe Geduld genug mit Dir gehabt, nimm ihn schnell und achte auf sein Leben!« Da weinte jener und sprach: »Herr, ich bereue meine Worte; wenn ich ein zweites Mal solches wünschen sollte, so töte mich« »Gut,« sprach der Sultan, »so gehe Deiner Wege.«

Nun näherte sich jener, dessen Mutter Muhemedi getötet hatte, und klagte ihn an: »Dieser Muhemedi hat meine Mutter getötet.« Der Sultan fragte: »Wie hat er sie getötet?« Er antwortete: »Er kam an meinem Hause vorüber und bat um Wasser; ich sagte ihm, es ist kein Wasser da; aber dort ist ein Kokosbaum, klettere hinauf und hole Dir Kokosnüsse herunter. Meine Mutter stand unter dem Baume und er warf Kokosnüsse herab; plötzlich stürzte er selbst herunter und fiel auf meine Mutter und sie war tot. Jetzt bitte ich darum, dass Du mir zu meinem Rechte verhelfest.«

Der Sultan fragte weiter: »Wie hoch war die Kokospalme?« Er antwortete: »Es war ein sehr hoher Baum,« »Es ist nicht wahr, er war nicht hoch; es war ein kleiner Baum.« Er fragte noch einmal: »Wie hoch war dieser Baum?« »Es war ein sehr hoher Kokosbaum,« erwiderte jener. Da sprach der Sultan: »So lasst uns hingehen und zeige mir einen ähnlichen.« Er zeigte ihm einen solchen. Dann gab ihm der Sultan ein Messer in die Hand und sagte: »Klettere auf den Kokosbaum und wirf Nüsse herab und dieser hier wird sich unter den Kokosbaum legen; dann wirst Du Dich herunterfallen lassen und auf ihn fallen. Stirbt er, so ist's gut; wenn nicht, dann bist Du tot.« »O Herr, das kann ich nicht ausführen,« antwortete jener. Der Sultan fragte weiter: »Hat er sie geschlagen?« »Nein, er hat sie nicht geschlagen.« »Hat er sie mit dem Messer getötet?« Er[38] antwortete: »Nein, so hat er sie nicht getötet.« »Hat er sie erschossen?« »Er hat sie nicht erschossen.« »Wie hat er sie denn getötet?« Er sprach: »Er kletterte auf einen Kokosbaum, fiel herunter auf sie und sie starb.« »So klettere auch Du auf eine Kokospalme und zwar auf diese; die ist ähnlich derjenigen, welche er erklettert hat.« »O Herr, das kann ich nicht,« erwiderte jener. Der Sultan sprach: »Du wirst es können; denn wer getötet hat, soll getötet werden; wer geschlagen hat, soll geschlagen werden; dieser hat getötet, so klettere nun Du hinauf und töte ihn.«

Der Kokosbaum war hoch, wie er selbst angegeben hatte, und er fürchtete sich hinaufzuklettern. Liess er sich von oben herunterfallen, so wars um ihn geschehen; fiel er auf den andern, so würde auch er nicht mit dem Leben davonkommen; fehlte er ihn aber, so würde er sicherlich sterben. Da sprach er: »O Herr, ich habe meine Worte bereut, ich habe keine Klage mehr gegen ihn, und wenn Du hörst, dass ich noch einmal Klage führe, so lege mich in Fesseln, wie Du willst; ich bin nun zufrieden, ich habe ihm alles verziehen, was er gethan hat.«

Nun näherte sich der andere, jener dritte, dessen Frau die Schwangerschaft verloren hatte, brachte seine Klage vor und sagte: »Dieser da hat meine Frau der Schwangerschaft beraubt!« Der Sultan fragte: »Wie hat er das fertig gebracht?« Er antwortete: »Er kam mit einem Huhn bis zur Stadt und verlangte Feuer in meinem Hause. Er erhielt welches, begab sich hinter das Haus und briet sein Huhn, das sehr fett war. Als meine Frau den Geruch davon in die Nase bekam, war es mit ihrer Schwangerschaft vorbei; ich will nun dieselbe wieder haben.« Muhemedi wurde befragt und[39] man sagte ihm: »Du bist doch recht schlecht, jeder klagt Dich wegen Deiner Schlechtigkeiten an.« Der Sultan sprach: »Ich werde auch diese Angelegenheit ordnen.«

Dann rief er den Mann jener Frau herbei und sprach zu ihm: »Suche ein grosses Haus, thue viel Essvorrat hinein sowie Brennholz und Feuerzeug, reichlich Fleisch und Butter, und den Muhemedi zusammen mit Deiner Frau; schliesse die Thüre ab und nimm den Schlüssel auf sechs Monate an Dich, so wird die Schwangerschaft wieder da sein.« Jener willigte jedoch nicht ein, sondern sprach: »Herr, das kann ich nicht.« »Gut,« entgegnete der Sultan, »so einige Dich mit ihm.« Und er verzieh ihm; so endete auch dieses Urteil.

Sie brachen alle auf und ein jeder empfand Reue. Der junge Mann, dessen Mutter gestorben, merkte, dass es besser gewesen, wenn er das Geld damals genommen hätte. Der andere, welcher den Kopf wollte, sowie der Mann seiner Frau, bereuten gleichfalls, was sie gethan.

Der Sultan aber befahl seinen Soldaten, den Muhemedi nach Hause zu bringen, und sie übergaben ihn seiner Mutter und seinem Vater und sagten: »Hier habt Ihr Euren Sohn wieder.«

So endete diese Geschichte.

1

Gerechtigkeit.

Quelle:
Velten, C[arl]: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart/Berlin: W. Spemann, 1898, S. 34-40.
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