12. Die schlechte Gewohnheit.

[122] Es war einmal ein Beduine, zu dem kam ein Gast. Er schlachtete zwei Hühner, damit man sie ihm koche. Während nun die Frau des Beduinen die Hühner kochte, nahm sie von Zeit zu Zeit ein Stückchen von dem Fleische und ass es. Schliesslich ging es mit den Hühnern zu Ende, und es war nur noch ein Hals übrig. Den gab sie ihrem Sohne. Der Junge weinte und rief: »Gieb mir mehr!« Da versetzte sie ihm einen Hieb und sprach zu ihm: »Ach, genug von der abscheulichen Gewohnheit, die dir dein Vater beigebracht hat!« Der Gast hörte dies, blickte auf und fragte: »Was ist das für eine Sache, die ihn sein Vater gelehrt hat?« Da erwiderte die Frau: »Sein Vater hat die Gewohnheit, wenn ein Gast zu ihm kommt, demselben seine beiden Ohren abzuschneiden und sie dem Knaben zu braten, damit dieser sie verzehre.« Als der Gast dies hörte, da nahm er seine Schuhe und stahl sich hinaus. Als er aus dem Zelte hinausging, kam gerade der Wirt herein; der fragte seine Frau: »Warum ist denn der Gast wieder fortgegangen?« Die Frau entgegnete: »Seine Manieren sind abscheulich! Er hat mir die Hühner aus dem Topfe gestohlen und reisst mit ihnen aus!« Der Beduine eilte ihm nun nach und rief: »Gieb eines her und eines kannst du behalten!« Der Ausreisser erwiderte: »Wenn du mich einholst, nimm sie alle beide!« Der Ausreisser meinte nämlich seine beiden Ohren, der Besitzer des Zeltes dagegen die beiden Hühner.

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 122.
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