9. Der gemeinsame Tod des Abu Nowas und seiner Gemahlin.

[112] Abu Nowas blickte eines Tages, als eben seine Frau gestorben war, Harun Arraschid an und begann zu weinen: »Mein Herr,« sprach er, »meine Frau ist tot!« Der Sultan erwiderte: »Ich will dir eine meiner Sklavinnen schenken.« Abu Nowas entgegnete: »Mein Herr, ich danke dir!« Harun Arraschid begab sich hierauf zu Subida, seiner Gemahlin, und sprach zu ihr: »Weisst du's schon, Frau? Ich muss es dir sagen!« Jene entgegnete: »Hoffentlich ist's etwas Gutes!« Der Sultan sprach: »Des armen Abu Nowas' Frau ist gestorben!« Subida erwiderte: »Das verdient er nicht, der Arme!« Der Sultan sprach: »Ich will ihm eine Sklavin von mir schenken.« Subida entgegnete: »Da habe ich eine Sklavin, die für ihn passen wird!« Hiermit rief sie: »Komm her, Nur-Essbâch!« Das Mädchen kam und antwortete: »Da bin ich, Herrin!« Subida begann: »Ich habe dich eben an einen Mann verschenkt.« Das Mädchen fragte: »Wer ist der Mann?« Subida entgegnete: »Abu Nowas, der Spassmacher deines Gebieters.« Das Mädchen erwiderte: »Gut!« Damit gab Subida jener prächtige Kleider und sprach zu ihr: »Mache dich fix und fertig!« Der Sultan aber sandte zu Abu Nowas und liess[112] ihm sagen: »Komm her zu mir!« Abu Nowas kam, und der Sultan gab ihm einen Anzug und zwar einen königlichen Anzug; ferner gab er ihm tausend Goldstücke. Der Sultan wandte sich nun an Subida – Subida aber hatte sich hinter einem Vorhang versteckt – und sprach zu ihr: »Ich habe Abu Nowas eine prächtige Kleidung geschenkt, ich, der Mann, dem Manne; drum schenke du auch der Nur-Essbâch prächtige Gewänder, du, das Weib, dem Weibe!« Da beschenkte Subida das Mädchen und gab ihr drei Gewänder, von denen, die sie selbst anzuziehen pflegte, sie gab ihr ferner goldene so Schmucksachen, schmale und breite Armreifen und Brustplatten, duftende Essenzen und Ambra, auch ihre eigenen Schuhe, die mit kleinen runden und mit länglichen Perlen besetzt waren, sowie fünfhundert Goldstücke. Dann befahl Subida dem Abu Nowas herzukommen und sprach zu ihm: »Nimm deine Frau und geh heim!« Abu Nowas nahm seine neue Gemahlin und kehrte mit ihr heim. Dann begann er sein und seiner Frau Geld auszugeben, und zwar ging das Geld in sehr kurzer Zeit zu Ende. Da verkaufte er den Schmuck seiner Frau und die Kleider, bis er mit ihr schliesslich unter einem dünnen Betttuche schlafen musste.

Da sprach er zu Nur-Essbâch: »Jetzt haben wir unsre Mittel erschöpft! Was sollen wir jetzt thun? Wenn ich,« fuhr er fort, »jetzt zum Sultan gehe und zu ihm sage, das Geld sei zu Ende, dann wird er mich wieder fortschicken und sagen: ›Ich hatte dir doch sehr viel Geld gegeben, und du hast es sofort aufgebraucht!‹ Geh du da lieber zu deiner Herrin, weine ihr etwas vor und falle ihr zu Füssen; dann giebt sie dir vielleicht etwas, das wir ausgeben können!« Nur-Essbâch erwiderte jedoch: »Ich werde ebensowenig hingehen, mein Freund!« Da sprach Abu Nowas: »Gut denn, bleib du hier! Ich aber will mich zum Sultan begeben und mich auf den Kopf schlagen und zu ihm sagen, meine Frau sei gestorben, und ich besässe nichts, um sie zu bestatten; da giebt er uns vielleicht etwas!« Nur-Essbâch erwiderte: »Recht so! Geh hin!« Harun Arraschid befand sich gerade im Gerichtssaale, als Abu Nowas weinend heraufkam; derselbe hatte sich Pfeffer in die Augen gethan, damit sie rot aussähen, und die Thränen flössen. Der Sultan fragte: »Was ist's mit dir, Abu Nowas?« Der entgegnete: »Mein Frauchen ist tot!« Der Sultan versetzte: »Ach, wir müssen alle sterben! Preis sei Gott, welcher der ewige ist!« Abu Nowas erzählte weiter: »Mein Herr, ich habe nichts, womit ich sie bestatten und die Sänger für[113] die Beerdigung bringen könnte.« Da wandte sich der Sultan an Dschafar und sprach zu ihm: »Gieb ihm hundert Goldstücke!« Jener gab Abu Nowas das Geld, und letzterer nahm die Goldstücke und sprang in froher Stimmung die Stufen hinab. Er kam wieder zur Nur-Essbâch. Die fragte ihn: »Was hast du ausgerichtet?« Abu Nowas entgegnete: »Da sind hundert Goldstücke! Und weisst du,« fuhr er fort, »was du jetzt thun musst? Geh du zu Subida und kleide dich in Sackleinewand! Wenn sie dich in der Sackleinewand erblickt, wird sie mit dir Mitleid empfinden. Wenn sie dich fragt, was dir fehle, dann sage ihr: ›Mein Gemahl Abu Nowas ist gestorben!‹ Wenn sie dich dann fragt: ›Wo ist denn der Schmuck und das Geld, das ich dir geschenkt hatte?‹ –, so entgegne: ›Ehe er starb, hat er alles verkauft!‹ Nur-Essbâch hüllte sich also in Sackleinewand und begab sich hinauf in den Palast der Subida; Subida sass da; da kam jene herauf und weinte und schlug sich an die Schenkel.« Subida fragte: »Was fehlt dir?« Nur-Essbâch entgegnete: »Mein Mann ist gestorben und liegt daheim! Er hat mir nichts zurückgelassen, um ihn bestatten zu können.« Da gab ihr Subida zweihundert Goldstücke und sprach: »Dein Mann war ja ein treuer Diener von Bedeutung; du musst ihm eine anständige Bestattung veranstalten!« Darauf ging Nur-Essbâch wieder nach Hause.

Abu Nowas sagte zu seiner Gemahlin: »Wenn sich jetzt der Sultan nach seinem Palaste begiebt, da werden er und Subida sich schön herumzanken! Sie wird zu ihm sagen: ›Abu Nowas ist gestorben!‹ Der Sultan dagegen wird behaupten: ›Nur-Essbâch ist gestor ben.‹ So werden sich die beiden herumstreiten, während wir hier in Ruhe Gottes Wunder betrachten!« Als nun die Regierungsgeschäfte vorüber waren, begab sich Harun Arraschid nach seinem Palaste und begann: »Weisst du schon, liebe Frau, dass Nur-Essbâch gestorben ist? Gottes Gnade sei über ihr!« Subida aber entgegnete: »Ach gar! Jetzt eben war sie ja bei mir – es ist kaum eine Stunde her – und erzählte mir, dass Abu Nowas gestorben sei! Da gab ich ihr etwas Geld, damit sie ihn bestatten könne.« Nun behauptete Harun Arraschid hartnäckig weiter, Nur-Essbâch sei gestorben, während Subida dabei blieb, Abu Nowas sei aus dem Leben geschieden. Schliesslich rief der Sultan den Oberstthürsteher herbei und befahl ihm: »Geh nach der Wohnung des Abu Nowas und sieh, ob dort der Mann oder die Frau gestorben ist!«[114] Der Oberstthürsteher begab sich nach der Wohnung des Abu Nowas. Abu Nowas sass mit seiner Gemahlin am Fenster; da sahen sie den Oberstthürsteher herankommen. Schnell sprach Abu Nowas zu seiner Gemahlin: »Das ist der Oberstthürsteher, den schickt der Sultan her! Drum lege dich hin und thue, als ob du tot seiest!« Nur-Essbâch legte sich hin, und ihr Gemahl breitete ein Betttuch über sie, wie man es mit einem Toten thut. Währenddem begab sich der Oberstthürsteher hinauf in die oberen Gemächer; Abu Nowas kam ihm auf der Treppe entgegen. Der erstere fragte: »Es ist doch nichts Schlimmes geschehen, mein Herr?« Abu Nowas entgegnete: »Meine gute Frau ist tot! Komm mit herauf und sieh sie!« Jener ging mit hinauf und fand die Frau langausgestreckt und mit einem Betttuch bedeckt. Der Oberstthürsteher blickte auf und rief: »Ach, wir alle müssen sterben! Die Gnade Gottes sei über ihr!«

Dann begab er sich wieder zum Sultan. Der fragte ihn: »Wer ist gestorben?« Der Oberstthürsteher entgegnete: »Nur-Essbâch ist es, die gestorben ist.« Da wurde Subida aufgebracht und rief: »Er redet dir bloss nach dem Munde!« Subida wurde sehr ärgerlich, rief den Eunuchenobersten herbei und sprach zu ihm: »Komm, Baba Srur, geh nach der Wohnung des Abu Nowas und sieh nach, wer von den Gatten gestorben ist!« Sie nahm Baba Srur ferner einen Eid ab und sagte zu ihm: »Rede weder mir noch deinem Herrn zu Gefallen! Sag die Wahrheit! Was du erblickst, das berichte!« Baba Srur ging ab. Als der Eunuchenoberste auf der Strasse sichtbar wurde, da wandte sich Abu Nowas an seine Gemahlin mit den Worten: »Baba Srur kommt! Jetzt muss ich mich hinlegen und sterben! Decke du mich jetzt mit dem Betttuche zu!« Abu Nowas legte sich also hin und spielte den Toten, und seine Gemahlin streckte ihm die Glieder wie einem Verstorbenen lang und bedeckte ihn mit einem Betttuche; er aber hielt den Atem an. Als nun der Eunuchenoberste heraufkam, da fand er Nur-Essbâch in Thränen. Er fragte sie: »Was ist mit dir?« Sie entgegnete: »Mein Mann ist gestorben!« Baba Srur entblösste jenem das Antlitz und sah ihn lautlos und regungslos daliegen. Hierauf begab sich Baba Srur wieder zum Sultan. Derselbe fragte ihn sogleich: »Nun, was giebt's für Nachricht?« Jener erwiderte: »Mein Herr, Abu Nowas ist der Tote!« Da wurde der Sultan aufgebracht und rief: »Jetzt eben war er doch bei mir!«[115]

Hierauf befahl er: »Bring mir einen leichten Wagen!« Der Sultan und Subida stiegen ein und der Eunuchenoberste ebenfalls; dann fuhren sie nach der Wohnung des Abu Nowas. Abu Nowas war mittlerweile aber wieder von dem Tode aufgestanden und sah auf die Strasse. Da sah er den Sultan in einer Kutsche hergefahren kommen! Er blickte seine Gemahlin an und sprach zu ihr: »Der Sultan kommt! Wir müssen,« fuhr er fort, »uns beide hinlegen und sterben!« Beide streckten sich hierauf hin, deckten sich mit Betttüchern zu und hielten den Atem an. Der Sultan und Subida kamen herauf, sowie Baba Srur. Da fanden sie die Gatten lang und gerade hingestreckt! Man entblösste beider Antlitz und fand sie kalt, und tot schon von gestern! Der Sultan blickte auf und sprach: »Wer mich über dies Ereignis belehren kann, dem gebe ich gern tausend Goldstücke!« Da setzte sich Abu Nowas aufrecht und rief: »Gieb sie her! Dein Diener Abu Nowas ist ein armer Teufel! Her damit!« – Das war nun ein Spass! Der Sultan und seine Gemahlin lachten, und Nur-Essbâch erhob sich auch und lachte mit.

Harun Arraschid schenkte Abu Nowas das Geld, und auch Subida gab welches her. Dann wandte sich der Sultan an Abu Nowas und sagte zu ihm: »Erzähle mir deine jetzige That genauer!« Abu Nowas erwiderte: »Ich dachte so bei mir: ›Wenn ich jetzt schon wieder zum Sultan gehe (und um Geld bitte), da wird er mich fortjagen und mich fragen, was ich mit dem Gelde gemacht habe, das er mir vor kurzem gegeben hat!‹ Drum habe ich diese Erfindung in meinem Verstandskasten ausgeheckt!« Da blickte Harun Arraschid auf und sprach: »Bravo! Ein so netter Streich wie dieser ist mehr als tausend Goldstücke wert!«

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 112-116.
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