Der kluge Schakal

Der kluge Schakal.1
Ein Hottentottenmärchen.

[71] In einem Lande war eine sehr große Trockenheit; denn es hatte lange nicht geregnet. Alle Flußbetten waren ausgetrocknet und alle Quellen versiegt.

Da beschloß der Löwe, den Tieren vorzuschlagen, einen Damm zu bauen, der später in der Regenzeit das Wasser sammeln und aufbewahren sollte.

Die Tiere, welche er zu diesem Zwecke berief, waren der Hundsaffe, der Leopard, der Schakal, die Hyäne, der Hase und die Schildkröte.

Sie alle kamen überein, daß der Vorschlag des Löwen ein sehr guter sei, und daß am folgenden Tage die Arbeit begonnen werden müsse.

Am nächsten Morgen suchten sie sich einen Platz aus, der günstig schien für ihr Unternehmen, und gingen sofort an ihr Werk. Nur der Schakal schlich träge umher und erklärte lachend, ihm fiele es nicht ein, seine Nägel zu zerkratzen, um Löcher für Wasser zu graben.

Als der Damm fertig war, fing es an zu regnen, und nach wenigen Tagen hatten die Arbeiter die Freude, daß das Wasser sich in großen Mengen gesammelt hatte.

Der erste, welcher kam, um davon zu trinken, war der Schakal. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte,[72] schwamm er in dem Wasser auf und nieder und warf Schmutz und Schlamm hinein.

Als der Löwe davon erfuhr, wurde er sehr böse und befahl dem Hundsaffen, am nächsten Tage den Damm zu bewachen und sich einen Knobkirie (Stock) als Waffe mitzunehmen.

Der Hundsaffe setzte sich in einen Busch, welcher dicht bei dem Wasser stand, und wartete auf den Schakal. Bald kam dieser auch. Es dauerte aber nicht lange, so gewahrte er die Gegenwart des Hundsaffen und erriet, was ihn hergeführt hatte.

Da er sehr wohl wußte, wie gern der Affe Honig aß, sann er sich schnell eine List aus. Er ging unbesorgt an dem Damme auf und nieder und tauchte hin und wieder seine Pfoten in seinen Tontopf, den er mitgebracht hatte, um Wasser damit zu schöpfen. Mit dem Ausdruck höchsten Entzückens leckte er dann die Spitzen der Finger und murmelte halblaut vor sich hin: »Ich brauche ihr schmutziges Wasser nicht, da ich diesen köstlichen Honig habe. Wie süß er doch ist!«

Das war denn doch zu viel für den armen Affen, der unmöglich länger widerstehen konnte. Er kam langsam aus seinem Versteck hervorgekrochen und bat den Schakal, ihm etwas von seinem Überflusse zu geben. »Ich bin so müde und hungrig,« fügte er kläglich hinzu; »denn der Löwe befahl mir, hier Wache zu halten.«

Zuerst stellte sich der Schakal, als bemerke er den Hundsaffen gar nicht; endlich aber wandte er sich um und sagte herablassend, daß er ihn wirklich herzlich bedauere und gern bereit sei, ihm unter gewissen Bedingungen von seinem Honig zu geben.

Der Affe versprach willig, auf alles einzugehen.[73]

»So gib mir deinen Knobkirie,« sagte der Schakal, »und lasse dich von mir binden.«

Der Hundsaffe tat, was von ihm verlangt wurde, und nach wenigen Minuten lag er an Händen und Füßen gebunden auf der Erde.

Nun trank der Schakal vergnügt aus dem Damm, füllte seinen Topf mit Wasser und schwamm fröhlich auf und ab. Dabei rief er dem armen Affen hohnlachend zu, wie dumm er doch gewesen sei, daß er sich so leicht habe betören lassen, und daß er statt des Honigs gern einige Schläge mit seinem eigenen Knobkirie bekommen könne.

Nachdem der Schakal fortgegangen war, kamen die übrigen Tiere und waren nicht wenig erstaunt, den Affen in diesem elenden Zustande zu finden.

Der Löwe war empört, als er den ganzen Vorgang erfahren hatte, ließ den Affen streng bestrafen und erklärte ihn für einen leichtsinnigen Toren.

Da trat die Schildkröte hervor und bot sich an, den Schakal einzufangen.

Anfänglich glaubten die Tiere, sie scherze nur; als sie aber sagte, welche List sie sich ersonnen habe, fand man ihren Plan ungemein klug und nahm ihn an.

Die Schildkröte ließ sich nun ganz und gar mit einer klebrigen, wachsartigen Masse bestreichen, welche man außerhalb der Bienenstöcke findet; dann ging sie an den Eingang zum Damm und legte sich davor. Am folgenden Tage näherte sich der Schakal mit äußerster Vorsicht dem Wasser und war sehr erstaunt, jemanden in der Nähe vorzufinden. »Wie freundlich, mir den schönen schwarzen Stein wie einen Tritt hier hinzulegen!« rief er, als er die Schildkröte sah.

Kaum aber hatte er auf den vermeintlichen Stein getreten, klebte er fest und sah nun, daß man ihm eine[74] Falle gestellt hatte; denn die Schildkröte steckte nun ihren Kopf hervor und fing an sich zu bewegen.

Der Schakal hatte seine Hinterfüße noch frei und bedrohte die Schildkröte, ihren Panzer zu zertreten, falls sie ihn nicht frei gäbe.

»Tue was du willst,« sagte diese. Darauf sprang der Schakal mit aller Macht mit den Hinterfüßen auf die Schildkröte; zu seinem Entsetzen aber mußte er gewahren, daß diese nun auch festklebten.

»Schildkröte,« sagte er, »meine Zähne sind noch frei. Ich werde dich lebendig verzehren, wenn du mich nicht befreist!«

»Tue, wie du willst!« war wiederum die Antwort.

Sofort biß der Schakal auf das Tier unter ihm ein, aber – nun waren nicht nur seine Füße, sondern auch sein Kopf gefangen.

Die Schildkröte war überglücklich und stolz, daß ihre List so vorzüglich gelungen war. Deshalb bewegte sie sich langsam aufwärts das Ufer entlang, damit alle Tiere, wenn sie zum Wasser kämen, gleich sehen könnten, wie sie den Schakal gefangen hatte.

Allgemein wurde denn auch die kluge Schildkröte gelobt und bewundert, während erneutes Gespött sich über den unglücklichen Hundsaffen ergoß.

Der Löwe verurteilte den Schakal zum Tode und bestimmte, daß die Hyäne den Spruch vollziehen sollte.

Der Schakal bat um Gnade; da er aber bald einsehen mußte, daß alles Flehen umsonst war, wandte er sich an den Löwen, von dem er, wie er sagte, ja nur Gutes und Gerechtes kenne, und bat, ihm wenigstens zu erlauben, sich die Art seines Todes selber zu wählen. Als der Löwe hierauf einging, bat der Schakal, man möchte seinen Schwanz doch ganz glatt rasieren und mit Fett[75] einreiben; darauf solle die Hyäne ihn an diesem zweimal in der Luft schwingen und seinen Kopf an einem Steine zerschellen. Der Löwe sah keinen Grund, dem Schakal seine Bitte nicht zu gewähren, und befahl sogleich, in seiner Gegenwart zur Ausführung des Urteils zu schreiten.

Als die Hyäne den listigen Schakal kaum von der Erde hochgehoben hatte, entglitt ihr der glatte, eingefettete Schwanz, und das Tier rannte, so schnell es konnte, davon. Sofort machten sich alle Tiere an seine Verfolgung; ihnen voran lief der Löwe.

Es währte nicht lange, so hätte er den Schakal eingeholt; doch dieser brach zwischen einem Felsen und einem über diesem hängenden mächtigen Steinblock durch und rief dem Löwen zu, er möchte doch kommen und ihm helfen, den Block im Fallen aufzuhalten, da dieser sie beide sonst im Sturz zermalmen würde. Der Löwe stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen den großen Stein und klemmte sich dadurch fest in die enge Spalte ein.

»Jetzt laß mich gehen und eine Stütze für den Felsen holen,« sagte der Schakal zum Löwen, »damit du wieder hier herauskommen kannst. Ich helfe dir dann.« Mit diesen Worten kroch der Schakal hervor und ließ den Löwen stecken, der nun verhungern mußte.

1

In Hottentotten- und Kafferngeschichten vertritt der Schakal vielfach unseren Reineke, ebenso wie in Suahelisagen der Hase oder das Kaninchen diese Rolle übernehmen.

Quelle:
Held, T. von: Märchen und Sagen der afrikanischen Neger. Jena: K.W. Schmidts Verlagsbuchhandlung, 1904.
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