Eine Geschichte der Zulus

Eine Geschichte der Zulus.

[182] Uxlakanyana ging einstmals zu einer Hochzeit. Nachdem er dort den Tänzen der Mädchen zugesehen und sich an Mshvala gütlich getan hatte, ging er heim. Auf dem Wege kam er an einem Hügel vorbei, auf welchem die köstliche Wurzel Umdiandiane zu finden war; die grub er aus, um sie hernach zu verzehren. Daheim angelangt, gab er sie seiner Mutter mit den Worten:

»Mutter indessen ich gehe, um unsere Kuh zu melken, koche du mir diese Umdiandiane, die ich auf dem Hügel gegraben habe.«

Dann nahm er den Melkeimer und ging davon. Die Mutter machte sich sofort daran, die Wurzel zu kochen, und[183] als sie gar war und lieblich duftete, sprach sie zu sich selber:

»Ich muß doch sehen, wie das Gericht schmeckt.« Damit fing sie an, davon zu essen, und aß, bis nichts übrig geblieben war. Als Uxlakanyana heimkam, forderte er die Wurzel. Seine Mutter sprach:

»Ich habe sie gegessen, mein Sohn.«

Er aber bestand dennoch darauf:

»Ich will meine Umdiandiane haben; denn ich habe sie für mich ausgegraben, nachdem ich von dem Hochzeitstanze kam.«

Um ihn zu beschwichtigen, gab seine Mutter ihm einen Milcheimer, den nahm er und lief damit fort. Nicht weit fort traf er Hirtenknaben an, die ihre Kühe melkten. Da sie nichts anderes hatten, so brauchten sie für die Milch zerbrochene Gefäße. Uxlakanyana gab ihnen seinen Eimer und sprach:

»Laßt mich hernach etwas von eurer Milch haben.«

Die Knaben nahmen den Eimer und melkten nun in ihn. Als die Reihe an den letzten zum Melken kam, stieß der aus Versehen den Eimer um, so daß er zerbrach und alle Milch auf die Erde floß, die sie gierig verschlang.

Uxlakanyana rief:

»Was habt ihr meinen Eimer zerbrochen, den meine Mutter mir gab, die meine Umdiandiane gegessen hat, die ich mir gegraben hatte, als ich von der Hochzeit heimging?«

Der Hirtenknabe, der den Eimer umgeworfen und zerbrochen hatte, trat an Uxlakanyana heran, gab ihm seinen Assegai und sprach:

»Hier, nimm diesen Assegai für deinen Eimer.«

Uxlakanyana nahm den Speer und ging davon. Als er an einem Zuckerrohrfelde vorbeikam, sah er dort Knaben,[184] die sich die Leber eines Ochsen gebraten hatten und sie nun teilten; da sie aber kein Messer hatten, nahmen sie die harte Rinde des Rohres und schnitten das Fleisch damit.

»Nehmt meinen Assegai zum Schneiden,« sprach Uxlakanyana, »gebt mir aber auch etwas von der Leber!«

Die Knaben teilten mit dem Assegai die Leber; aber der letzte zerbrach die Waffe. Da wurde Uxlakanyana sehr böse, schalt den ungeschickten Knaben und sprach:

»Warum zerbrichst du meinen Assegai, den mir der Hirte gab, der meinen Melkeimer umstieß, daß er in Stücke ging und die Milch ausfloß? Den Eimer hatte mir meine Mutter gegeben, weil sie die Umdiandiane gegessen hat, die ich für mich ausgegraben hatte, als ich nach der Hochzeit an dem Hügel vorbeikam.«

Als Uxlakanyana schalt und schalt und sich gar nicht beruhigen wollte, gaben die Knaben ihm eine Axt für den Assegai. Mit der Axt ging er seiner Wege und traf alsbald einige Weiber, welche Holz zum Feuern holten.

»Womit schneidet ihr denn das Holz?« fragte Uxlakanyana.

»Wir schneiden es nicht,« war die Antwort, »wir brechen es; denn wir haben weder eine Axt noch ein Messer.«

»So nehmt diese Axt, schneidet euer Holz mit ihr und gebt sie mir dann wieder!«

Die Weiber gebrauchten die Axt, eins nach dem anderen, und als das letzte sie zur Hand nahm, zerbrach sie.

»Ihr habt meine Axt zerbrochen,« schalt da Uxlakanyana; »warum habt ihr das getan? Die Axt haben mir die Knaben für meinen Assegai gegeben, den sie zerbrochen[185] haben, als sie Leber mit ihm schnitten. Den Assegai hatte ich von den Hirten bekommen, die meinen Melkeimer umwarfen, daß die Milch ausfloß und er zerbrach. Meine Mutter hatte ihn mir gegeben, weil sie meine Umdiandiane gegessen hat, die ich mir gegraben hatte, als ich nach der Hochzeit an dem Hügel vorbeikam!«

Als sie ihn so klagen hörten, gaben die Weiber ihm ein buntes Lendentuch, das war aus allerlei Gras geflochten. Uxlakanyana lief damit weiter und traf auf zwei junge Männer, die schliefen im Walde und waren nackend. Er weckte sie und fragte:

»Freunde, habt ihr keine Kleidung?«

Sie antworteten:

»Nein.«

»So nehmt dieses,« sprach er und gab ihnen sein Tuch.

Sie nahmen es und wickelten sich darein. Doch da es klein war und jeder von ihnen sich damit bedecken wollte, zerrten und rissen sie daran, bis es in Stücke ging.

»Was habt ihr getan,« rief Uxlakanyana, »ihr Bösen? Ihr habt mein Tuch zerrissen, das ich von den Weibern bekommen hatte, die beim Holzfällen meine Axt zerbrochen, welche die Knaben mir gegeben hatten, weil sie meinen Assegai zerbrochen haben, den ich von den Hirten bekommen hatte, die meinen Eimer umwarfen, den meine Mutter mir gegeben hat, weil sie die Umdiandiane aufgegessen hat, die ich für mich gegraben habe bei dem Hügel, an dem ich nach der Hochzeit vorbeikam.«

Die Männer, welche das Tuch zerrissen hatten, gaben Uxlakanyana einen Schild, der war aus Ochsenhaut gefertigt. Mit diesem Schilde schritt er weiter und begegnete[186] zwei Männern, welche einen Leoparden bekämpften. Da sie keinen Schild hatten, gab Uxlakanyana ihnen den seinen. Sie schlugen den Leoparden tot, aber der Handgriff des Schildes brach entzwei. Uxlakanyana sah es und wurde sehr böse. Da gaben die Männer ihm einen Spieß und gingen davon.

Quelle:
Held, T. von: Märchen und Sagen der afrikanischen Neger. Jena: K.W. Schmidts Verlagsbuchhandlung, 1904, S. 182-187.
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