Zweihundertneunundzwanzigste Geschichte

[292] geschah an einem köstlichen Raw, der war sehr reich, so wie man zu derselbigen Zeit einen finden möcht. Un hat eine einzige Tochter, die war sehr schön un wolkönnedig mit allerlei, was ein Mensch derdenken kann. Un der Raw un sein Weib war ziemlich alt, daß sie zu Jahren kamen. So wollt der Rabbi seine Tochter ausgeben. Nun hat der Raw einen Schwesterssohn, der war reich un lernt gar wol un war gar eine schöne Person. Einmal, der Raw un sein Weib, die lagen bei einander, da hebt der Raw an zu seinem Weib: »Wir sind nun alt, un haben nit mehr als eine einzige Tochter. Heut oder morgen sterben wir un haben niemand, der sich ihrer annimmt. Wem wollen wir sie geben?« Da hebt die Frau an: »Emes (in Wahrheit), wann wird es einmal geschehen, daß wir ihr einen Mann geben?« Da hebt der Raw an: »Ich hab mich schon besonnen. Ich will ihr meinen Schwesterssohn geben. Der is reich un is mit guten Tugenden.« Da hebt das Weib an: »Wir wollen ihr geben meines Bruders Sohn. Is er schon nit reich so is er ja von Tugendheit, schön un lernt wol. Un is er nit reich, so haben wir Geld genug.« Da hebt der Raw an: »Es dünkt mich doch billiger zu sein mein Schwesterssohn als dein Bruderssohn. Denn wir sind reich un er is auch reich.« Also konnten sie sich nit vereinigen un hatten es die ganze Nacht miteinander. Nun des morgens macht der Raw eine große Sude (Mahlzeit) un breieten gute Freund, als gute fromme Leut, derzu, un seine Freunde un die zwei Bocherim (junge Leute) auch. Un gab ihnen zu essen un zu trinken un waren gar fröhlich. Un wie sie nun gessen un getrunken hatten, so heißt der Raw die zwei Bocherim hinaus gehn. Un wie sie nun heraus waren gegangen da sprach der Raw: »Ihr gute Freunde, wir sind alt un wir wollten gern unsere Tochter ausgeben. Also kann ich mich mit meinem Weib drüber nit vereinigen.« Denn er wollt haben seinen Schwesterssohn un sie will haben ihren Bruderssohn. »Nun wollen wir es an euch lassen stehn, alles was ihr derzu sagt, wollen wir tun.« Da heißten die Leut den Raw mit der Rebbezin (Rabbinersfrau) herausgehn, derweil wollen sie sich beraten. Also ging der Raw mit seinem Weib heraus. Derweil beraten sie sich miteinander. Un ließen den Raw mit seinem Weib wieder hereinkommen, un sagten, die zwei Bocherim sind wol alle zwei die Bsuloh (Jungfrau) wert, obschon der eine arm un der andere reich is. Also is der Ratschlag bei uns geblieben, daß man einem jeden soll zweihundert Gulden in den Beutel geben, un soll sie miteinander weg schicken un sie sollen für das Geld Ware kaufen. Welcher die beste Ware um sein Geld wird kaufen, derselbige soll das Maidel haben. Aber sie müssen ein ganzes Jahr ausbleiben ehe die Broche (Trauung) zum guten Glück soll werden. Da gefiel dem Raw mit seinem Weib die Ezeh (der Rat) gar wol. Also hieß man die[293] Bocherim wieder herein gehn. Also gab ihnen der Raw einem jeglichen zweihundert Gulden in den Beutel un sagt: »Da geb ich euch einem jeden zweihundert Gulden. Un ihr sollt ausziehn um Ware. Un welcher die beste Ware wird dervor kaufen, derselbige soll meine schöne Tochter haben.« So zugen sie miteinander hinweg, un ihre Herzer waren gar sehr erfreut, denn ein jeder meint, er wollt das schön Mensch bekommen. Denn es war als ob ihnen eine gebratene Taube wär in das Maul geflogen. Un es hat keiner nix dervon gewußt. Also zugen sie hin lechajim ulescholem (zum Leben und zum Frieden) übers Meer miteinander. Un kamen in eine schöne Stadt, wo man viel schöne Ware zu kaufen hat. Des Raw Schwesterssohn kauft köstliche Ware um seine zweihundert Gulden. Un der Rebbezin Bruderssohn, der kauft um sein Geld eitel gute Edelsteine. Denn er gedacht, sie wären das Geld wol wert. Also ziehen sie wieder zurück. Da sie wieder auf halben Weg kamen, so lagen sie zunacht in einem Wirtshaus. Da waren viel Schalk un Ganowim (Diebe) un forschten sie alle beide aus, daß sie Geld un Geldeswert bei sich hatten. So legten sie sich schlafen. In der Mitternacht kamen die Ganowim un brachen in der Bocherim ihre Kammer ein. Un gingen über ihre Säcke un ganewten (stahlen) ihnen alles, was sie hatten. Un nahmen das Geld un die Edelsteine. Zu morgens stunden die Bocherim auf, so war ihnen alles genommen. Der Bocher mit den Edelsteinen grämte sich mehr als der andere. Nit um das Geld neiert um ein schön Mensch zu verlieren. Denn er hat nix mehr in seinem Beutel, so konnt er auch nix mehr ausrichten. Aber der andere Bocher grämte sich nit, denn er hat wenig Geld in seinem Sack gehabt, un all die Ware haben sie ihm nit genommen. So sprach der Bocher wider den andern Bocher, ob er wollt mit ihm heimziehn. Da sprach der andere, nein. So zug der Bocher mit seiner übrigen Ware heim. Aber der andere Bocher wollt von Schande wegen nit heim ziehn. Wie nun der Bocher mit seiner Ware heim kam, so frägt sie ihn nach seinem Chawer (Gesellen) wo er wär. Da sprach er: »Ich weiß nit wo er hin is gezogen, denn er is von mir einen andern Weg gezogen.« So sagten sie zu ihm: »Wenn der andere Bocher nit wird zur Zeit kommen, so wird man ihm die Tochter zu einem Weib geben.« Aber dem Raw sein Weib grämte sich sehr um ihren Verwandten, um daß sie nit wußt, wo er hingekommen is. Aber sie schwieg still. Sie gedacht sich, die Zeit is noch ein halbes Jahr. Vielleicht hilft ihm der, dessen Name geheiligt sei, her. Nun wollen wir eine Weile Choßen un Kalle bleiben lassen un wollen von jenem armen Bocher schreiben, der seine Edelsteine verloren hat. Wie nun sein Chawer von ihm weggegangen war, so schämet er sich heim zu ziehn mit bloßer Hand. Da gedacht er in sich selbert, ich will nit verzagen, denn ich kann noch lernen, also will ich auf eine Jeschiwe (Torah-Schule) lernen ziehn. Werd ich die hübsche Bsuloh nit[294] kriegen, was soll ich derzu tun? Vielleicht wird mir der, dessen Name geheiligt sei, etwas Schöneres bescheren. Also zug er seiner Straß fort zu dem Nasi (Obersten) von Babel, der hat vierhundert Bocherim auf seiner Jeschiwe, die alle sehr wol lernten. Un wie er nun nach Babel kam, so ging er zurissen un zuschlissen un mit bloßer Hand. Da war niemand, der ihn ansehen wollt, wiewol er besser lernt als die vierhundert Bocherim. Wie nun die Bocherim auf der Jeschiwe waren, so setzt sich der Bocher im Bethhamidrasch (Lehrhaus) hinter den Ofen un gab sich für keinen Lamden (Gelehrten) aus. Einmal begab es sich, daß der Nasi einen Chilek (Unterscheidung in der Auslegung) sagt. Aber die Bocherim konnten ihn nit verstehn. Da sagt der Nasi, sie sollten ihm morgen eine Tschuwe (Antwort) geben. So gingen die Bocherim ein jeglicher heim. Un wie es nun Nacht war, da ging der zurissene Bocher hinter dem Ofen vor un setzt sich an den Tisch un nahm die Gemore vor un lernt gar ernstlich. Un wie er so lernt kommt Elijohu hanowi zu ihm un lernt mit ihm, was er begehrt. Un konnt mehr als der Nasi mit seinen Talmidim (Schülern). Da ging Elijohu hanowi wieder von ihm weg. Da schrieb der Bocher den Terez (Auslegung) auf die Frage auf den Tisch, un legt sich wieder hinter den Ofen. Zu morgens stund der Nasi früh auf. Da fand er den Terez auf den Tisch geschrieben. Aber er hat keinen Gedanken auf den, der hinter dem Ofen lag. Nun, der Nasi frägt einen jeglichen, wer es getan hat. Aber da war keiner der es wußt, wer es getan hat. Den andern Tag sagt der Nasi wieder einen Chilek, der mehr chumre (schwierig) war als der erste. Die Bocherim lernten einen ganzen Tag darüber, konnten ihn nit verstehn. Wie sie nun schlufen gingen, da ging der Bocher wieder hinter dem Ofen herfür, un schrieb den Terez wieder auf den Tisch. Zu morgens früh stund der Nasi wieder auf un sah den Terez wieder auf den Tisch geschrieben. Da sprach er: »Ich seh wol, daß ich köstliche Bocherim hab.« Un nahm sich groß Wunder, daß er solche köstliche Bocherim auf der Jeschiwe sollt haben. Un frägt wieder, wer es getan hat. Aber da war keiner da. Den dritten Tag da sagt der Nasi wieder ein Chilek, der war eitel Prophezeiung. Da wissen die Bocherim wieder kein Terez zu geben. Was tät der Nasi? Er macht ein Loch in sein Cheder (Zimmer), daß er konnt herunter in das Bethhamidrasch sehen. Die Bocherim gingen alle schlafen. Da stund der zurissene Bocher wieder auf un setzt sich an den Tisch un lernt. Un wie er nun gelernt hat, da schrieb er den Terez wieder auf den Tisch. Un ging wieder hinter den Ofen. Diesen Handel sah der Nasi als zu, un nahm sich groß wunder, daß er nix von seinem Lernen gewußt hat. Un schweigt still un sagt keinem nix dervon. Der Nasi ging wieder auf die Jeschiwe un nahm sich nix an. Un der arme Bocher setzt sich wieder hinter den Ofen un nahm sich auch nix an. Also frägt der Nasi wieder eine Kasche[295] (Frage). Da waren die Bocherim sehr mewulpel (verwirrt) drüber. Aber sie wußten keinen Terez. Da frägt der Nasi den Bocher hinter dem Ofen, un sagt wider ihn: »Ich bin sicher, daß du mir den Terez sollst geben.« Da sprach der Bocher: »Mein lieber Rabbi, wie kommt ihr daran? Ich kann nix un weiß nix.« Da war der Nasi wieder dringlich, daß er mußt den Terez geben. Da sagt der Bocher den Terez kipschute (glatt) hinweg. Dernach hebt er an, un sagt auch einen Chilek, den keiner fragen konnt. Also frägten die Bocherim den Rabbi, wie er solches is gewahr geworden. So sagt der Rabbi wie er den Chilek hat gesagt, so hat er alle Nacht den Terez auf meine Kasche auf den Tisch geschrieben. Un das hab ich gesehen durch das Loch herab. Nun hat der Rabbi eine schöne Tochter, die wollt er ihm geben. Da sagt der arme Bocher: »Nein, denn ich bin euere Tochter nit wert. Un auch bin ich ein Choßen.« Un sagt ihm die Geschichte, wie es ihm gegangen wär. Einmal lag der arme Bocher bei Nacht un gedacht an seinen Vater un Mutter, die er gelassen hat. Un die Zeit kam bald, daß die Broche (Hochzeit) sollt werden. Da es nun zu morgens früh war, so nahm er von dem Rabbi Abschied un zug weg. So ging der Nasi mit allen seinen Bocherim mit ihm hinaus un täten ihm zweimal Lewaje (Begleitung) nach un darschenten, (redeten, debattierten) den ganzen Weg. So wendet der Rabbi mit den Bocherim wieder um. Un der Bocher zug fort un kam in einen großen finstern Wald. Un ging wol drei Tag un drei Nächte darinnen, daß er schier vor Hunger is gestorben. So ging er weiter. So sah er einen schönen Apfelbaum stehn. Da wirft er dervon ab un ißt. Sobald er dervon gegessen hat da war er mezaure (aussätzig). Da trieb er einen großen Jammer un wollt sich selbert töten. So ging er in seiner Zore (Sorge) ein Stück Wegs weiter. Da kam er wieder an einen Apfelbaum. Da gedacht er, ich will wieder essen vielleicht sterb ich dervon, denn der Tod is mir viel besser als das Leben. So werft er auch dervon ab un eßt. Da war er wieder ganz heil un viel schöner als zuvor. Da lobt er den, dessen Name gelobt sei, un ging wieder zurück zu dem ersten Baum un bracht viel Äpfel un tät sie bei sich. Un dernach ging er wieder zu dem heilsamen Baum un brach auch so viel ab. So zug er fort un gedacht, nun hab ich genugen gelernt. Es wird mir wol einmal zu nutzen kommen. Un ging also fort. So kam er in seine Medineh (Gegend) wo er derheim war. Un kam in die erste Stadt. Un wie er hinein kam, da sah er wie all die Leute traurig waren. So frägt er einen Mann, warum sie so traurig wären un was ihnen geschehen wär. Da sprach der Mann wider ihn: »Mein lieber Freund, wir haben so einen frommen König un der is mezaure geworden, Gott muß sich derbarmen. Wir haben viel Doktorim gebraucht, es will aber nix helfen.« Da sprach der Bocher: »Lieber Freund, führt mich doch zum König, da ich verhoff mit Gottes Hilfe ihm[296] wol zu helfen, daß er möcht geheilt werden.« Da sprach der Mann: »Gottes Wunder is groß, aber ich glaub nit, daß ihm zu helfen is. Denn es sind schon viel Doktorim über ihm gewesen un haben ihm nit können helfen. Aber doch wollt ihr gehn, also will ich euch zum König führen«. So gingen sie miteinander zum König. Wie er nun an des Königs Hof kam, so ließ er sich anmelden, als da einer wär, der dem König mit Gottes Hilf will helfen. Da ließ man ihn ein. Da fiel er dem König zu Fuß un grüßt ihn. Da sprach der König mit zugedecktem Ponim (Gesicht): »Getraust du dich mir auch zu helfen?« Da sprach der Bocher: »So mir Seine königliche Majestät will folgen, so will ich ihm mit Gottes Hilf wol helfen.« Da der König das hört, wie er gar gütig redet, da sprach der König: »Wenn du mir kannst helfen, so wollt ich dir mein halbes Königreich geben, denn der Tod is mir viel nützer als das Leben.« Da sprach der Bocher wider: »Euere königliche Majestät soll zufrieden sein, denn ich verhoff es wird besser werden.« So ging der Bocher in ein Apothek un schnitt von einem Aussatz-Apfel ein Stück un laßt es in Zucker überziehn. Un gab es dem König zu essen. Sobald ihn der König gessen hat, da war er noch mehr aussätzig als er zuvor gewesen is un tät dem König noch weher. Also hebt der König an un sprach: »Ich hab es doch vor gewußt, daß mir es der Raufe (Doktor) noch ärger wird machen.« Da hebt der Bocher an un sprach: »Mein Herr König, ich hab es vor gesagt, ihr müßt ein Weil leiden, es wird besser werden.« Dernach ging er in ein Apothek un schnitt ein Stück von dem guten Apfel un ließ ihn auch überziehn mit Zucker. Un gab es dem König zu essen. Alsobald als es der König ihn gessen hat, so kriegt er einen Stuhlgang un war schöner denn zuvor. So war der König gar voll Freude un jedermann war wieder fröhlich in der Stadt, gleich man gedenken kann. Da nahm der König den Bocher allein zu sich un sprach zu ihm: »Mein lieber Herr Doktor, was heischt ihr nun an? Alles was ihr mir anheischt, das soll euch werden getan.« Da hebt der Bocher an: »Königliche Majestät, ich begehr nix von euerer königlichen Kron, das euer Schaden möcht sein. Neiert lobt Gott, der euch geholfen hat, un zu ihm is die Macht un die Stärke. Nur, ich begehr von Seiner königlichen Majestät, dort liegt eine Stadt, die heißt mit ihrem Namen so un so. Un mein Vater un meine Mutter wohnen auch drinnen. Die sind unterworfen von euerer königlichen Majestät, denn dieselbige Stadt gehört ihm zu. So wär mein Begehr, daß man mir dieselbige Stadt sollt für mein eigen schenken.« Also schenkt ihm der König das Mokaum (den Ort) un ließ das Schloß hübsch aufräumen. Nun, der Bocher wollt weg ziehn. Also hub der König an: »Ich will dich vor ihn setzen«, gleich der Seder (Sitte) war. Un gab ihm wol vier hundert gewaltige Ritters mit un eine goldene Kett um seinen Hals un gar einen großen Haufen Geld. Wie nun die Stadtherren hörten, daß ihr[297] junger Herr kam zu reiten, so ritten sie ihm entgegen un empfangten ihn mit großen Ehren. Un schenkten ihm viel Silber un Gold. Da gingen die armen Juden auch auf das Schloß un wollten den Fürsten auch ehren mit einem schönen Gefäß un zwanzig Portigleser drinnen. Also schickte das Kohel (die Gemeinde) den Raw, welcher dem Fürsten sein Schwäher sein sollte, daß er der Meliz (Fürsprecher) sein sollt un für die Juden reden. Also redet er gar wol un sprach: »Herr Gnaden, unsere Juden versuchen, ihr sollt das wenige vorlieb nehmen un wollt sie beschirmen un beschützen.« Also nahm er den Becher an, un sprach er wollt ihnen ein gnädiger Herr sein. Also sah sich der Bocher herum, da sah er seinen armen Vater da stehn un hat zurissene Kleider an. Da sprach er: »Meine Juden, haltet euch nur wol, un haltet euern alten Glauben, gleich euer Gebrauch is. Aber die Schenkung gebt jenem armen zurissenen Mann, denn ich seh wol er is gar notdürftig.« Un weist auf seinen alten, lieben Vater. »Aber einerlei, will ich euch bitten, wenn ihr eine Hochzeit macht, so sollt ihr mir es zu wissen tun oder ein Bescheidnis, so ruft mich, denn ich wollt es gern sehen.« Da hebt der Rabbi, sein Schwäher an: »Die Woch mach ich selbert ein Breiluft (Hochzeit). So will ich es euer Gnaden zu wissen tun, wenn er es gern sehen will.« Da sprach der Fürst: »Mein Jud ruf mich, ich will dir wieder einen Gefallen tun.« Also nahm der Rabbi Abschied von dem Fürsten un wünscht ihm sein langes Leben. Un ging heim un war fröhlich, daß ihnen der Heilige, gelobt sei er, so einen Fürsten beschert hat, der also gut für Jehudim wär. Also rüstet sich der Rabbi auf seine Breiluft. Aber der gute Vater von dem Bocher, der nun der Fürst war, der grämte sich sehr, denn er wußte nit wo sein Sohn war hingekommen, ob er beim Leben is oder tot is. Da nun die Broche (Trauung) sein sollt, so ruft man den Fürsten ob er kommen wollt. Jetzundert wollte man die zwei zu Hauf geben. So antwortet der Fürst wider, man soll noch ein wenig warten, er wollt bald kommen. So ging der Schliach (Bote) wieder heim un brachte Antwort, daß der Fürst wollt bald kommen, man sollt ein wenig warten. So macht man ihm einen schönen Stuhl, da er drauf sollt sitzen. Dieweil ging der Fürst hin un tät sich an in eitel goldgestickte Kleider un goldene Ketten un Fingerlich (Ringe). Un ging wo man die Broche sollt machen, un setzt sich auf den bereiteten Stuhl. Wie man nun die Keduschim (Trauakt) sollt geben, da sagt der Fürst: »Haltet ein, denn ich hab ein Wort zu reden«, un sagt die Kalle (Braut) wär sein. Denn er wär der andere, der da war mit den zweihundert Goldgulden hinweg gezogen. »Nun sollt ihr sehn, wer die zweihundert Gulden zum besten angelegt hat.« Un sagt seinem Schwäher, wie es ihm mit den Äpfeln gegangen wär, un mit seinem Lernen auch. Nun, der alte Choßen mußt abziehn un er stellt sich an seinestatt. Un jener Choßen mußt abziehn mit Schande un sie machten die[298] Broche mit Freuden. Wer war froher als der arme Vater un Mutter un wer war trauriger als der erste Choßen? Un er un seine Kindeskinder regierten die Stadt. Nun seht ihr wol, wem Gott will helfen, kann niemand übeln. Da seht ihr, wie Gott dem armen Bocher geholfen hat. So soll Gott uns auch helfen von allem Bösen. Omen. Seloh.

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 292-299.
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