Zweihundertachtunddreißigste Geschichte

[319] geschah an einem Mann der hat geheißen bar Kapure, der war ein sehr reicher Mann. Der wohnt in einer Stadt, die lag an dem Jam hagodel (Meer). Un er hat allzeit seinen Spaziergang an den Borten von dem Meer, damit ihm die Zeit vergeht. Denn er sah allezeit neues von Schiffen un andern Sachen, gleichwie man einmal neues sieht. Einmal, da ging bar Kapure spazieren, wie seine Gewohnheit war. Da kam ein Schiff mit viel Leuten zu fahren. Un wie das Schiff schier am Land war, da stieß das Schiff gegen ein Klipp an, daß es mitten voneinander brach un ging unter. Da war ein großes Geschrei, wie nun wol zu gedenken war. Da lauften alle die Schiffleut um ihre Schiffe un meinten, sie wollten die Leute retten. So sprangt bar Kapure in ein klein Schiffchen un[319] wollt sehn ob er auch jemand könnt retten. Also derwischt er einen in dem Wasser, der war schier tot. Also schleppt ihn bar Kapure aus dem Wasser un bracht ihn an's Land. Un nahm ihn mit sich in sein Haus. Un ließ seine Stube wärmen. Un trocknet ihn, daß er wieder zu Kräften kam. So behielt er ihn bei seinem Leben. Wie er nun wieder zu seinem Verstand kam, da fragt ihn bar Kapure, wer er wär oder wo er derheim is. Denn er muß ja ein Sechus (Verdienst) haben, daß er das Leben behalten hat. Un die andern waren alle gar im Wasser dertrunken. Da sagt er wider: »Ich bin aus Rom un bin von königlicher Herkunft un bin dem römischen Kaiser sein Sohn.« Wie nun bar Kapure solches hört, da kleidet er ihn von Kopf bis Fußen, denn all seine Knechte un Kleidung un all sein gut Gezeug war ihm dertrunken. Denn das Schiff un alles, was drinnen is gewesen von Menschen un von Gut, das is alles sein gewesen. Un er beklagt seine Leut gar sehr: »Un auch hab ich keinen Pfennig in meiner Gewalt. Denn ich wollt nun gern wieder zu meinem Vater ziehn. Nun weiß ich nit wie ich werd heimkommen. Denn ich bin in diesen Landen nit bekannt.« Da sagt bar Kapure: »Mein Herr, sorgt nit, ich will euch helfen, daß ihr sollt mit Ehren heimkommen.« Also nahm sich der bar Kapure nix an. Un ging hin un kauft drei hübsche Pferde un dingt ihm zwei Knecht un gab ihm Zehrung genugen mit. Denn er gedacht, is er ein solcher Mann, so kann er mir's wol wieder bezahlen. Auch kann er Jehudim Tauwes (Woltaten) dagegen wieder tun, denn die Jehudim sitzen das meiste Teil (Gott sei vor) unter Rumi (Römern). Da das der junge Kaiser sah, daß der bar Kapure ihn so ehrte un leihet ihm noch Geld derzu, da hebt der junge Kaiser vor großer Simche (Freude) an zu weinen. Un sprach zu bar Kapure: »Mein lieber Jud, du hast mich gerettet, daß ich mein Leben behalten hab. Un hast mir derzu drei Pferde gekauft un zwei Knechte gedungen. Un hast mir auch noch Geld geliehen. Nun, das Geld kann ich dir zu Dank wieder schicken, sobald mir Gott heimhilft, denn das kann ich gar wol bezahlen. Aber die andern Woltaten, die du mir getan hast, die weiß ich dir all mein Tag nit zu bezahlen, mit allem was in der ganzen Welt is. Ich verhoff, Gott soll dir dervor bezahlen. Aber ich belob dir bei meiner Treuen, daß ich es in meiner Gedacht werd behalten un mein Leben lang werd die Juden lassen genießen. Denn wenn ich das Leben von Gott werd halten, dann kommt das römische Reich in meine Hand.« Da sprach bar Kapure wider den jungen Kaiser: »Gott soll euch Glück un Segen geben, un es soll euch geschehen gleich wie ihr vorhabt. Un zieht in Gottes Namen wieder nach euerem Reich.« Also küßt der junge Kaiser den bar Kapure un nahm seinen Abscheid un zieht selbdritt fort nach Rom zu. Un wie er wieder heim kam, da war er gar wol von seinem Vater, dem Kaiser, empfangen. Sonder allein er frägt ihn, wo er all sein Volk gelassen hat. Da[320] sagt der Sohn wider seinen Vater all seine Geschichtnis, wie es ihm auf dem Jam (Meer) gegangen war. Un wie all sein Hab un Gut un all seine Leut dertrunken waren. Un wie ein Jud ihm hat sein Leben derhalten un hat ihm die Pferde gekauft un die Knechte gedungen un hat ihm auch viel Geld gegeben. Er könnt ihm die Woltaten nit alle sagen, die ihm der Jud getan hat. Der Vater hebt an zu schreien vor großer Freude, daß er das Leben behalten hat. Doch war der Vater so ein Rosche (Bösewicht), daß ihm die Woltaten nit angenehm waren. Un sagt wider seinen Sohn: »Wir haben Geld genug. Schick dem Juden sein Geld wieder, damit der Jehude nit vor mich kommt, denn ich mag dem Jehuden sein Pomim (Angesicht) nit ansehen.« So ein Rosche war der Vater. Un wiewol seinem Sohn viel Woltaten durch Jehudim waren geschehen, so war ihm doch nit angenehm. Un tät Jehudim alle Zeit große Bosheiten an. Der Sohn sagt jawol gegen den Vater: »Mein herziger Vater, gedenk was Guttaten mir durch Jehudim geschehen sind.« Aber der Vater, Gott bewahre, wollt sich nix dran kehren. Aber die Jehudim wußten nit, daß der junge Kaiser so gut war für Jehudim. Also schickt der junge; Kaiser seinen Rat mit drei Pferden zu bar Kapure. Un schickt ihm sein Geld, was er gelehnt hat. Un einen Sack Geld derneben, das nit zu zählen war un schreibt ihm: »Da hab dir dein Geld wieder, das du mir gelehnt hast, aber doch auch nix gegen das Gute, das du mir getan hast, daß du mir das Leben behalten hast, sonder die andern Guttaten, die du mir getan hast.« Also kamen die vier Rachowim (Wagenlenker) in die Stadt, da der bar Kapure wohnt. Un kamen in sein Haus. Un wie er sie sah kommen, gedacht er gleich, da wird mir mein Geld kommen von jenem Fürsten un tat ihnen viel Kowed (Ehre) an. Da fragt sie bar Kapure, was ihr Begehr wär. Da sagten sie: »Unser Herr, der junge Kaiser, hat uns hierher zu euch geschickt, un es sollt ihm große Freude in seinem Herzen sein, so ihr noch frisch un gesund seid. Un entbietet euch viel Gutes. Zum andern hat er euch euer Geld geschickt, das ihr ihm geliehen habt un tut sich gar sehr bedanken. Er wollt ein andermal verschulden gegen alle Juden. Aber doch sollt ihr ihm sagen, was ihr verdient habt, für das Geld zu leihen. Das will er euch auch gar gern bezahlen.« Da antwortet bar Kapure wieder: »Würdiger Herr, das Geld is nur ein schlecht Geld. Er hätt derhalben nit solche Unkosten bedurft zu tun, daß er vier Pferde hätt hergeschickt. Er hätt es wol sonst herkönnen geschickt haben mit dem Nächsten.« Der Rat sagt: »Mein Herr der Kaiser, kann euch nit genug danken.« Da zugen sie einen Beutel mit Geld heraus un warfen ihn dem bar Kapure auf den Tisch, un sagt: »Das Geld hat euch mein Herr geschickt.« Es waren wol zwanzig tausend Gulden. Da schwört bar Kapure, er wollt keinen Pfennig geschenkt haben, sonder allein was er ihm gelehnt hat. Er wär doch reich genug. Er könnt es wohl einmal an die[321] armen Jehudim bezahlen. Nun sie drängten sehr an dem bar Kapure, er sollt es doch nehmen. Es war aber kein Gedanke, daß er's nehmen wollt. Da sagten sie: »Unser Herr der Kaiser, wird vielleicht zürnen über uns, so wir das Geld wieder mitnehmen. Denn er hat uns gar hart befohlen, daß wir es sollten nit wieder nehmen.« Bar Kapure sagt, es is keine Meinung bei mir, daß ich es wieder nahm. Da ging bar Kapure hin, un schenkt dem Rat zwei goldne Armringe, die waren wol fünfzig Kronen wert. Un jeglichem Wagenlenker ein Fingerlein (Ring) von vier oder fünf Kronen. So zugen sie wieder heim un brachten dem jungen Kaiser sein Geld wieder. Un sagten, da wär keine Meinung gewesen bei dem Juden, daß er hätt wollen eppes geschenkt haben. Sonderlich allein er hätt gesagt, er kann es wol gegen andere Juden verschulden. Un nit allein das. »Seht was uns der fromme Jud derzu geschenkt hat.« Un der Rat weist ihm seine Armbänder. Un die Rechowim weisen ihre Fingerlich. Da ging der junge Kaiser zu seinem Vater un sprach: »Sieh, lieber Vater, was ein Jud is das. Nit allein, daß er kein Geschenk hat wollen haben, is er derzu hingegangen un hat meinen Dieners alle begabt mit guten Gaben.« Un weist dem Vater die Armbänder un zwei goldene Fingerlich. Doch war das Rischess (Bosheit) von dem Vater so groß, daß es ihm nit angenehm war. Un hielt die Jehudim gar übel. Un der junge Kaiser konnt es nit verwehren. Aber doch wußten die Jehudim nit, daß der junge Kaiser ihnen gut war. Unterdessen bedacht der alte Kaiser all die Bosheiten, die er nument bedenken konnt, un verbietet auch den armen Jehudim, daß sie sich jüdischen (beschneiden) sollten, un auch keinen Schabbes halten, un auch viel niwsik (häßlich) Gebot, daß die armen Juden übel dran waren. Da Jehudim diese betrübte Gesere (Verhängnis, Ungemach) hörten, da fangten sie an zu weinen, un täten Asche auf ihr Haupt un täten Tschuwe (Buße) un wünschten sich alle Augenblick den Tod. Denn das Unglück war sogar bös, daß die armen Jehudim gar übel dran waren. Denn die armen Jehudim vermeinten, viel mit Schauched (Bestechung) auszurichten. Aber es konnt keiner vor ihn kommen, denn er wollt keinen Juden vor sich lassen. Da war man das Unglück weit un breit gewahr. So war es der bar Kapure auch gewahr. Da gedacht der bar Kapure, nun ist es Zeit, daß ich vor den jungen Kaiser zieh nach Rom, vielleicht wird er des Guten gedenken, das ich ihm getan hab, un wird es bei dem Vater ausrichten. So macht er sich auf un zug gen Rom. Un wie er nun gen Rom kam, da waren es die Jehudim gewahr, wie ein tapferer Jud wär gekommen. Der wär ein großer Talmidchochom (Schriftgelehrter) un ein reicher Mann. Un er wär ein Baalchen (liebenswürdiger Mann von guter Lebensart). Un er wär derhalben hergekommen, daß er die große Gesere wollt abwenden. Also ging ihm kol hakahal (die ganze Gemeinde) entgegen. Un sie täten ihm[322] große kowed (Ehre) an un sagten: »Lieber Rabbi, könnt ihr uns helfen von dem bösen Verhängnis, so spart uns kein Geld, denn wir müssen eines tun, wir müssen den jungen Kaiser anrufen, daß er möchte zu wegen bringen bei dem Vater, daß er das Gebot möchte wieder aufheben. Sonst können wir nix ausrichten.« Da sprach der bar Kapure: »Lieben Leut, is es von Gott auszurichten, so sorgt nit. Denn ich getrau mich mit Gottes Hilf, bei dem jungen Kaiser die Sach auszurichten sonder Heller un Pfennig.« Nun, mein guter bar Kapure, macht sich vor den jungen Kaiser sein Schloß, un ging, mächtig gekleidet, daß man ihn nit kennt als einen Juden, un ließ sich ansagen bei dem jungen Kaiser, es wär einer, der wollt seine kaiserliche Majestät ansprechen un wär ein Jud. Wie es der Kaiser gewahr ward, daß ihn Juden wollten ansprechen, da derschrack er gar sehr, ursachhalben er wußt es wol, daß es werd anbetreffen etwas worüber er sehr betrübt war. Denn er fercht sich, er werd nix bei seinem Vater ausrichten. Un es wär wol billig gewesen, daß der Sohn ja sollt ausgerichtet haben, vonwegen der großen Guttaten, die ihm durch Jehudim sind getan worden. Nun, er ließ den Juden vor sich kommen. So sah er wie das ein stattlicher Jud war. Da derschrack er gleich un gedacht sich: vielleicht wird das der Jud sein, der mir mein Leben gerettet hat un hat mir die große Guttat getan. Aber doch konnt er ihn nit dafür ansehen, denn es war schon lang geschehen gewesen. Un sobald der Jud vor ihn kam, fiel er ihm zu Füßen un sagt: »Allergnädigster Kaiser, wir rufen erst Gott an, dernach euch, un wollt doch bei euerem Vater das Gebot lassen aufheben, un wollt gedenken an das Gute, das ich euch getan hab, da ihr in dem Wasser seid gelegen.« Un hebt an zu schreien. Sobald der junge Kaiser die Geschichte hört, daß das der Jud war, der ihn gerettet hat, da stund er von seinem Stuhl auf, un hebt ihn auf un fiel ihm um seinen Hals un küßt ihn, un hebt an zu weinen mit ihm un sprach: »Mein lieber Jud, steh auf. Wenn es möglich von Gott is, daß ich es bei meinem Vater ausrichten kann, so will ich es tun, un seid derhalben wolgemut«. Un setzt den Juden neben sich un wollt ihm viel Kowed antun. Aber bar Kapure sprach: »Ich bin derhalben nit herkommen, sonderlich allein, ich bitt dich mein Herr, du wolltest machen, daß das Gebot verstört möcht werden, so wird euch für gewiß Gott der Allmächtige euer Leben vermehren.« Der Kaiser sprach: »Mein lieber Jud, kommt hernach wieder hierher, denn ich will wieder zu meinem Vater gehen un will mit ihm reden.« Der bar Kapure sprach: »Mein Kaiser, stellt es doch in keine Vergessung, daß nit die armen Juden so schändlich um ihr Leben sollten kommen.« Der Kaiser sprach: »Ich will mich nit in der Sach sparen,« un ging mit dem bar Kapure selbert hinaus. Mein guter bar Kapure kam wieder zu den Jehudim, wollt aber nix sagen, ob er eppes ausgerichtet hätt oder nit. Sonder allein er sagt,[323] die Sach werd gut werden, un tröstete sie nebbich. Aber doch sollten sie weiter fromm sein, un ihre Sünden bereuen, desgleichen wollt er auch tun, daß Gott wollt sich über ihn erbarmen. Da derschracken die Jehudim gar sehr, denn sie verstunden in seinen Reden, daß er nix hat ausgerichtet un das Rischess (die Bosheit) ging noch allezeit fort. Da ging der junge Kaiser zu seinem Vater, un bat ihn er sollt mit ihm essen zu Mittag. Da sprach der alte Kaiser: »Mein Sohn, dein Willen soll geschehn, ich will zu dir kommen essen.« Wie nun der Kaiser mit seinen Sohn an dem Tisch saßen also kam bar Kapure wieder un begehrt vor den Kaiser. Da sprachen die Trabanten: »Der Kaiser sitzt nun über dem Tisch.« Da schenkt der Jehude einem von den Trabanten ein schön gut Fingerlein, er sollt es dem Kaiser anzeigen. Der Trabant sprach: »Mein Jud, wenn du mir schon noch soviel schenkst, so wollt ich's ihm nit sagen. Denn der Herr Kaiser, der alte, eßt jetzunder mit dem jungen Herrn Kaiser. Un wenn ich ihm wollt einen Juden gedenken, so schlug er mir den Kopf ab.« Da sagt der bar Kapure: »Tu eins, un bring ihm die Briefe von meinetwegen. Da wird es der Kaiser nit wissen was es anbetrifft, bis er den Brief leinen (lesen) wird. Un wird er dann meiner begehren, so sag es mir. Wo nit, will ich's bleiben lassen.« Der Trabant sprach: »Das will ich tun.« Da schreibt der bar Kapure ein klein Brieflein un gab es dem Trabant, denn er wollt sein Fingerlein verdienen. Un bracht dem jungen Kaiser seinen Brief. Sobald er den Brief leient da derschrack er, un gedacht, was soll ich tun? Soll ich's meinem Vater sagen, so lauft er hinweg. Ich will meinem Sinn folgen un will ihn herauflassen kommen. Wenn mein Vater wird den Juden sehen, der mir Gutes hat getan, so wird er sich von meiner Liebschaft halben über die Juden derbarmen. Wie der Kaiser gedacht, so gedacht bar Kapure auch. Un schickt derhalben den Mann zum Kaiser, daß er ihm das Gute sollt gedenken. Also sagt der Kaiser wider den Trabanten: »Laßt den Mann stracks herauf kommen.« Der Trabant gedacht, was muß das für ein Jud sein, den mein Herr laßt kommen, un das über dem Essen. Also bracht der Trabant dem bar Kapure wieder Botschaft, er sollt straks hinaufkommen. Sobald als er hinauf kam, alle Fürsten des Reiches saßen über dem Tisch, da ging er in die Stub un fiel nieder auf sein Ponim (Angesicht). Un hebt an zu schreien un sagt: »Gnädiger Kaiser, habt Barmherzigkeit über uns arme Juden un verstört das Gebot.« Sobald der junge Kaiser den Juden sah, da stund er auf vom Tisch un nahm ihn bei der Hand un setzt ihn neben sich un sprach: »Gnädigster Vater, dem Juden bin ich schuldig gutes zu tun, denn das is der Jud, der mein Leben hat der halten. Wir mögen wol, Gott zuvor, nun den Juden derfür danken. Derhalben sind wir ihm schuldig, viel gutes zu tun. Darum bitt ich mein gnädigster Vater, daß ihr wollt doch dasselbige gedenken un[324] ihn wieder verehren un den Juden das bös Gebot wieder verstören«. Un fiel dem Vater selbert zu Füßen. Da nun der Vater den Juden sah, da gedacht er sich: gleichwol hat der Jud meinen Sohn beim Leben behalten. Un wenn dasselbige nit wär gewesen, so wär mein Königreich in fremde Hände gekommen, so wär ja mein Hab un Gut als verloren. So bin ich ja schuldig, den Juden viel Gutes zu tun un sprach wieder: »Mein herzlieber Sohn, steh auf von der Erden. Die Jehudim sollen dein eigen sein. Mach mit ihnen, was du willst. Sag mir noch nix dervon«. Un nahm eine schöne goldene Kette un warf sie dem Juden an den Hals un sprach: »Nimm hin, Jud, die Kett will ich dir geben, weil du meinen Sohn bei seinem Leben behalten hast.« Sobald der Sohn das hört vom Vater, war er froh un sagt: »Mein lieber Vater un Herr, ich will den Juden befehlen, daß sie unter mir sollen sitzen, damit daß ihr nix mit den Juden braucht zu tun haben«. Der alte Kaiser sagt: »Halt dir die Juden geschenkt, un tu mit ihnen was du willst. Neiert, daß sie von mir nit viel gedacht werden. Un halt den Juden ehrlich, denn er hat dir Gutes getan.« Also ging der alte Kaiser von dem Sohn wieder weg. Da der alte Kaiser wieder weg war, da wollt bar Kapure die Goldkett nit nehmen. Aber der junge Kaiser macht, daß er sie behalten mußt. Also saßen der junge Kaiser un bar Kapure beieinander un ließen Schreiber holen un ließen durch das ganze römische Reich schreiben, daß das Gebot, das man hat gegen die Juden lassen ausgehen, daß dasselbige sollt zu nix sein. Denn wir sind auf die Spur gekommen, daß man ihnen Unrecht tut. Derhalben soll man keinem Juden eine Überlast tun bei Verlieren des Lebens. Un dernach gab der junge Kaiser neue Kijumim (Sicherheiten) für das ganze Königreich, gleichwie sie bar Kapura begehrt hat. Un weiter verzählt der junge Kaiser seinen Räten, wie ihm der Jud viel Gutes getan hat. Vorerst hat er ihm sein Leben behalten un derzu viel Geld gelehnt un hat lassen Kleider für mich machen. Un noch derzu drei Pferde für mich gekauft un derbei zwei Knechte gedungen, die mich wieder hierher gebracht haben. Wie das die Räte hörten, da sagten sie, ein solcher Mann is alle Ehren wert. Also bekam der bar Kapure die Kijumim mit den andern guten Kessuwim (Schriften). Un sprach der junge Kaiser: »Mein lieber Jud, geht nun hin un derfreut euere Mitbrüder un kommt gleich wieder zu mir. Also wollen wir dann einen guten Vertrag machen un einen redlichen Abscheid miteinander nehmen.« Also ging mein guter bar Kapure zu den Juden un erfreute sie, un sagt ihnen wie die Gesere (Unglück), Gott sei Dank, wieder aufgehoben wär. Un wie ihm der Heilige, gelobt sei er, ein Wunder getan mit dem alten Kaiser, un hätt mit ihm selbert am Tisch gesessen. Un hätt ihn mit der goldenen Kett geehrt. Also zug er die Kijumim heraus un weist es ihnen. So waren die Jehudim gar erfreut, daß ihnen bar Kapure diese Sach sogar wol hat ausgerichtet.[325] So zechten die Jehudim un machten überall Purim. Un wie nun der Kaiser den bar Kapure hat lassen gehn zu den andern Jehudim, derweil ließ er ein Samet Kleid machen. Den andern Tag schickt der Kaiser nach bar Kapure, er sollt zu ihm kommen. Da das die Jehudim hörten, da derschracken sie gar sehr, denn sie fürchten sich, der Kaiser wird wieder eppes gebieten. Da sprach bar Kapure: »Derschreckt nit, ich hab dem Kaiser müssen verheißen, daß ich nit will wegziehn, oder (ehe) ich will erst noch einmal zu ihm kommen. Drum fürchtet euch nix. Was an dem Kaiser gelegen is, das will ich wol ausrichten.« So ging der bar Kapure wieder zum Kaiser. Wie er nun hinaufkam, so saß der Kaiser über dem Tisch mit allen seinen Räten. Sobald ihn der Kaiser sah, so stund er auf un nahm ihn bei der Hand un setzt ihn neben sich un sprach: »Mein lieber Jud, sag was du begehrst es soll dir gewährt sein.« Da sprach bar Kapure: »Mein Herr Kaiser, ich begehr nix sonderlich. Neiert das bitt ich dich, du wolltest deine Hand über meine Brüder halten, daß sie weiters keine Überlast mehr sollten haben. Un wolltest an das Gute gedenken, das ich dir getan hab.« Da gab ihm der Kaiser noch einmal Kijumim, derweil er lebt un seine Kindeskinder leben, daß sich die Jehudim nix sollten zu besorgen haben. Denn es sollt in die Chronik eingeschrieben werden. Un auch war eingeschrieben, wie ein Jud war gewesen, der hat dem Kaiser sein Leben derhalten. Darum soll man den Juden Gutes tun, un bei Leibesstraf sich hüten, daß man ihnen kein Böses sollt tun. Dernach ließ der Kaiser das Sametkleid bringen un ließ es bar Kapure antun mit einer langen Schaub mit Zobel gefüttert. Un wirft ihm eine goldene Kette um den Hals un ließ ihn mit Triumph auf einem hübschen Pferd durch alle Gassen reiten. Un ließ vor ihm ausrufen: das is der Mann, der dem jungen Kaiser sein Leben derhalten hat. So kam er auch in die Judengass hinein. Da waren sie alle voll Freude von wegen der Ehren, die sie sahen, un daß der Kaiser wieder so gut war. Also zeigt bar Kapure den Juden andere Kijumim, die viel besser waren, als die ersten. Unterdessen ließ der junge Kaiser eine Mahlzeit zurichten von eitel guten Konfekten, für den bar Kapure un ruft den Vater auch derzu, wiewol es der Vater nit gern tät. Wenn er aber an das Gute gedacht, das der Jehude seinem lieben Sohn hat angetan, da vergaß er das Rischess (die Bosheit) un blieb auch derbei sitzen un schenkt ihm noch eine schöne güldene Kett, mit einem goldenen Pfennig dran. Un bar Kapure war in voller Gnade in dem alten Kaiser seinen Augen, un er bat den bar Kapure, er sollt doch bei ihm bleiben, un sollt Weib un Kind zu sich holen lassen. Un wenn er's nit tät, so sollten es alle Jehudim müssen entgelten. Was sollt der bar Kapure tun? Wiewol er dorten eine schöne Wohnung hat, so mußt er doch von dorten weg ziehn un mußt unter demjenigen Kaiser sitzen (sich ansiedeln). Also[326] zug der bar Kapure wieder heim un der Kaiser gab ihm eine Konvoi (Schutzgeleite) mit, um ihn zu beleiten. Also kam er wieder bescholem (mit Frieden) heim zu seinem Weib un Kind un sagt ihnen wie er hat das Verhängnis abgewendet, worüber sie sehr froh waren un dagegen traurig, daß sie sollten von ihrer Stadt hinweg ziehn. Nun, dem alten Kaiser war die Zeit gar lang bis der bar Kapure wieder kam, un schickt gar oft um Jehudim un ließ fragen, ob bar Kapure nit gekommen wär. Unterdessen kam die Zeitung, daß bar Kapure kam. Sobald das der junge Kaiser hört, so macht er sich selber auf, un zug ihm entgegen un empfängt ihn mit Weib un Kind gar schön un wollt ihn mit zulassen anderst zu wohnen als neben seinem Schloß. So ging es den armen Juden wol. Er lebt gar wol – viel besser geh es uns.

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 319-327.
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