F. Finnisch-esthnische Sagen.

[68] An die Sagen der im weitesten Sinne Finnen genannten Völker fügen wir einen kurzen Hinweis auf die Überlieferung der Finnen im engeren Sinne, die Bevölkerung von Finnland, Esthland, Livland.


In einer esthnischen Sage hören wir von drei Schöpfern; Wanna issa, der Alte, bewohnt seinen hohen Himmel und hat eine Schar Helden erschaffen, um sich ihres Rates zu bedienen.

Der älteste war Wannemuine, der Weise und Harfenspieler, der zweite Umarme; ihm war die Gabe der Kunst verliehen.

Da stieg nun der Alte zu den Helden und sagte: »Ich habe in meiner Weisheit beschlossen, die Welt zu schaffen.« Betroffen sahen ihn drob die Helden an und sagten: »Was du in deiner Weisheit beschlossen hast, kann nicht schlecht sein.« Und während sie schliefen, schuf er die Welt, und als sie erwachten, rieben sie sich die Augen und staunten das Werk an. Aber der Alte war ermüdet von der Arbeit der Weltschöpfung und legte sich zur Ruhe nieder. Da nahm Ilmarine ein Stück von seinem besten Stahl und hämmerte es aus zu einem Gewölbe, spannte dieses als Gezelt über die Erde und heftete die silbernen Sternchen daran und den Mond, aus der Vorhalle des Alten nahm er die Leuchte (Sonne) und befestigte sie mit einem wunderbaren Mechanismus an das Gezelt, so daß sie selber auf und nieder steigt. Voll Freude ergriff Wannemuine seine Harfe, stimmte ein Jubellied an und sprang auf die Erde, und die Singvögel folgten ihm, und wo sein tanzender Fuß die Erde berührte, sproßten Blumen hervor, und wo er, auf einem Stein sitzend, sang, wuchsen Bäume hervor, und die Singvögel setzten sich darauf und begleiteten seinen Gesang. Der Alte erwachte über dem Lärmen und wunderte sich, wie die Welt anders geworden war, als er sie erschaffen. Und er sagte zu den Helden: »Recht so, Kinder, ich habe die Welt als rohen Klotz geschaffen, eure Sache ist's, sie zu verschönern. Und bald werde ich die Welt bevölkern mit allerlei Getier und werde dann die Menschen schaffen ... Ihr sollt euch mit den Menschen vermischen, damit sie dem Bösen nicht so leicht unterliegen.«


  • Literatur: Castrén, Finn. Myth., S. 294. = Fählmann, Wie war der heidnische Glaube der alten Esthen beschaffen? Verh. d. gelehrten esthn. Ges. zu Dorpat. Bd. II, Heft 2, 63

Außer der Dreizahl fällt uns auf, daß Gott nicht allwissend und nicht allmächtig ist, er bedarf des Rates seiner Getreuen, so wie z.B. der Gott der Grusinen und Swaneten die Hilfe der beiden Engel Michael und Gabriel in Anspruch nehmen muß. Die Arbeit der Weltschöpfung ermüdet den Schöpfer, und er legt sich schlafen (vgl. oben S. 2 u. öfter). Ilmarine und Wannemuine schaffen sichtbare Dinge; sie gleichen darin dem Demiurgen, von dem es heißt: er schuf die sichtbare Welt, während Gott die unsichtbare schuf. Im übrigen fehlt das ozeanische Motiv und der dualistische Antagonismus[68] der Götter völlig. Daß man trotzdem mit entfernten asiatischen Einflüssen zu rechnen hat, lehrt uns das finnische Epos »Kalevala«. In dessen alter Ausgabe heißt es, daß Wäinämöinen von einem Lappen das Roß unterm Leibe weggeschossen wird und daß er nun wie Ilmatar schutzlos auf dem Meere umhertreibt und in dieser Lage das Schöpfungswerk beginnt. Ein Adler erscheint nämlich und baut sein Nest auf Wäinämöinens Knie und legt sieben Eier. Wäinämöinen bewegt sich, die Eier fallen auf den Meeresboden und gehen in Stücke. Aus ihren Stücken schafft Wäinämöinen Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne (s. alte Kalevala, Rune I, V. 306–315).

Castrén, Finn. Mythol., übers. von Schiefner, S. 287, sagt dazu: »Es ist in der Tat sehr überraschend, unter den Mythen der Finnen den Mythus vom Weltei anzutreffen, der nur Indern, Chinesen, Persern, Phöniziern, Griechen, kurz nur einigen der ältesten und von Finnland fernsten Nationen der Welt bekannt ist .... Man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Finnen ihn aus Asien mitgebracht haben.«

Die Dreizahl der Schöpfer geht auch aus Rune 30, V. 84–94 der alten Kalevala klar hervor, wo Wäinämöinen sagt:


Selber pflügte ich die Meere,

Selbst schlug ich des Meeres Tiefen,

Grub ja selbst der Fische Gruben,

Machte tief die seichten Stellen,

Schied ja selbst die Ackerteile,

Deckte grün die hohen Hügel,

Sammelte die Berge alle,

Nahm als Dritter teil am Werke,

Machte fest der Lüfte Pfeiler,

Trug des Himmels hohen Bogen,

Streute Sterne an den Himmel.

Vgl. Castrén, S. 293.


In der neuen Kalevala-Ausgabe hören wir folgende Schöpfungsgeschichte:


Im Beginn der Zeiten gab es nur Licht und Wasser. In den Lüften war eine Jungfrau, Ilmatar ... Es erhob sich ein heftiger Wind aus Osten ... Ilmatar wurde von den Wogen auf dem Meeresrücken umhergetrieben ... Sie wurde durch den Wind schwanger, konnte 700 Jahre lang ihr Kind nicht zur Welt bringen. In der neuen Kalevala-Ausgabe heißt es, daß sie unterdes die Welt schuf.1[69] Dann bahnt sich, ihr Kind, Wäinämöinen selbst2 den Weg ans Licht. (Castrén, Finn. Myth., S. 283.)


Hier will es scheinen, als ob uns darin ein Rest des alten ozeanischen Motivs erhalten wäre. Der Weltschöpfer, der schutzlos auf dem Meere umhertreibt, ist zwar weiblich gedacht (vgl. die chaldäische Tiamat), aber die Situation ist durchaus dieselbe, wie die des Teufels im Schaum, den Gott errettet.

Fußnoten

1 Wo die Hand nur hin sie wandte,

Da entstanden Landesspitzen,

Wo sie mit dem Fuße ruhte,

Grub gar rasch sie Fischesgruben,

Wo ins Wasser sie sich tauchte,

Senkten sich des Meeres Tiefen.


Sie schafft ebene Ufer, Lachsesschluchten, Buchten, Klippen, Inseln, Flur und Felder, Stein und Felsen.


2 Dessen Anteil an der Schöpfung fehlt auch in der neuen Ausgabe nicht; in Rune II ist er derjenige, der die Erde mit Gewächsen und Bäumen versieht und geradezu die Schöpfung vervollständigt.

Interessant ist folgende Stelle (in Schiefners Übersetzung, S. 4):


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Gehet hin und überleget

An dem Strand des blauen Meeres,

An des mächt'gen Wassers Rande,

Fand daselbst der Körner sechse,

Sieben schöne Samenkörner,

..........................................

Ging den Boden zu besäen,

Ging den Samen auszustreuen.

........................................................................

Sieh, da lärmt vom Baum die Meise:

»Nicht gedeihet Osmos Gerste,

Nicht der Hafer von Kalewa,

Wird der Boden nicht bereitet:

Wird die Waldung nicht gelichtet,

Nicht mit Feuer gut gesenget.«


Der Zuruf der Meise erinnert an den Zuruf des Frosches (unten S. 71. 77), sowie an den Rat des Igels (S. 42, vgl. Kap. IV, 1).

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 68-70.
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