4. Erklärung der Mondflecken.

[254] a) Zu Ostern gilt es als eine Sünde, zu essen oder einem Tiere zu fressen zu geben, solange man nicht die Kirche verlassen hat. Ein Mann gab nun dem Vieh zu fressen, als es noch nicht zur Messe geläutet hatte. Er wollte das Heu mit der Spitze seiner Heugabel aufheben und bohrte seine Gabel hinein. In dem Heu schlief nun sein jüngerer Bruder, und er spießte ihn an seiner Gabel auf. Da stellte Gott diesen Sünder im Monde dar: man sieht dort einen Mann, der seinen Bruder auf der Spitze seiner Heugabel hat. Wie man sagt, ist es Kain mit Abel.


  • Literatur: Kleinrussisch: Revue des trad. pop. 2, 408 = Dragomanov, Mal. predanija.

b) Es lebten einst zwei Brüder: Kain und Abel. Sie fuhren einst Heu aus der Steppe herbei und schichteten es auf. Da kam zu ihnen aus der Hütte der blinde Vater heraus und fragte: »Habt ihr schon das Heu. aufgeschichtet?« – »Ja, wir haben es schon getan«. (Er wollte nämlich den Vater betrügen.) Der junge Sohn Abel aber sagte: »Nein, Vater, wir haben es noch nicht getan.« Da sagte Adam zu Kain: »Warum belügst du mich, der ich doch noch dazu blind bin? So sei verflucht!« Kain erzürnte dann über Abel und spießte ihn auf die Heugabel auf. Gott sah dieses, wurde sehr böse auf Kain und schickte einen Engel hin. »Schaff' sie hin auf eine sichtbare Stelle, damit die Leute sie sehen und Buße tun.« – »Wo soll ich sie denn hinschaffen, ich weiß es nicht.« – »Setze sie auf den Mond.« – Der Engel setzte sie auf den Mond, da sieht man sie noch. Sie werden dort sein bis zum jüngsten Gericht, damit die Leute darüber staunen und sich bessern.


  • Literatur: Kleinrussisch: Etnogr. Sbornik II, S. 6 f. Vgl. Jastrebov, Mat. po etnogr. novoross. kraja S. 3 (wo die Namen fehlen: »der ältere« Bruder ersticht den jüngeren unvorsichtigerweise beim Heufahren).

  • Literatur: Kaindl, Huzulen S. 97 (vgl. Am Urquell IV, 218): »Vom Bilde im Monde erzählt man, daß der ältere Bruder dort den jüngeren auf der Heugabel aufgespießt halte.« Da die Huzulen mit vielen kirchl. Lehren auf gespanntem Fuße stehen und andererseits heidnische Bräuche und Festtage zahlreich bei ihnen vorhanden sind, so darf man annehmen, daß hiermit Kain und Abel gemeint sind.

  • Literatur: Ferner Zeitschr. f. österr. Volksk. VII, S. 15. (Kleinrussen in Ö.-Ungarn):
    An der Mondscheibe sind die Brüder Kain und Abel, welche Gott gleich nach der ruchlosen Tat des ersteren dorthin versetzt hat und die dort bis zum jüngsten Gericht verbleiben werden. Kain steht da in knieender Stellung, über sich den Bruder auf einer Heugabel haltend.

c) Das, was im Monde zu sehen ist, ist Kain, welcher dazu verurteilt ist, die Gebeine seines Bruders in einen durchlöcherten Korb zu tun. Seine Strafe wird zu Ende sein, sobald der Korb voll ist. Wenn er die Gebeine aus dem Korbe fallen sieht, verbrennt er sich; es verbrennt ihn aber auch die Glut des Mondes und schwärzt ihn.


  • Literatur: Aus Athen. Politis Nr. 234.

d) Kain und Abel waren Brüder und Königskinder; und als der König, ihr Vater, am Sterben war, teilte er unter sie sein Reich: er gab Abel die Inseln und Kain seine Besitzungen auf dem Festlande. Kain aber beneidete seinen Bruder, ging einmal zu ihm und schlug ihn auf dem Acker tot. Gott wurde[254] zornig über den Verbrecher, der den ersten Mord begangen hatte, und ließ das Stück, wo das Verbrechen geschehen war, von der Erde abtrennen und versetzte es an den Himmel (und das ist der Mond), und Kain wird dann Verzeihung finden, wenn er einen Korb ohne Boden mit den Gebeinen seines Bruders füllt.


  • Literatur: Aus Kreta. Politis Nr. 235.

e) Im Monde stehen Kain und Abel und zanken sich beständig.


  • Literatur: Aus Pithynien. Politis Nr. 236.

f) Als Kain seinen Bruder Abel getötet hatte und Gott ihn fragte: wer ihn getötet habe, sagte Kain: »Ich bin nicht sein Wächter, Gott, daß ich in der Nacht gesehen hätte, wer ihn getötet!« Als Gott diese lügnerischen Worte hörte, verdammte er den Kain für alle Ewigkeit, indem er ihn im Monde aufhängen ließ, damit er in der Nacht Wächter sei, alles Böse und Schlechte, was geschieht, sehe, und erschrecke und sich schüttle, wie das Blatt eines Baumes. Jeder Mensch kann den Kain im Monde sehen, wenn Vollmond ist.


  • Literatur: Strauß, Bulgaren S. 35 f. = Šapkarev: Sbornik za nar. umotv. III, Abt. 3, 19.

g) Nachdem Kain seinen Bruder Abel erschlagen hatte, wurde er furchtsam und voll Argwohn. Um sich vor den wilden Tieren zu schützen, grub er sich eine Höhle und umpflanzte sie rings mit Agaven und Dorngebüsch. Eines Tages, als er ein Dornbündel trug, sah er den Herrn inmitten einer Feuerflamme, die die Luft mit rotem Schein übergoss. Kain fürchtete sich, aber der Herr sprach zu ihm: »Was machst du, Kain?« – »Ich sammle Dornbündel, weil ich gemerkt habe, daß die wilden Tiere, wenn sie die Dornen sehen, zahm werden.« – »Daran tust du recht,« sagte der Herr, »denn diese Dornen sind geheiligt, weil sie zur Krone meines heiligen Sohnes dienen werden.« Als Kain dies hörte, faßte er sich ein Herz und erhob die Augen zum Herrn, aber der Herr war nicht mehr da, nur der rosige Schein in der Luft war noch zu sehen.

Als nun Kains Todesstunde herankam und die Teufel ihn mit großer Festlichkeit nach der Hölle trugen, – denn er war die erste Seele, die zu ihnen kam –, da erinnerte er sich des Herrn und wandte sich an ihn, indem er sagte: »Herr, Herr, und so hältst du mir dein Wort?« »Welches Versprechen habe ich dir denn gegeben?« fragte der Herr. »O, sagtest du mir nicht: du tust recht, als ich die Dornbündel trug? Und wenn ich recht getan habe, warum gibst du mir jetzt nicht einen Trost?« »Du hast recht. Du erschlugst den Bruder und verdienst dafür Strafe, du trugst die Dornen und verdienst eine Belohnung. Nun gut: ich befehle, daß du während der zwölf Stunden des Tages in der Hölle, von den Teufeln gequält, verbleibst, doch während der zwölf Stunden der Nacht wirst du auf den Mond steigen, wo du dich nicht einen Augenblick ausruhen wirst, und wirst auf dem Rücken drei Dornbündel tragen.« Und Kain bleibt nun die ganze Nacht auf dem Monde, und die drei Bündel können alle sehen, sie gleichen drei kleinen Flecken.


  • Literatur: Aus Sizilien: Pitrè im Archivio IV, 501.

h) Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hießen Adam und Eva. Sie hatten zwei Söhne, der eine hieß Abel, der andere Kain, der eine war gut, aber der andere schlecht und voll bösen Willens gegen seinen Bruder, denn der böse Sohn konnte den guten nicht leiden. Abel gab die besten Tiere zum Opfer, statt dessen gab Kain all die schlechtesten. Abel war deshalb Gott angenehm, aber Kain sah mit Neid, daß sein Bruder Abel von Gott mehr geliebt[255] wurde. Einst traf er ihn an einem einsamen Ort, überfiel ihn von hinten und erschlug ihn. Kaum hatte er das Verbrechen begangen, als Gott erzürnt ihn rief und zu ihm sagte: »Was hast du getan, Kain? Du hast deinen Bruder erschlagen und deine Hände mit seinem Blut befleckt. Warum hast du ihn erschlagen?« Kain wollte sich entschuldigen, aber Gott sprach zu ihm: »Abel wird mit mir im Paradiese sein, aber du wirst zur Strafe für deine Schuld auf den Mond versetzt werden und wirst verdammt sein, dort ewig ein Bündel Dornen auf dem Bücken zu tragen.« Kaum hatte Gott diese Worte gesprochen, als sich ein starker Wind erhob und Kain mit Leib und Seele auf den Mond brachte. Seitdem kann man ihn immer dort sehen, und er wird dort bleiben bis zum Ende der Welt.


  • Literatur: Aus Livorno: Prato, Caino e le spine. Ähnlich in Siena und Toscana. Vgl. Archivio XIV, 85.

i)

.... Già tiene il confine

D'amendue gli emisperj e tocca l'onda

Sotto Sibilia Caino e le spine.


  • Literatur: Dante, Inf. c. XX, v. 124–26.

.... Li segni bui

Di questo corpo, ehe laggiuso in terra

Fan di Cain favoleggiare altrui.


  • Literatur: Parad. c. II, v. 49–51.

k) Parallelen, die für einen späteren Band (Der Mann im Mond) zurückgestellt sind:


Französisch: Sébillot, Folkl. de France I, 20, Revue des trad. pop. XVIII, 375.

Belgisch: Alfr. Harou, mélanges de traditionnisme de la Belgique p. 3. und Folkl. de Godarville, p. 1.

Belg.-luxemburgisch: Sébillot, Folkl. de France I, 20 = Revue de trad. pop. 1902, S. 567.

Polnisch: ebd. 1895, S. 422.

Estnisch: Wiedemann, aus d. inn. u. äuß. Leben der Esten S. 458.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 254-256.
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