3. Noah beim Holzfällen.

[269] Zu den ursprünglichen und echten Zügen der Sage scheint zu gehören, daß Noahs Arbeit, ehe er das Geheimnis preisgab, mühelos war.

In einer ungarischen Variante1 heißt es darüber: Vordem, ehe er es ihr gesagt hatte, brauchte er am Holze weder zu hauen noch zu bohren, denn jeder Balken paßte dahin, wohin er ihn legte; nun aber mußte er daran hauen und bohren, damit er hinpasse. Es wird dies in ukrainischen Varianten bestätigt, insofern es dort heißt2, daß Noah nach dem Zerstörungswerk des Teufels zunächst verzweifelte, weil die Stücke nicht paßten, daß aber ein Engel (Gottes Stimme) ihn zum Wiederaufbau ermunterte: Was zu lang ist, beschlage an der Spitze, damit es sich verkürze; was zu kurz ist, da schlage deine Axt hinein und ziehe es auseinander, damit es sich dehne!3 In einer anderen Version aus der Ukraine4 weist der Engel Noah an, mit seinem Steinbeil in den Stumpf des von ihm zuerst gefällten Baumes zu schlagen: »Der Teufel wird dich fragen, warum du in den Stumpf schlägst; dann antworte: Ich werde so lange schlagen, bis ihr mir die Arche zusammentraget.« Und die Teufel brachten sie wieder zusammen.

Diese letzte Tradition scheint nur dann rechten Sinn zu haben, wenn man annimmt, daß die Axt, die vorher bei der mühelosen Arbeit Noahs nicht erklang, durch den ungewohnten Schall den Teufel herbeilockte. In der Tat finden sich ungarische Sagen, die uns von dem Schall der Axt berichten. Wie so oft eine unbedeutende Einzelheit zur selbständigen Sage erhoben wird und dieser Ableger wiederum in kräftiger Weiterentwicklung fortlebt, so hat der Ungar auch in jenem Punkt den ursprünglichen Sageninhalt zu erweitern gewußt. Es wird erzählt, daß der Axthieb des Holzhauers früher nicht hörbar gewesen sei. Er erschalle erst, seitdem Noah gegen Gottes Gebot das Geheimnis an seine Frau verraten[269] habe5 oder seitdem diese aus Unwillen über Noahs Schweigen das Holz verflucht habe6 oder (und nun kommt ein ganz neues Motiv herein) seitdem Noah ungewaschen an die Arbeit ging.7

Noahs Frau, heißt es, konnte dem Teufel nur soviel sagen, daß Noah jedesmal vor Sonnenaufgang weggehe und zuvor sich wasche. Sprach der Teufel: »Nimm also das Waschwasser weg!« Als sie das Waschwasser weggenommen hatte, wusch sich Noah nicht und ging ungewaschen zu seiner Arche. Als er nun zu arbeiten begann, hörte man sein Zimmern und Klopfen bis nach Hause. So kam man ihm auf die Spur. Aber mit Hilfe eines Engels gelingt es Noah dennoch, sich samt seinem Werke verborgen zu halten. Darauf verfertigt der Teufel mit der Frau einen Zaubertrank aus Gerste und Hopfen, damit Noah dadurch an der Arbeit gehindert werde. »Dreimal mußte er den Bau der Arche im Stich lassen, denn er konnte sie wegen des Teufels nicht ohne jeden Unfall vollenden, und so vergingen hundert Jahre, bis die Arche vollendet wurde.«

Diese Geschichte zeigt deutlich, wie die erweiterte Sagengestalt mit der ursprünglichen sich verbunden hat. Freilich recht ungeschickt; denn indem der Hauptnachdruck auf das Waschen gelegt ist, sind die Folgen des Trankes, das Ausplaudern des Geheimnisses und das Zerstörungswerk des Teufels, unbeachtet geblieben. Das Motiv des Waschens kehrt noch in fünf Bruchstücken aus Ungarn (Herrmann Nr. 7–11) wieder, z.B. (Nr. 10): »Es ist eine Sünde, an die Arbeit zu greifen, an das Brot oder was immer zu greifen, bevor man sich nicht gewaschen und bevor man nicht gebetet hat. Denn als Noah ungewaschen einen Nagel in die Arche eingeschlagen hatte, so drang dort das Wasser hinein.«8 Vgl. hierzu den Tiroler Glauben: Teufel und Hexen haben über den Macht, der ungewaschen ausgeht (Zingerle, Sitten, Meinungen und Bräuche des Tiroler Volkes, S. 58). Dazu Grimm, D. Myth. 1. Ausg., S. LXXXIX, Nr. 541 und Kuhn, Westfälische Sagen II, 30.[270]

Eine neue Entstellung bringt eine Variante, in der statt Noahs Frau dessen Knecht erscheint.9 – Endlich wird auch erzählt,10 wie der Teufel zum arbeitenden Noah kommt und in große Wut gerät, als er auf seine Frage: »Was machst du da?« keine Antwort erhält. Nachdem er weggegangen ist, will Noah in das Holz hauen. Da ist es so voll von Knorren, daß ihm sogar die Axt zerbricht. Offenbar hat hier die bekannte Sagengruppe, die erklärt, wodurch die Knorren ins Holz gekommen sind, zu dem veränderten Schluß die Veranlassung gegeben.

Interessant ist, wie diese mühselige Bearbeitung knorrigen Holzes in Verbindung mit der Sage von Noahs Trunkenheit und der List des Satans als dunkle Erinnerung bei den Esten fortlebt. »Daß der Teufel bei der Sündflut nicht mit umgekommen ist, erklärt sich der estnische Volksglaube dadurch, daß Noah, als er sein Schiff auf einem Fels zimmerte, in der Trunkenheit mit dem Beil in den Stein gehauen und aus Arger den Teufel gerufen habe; dadurch sei dieser mit den übrigen Geschöpfen ins Schiff gekommen.«11

Fußnoten

1 Herrmann, Globus 63, 335 Nr. 3. Vgl. Nr. 8. 9. H. verweist hierzu auf Kalevala XVII, 627.


2 Etnogr. Zbirnyk XII, Nr. 33. Revue d. trad. pop. II, 405 = Dragomanov, Malorussk. pred. 95, Nr. 7.


3 Dieses Ziehen der Balken findet sich ebenso in den apokryphen Kindheitsevangelien, wo das Jesuskind seinem Vater Joseph die Arbeit durch Ausdehnen des Holzes erleichtert. P. Paris, Mscr. franç. 4, S. 80 (Hdschr. aus d. Anfang 15. Jhdts.). Reinisch, Kindheitsevangelien, an mehreren Stellen.


4 Etn. Zbirn. III, 5–7. Die Mühelosigkeit des Holzfällens auch bei Strauß, Die Bulgaren, S. 84.


5 Herrmann, Globus 63, 336 Nr. 6; vgl. Nr. 4, Anfang. Kálmány, Világunk S. 52 f.


6 Ebd. Nr. 5: Als N. die Arche machte, sagte ihm Gott, daß er es niemandem sagen solle, was er mache. Seine Gattin fragte ihn fortwährend, wohin er gehe, wohin er reise oder was er arbeite. Aber er sagte es ihr nicht, was er arbeite. Einmal, als sich N. rüstete fortzugehen, rüstete sich auch seine Gattin, ihm nachzufolgen; sie ging ihm auch ein Stück nach, aber da verschwand er. Da brach die Frau im Walde in Tränen aus, weil sie ihren Gatten nicht finden konnte; damals sagte sie: verflucht sei der Baum, damit ich hören soll, wo (in welcher Richtung) er arbeitet: Seither schallt die Axt im Baume; früher drang sie (so lautlos) ins Holz wie ins Wasser; der Baum, den er fällte, paßte so, daß man ihn nur hinzulegen brauchte. Da ging der Teufel hin, als er Feuer machte, fragte: »Was machst du, N.?« N. sagte es auch dem Teufel nicht. Wie da N. Feuer machte, da zürnte der Teufel gar sehr und f ..... in dasselbe, seither raucht das Feuer. Als der Teufel fortging, schlug N. die Axt ins Holz, und da war ein Knoten, daß die Axt eine Scharte erhielt.


7 Ebd. Nr. 2; vgl. Nr. 7–11.


8 Vermengung mit den weiterhin zu behandelnden Sagen vom Leck der Arche.


9 Kálmány, Világunk al. ny, S. 60 f. (nicht bei Herrmann): Als der Herrgott Noah befahl, eine Arche oder einen schwimmenden Kasten zu bauen, da eine große Flut kommen würde, ging Noah jeden Tag hinaus, um zu arbeiten, aber man hörte niemals Holzschlagen im Walde. Einstmals fragte der Teufel Noahs Knecht: Wohin geht dein Herr? – Ich weiß es nicht. – Na, wenn du's nicht weißt, so gieße jeden Abend alles Wasser bis auf den letzten Tropfen aus, daß er zu Hause kein Tröpfchen Wasser finde! Als dann Noah erwachte, fand er keinen Tropfen Wasser. Er ging an seine Arbeit, doch als er die Axt in den Baum schlug, da schallte es so laut, daß die ganze Welt es hörte, und als er versuchte, das Holz an seine Stelle zu legen, da paßte es nirgends hin. Da wies ihm der Herrgott durch seinen Engel dicht bei ihm eine Quelle. Dort solle er sich waschen. Er wusch sich, und man hörte das Schlagen nicht mehr. Als Noah die Arche beendet hatte (das Zerstörungswerk fehlt!), befahl ihm Gott, mit seiner ganzen Familie hineinzuziehen. Er zog auch ein; doch sein Knecht blieb draußen, und Noah rief ihm im Zorn zu: So möge dich der Teufel hineinbringen! Der Teufel erschien auf der Stelle, faßte ihn und führte ihn hinein, aber dann wollte er nicht wieder herausgehen.


10 Kálmány, ebd. S. 58.


11 Wiedemann, Aus dem inneren und äußeren Leben der Ehsten, S. 440.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 271.
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