14. Kapitel.

Die sündigen Engel.

[294] In apokryphen Traditionen findet sich vielfach die Erzählung, daß die Engel mit den Menschentöchtern sündigten und daraus Riesen hervorgingen, die durch die Sündflut mitsamt dem ganzen Menschengeschlechte vertilgt wurden. Im Zusammenhang damit berichtet der Midrasch Abchir im Jalkut, Gen. § 44 f. 12 b, folgende Sage:1

Als die Menschen, die kurz vor der Sündflut lebten, anfingen, Götzendienst zu treiben, war Gott der Herr betrübt. Alsbald erhoben sich die zwei Engel Schemchasai und Asael und sprachen: »O Herr der Welten, so mußte es kommen! Wir haben es ja gleich gesagt! Damals, als du den Menschen erschaffen wolltest, da sagten wir: Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst?« Da nun die Engel wiederholt beteuern, daß, wenn sie auf Erden wären, sie sich weit tugendhafter betragen würden als die Menschen, so werden beide, um ihre gepriesene Standhaftigkeit zu erproben, auf die Erde entsandt. Sie bestehen die Probe schlecht; sie konnten ihre Leidenschaft nicht bezwingen und vergingen sich mit denjenigen Menschentöchtern, welche schön waren. Schemchasai entbrennt in Liebe zu einer Jungfrau namens רהטםיא. Sie ist bereit, ihn zu erhören, aber unter der Bedingung, daß er ihr zuerst den geheimen Namen Gottes mitteile, vermittels dessen er zum Himmel emporfliegen kann. Im Besitze dieses Geheimnisses schwingt sie sich alsbald himmelan und entflieht so der Bewerbung Schemchasais. Da sprach Gott: »Dieweil sie sich von der Sünde ferne hielt, so gebet ihr einen Platz unter den sieben Sternen« – und so ward sie unter die Plejaden versetzt. Als Schemchasai[294] und Asael dies sahen, nahmen sie Frauen. Diese gebaren ihnen Kinder. Asael übernahm die Aufsicht über alle Arten farbiger Stoffe und des Frauenschmuckes, welche Dinge die Menschen zur Sünde verleiten. [Schemchasai bekommt hierauf Botschaft von der Sündflut ...] Schemchasai tat hierauf Buße und hängte sich zwischen Himmel und Erde auf, in welcher büßenden Situation er annoch sich befindet; Asael aber verharrt in dem sündhaften Streben, die Menschen durch farbige Frauenkleider zu verführen ...

In mohammedanischen Quellen wiederholt sich diese Sage in sehr ähnlichen Formen, doch fehlt die Beziehung auf die Flut, die in der vorigen Fassung wohl nur willkürlich angenommen ist.


a) Joh. Cantacuzenus (λόγοι δ᾽ κατὰ τοῦ Μωάμμεθ ed. Bas. p. 87) erzählt nach einem βιβλίῳ τῶν διηγήσεων – also wahrscheinlich einer Hadît – wie folgt: Ἀγὼτ καὶ Μαρὼτ waren auf die Erde herabgeschickt worden, um nach Gebühr zu herrschen und nach Recht und Billigkeit zu richten. Eine Frau, die eine Rechtssache hatte, kommt zu ihnen, ladet sie zu einem Mahle ein und stellt ihnen Wein vor. Vom Wein berauscht, wollen sie der Frau Gewalt antun. Sie aber entzieht sich diesem Ansinnen dadurch, daß sie zum Himmel emporfliegt. In Anbetracht alles dessen, was geschehen war, wird sie von Gott in den Stern Lucifer verwandelt, damit sie, wie vordem auf Erden unter den Frauen, so jetzt am Himmel unter den Sternen durch ihre Schönheit hervorstrahle. Die beiden Engel werden, nachdem ihnen die Wahl zwischen einer dies- oder jenseitigen Strafe freigestellt, im babylonischen Brunnen mit eisernen Ketten bei den Füßen aufgehängt. Dieses Ereignis wird zugleich als Grund angeführt, warum Mohammed das Weintrinken verbot.


  • Literatur: Ztschr. d. deutsch. morgenl. Gesellsch. 31, 227. Vgl. Grünbaum, Neue Beiträge, S. 261 (aus dem Buche: Leyendas Moriscas sacadas de varios manuscritos existentes en las Bibliotecas nacional, real y de D.P. de Gayangos, por F. Guillén Robles [3 Bände, 1885–86], Vorrede S. 78) = Baring-Gould, Legends of Old Test. Char. I, 135.

b) Eine persische Sage vom Jahre 1637 bei Gubernatis, Mythologie des Plantes II, 370, stimmt im wesentlichen mit der hier gegebenen überein:


Um die Armen und Unglücklichen zu trösten, schickte Gott die Engel Aroth und Maroth auf die Erde, mit dem Befehl, niemand zu töten, nichts Ungerechtes zu tun und keinen Wein zu trinken. Eine schöne Frau, die mit ihrem Manne Streit hatte, rief sie als Schiedsrichter an und bot ihnen zu trinken an. Die Engel tranken und wurden sehr zudringlich. Die Frau gab ihnen nach, unter der Bedingung, daß die Engel sie erst lehrten, wie man in den Himmel und wieder heruntersteige. Als sie in den Himmel kam, blieb die keusche Frau oben und wurde in den schönsten Stern verwandelt.


Während in diesen Sagen die Frau als die Tugendhafte, Keusche erscheint, die sich vor den Verfolgern rettet, gibt es eine zweite Form, in der sie die Verführerin ist, die die Engel zur Sünde verleitet. Man vergleiche folgende Fassung:


Ursprünglich wurden drei Engel auf die Erde entsandt, von denen aber einer bald reuig zurückkehrte. Die beiden andern, die erst später die Beinamen[295] Hârût und Mârût erhielten, folgen ihren Lüsten und werden Sklaven ihrer Herrschsucht. In ihrer Eigenschaft als Schiedsrichter erhalten sie den Besuch einer Frau – arabisch Suhara, persisch Bîdocht (Chwolsohn, Ssabier II, 811), syrisch Nâhîd geheißen – die eine Heimsuchung ihrer Zeit, ein Fallnetz Satans war. Sie entbrennen in Liebe zu ihr, wollen aber auf die ihnen gestellten Bedingungen nicht eingehen. Das einzige, worauf sie eingehen, ist, daß sie von dem angebotenen Weine trinken. Sie wußten eben nicht, daß das Weintrinken die Quelle des Lasters und Mutter aller Schändlichkeiten ist. Vom Weine trunken, erfüllen sie das früher Verweigerte, beten ein Idol an, begehen einen Mord und lehren Suhara das erhabene Wort, mittels dessen sie zum Himmel aufsteigt, allwo sie in einen Stern verwandelt wird.


  • Literatur: G. Rosen, Übersetzung des Metnewi, S. 70, wo der Kommentar zu den Versen:
    Ein Weib, erblaßt ob einer bösen Handlung, Ward zum Gestirn der Sohra durch Verwandlung angeführt ist. Ebda. S. 196 eine entsprechende Stelle aus Mirchonds Raudat al Safâ.

Rosen erklärt die Sage für eine persische, die von den Arabern dahin umgestaltet wurde, daß die Frau als Verführerin dargestellt ist.

Es gibt viele verschiedene persische Versionen, s. auch Chardin, Voyages en Perse, ed. Langlès VI, 226.

Im übrigen verweise ich auf die zahlreichen Nachweisungen, die Grünbaum in der Zeitschrift d. deutschen morgenl. Gesellseh. XXXI, 224 f. gegeben hat. Besonderes Interesse gewinnt diese zweite Sagenform durch eine literarische Bearbeitung.

In Hans Sachsens Schwank: Zwo unverschämte Lügen aus dem machometischen Alcoran (Keller-Goetze, Bd. 20, S. 322–26), der am 1. April 1563 verfaßt ist, richtet ein »Jüd Abdias« an »Machomet« die Frage, warum er das Weintrinken verboten habe. Als Antwort erzählt er folgende Historia: Zwei Engel, Harot und Marot, wurden einst vom Himmel gesandt, »Sie sollen auf Erd richter sein«, »Auch kein wein trincken mittler weil«. Ein schönes »arglistig« Weib lud sie nun einst zu Gast und wußte sie infolge allzureichlich genossenen Weines derart in Liebe zu verstricken, daß sie ihr um schnöden Preis das Geheimnis verrieten, wie man in den Himmel gelangen könne. Das Weib machte sofort von dem Geheimnis Gebrauch, kam in den Himmel und wurde ihrer Schönheit wegen ans Firmament gesetzt, wo sie noch als Morgenstern leuchtet. Die Engel aber wurden für ihre Missetat nach ihrer Wahl in der Weise gestraft, daß sie an den geketteten Füßen aufgehangen mit ihren Häuptern »In Behil, disem wasserfluss« hängen, »biss dass Gott helt sein letzt gericht«.

Diese Erzählung steht nun zwar nicht im Koran, wo die Namen Harut und Marut nur an einer einzigen Stelle flüchtig erwähnt sind,2 wohl aber wird sie in einem Kommentar gestanden haben, und aus diesem ist[296] sie in ein Buch gelangt, das A.L. Stiefel in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde VIII (1898), S. 282 als des Dichters Vorlage nachgewiesen hat. Der Titel lautet:

Alchoran || Das ist | des Mahometisch || en Gesatzbůchs | vnd || Türckischen Aberglaubens || ynnhalt vnd abl nung || (3 Titelvignetten). Mit Keyss. M. Freyheit vff III jar. || Zů Strasszburg bey Hans Schotten || MDXL.

Das Buch ist eine Übersetzung – obwohl es sich nicht ausdrücklich als solche bezeichnet – eines lateinischen Werkes des belgischen Karthäusermönches Dionysius von Rickell (Dénis le Chartreux). Dieses führt den Titel Contra Alcoranum et sectam Machometicam3 (Col. 1533, 80) und enthält zwei Teile, Auszüge aus einer alten lateinischen Koranübersetzung4 und Auszüge aus einer ebenso alten Schrift: Doctrina Machumet, quae apud Saracenos magnae authoritatis est, verfaßt von einem Hermannus Dalmata. Und hier steht jene Legende von Harut und Marut. In den einleitenden Worten dieser Schrift heißt es zwar ausdrücklich: Hic libellus a Muchamete scriptus non est, sed ab alio eiusdem spiritus propheta, aber die deutsche Übersetzung des Dionysius behauptet gleichwohl, daß auch dieser Teil »wider etliche falsche Leeren Mahometi« gerichtet sei. Und so erklärt es sich, daß Hans Sachs die »Antwort Muhamets, warumb der wein zůtrinken von ym verbotten«, die er dort im 13. Kapitel fand, als Lüge des Alcoran bezeichnen konnte.

Weiter hat Stiefel darauf hingewiesen, daß die bei den Engel Harut und Marut bei Tabarî (Chronique trad. p. Zotenberg I, 18) erwähnt sind, und daß Hammers Rosenöl I, S. 11 ganz kurz die Erzählung verzeichnet. Auch finde sie sich in der »Verlegung des Alcoran Bruder Richardi«, die Luther im Jahre 1542 in Wittenberg herausgab. Im übrigen war es nicht seine Aufgabe, weitere Nachforschungen über die Geschichte dieses Stoffes anzustellen. Grünbaums Arbeit füllt die Lücke in erwünschtester Weise aus.

Fußnoten

1 Vgl. auch Bereschith Rabba des R. Moses hadarschan (Raymund Martin, Pugio fidei, p. 937 ed Lips.) = Ztschr. d. deutsch. morgenl. Gesellsch. 31, 226.


2 Sure II: Salomo war nicht ungläubig, sondern die Teufel waren es und lehrten die Menschen Zauberkünste, die den beiden Engeln in Babel, dem Harut und Marut, mitgeteilt waren.


3 Stiefel verweist hier auf einen Artikel von Thonissen in der belgischen Biographie Nat., Bd. V. Nach diesem lautet der Titel: Contra perfidiam Machometi et contra multa dieta Sarracenorum etc. Ven. et Col. 1533.


4 Im Jahre 1143 wurde sie auf Anregung des Abtes Pierre le Vénérable von Cluny von mehreren Geistlichen, namentlich dem Engländer Eobertus Retenensis, der sich in der Praefatio und am Ende allein als Übersetzer nennt, fertiggestellt und dem hl. Bernhard von Clairvaux übergeben. Dieser Übersetzung war die Doctrina Machomet des Hermannus Dalmata beigegeben. Die handschriftliche Verbreitung des Werkes wurde erst 1543 durch den Druck abgelöst. Der Züricher Geistliche Theodor Bibliander besorgte die Ausgabe, die nach Stiefèl in Basel ex officina Joannis Oporini herauskam.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 297.
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