2. Der Raub der Sonne.

[136] Ein serbisches Volksmärchen erzählt uns, warum des Menschen Fußsohle nicht eben ist.

Als die Teufel von Gott abgefallen waren und sich auf die Erde flüchteten, hatten sie auch die Sonne mit sich genommen, und der Kaiser der Teufel hatte sie auf eine Lanze gesteckt und trug sie auf der Achsel. Aber die Erde beklagte sich bei Gott, daß sie von der Sonne noch ganz verbrannt werden würde, und Gott schickte den heiligen Erzengel Michael, der sollte dem Teufel auf irgend eine Art die Sonne wegnehmen. Der heilige Erzengel stieg zur Erde nieder und knüpfte Freundschaft an mit dem Kaiser der Teufel. Dieser merkte jedoch gleich, wo das hinziele, und war auf seiner Hut.

Einst, als beide miteinander auf der Erde spazieren gingen, kamen sie an das Meer. Da machten sie Anstalten, sich darin zu baden, und der Teufel stieß die Lanze mit der Sonne in die Erde. Nachdem sie sich ein wenig gebadet hatten, sprach der heilige Erzengel: »Nun laß uns tauchen und sehen, wer tiefer hinunter kommt.« Der Teufel war's zufrieden, und der heilige Michael tauchte unter und brachte in den Zähnen Meersand herauf. Nun sollte der Teufel tauchen. Der fürchtete aber, der Erzengel möchte ihm unterdessen die Sonne entwenden und sah sich vor. Er spuckte auf die Erde, und aus seinem Speichel entstand eine Elster,1 die ihm die Sonne hüten sollte, bis er getaucht und aus der Tiefe mit den Zähnen Meersand heraufgeholt hätte. Sobald aber der Teufel im Wasser verschwand, machte der heilige Michael mit der Hand das Zeichen des Kreuzes, und alsbald bedeckte das Meer neun Ellen dickes Eis. Hierauf erfaßte er schnell die Sonne und flüchtete damit zu Gott. Da krächzte die Elster aus Leibeskräften. Wie der Teufel die Stimme der Elster vernahm, ahnte er auch schon, was es gab, und kehrte so schnell als möglich um. Doch als er in die Höhe kam? fand er das Meer zugefroren und sah, daß er nicht hinaus konnte. Eilends kehrte er nochmals auf den Meeresgrund zurück, holte sich einen Stein, brach damit das Eis durch und jagte hinter dem klugen Erzengel drein. Schon hatte dieser mit einem Fuße den Himmel betreten, da erreichte ihn der Teufel bei dem anderen Fuße und[136] riß ihm mit seinen Klauen ein großes Stück Fleisch aus der Sohle. So verwundet trat der heilige Michael vor den Herrgott und brachte ihm die Sonne. Weinend klagte er ihm sein Leid und sprach: »Was soll ich nun, o Gott, so verunstaltet?« Da erwiderte der Herr: »Sei ruhig und gräme dich nicht. Von nun an sollen alle Menschen gleich dir eine unebene Sohle haben.«

So geschah es, und so ist es geblieben.


  • Literatur: Karadschitsch, Volksmärchen der Serben, 1854, S. 137 f. = Karadžić, Srpske nar. prep. 2. Aufl., S. 91 f.

Dieselbe Fabel enthält im wesentlichen ein montenegrinisches Lied vom Zaren Duklan (= Kaiser Diokletian) und Johannes dem Täufer, der ihm die Krone raubt. Der Zar Duklan und sein Vetter Johannes der Täufer spielen am Meeresstrande mit einem Apfel. Dieser fällt in die Tiefe, und Johannes fängt an zu weinen. Duklan sagt: »Weine nicht, lieber Vetter, ich will ihn dir wiedergeben, wenn du mir unterdessen die Krone nicht wegnimmst.« Johannes schwört bei Gott, es nicht zu tun, aber während der Zar ins Meer taucht, fliegt er gen Himmel und fragt Gott: »Habe ich falsch geschworen, wenn ich die Krone des Königs raube?« Der Herr antwortet: »Schwöre dreimal falsch bei mir, nur nicht in meinem Namen.« Als nun der König den Apfel heraufgebracht hat, wirft ihn Johannes wieder ins Meer und schwört dreimal bei Gott, er werde die Krone nicht rauben. Zar Duklan taucht wiederum ins Meer und läßt am Ufer den krächzenden Vogel zurück. Johannes bedeckt das Meer mit zwölffachem Eis. (Schluß der Erzählung wie oben.)


  • Literatur: Karadžić, Srpske narodne pjesme II, 81, Nr. 17. Auch bei Bězsonov, Kaliki perehožije I, 671.

Veselovskij und andere brachten diese Sagen mit den Schöpfungssagen zusammen und erklärten, daß das Motiv des Untertauchens beiden gemeinsam und darum als das Motiv einer und derselben Sage anzusehen sei. Dragomanov dagegen unterscheidet das Heraufholen der Erde von dem Heraufholen eines wertvollen Gegenstandes wie Sonne oder Krone. Es gehören hierher folgende Varianten:


A. Einmal stahl der Teufel dem Herrn die himmlische Kraft (was das für eine Kraft war, geht aus der Erzählung nicht hervor). Mit ihrer Hilfe erschuf er einen Kristallhimmel und lebte dort. Da sprach Gott zum Engel Michael: »Wie werden wir die himmlische Kraft von dem Bösen wiedergewinnen?« Michael antwortete: »Ich will gehen und sie ihm stehlen.« Gott erlaubte es ihm, und er ging, trat an den Teufel heran und sprach zu ihm: »Kennst du die Breite der Welt und die Tiefe des Meeres?« Die Breite der Welt kannte der Teufel, auch die Höhe, doch wußte er nicht die Tiefe des Meeres und tauchte unter, sie zu messen. Währenddessen raubte Michael die himmlische Kraft und entfloh. Gott aber bedeckte das Meer mit Eis, und als der Teufel das Meer gemessen hatte und herauszukommen suchte, mußte er sich lange abmühen, bis er die harte Decke durchbrochen hatte. Dann setzte er dem Engel nach, obwohl[137] dieser schon so hoch war, daß er ihn kaum noch sehen konnte. Und Gott sprach zu Michael: »Stoße ihn mit der himmlischen Kraft.« Michael stieß zu, und der Teufel zerschellte in kleine Stücke, so daß sie vier Tage lang herniederregneten.


  • Literatur: Aus dem Nowgorod-Sevierskier Kreis im Černigover Gouvernement. (Abgedruckt im Černigovskija Gubernskija Vědomosti, 13. Febr. 1892; Etnograf. Obozrěnie 1892, Nr. 2 u. 3, Abt. 1, S. 251).

B. Einst gab es weder Welt noch Menschen, noch Bäume und Vögel, überhaupt kein lebendes Wesen, sondern es war nur Wasser und darüber der erste Himmel, wo Gott und zwei Diener, Michael und Gabriel, lebten. Hinter diesem, im zweiten Himmel, lebte Satanael und tat alles Gott zum Trotz. Sobald Gott dabei war, etwas zu erschaffen, war der Tückische darauf bedacht, ihn zu hindern, und Gott erwog, wie er ihn zu besiegen vermöchte, und zwar ihm das Gewand wegzunehmen, worin sich seine Kraft befände. Einmal hatte Satanael es auf einen Stein gelegt, während er im Meere badete. Gott saß in seinem Himmel und sah es. Er fing an, den Satan zu reizen: »Kannst du nicht den Meeresboden erreichen?« Und als jener tauchen wollte, rief Gott Michael herbei und befahl ihm, auf das Meer zu blasen, wenn der Satan unter Wasser wäre. So geschah es. Satanael tauchte zum erstenmal, und Michael blies. Sogleich bedeckte sich das Meer mit einer Eiskruste. Aber als Satanael nach oben kam, durchbrach er sie mit dem Kopfe. Der Herr sprach zu ihm: »Tauche noch einmal unter.« Er tat es, und Michael blies noch mehr, so daß sich das Meer mit weit dickerem Eis bedeckte. Satanael durchbrach es gleichwohl mit dem Kopfe. Und Gott hieß ihn zum dritten Male tauchen. Nunmehr bliesen Michael und Gott zusammen mit aller Macht, und das Meer bedeckte sich mit einer so festen Decke, daß Satanael, als er heraufkam, sie nicht durchbrechen konnte. Währenddessen raubte Gabriel das Gewand und flog gen Himmel. Als Satanael sah, daß er kein anderes Mittel hatte, fing er an, schnell, schnell mit seinem Atem das Eis aufzutauen. Es entstand ein Loch, und er eilte Gabriel nach. Weil dieser nun bloß zwei Fittiche hatte, Satanael aber ganze sechs (s.S. 56), holte er ihn bald ein. Doch unversehens erschien Michael und riß dem Satan die Fittiche ab, so daß er ins Meer fiel. Dann trugen beide das Gewand zu Gott, der sie zu Erzengeln machte. In demselben Gewände litt später Jesus Christus am Kreuze.


  • Literatur: Kievskaja Starina 1887, Mai, S. 196 f. Aus Kiew, von einem Landmann, der viel in der Süd-Ukraine wanderte.

C. [Gott und Satan schließen den Vertrag, wonach der Himmel und die Lebenden Gott, die Erde und die Toten dem Teufel gehören. (Siehe Kap. 1, S. 44, Nr. 5.)] Dann heißt es weiter: Als nun Adam aus dem Paradiese gejagt wurde, gab ihm Gott Land zur Bearbeitung. Als Satan bemerkte, wie Adam und Eva ackerten, ging er zu ihnen und schrie sie mit lauter Stimme an: »Wie wagt ihr auf diesem Lande zu ackern, ohne Wissen des Eigentümers?« – »Wir arbeiten ja mit seinem Wissen!« antworteten Adam und Eva. – »Der Eigentümer bin ich,« schrie der Satan, »ihr habt mich nicht um die Erlaubnis gebeten! Lasset die Erde in Frieden, und von nun an darf niemand die Erde berühren!« – Als Gott dies hörte, da tat es ihm gar leid, und er bereute es, daß er die Erde mit Vertrag dem Satan übergeben. Als sich nun die Menschen vermehrten, da quälte und plagte der Satan die Gerechten ebenso wie die Sündhaften. Unter solchen Umständen dachte Gott daran, dem Satan die Gewalt zu entziehen. Er berief den Engel zu sich, erzählte[138] ihm sein Vorhaben und fragte ihn, ob er dem Satan den Vertrag abnehmen könne. Der Engel überlegte die Sache und sagte dann, daß er es tun könne. So ging er denn in Menschengestalt zum Satan hin und verdang sich bei ihm als Diener, in der Absicht, ihm im geheimen den Vertrag zu entwenden. Satan gewann gleich im Anfang den Engel lieb, versteckte aber dennoch stets den Vertrag. Einmal spazierten sie am Ufer eines Sees, und der Engel fragte den Satan: »Kannst du mir vom Grunde des Wassers ein Handvoll Sand herauf bringen? Du bist stärker und schlauer als ich und kannst es dennoch nicht, ich aber kann es!« – »Nun, ich möchte es sehen!« meinte der Satan. Der Engel zog seine Kleider aus, tauchte in den See hinab und kehrte nach einem Augenblick mit einer Handvoll Sand zurück. Satan, um zu zeigen, daß er nicht hinter ihm zurückbleibe, zog sich ebenfalls aus und tauchte in den See hinab, erinnerte sich aber, daß sein Vertrag am Lande in seiner Weste zurückgeblieben. Er kehrte auf halbem Wege deshalb um, damit er sich überzeuge, ob sein Gefährte nicht seine Kleider durchsuche. Als er nichts dergleichen bemerkte, kehrte er um und stieg bis auf den Grund hinab. Dem Teufel war es gar leicht, unterzutauchen, weil er eben schwer war, aber desto mühevoller war ihm das Heraufkommen; er konnte sich in der Gewandtheit und in der Flinkheit mit dem Engel nicht messen, und während er sich lange im Wasser aufhielt, steckte der Engel den Vertrag zu sich und flog damit in den Himmel. Der Satan verfolgte den Engel, holte ihn ein und packte ihn beim Fuße, konnte ihn aber aus dem Himmel nicht mehr herausziehen, weil er schon bei Gott war; er riß ihm daher ein Stück Fleisch von der Ferse ab. Satan kehrte nun zurück; indem er aber seine Macht verlor, wurde er der Teufel Gott gegenüber. Als der Engel vor Gott hintrat, so hinkte er und beklagte sich, daß der Satan ihm den Fuß verletzt habe. »Es macht nichts,« sagte der greise Gott, »ich werde nun allen Menschen solche Füße verleihen, damit du dich nicht zu schämen brauchst!« Seit dieser Zeit sehen unsere Füße so aus, als ob ein Stück Fleisch aus der Sohle fehle.


  • Literatur: Nach Drinov. Deutsch bei Strauß, Bulgaren, S. 10.

D. Als Gott die Welt schuf, ließ er auch Blitz und Donner werden und übergab beide dem Teufel. Dieser trieb aber damit Unfug und Mißbrauch, und so schickte denn Gott einen so heftigen Frost, daß die Gewässer 24 Klafter tief einfroren. Unter diesem mächtigen Eise schlief der Teufel. Darauf beredete aber Gott den heiligen Elias dem schlafenden Teufel den Blitz und den Donner zu stehlen. Elias tat dieses und erhob sich mit seiner Beute gen Himmel. Da erwachte aber der Teufel, fraß die Eisdecke durch, ergriff den heiligen Elias bei den Füßen und begann denselben herabzuzerren. In diesem Streite strengte sich der Teufel sehr an, und da er hierbei mit den Füßen hart stampfte, entstanden die Täler. Trotzdem ging Elias aus dem Kampfe als Sieger hervor und brachte den Blitz und Donner wieder in den Himmel. Wenn es nun donnert, so fährt Elias mit seinem Wagen und führt Kuchen mit sich.


  • Literatur: Urquell I, 16, rutenisch, Bukowina. Vgl. ebda. S. 92: In einer serbisch-bulgarischen Fassung, die auch den Jakuten bekannt ist, stiehlt der Erzengel dem Teufel die Erde. Verfolgung und Ausreißen der Fußsohle wie oben.

E. Es wird zuerst erzählt, wie der Engel tauchte, um Erde zur Erschaffung des Festlandes zu holen, dann, wie er aus der heimlich unter den Nägeln zurückbehaltenen Erde Berge und Hügel machte, wie Gott den Menschen, schuf und der Engel ihn nachahmt, aber die Belebung nicht zustande bringt, wie Gott ihn verdammt und in den Teufel verwandelt. Zuletzt heißt es, daß der[139] Teufel Adam die Erde nicht ackern ließ, indem er sprach, sie gehöre ihm nicht. Später erlaubte er es ihm und befahl Adam, ihm alle seine Nachkommen zu verschreiben. Diese Verschreibung versteckte der Teufel in einen Stein und warf ihn ins Meer, aber Gott tauchte hinab, nahm die Verschreibung und gab sie Adam zurück.


  • Literatur: Veselovskij S. 82, aus der Ukraine (zuerst abgedruckt in Kievljanin 1866, Nr. 4).

Man hat hier offenbar eine lockere Kombination von drei Motiven, dem der Weltschöpfung, der Verschreibung, über die später ausführlich zu handeln ist, und des zurückgebrachten Raubes.2 Da nun diese Kombination der inneren Einheit entbehrt, so ist jedes Motiv als besonderer Bestandteil einzeln zu betrachten, und es scheidet zunächst die Frage aus, ob die kosmogonische Sage, wie Veselovskij meinte, mit der Sage vom Sonnenraub zusammenhänge, etwa so, daß die zweite aus der ersten sich entwickelt habe, da ja beide das Motiv des Tauchens enthalten. Des weiteren läßt sich mit Sicherheit nachweisen, daß das Motiv des zurückgebrachten Raubes ein Sagenthema ist, das mit der Kosmogonie nicht das geringste zu tun hat.

Dragomanov führt eine Überlieferung des Avesta3 an, in der Afrâsiâb, der Turanier, in das Meer Vurukasha taucht, um Herr des Irans zu werden. Denn auf dem Grunde der Fluten ruht das Hvarenô, die Ruhmeskraft, die den Ariern und dem heiligen Zarathustra gehört. Dreimal stürzt er sich vergebens hinab, um sich des Hvarenô unter seinen drei Gestalten: des Priesterfeuers, des Kriegerfeuers, des Arbeiterfeuers, zu bemächtigen. Aber der Gott Haoma nimmt ihn gefangen und fesselt ihn. (Darmesteter, Études iraniennes II, 225–229.) Diese Sage ist nach Dragomanov in die Ukraine, zu den Serben und Bulgaren gelangt, wobei einmal der unklare Begriff des Hvarenô oder wie es in der Variante A heißt, der himmlischen Kraft, zur Sonne oder zum Zaubergewand geklärt wurde, ein andermal aber die Verschreibung, von der gewisse Apokryphen handeln (s. Kap. 10), sich eindrängte. Die Wegnahme eines kostbaren Gegenstandes und das Eingreifen der Gottheit[140] könne jedenfalls als der Kerninhalt gelten, der den asiatischen und europäischen Sagen gemeinsam sei. Es gibt indessen noch eine andere iranische Sage, die als Seitenstück der von Dragomanov angeführten anzusehen ist, denselben Kerninhalt hat, aber im einzelnen weit besser mit der europäischen Überlieferung übereinstimmt. Sie erzählt, daß Ahriman den Tahmurath tötete und dann den toten Leib verschlang, an den allerlei wichtige Bedingungen geknüpft waren. Es war also von Wichtigkeit, daß der Leib wieder zum Vorschein komme, und Yem (= Yima), der Nachfolger Tahmuraths, unternahm es, diese Aufgabe zu lösen. Es gelang ihm durch List, Ahriman den wertvollen Raub zu entreißen und damit zu entfliehen. Ahriman setzte ihm nach. Da aber Yem sich auf Geheiß der himmlischen Wesen niemals umdrehte, konnte ihn der böse Geist nicht erreichen und mußte endlich von der Verfolgung abstehen. Dem Yem blieb jedoch von der Berührung des Ahriman ein Aussatz an der Hand zurück. (Spiegel I, 524.)

Hier ist der kostbare Gegenstand wie in der serbischen Sage und ihren Varianten schon im Besitze des Teufels, hier wird Yima, den wir schon im ersten Kapitel dem Erzengel Michael gleichstellen konnten, genau so wie dieser verfolgt, und auch er trägt eine Verletzung davon. Ja wir finden sogar eine iranische Variante, in der Yima »den Vertrag der Lebendigen« (vgl. oben C), welchen der gottlose Ahriman verschlungen hatte, wieder aus seinem Leibe hervorholte. (Windischmann, Zoroastrische Studien S. 203.)

Es ist interessant, daß gerade die Sonne als Teufelsraub genannt wird. Vielleicht dürfte manichäischer Einfluß mitgewirkt haben. Wir kennen Manis Lehre, daß Teile des Lichtreiches in die Gewalt der Finsternis kamen, wodurch die Doppelnatur der Welt erklärt wurde. Es heißt nun, daß Sonne und Mond aus Lichtteilen bestehen, die aus der Finsternis ausgeschieden wurden, und zwar die Sonne aus dem Lichte, welches sich im Besitze der heißen Teufel, der Mond aus dem Lichte, welches sich im Besitze der kalten Teufel befunden hatte. (Spiegel II, 216.)

Wie dem auch sei, es ist jedenfalls anzunehmen, daß eine iranische Sage, wie die vom geraubten Tahmurath, in freier Ausgestaltung4 von[141] Osten her nach Westen gewandert ist; sie mag denselben Weg wie die kosmogonischen Sagen zurückgelegt haben.


Varianten vom Raub des Feuers.

Das gleiche Motiv, daß ein Abgesandter Gottes dem Teufel ein kostbares Gut wegnimmt und von diesem beinahe eingeholt wird, wobei auch der Zuruf Gottes im letzten gefährlichen Augenblicke (vgl. Var. A) nicht fehlt, enthalten folgende kleinrussische Sagen:


a) Höret, wie das Feuer in den Stein hineingekommen ist. Der Teufel kam einmal zu Gott und sagte: »Herr, es ist nicht zu verwundern, daß die Menschen dir gehorchen und zu dir beten, wenn du sie mit Wohltaten aller Art überhäufst. Erlaube mir, die Welt acht Tage lang zu regieren, und wir wollen sehen, ob sie dich nicht vergessen.« »Gut,« sagte der Herr, »regiere also.« Und der Teufel machte sich ans Werk; was er nur Schlimmes ausdenken konnte, tat er den Menschen an, doch erreichte er nichts, denn die Menschen fuhren fort, inbrünstige Gebete zum Schöpfer emporzusenden. »Wartet,« dachte der Teufel, »wenn ich euch das Feuer nehme, werdet ihr euch wohl vor mir beugen müssen.« Er machte einen großen Haufen von allem, was brennbar war, zündete ihn an und ging immer um das Feuer herum, um es zu hüten und selbst auf die acht zu geben, die etwa ihre Pfeife daran anzünden wollten. Die Menschen jammerten und rangen die Hände in Verzweiflung und baten Gott, dieses Unglück enden zu lassen. Da rief der liebe Gott Petrus und sagte zu ihm: »Petrus, mein Lieber, könntest du dem Teufel nicht ein bißchen Feuer stehlen?« »Warum nicht,« antwortete Petrus, »stehlen will ich schon, aber wie?« »Oh Petrus, mein Lieber, wozu habe ich dich zum Priester erschaffen, wozu dich zum Heiligen gemacht, wenn du nicht einmal weißt, wie man den Teufel überlistet? Geh zum Schmied, laß dir eine Eisenstange machen und röte sie im Feuer des Teufels, so wird alles, was du damit berühren wirst, Feuer in sich tragen. Geh, mein Freund, und zögere nicht, denn die Menschen weinen.« »Es ist nichts dabei zu machen,« sagte Petrus, »wenn ich hingehen muß, so gehe ich.« Und er machte sich auf den Weg.

Nachdem er sich eine Eisenstange gemacht hatte, kam er zum Teufel, sagte ihm guten Tag und fing an zu schwatzen. Petrus schürte von Zeit zu Zeit das Feuer mit seiner Stange, als ob er dem Teufel helfen wollte, und dann ließ er, wie im Eifer des Gesprächs, seine Stange im Feuerhaufen, um sie rotglühend zu machen. Als er sah, daß das Eisen schon weiß wurde, sagte er: »Nun denn auf Wiedersehen, Gevatter, es ist Zeit, daß ich aufbreche.« »Auf Wiedersehen,« sagte der Teufel, »und gute Reise! Aber halt, womit hast du denn das Ende deines Stockes beschmutzt?« Als Petrus so in die Enge getrieben wurde, wußte er nichts zu antworten und ergriff die Flucht. Der Teufel ahnte nun die Wahrheit und verfolgte Petrus. Er hatte ihn schon beinahe eingeholt, als Gott vom Himmel aus Petrus sah und fürchtete, daß das Eisen kalt werden würde, und ihm zurief: »Schlage schnell auf den Stein.« Petrus tat, wie ihm befohlen war, und seitdem ist das Feuer darin geblieben. Darum springt Feuer aus dem Stein, wenn man Eisen darauf schlägt.


  • Literatur: Revue des trad. pop. X, 6, mitget. von Th. Volkow.

[142] b) Im Anfang der Welt gab es noch kein Feuer. Als aber die Engel sündigten und in die Hölle kamen, so erfanden sie es, um darauf die sündigen Seelen zu braten. Wie nun Christus und Petrus auf der Welt herumgingen, so sahen sie, daß es den Menschen gar schlimm ohne Feuer gehe. So gehen sie einst und sehen, wie der Teufel sich ein Feuer am Wege zusammengelegt, um sich zu wärmen. Sie setzen sich neben ihn und plaudern ... Petrus aber hatte bei sich seinen Stab; er legte ihn ins Feuer. Wie dieser nun zu brennen anfing, erhob er sich plötzlich, und begann zu laufen, um den Menschen etwas Feuer zu bringen. Der Teufel aber war nicht so faul; er begann Petrum zu fangen und zu schreien: »Gib's Feuer ab, warum hast du es gestohlen?« – Er konnte schon Petrum greifen, da ruft Christus: »Schlage mit dem Stab an den Stein!« – Petrus tat es, und obwohl der Teufel ihm den Stab abnahm, blieb das Feuer doch im Stein. Jener Stein aber, das ist der Feuerstein. Da wies Christus die Menschen an, wie man Feuer aus dem Stein schlägt, und so haben die Menschen Feuer, soviel sie wollen.


  • Literatur: Zbirnyk XII, S. 73, Nr. 79. Parallele: Čubinskij, Trudy I, S. 43, 45 u. 46.

In den gleichen Sagenkreis gehören folgende lettische Sagen:


a) Gott brauchte einmal Feuer, und da er keines hatte, wohl aber der Teufel, so wollte er ihm etwas davon stehlen. Er schickte dazu die Schwalbe. Diese schaute zu, wie sich der Teufel Feuer schlug, und als sie ihm sein Geheimnis abgelauscht hatte, rief sie aus: »Stein und Stahl – Feuer genug!« und eilte davon. Erzürnt wollte der Teufel sie totschlagen und warf nach ihr mit einem Feuerbrand. Der traf sie so, daß das eine Ende den Schwanz wegnahm, das andere den Hinterkopf berührte. Von der Wahrheit kann man sich noch heutigestags überzeugen, denn die Schwalbe hat einen gekerbten Schwanz, und ihr Hinterkopf ist rot abgestoßen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1181, Nr. XI, 5b1.

b) Anfangs waren die Menschen ohne Feuer; der Teufel hatte wohl Feuer, aber der Sperling war sein Diener, und von dem war natürlich nichts zu bekommen. Zuletzt wurde die flinke Schwalbe nach Feuer ausgeschickt. Es gelang ihr auch, etwas Feuer zu rauben, aber der Sperling verfolgte sie. Ganz konnte dieser sie zwar nicht einholen, aber er bekam ihr Schwanzende zu fassen und riß ihr ein Stück heraus. Auch versengte ihr das Feuer bei dem schnellen Fluge ein wenig das Genick, so daß es noch heute rot ist. Seit der Zeit herrscht Feindschaft zwischen Sperling und Schwalbe. Immer fragt sie der Sperling: »Udsch, udsch?« (uguns = Feuer). Aber die Schwalbe verhöhnt ihn, indem sie im Kreise herumfliegt: »Sprich deutlich, sprich deutlich, kannst's nicht deutlich sagen?« (Ssaki skaidri, ssaki skaidri, newar skaidri isteikt).


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1181 f., Nr. XI, 5b2.

c) Durch die Sündflut ist alles Feuer ausgegangen, die Schwalbe soll es aus des Teufels Küche stehlen. Der Teufel will sie fangen, aber sie fliegt ihm über den Kopf weg, er kann ihr nur mit einem Feuerbrand das Genick versengen, das noch heute braun ist. Oder: Die Schwalbe stiehlt das Feuer aus der Hölle, der Teufel schlägt nach ihr mit der Peitsche oder packt sie am Schwanz, und sie reißt sich mit Verlust der Schwanzfedern los.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1182, Nr. XI, 5b 3–5.

d) Anfangs hatte Gott kein Feuer, wohl aber der Teufel. Gott bat den Teufel um ein Fünkchen, aber der weigerte sich und verbarg es sorgfältig in[143] Stahl und Stein, damit Gott es ihm nicht entwende. Da baute sich Gott eine Sommerküche, und als der Teufel verwundert fragte, was ihm denn die ohne Feuer nützen solle, erwiderte er: »Hab' ich erst eine Sommerküche, so werde ich auch Feuer bekommen.« Dann sammelte er in seine Küche eine Menge trockene Breiste und schlug mit Erlenknüppeln so kräftig darauf los, daß eine Staubwolke wie Rauch davon aufstieg. Zuvor hatte er den Menschen ausgeschickt, um den Teufel zu beobachten. Als dieser den Rauch aufsteigen sah, rief er verwundert: »Ist das ein Schlaukopf! Ich hatte das Feuer doch so geschickt in Stahl und Stein verborgen, und nun hat er es doch entdeckt!« Als Gott das vom Menschen hörte, nahm er Stahl und Stein, schlug es aneinander und gewann so Feuer. Später schenkte er es, wie alle guten Dinge, die er dem Teufel fortgenommen hatte, den Menschen. Und so findet sich noch heute das Feuer in Stahl und Stein, wie es einst der Teufel hineingelegt hat.


  • Literatur: Auszug. Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1179.

e) In alten Zeiten war das Feuer nur in der Hölle und auf der Sonne, und niemandem wollte es gelingen, es aus der Hölle heraufzuschaffen. Endlich ließ sich die Spinne an ihrem Faden herab und raubte das Feuer, während der Teufel schlief. Von der Arbeit ermüdet, legte sie sich schlafen. Der Teufel erwachte, sah, was geschehen war, und eilte dem Diebe nach. Unterdessen stahl die Schwalbe der Spinne das Feuer und lief damit fort. Der Teufel packte sie wohl noch am Schwanz, aber die Schwalbe riß sich los, indem sie ihre Federn in den Krallen des Teufels ließ, flog davon und verteilte das Feuer auf der Welt. Noch heute hat die Schwalbe die Kerbe im Schwanz. – So kommt es, daß die Schwalbe ihr Nest meistenteils an Häusern baut, in denen ein Feuer brennt.


  • Literatur: L.-P. VII, S. 1183, Nr. XI, 5z1.

f) In alten Zeiten gab es auf Erden nur einen König; dem waren nicht nur die Menschen, sondern auch alle Tiere Untertan. Damals hatte man noch kein Feuer und mußte nach Sonnenuntergang im Dunkeln weilen und frieren. Man wußte wohl, daß in den Tiefen der Hölle Feuer sei, aber niemand wagte es von dort zu holen. Da versprach der König, daß der, der ihm Feuer aus der Hölle schaffen würde, mit seinen Kindern und Kindeskindern für ewige Zeiten umsonst an allen Tischen sollte essen dürfen, und niemand dürfe es ihm wehren. Nun versuchten es viele, das Feuer zu erlangen, fanden aber alle dabei ihren Tod. Zuletzt ließ sich die Spinne an ihrem Faden hinab, und es gelang ihr, einen Brand zu entwenden und wieder die Oberwelt zu erreichen. Dort schlief sie ermüdet ein. Die Fliege, durch den Geruch aufmerksam gemacht, stahl der Schläferin das Feuer, brachte es dem König und erhielt urkundlich den verheißenen Lohn. Die Spinne suchte nach ihrem Erwachen umsonst das Feuer, niemand wollte ihr glauben, daß sie es aus der Hölle gebracht hatte, und auch der König wies sie ab, da sie ihre Behauptung nicht beweisen konnte. Zuletzt versammelte sie alle Spinnen und forderte sie, da sie allesamt in ihr bestohlen und betrogen seien, zu gemeinsamer Rache an dem ganzen Fliegengeschlechte auf. Sie beschlossen, Netze zu spinnen, in ihnen alle Fliegen zu fangen und jeder, die sie erwischen würden, den Kopf abzubeißen. Das tun sie bis zum heutigen Tage, aber die Fliegen haben das Recht, an allen Herrentischen zu essen.


  • Literatur: L.-P. VII, S. 1183 f., Nr. XI, 5z2.

[144] Hierzu:


1. Var. Aber die Spinne stellt allen Fliegen nach und verbringt ihr Leben in Trauer, indem sie die dunklen Winkel aufsucht.


  • Literatur: L.-P. VII, S. 1185, Nr. XI, 5z3.

2. Var. Gott veranlaßt die Spinne, aus der Hölle das Feuer zu holen. Er erlaubt ihr zur Strafe für den Betrug der Fliege, diese in ihrem Netz zu fangen.


  • Literatur: L.-P. VII, S. 1185, Nr. XI, 5z4.

3. Var. Der Teufel ertappt die Spinne beim Diebstahl. Da sie nicht so schnell entfliehen kann, übergibt sie das Feuer der Schwalbe. Der Teufel verfolgt die Schwalbe und reißt ihr die Schwanzfedern aus. Trotzdem entkommt sie und bringt den Menschen das Feuer. Der Teufel zerstört aus Rache ihr Nest im Walde. Da erlauben ihr die Menschen, unter ihren Dächern zu nisten. Seitdem siedelt sie sich in der Nähe der Menschen an; ihr Schwanz zeigt noch heute die Spuren des Teufelsgriffes.


  • Literatur: L.-P. VII, S. 1185, Nr. XI, 5z5.

g) Als Gott den Teufel auf die Erde geworfen hatte, versuchte dieser, Gott auf jede Weise einen Possen zu spielen. Aber einmal schleuderte Gott dem Teufel eine Feuerflamme gerade auf den Kopf. Der Teufel lief jammernd durch die ganze Welt, aber während er lief, säte er die Funken über Berg und Tal aus. Zuletzt stürzte sich der Teufel in die finstere Tiefe und machte sich, befreit von seiner feurigen Bürde, daran, seine Brandwunden zu heilen. Später, als er wieder ganz genesen war, soll er sich drunten ein Schloß erbaut und es Hölle genannt haben.


  • Literatur: L.-P. VI, S. 448, Nr. 113 II.

h) Als Adam sich versündigt hatte und von Gott aus dem Paradies verstoßen war, da wurde er von Hunger und Kälte gequält. Er wollte sich daher zum Schutz gegen Regen und Schnee eine Hütte bauen. Da fiel sein Auge auf einen Hügel, auf dem sich allerlei Hümpel und Steine befanden. Während er einen solchen Hümpel fortriß, fand er einen fußlangen Gegenstand. Den warf er, ohne darauf zu achten, fort. Wie er gegen einen Stein prallte, sprang Feuer heraus und entzündete das Moos. Darnach machte sich Adam mit Hilfe seines Fundes ein Feuer, an dem er sich wärmte. Die alten Leute erzählen, der erwähnte Gegenstand sei ein Stück Stahl gewesen.


  • Literatur: L.-P. VII, S. 1180, Nr. XI, 53.

Endlich gehört eine rumänisch-siebenbürgische Variante in denselben Sagenkreis. Sie berichtet:


Judas habe, während Petrus schlief, Sonne und Mond aus dem Himmel gestohlen. Elias erbietet sich nun, ihn zu bezwingen, wird mit Blitz und Donner ausgerüstet, packt ihn und bindet ihn mit Eisenfesseln an eine Säule.


  • Literatur: Creizenach, Judas Ischarioth, S. 30 = Wilh. Schmidt, Das Jahr und seine Tage in Meinung und Brauch der Romanen Siebenbürgens. Hermannstadt 1867, S. 14.

Auch in Amerika findet sich eine dualistische Sage, die den Angriff des Teufels gegen die Sonne enthält. Möglicherweise ist auch sie – gleich den kosmogonischen Sagen – von Asien entlehnt:


Als Gott die Welt erschuf, tat der Böse alles, was er nur konnte, um seine Absichten zu zerstören. Besonders wollte er das Menschengeschlecht schädigen, und da er sah, daß die Menschen nicht ohne die licht- und wärmespendende Sonne leben konnten, beschloß er, diese schöne und nützliche Schöpfung[145] zu vernichten. Darum stand er eines Morgens früh auf, lange ehe die Sonne aufgegangen war, und gedachte sie zu verschlingen, aber Gott wußte um seinen Plan und machte eine Krähe, um ihn zu vereiteln. Als nun die Sonne aufging, kam der Böse und öffnete seinen Bachen, sie zu verschlingen, aber die Krähe, die auf der Lauer gelegen hatte, flog ihm in die Kehle und rettete die Sonne. Die Krähen erinnern sich noch heute jener Wohltat, die sie einst den Menschen erwiesen haben. Sie meinen, daß sie mit den Menschen tun können, was sie wollen, und leben von der Nahrung, die für sie beschafft wird. So sehen wir aber, daß sie Ursache haben, so kühn und anmaßend zu sein, und daß die Menschen sie nicht für unnütze Geschöpfe halten dürfen.


  • Literatur: Journ. of American Folklore, VII, 1894, S. 21. [Märchen der Ainu; andere Sagen vom Sonnen- und Feuerraub wird der 3. Band dieses Werkes bringen, in einem Kapitel: feuerholende Tiere.]

Fußnoten

1 Im südlichen Böhmen glaubt man, die Elster sei der Teufel selber; deshalb genießt auch niemand das Fleisch derselben. Erben, O dvojici a o trojici b. sl. Časop. 1857 = Grohmann, Aberglauben u. Gebräuche, Nr. 466.


2 Eine Kombination des ersten und dritten Motives bei Čubinskij I, 35: Als Satanael Erde aus dem Wasser nahm, bedeckte es sich mit Eis. Satan brachte es durch seinen Atem zum Schmelzen, der Engel entriß ihm die Erde, Satanael verfolgte ihn. Als er ihn schon beinahe eingeholt hatte, schwang der Engel auf Gottes Geheiß sein Schwert und schlug ihm den linken Flügel ab. Satanael wirbelte wie ein Wind; noch jetzt entsteht ein großer Sturm, wenn Satan anfängt, auf die Erde zu fliegen.


3 Eine indische Sage, die man mit gleichem Rechte für die Vorgeschichte unserer Sage anführen könnte, zitiert Charencey, Une légende cosmogonique, S. 303: In den Avâtars oder Inkarnationen Wishnus findet sich das Rauben der Vedas durch einen Dämon. Dieser Dämon hatte diese Gesetzesbücher den Déwatas, die sie hüten sollten, geraubt und verbarg sie auf dem Grunde des Meeres. Wishnu wird von den Déwatas zu Hilfe gerufen, verwandelt sich in einen Fisch, taucht in den Abgrund des Meeres, tötet den räuberischen Dämon und bringt triumphierend die Vedas herauf, die er in einer Muschel verborgen findet.

Dieselbe Überlieferung haben nach Charencey die Malabaren. Nur ruft Brahma Wishnu zu Hilfe.


4 Über Sagen von der ausgerissenen Ferse, die hier eingewirkt haben, siehe Sartori, Zeitschr. d. Vereins f. Volksk. IV, 416 f., namentlich die interessante isländische Sage: Saemundr, der beim Teufel gelernt hat, entkommt ihm mit genauer Not, doch wird durch Zuschlagen der eisernen Tür seine Ferse verletzt (Maurer, Island. Volkssagen, S. 121). Hinzuzufügen ist Papahagi, din liter. poporana Aromînilor S. 767: Eine schöne und gutmütige Frau hatte unter ihrer Schwiegermutter schrecklich zu leiden, die sogar so weit ging, ihre Schwiegertochter mit dem Messer anzufallen. Mit Mühe entkam die Frau, aber das Messer erreichte grade noch ihre Fersen und schnitt sie ab. Die Unglückliche floh in den Wald, wo sie Gott bat, sie in ein wildes Tier zu verwandeln, damit sie sich an der Schwiegermutter rächen könne. Gott gewährte ihr die Bitte: als Bärin zerriß sie die Alte in Stücke. Sie hat aber keine Fersen. Ferner vgl. J.v. Negelein, Zeitschr. f. Volksk. XIII, 261, wo eine mythische Vorstellung rekonstruiert wird, nach welcher dem Toten und dem hinkenden Teufel die Ferse fehlen soll. Wem der Teufel die Ferse entreiße, der sei als seinem Reiche zugehörig gekennzeichnet.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 146.
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