B. Sage von Distel und Hafer.

[185] Wiederum eine Teilungssage, in der der Teufel zunächst durch Gott oder einen Apostel, dann auch durch einen Menschen oder ein Tier geprellt wird:


1. Russisch.

1. Schon seit vielen Jahren hatte Gott das Brot den Menschen gegeben und zwar als Hafer, Hirse, Korn und Weizen. Alles das gehörte den Menschen.[185] Da sagte der Teufel: »Gib auch mir, o Herr, wenn auch nur den Hafer, damit ich zu essen habe.« Und er erhielt ihn. Nun wanderten einmal der Herr und Sankt Peter auf Erden. Da sagte Petrus zu Gott: »Herr, wenn wir doch Hafer hätten, die Pferde könnten ihn fressen.« »Ja, aber wie wollen wir ihn dem Teufel abnehmen?« Petrus antwortete: »Ich werde ihn irgendwie herbeilocken

Der Teufel kommt daher und, um es nicht zu vergessen, sagt er immer vor sich hin: »Hafer, Hafer, Hafer« ... Der heilige Petrus läuft und setzt sich unter eine Brücke. Während nun der Teufel hinüberläuft und immer jenes Wort wiederholt, da schreit Petrus plötzlich: »Tju – ...!« Der Teufel fuhr zusammen und rief: »Jetzt hast du mich so erschreckt, daß ich das Wort vergessen habe!« Petrus sagte zu ihm: »Du hast gesagt: Distel.« Der Teufel läuft weiter und schreit: »Distel, Distel!« Seit jener Stunde besitzt der Teufel die Distel für sich. Und wenn dem Bauern Getreide wächst, so säet der Teufel dort die Distel.


  • Literatur: B.D. Grinčenko: Etnogr. Materiali II, S. 15–16. Čubinskij I, S. 81.

2. Einmal bat der Teufel den lieben Gott, ihm ein Geschenk zu machen. Gott sprach: »Was kann ich dir geben? Da ich dir weder den Roggen, noch die Gerste, noch die Hirse geben kann, werde ich dir den Hafer geben.« Der Teufel entfernte sich voll Freude und rief: »Hafer, Hafer!« Petrus und Paulus aber fragten den lieben Gott: »Herr, warum hast du den Hafer dem Teufel übergeben?« »Was soll ich jetzt machen, da ich ihn ihm überlassen habe?« »Oh,« erwiderte Paulus, »ich werde ihn wegnehmen.« »Wie wirst du das machen?« »Das ist meine Sache,« sagte Paulus. »Nun gut, so geh.« Paulus überholte den Teufel und verbarg sich unter der Brücke, über die der Teufel gehen mußte, der »Hafer! Hafer!« schrie. Paulus stieß ein Geheul aus. »Warum erschreckst du mich?« fragte der Teufel. »Gott hat mir eine Pflanze gegeben, jetzt kann ich mich nicht mehr auf den Namen besinnen.« »Roggen vielleicht?« »Nein.« »Weizen?« »Auch nicht.« »Am Ende die Distel?« »Ja, das war es, das war es,« rief der Teufel und lief davon und rief immer: »Distel, Distel!«


  • Literatur: Gubernatis, Myth. d. Plantes II, 325.

3. Als Gott die Verteilung der Pflanzen vornahm, war der Teufel nicht zugegen. Er eilte erst nach allen andern hinzu, als diese das Ihrige erhalten hatten, und bekam nichts. Da begann er zu weinen, und Gott hatte Mitleid und befahl ihm, sich für den Hafer aufschreiben zu lassen. Der Teufel lief über das Feld, und um es nicht zu vergessen, wiederholte er fortwährend mit lauter Stimme: »Hafer! Hafer!« Ein Mensch hörte, welch schönes Geschenk Gott dem Teufel gemacht hatte, und sprach zu sich: »Ich will ihn erschrecken!« Und auf einmal schrie er auf: »Wohin?« Der Teufel verstand aber »Ackerrade!« (agrostemma githago [Russisches Wortspiel mit kukolj]). Er vergaß den Hafer, schrie statt dessen: »Ackerrade!« und ließ sich für die Ackerrade einschreiben. Daher sagt man, daß diese ein Teufelskraut sei.


  • Literatur: Dragomanov, Mal. pred. S. 14 f. Französisch bei Rolland, Faune pop. II, 231.

4. Einmal stritt der Teufel mit Gott und sagte: Disteln und Nesseln sind Gottes Gemüse, Roggen und Weizen sind des Teufels Nahrung. Da sprach Gott:[186] Nicht wahr? Disteln und Nesseln sind des Teufels Gemüse, Roggen und Weizen sind Gottes Nahrung. [Schluß fehlt.]


  • Literatur: Federowski, Lud białorusski 1, 531. Ebenso wird bei Dobrovolskij I, S. 282, Nr. 45 die Distel als Teufelsnahrung der Gerste als einem christlichen Essen gegenübergestellt. Gott selbst gab der vom Teufel geschaffenen Gerste den Namen, wozu jener nicht imstande war.

In einer kleinrussischen Sage vom Teufel, der ins Meer getaucht ist und aus der heraufgeholten Erde die Unebenheit der Oberfläche geschaffen hat, wird des weiteren erzählt: Gott habe den Hafer gesät, der Teufel Unkraut, Gott habe die Kuh geschaffen, der Teufel die Ziege.


  • Literatur: Dragomanov I, 15–16.

Der Zusammenhang dieser hinzugefügten Erzählung mit der dualistischen Weltschöpfungssage geht auch aus folgender Variante hervor:


Das Schilf ist Eigentum der Teufel, wo sie beständig wohnen. Sie wurden dessen Eigentümer, als der Heiland noch auf Erden lebte. Einst begegnete der Teufel dem Heiland und begann ihn zu bitten, ihm die Hirse und den Hafer aus dem Grunde zu geben, weil er ihm bei der Erschaffung der Welt mitgeholfen, selbst aber kein Eigentum besäße. Der Heiland erfüllte seine Bitte und sagte: »Möge es so sein, die Hirse und der Hafer seien von nun an dein.« Der Teufel freute sich so über das Geschenk, daß er den Dank an den Heiland vergaß und schleunigst hüpfend davonrannte. In dem Augenblicke begegnete ihm der Wolf, welcher die große Freude des Teufels wahrnahm und ihm zurief: »Aber was springst du denn so?« Der Teufel aber erschrak dermaßen über das plötzliche Erscheinen des Wolfes, daß er sogar das empfangene Geschenk vergaß und in der Hitze, statt zu antworten: »Gott hat mir die Hirse und den Hafer geschenkt,« sagte: »Mir gab der Herr das Schilf und die Distel!« Man behauptet, der Teufel könne sich bis jetzt nicht erinnern, was ihm der Herr geschenkt, und daher besitzen die Teufel nach dem Ausspruch jenes einen nur das Schilf und die Distel.


  • Literatur: Čubinskij, Trudy I, 79; Französisch im Auszug bei Gubernatis, Myth. d. Plantes II, 324.

2. Polnisch.

Bei Erschaffung der Welt verteilte Gott verschiedene Samen unter die Menschen, Vögel und Tiere. So gab er denn auch dem Teufel einige Körnchen Hafer und Buchweizen. Aber der heilige Michael bemerkte, daß die Menschen diese Körner nötig brauchen würden, während der Teufel an Disteln und Nesseln genug habe. Darauf schickte der Herrgott den heiligen Michael, daß er dem Teufel diesen Samen wegnehme und ihm dafür Disteln und Nesseln gebe.

Der Erzengel jagte hinter dem Teufel her und holte ihn ein, während dieser ohne Unterlaß schrie: »Mein Hafer! Mein Buchweizen!« »Was sagst du?« unterbrach ihn der Engel. Und in diesem Augenblicke vergaß der Teufel, wie die von Gott erhaltenen Samen hießen. Da erinnerte ihn der Engel daran, daß er Disteln und Nesseln bekommen habe.


  • Literatur: A. Pleszczyński, Bojarzy międzyrzeccy. Warszawa 1893, S. 153 f. Nr. 5. Eine polnische Fassung auch bei Kolberg, Lud, Serie 7, III, S. 6. Eine andere, sehr kurze in La Tradition IV, 39: Lucifer fragte den Erzengel Michael: Wo soll ich jetzt säen? – In den Einöden. – Und was? – Hafer [owies]. Der Teufel verstand Distel [oset]. Seitdem sät er nur dieses Unkraut, und darin besteht auch seine Ernte.

3. Rumänisch.

[187] In den rumänischen Märchen aus der Bukowina, die Ludwig Adolf Staufe-Simiginowicz im Jahre 1852 dem Kaiser Franz Josef I. überreichte und die jetzt in der Wiener Hofbibliothek (Nr. 13571) aufbewahrt werden, steht auf Bl. 52a ein Märchen von Christus und dem Teufel, worin ebenfalls das Brot dem Menschen, die Disteln dem Teufel gegeben werden.


  • Literatur: Mitteilung von Joh. Bolte in der Zeitschr. d. Vereins f. Volksk. IX, 84.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 185-188.
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