6. Kapitel.

Die Bestrafung der Schlange.

[216] Bei J.B. Holzmayer, Osiliana, S. 38, findet sich die kurze Notiz:


Vorzeiten gingen die Schlangen aufrecht und sprachen. Eine ungarische Sage lautet: Als die Schlange Adam und Eva verführt hatte, verfluchte die heilige Jungfrau die Schlange, daß sie nicht gehe, nur krieche und den Staub der Erde fresse (Kálmány, Vil. al. ny. 38). Eine Variante aus Ungarn lautet: Vordem, als die Schlange noch im Paradies war, hat sie nicht gestochen. Erst seit der Vertreibung sticht sie (Kálmány, ebd. 46).


In einer ausführlicheren maltesischen Erzählung hören wir folgendes:


Als Gott die Tiere schuf, gab er allen Beine. So kam es, daß auch die Schlange Beine hatte. Aber als eines dieser Tiere Böses getan hatte, indem es die ersten Menschen versuchte, wurde der liebe Gott zornig und rief: »Schlange, du sollst nun Staub fressen und immer auf deinem Bauche kriechen!« Bei diesen Worten ließ Gott der Schlange die Beine abfallen. Da rief die Schlange traurig: »Wie soll ich mich nun vorwärts bewegen?« Gott aber versetzte: »So gut du kannst, auf deinem Bauche! Du sollst kriechen, auf daß du dich schämen müssest!« Aber die Schlange war ein eitles Tier und kroch nicht gerne auf der Erde hin, wenn es die Menschen sehen konnten. Denn wenn sie Menschen in der Nähe weiß, so kriecht sie nicht, sondern stützt sich auf ihren Schwanz und schnellt sich vorwärts. Damit kommt sie sehr rasch vorwärts und macht die Menschen glauben, daß sie immer noch Füße habe. Die Schlange kann eben ihre Falschheit nicht ablegen und ihre Sucht zu betrügen. Und da die Schlange beim Kriechen die Sonnenstrahlen nicht einsaugen kann, so richtet sie sich manchmal auf und versucht es, die Sonne anzulecken mit ihrer langen, schmalen Zunge. So sucht sie den auf ihr lastenden Fluch zu mildern. (Ilg, Maltesische Märchen I, Nr. 70.)


Der aufrechte Gang der ehemals vierfüßigen Schlange ist uns schon oben als arabische Sage begegnet (Weil, S. 28). Die gleiche Tradition haben die Juden.1 Vergleiche folgende Stellen:


[216] Bereschit Rabba XIX, Kap. III, 1 (Wünsche, S. 82):

Nach der Ansicht des R. Hosaja des Großen war die Schlange zweifüßig und stand aufrecht wie ein Rohr.

Ebenda Kap. III, 15:

In dem Augenblicke, wo Gott dieses (»Auf deinem Bauche sollst du gehen«) sprach, stiegen die Dienstengel hernieder und hieben der Schlange Hände und Füße ab, und ihre Stimme wurde gehört von einem Ende der Welt bis zum andern. (Wünsche, S. 89.)

[Ebenda:

Nach R. Hosaja von Sichnia im Stamm des R. Levi wurde die Schlange mit dem Aussatze verflucht, denn sie ist mit vielen Flecken gezeichnet. (Wünsche, S. 88.)]

In Pirke Rabbi Eliezer, Kap. 13 u. 14, wo Sammael (also Satan) auf dem Rücken der Schlange sitzt, die das Ansehen eines Kamels hatte,2 und ihr alles einflüstert, was sie zu sagen hat, wird die Schlange verurteilt, unter Schmerzen alle sieben Jahre die Haut zu wechseln und tödliches Gift im Munde zu haben.


Wie die Vierfüßigkeit der Schlange, so kann auch ihre Sprachfähigkeit in sehr alten Quellen nachgewiesen werden.

Zwei weitverbreitete Bücher haben sowohl die eine als auch die andere Sage über örtliche und zeitliche Grenzen hinweggetragen und ihnen eine ungemein zähe Lebensfähigkeit verliehen:

1. Das Buch der Jubiläen, so benannt, weil die Zeiteinteilung nach Jubelperioden für die teils biblische, teils sagenhafte Geschichte Israels konsequent durchgeführt ist [auch als ›kleine Genesis‹ bekannt], von einem Inder in vorchristlicher Zeit verfaßt. In ihm entfernt sich die Geschichte des ersten Menschenpaares nicht weit von der Bibel. Übersetzung eines äthiopischen Textes von Dillmann (in Ewalds Jahrbüchern II, 230); ein lateinischer Text nebst ausführlichen Untersuchungen bei Rönsch, Buch der Jubiläen, Leipzig 1874. – Vgl. Ceriani, Monumenta sacra I, Mailand 1861.

2. Das Adamsbuch, eine romanhafte Erzählung von Adam und Eva, die wahrscheinlich in vorchristlicher Zeit von einem Inder verfaßt wurde. Aus dem hebräischen Original wurde sie ins Griechische übersetzt und (wohl bald nach dem 4. Jahrhundert) ins Lateinische. Von der griechischen Übersetzung haben wir nur eine verstümmelte, im Mittelalter stark umgestaltete Rezension, die sogenannte Apokalypse Mosis (hrsg. von Tischendorf, apocalypses apocryphae 1866, nach Handschriften des 12. u. 13. Jahrhunderts). Der ursprüngliche griechische Text liegt zugrunde der Vita Adae et Evae (hrsg. von Wilh. Meyer). Ein äthiopischer Text (»Das christliche Adambuch des Morgenlandes«, übers. von Dillmann in Ewalds[217] Jahrb. V) ist jetzt als die Übersetzung eines arabischen Textes von Wilh. Meyer erkannt worden, der einiges aus diesem in den Anmerkungen seiner Ausgabe des lateinischen Textes in deutscher Übersetzung veröffentlicht hat. Eine slawische Fassung der Vita Adae et Evae hat V. Jagić herausgegeben und zugleich deren Verhältnis zu dem griechischen und lateinischen Text sowie zu anderen slawischen Versionen besprochen.

Über die Bestrafung der Schlange sagt der äthiopische Text (Dillmann, S. 22 f.) folgendes:


Adam und Eva aber gingen fort von dem Eingange der Höhle und wandelten nach dem Garten hin. Und als sie ihm nahe kamen, vor der westlichen Pforte (desselben), durch die der Satan, als er Adam und Eva verführte, eingetreten war, trafen sie die Schlange an, in die der Satan eingefahren war, traurig Staub leckend und auf ihrer Brust sich über die Erde hinwälzend wegen des Fluches, der vom Herrn über sie gekommen war. So sehr sie zuvor erhaben gewesen war, so war sie nun geworden schlüpfrig, niedriger als alle Tiere, auf ihrer Brust sich hinschleppend und auf ihrem Bauche gehend; die die schönste gewesen war unter allen Tieren, war nun die häßlichste geworden; die gute Dinge gefressen hatte, war nun so geworden, daß sie Staub fressen mußte; die schöne Örter zu ihrer Wohnung gehabt hatte, deren Wohnung war nun der Staub geworden; die allen Tieren Wohlgefallen und ihnen allen Bewunderung durch ihre Schönheit eingeflößt hatte, war nun verabscheut bei ihnen. Und wiederum, während sie an einem Ort (mit ihnen) gewohnt hatte und sie zu ihr gekommen waren, und überall, wo sie trank, auch die andern getrunken hatten, so fliehen nun, nachdem sie durch den Fluch Gottes giftig geworden ist, alle Tiere ihren Ort und trinken nicht aus dem Wasser, aus dem sie trank, und wenn sie sie sehen, fliehen sie alle vor ihr. Als nun die verfluchte Schlange den Adam und die Eva sah, ließ sie ihren Kopf aufschwellen und stellte sich auf ihren Schwanz, und ihre Augen wurden wie Blut; und sie wollte sie töten. Und sie kam zuerst auf die Eva zu, und sie (die Eva) lief davon. Adam aber, der da stand, weinte, denn er hatte keinen Stock in seiner Hand,3 um die Schlange damit zu erschlagen, und wußte nicht, wie sie[218] töten. Aber sein Herz entbrannte um der Eva willen; so ging er auf die Schlange los und faßte sie am Schwanze. Da kehrte sie sich gegen ihn und sprach zu ihm, dem Adam: »Wegen deiner und wegen der Eva bin ich schlüpfrig geworden, daß ich auf meinem Bauche gehen muß«; und durch die Größe ihrer Stärke warf sie den Adam und die Eva zu Boden und legte sich über sie her, indem sie sie töten wollte. Da sandte Gott seinen Engel; der warf die Schlange von ihnen herab und richtete sie auf. Und das Wort des Herrn kam zu der Schlange und sprach zu ihr: »Das erste Mal habe ich dich nur schlüpfrig gemacht und gemacht, daß du auf deinem Bauche gehen mußt, aber die Sprache habe ich dir nicht genommen. Von nun an aber sollst du stumm sein und nicht mehr reden können, du und dein Geschlecht. Denn durch dich ist das Verderben meiner Diener zum erstenmal gekommen, und nun hast du sie töten wollen.« Und die Schlange ward zur Stunde stumm und konnte nicht wieder reden.


Diese Strafe des Verstummens, die wir als mündliche Volkstradition schon zu Beginn dieses Kapitels erwähnt hatten, finden wir auch in dem Buche der Jubiläen, Kap. 3 (Dillmann, S. 238):


Und an jenem Tage [da Adam aus dem Garten Eden ging] wurde verschlossen der Mund aller Tiere und des Viehes und der Vögel und dessen, das (auf Füßen) geht, und dessen, was sich regt, daß sie nicht mehr sprechen konnten: denn sie alle sprachen (zuvor) miteinander eine Lippe und eine Zunge.


Es wird hier offenbar die »eine Sprache und einerlei Rede« der Genesis – ein Zeichen des Gottesfriedens – auch auf die Tiere ausgedehnt.4

Auf diese beiden literarischen Quellen gehen die Zeugnisse älterer Schriftsteller zurück:

1. Georgius Syncellus, Chronographia (Bonner Ausgabe 1829, S. 13 = Rönsch, S. 281):


Von den wilden Tieren, den Vierfüßlern und den Kriechern sagt Josephus [Arch. I, 1, 14]5 und die Kleine Genesis,6 daß sie vor dem Sündenfalle mit den Ersterschaffenen einerlei Sprache hatten; daher redete – heißt es dort – die Schlange mit menschlicher Stimme zur Eva, was unmöglich zu sein scheint; denn jedes vernünftige Wesen ist nach dem Ebenbilde Gottes, jene aber sind nicht nach demselben ... Daß die Schlange jedoch vormals vier Füße hatte und nach der [von ihr gegebenen] schlimmen Anleitung kriechend wurde, ist uns nicht unglaublich.


2. Georgius Cedrenus, σύνοψις ἱστοριῶν, p. 9 (Rönsch, S. 303):


Die wilden, die vierfüßigen und die kriechenden Tiere hatten vor dem Sündenfalle gleiche Stimme mit dem Menschen; daher, heißt es, redete die[219] Schlange mit menschlicher Stimme zur Eva ... Daß die Schlange vorher vier Füße hatte und nach der Verführung zu einem Kriechtiere ward, und daß ihr dann Gift auf die Zunge gelegt wurde, halten wir nicht für unglaublich.


3. Joannes Zonaras, Χρονικόν I, 2, p. 23 (Rönsch, S. 313):


Josephus sagt, damals hätten alle lebenden Wesen einerlei Stimme (und Sprache) gehabt ... Gott aber beraubte die Schlange der Füße und nahm ihr die Stimme, wie Josephus sagt, und befahl ihr, sich auf der Erde fortzuwinden.


4. Michael Glycas, Βίβλος χρονική I, 197 f.:


Nicht als ob früher die Schlange Füße besessen hätte, wie sowohl Josephus als auch die Kleine Genesis sagt, erklärt Gott, nun müsse sie auf dem Bauche einhergehen, sondern weil sie nach des Chrysostomus [?!] Ansicht infolge der aufrechten Stellung eine solche Dreistigkeit gewonnen hatte, daß sie der Eva bis zum Ohre sich näherte und über solches mit ihr redete, wurde sie – und zwar ganz mit Recht – verurteilt, sich auf der Erde dahin zu schleppen. Denn obgleich sie schon anfangs ohne Füße gebildet worden war, so nahm sie doch, durch die Kreise ihrer nach unten gehenden Verschlingungen emporgerichtet, mit ihrem ausgestreckten Brustteile eine gleichsam auf jenen reitende Stellung ein. – Vgl. Glycas I, 206 (Rönsch, S. 315), wo er noch einmal gegen die Annahme polemisiert, die Schlange habe Füße und Hände verloren, weil sie frech in das Paradies eindrang und zuerst von dem Baume aß.


Der Gedanke, daß nicht nur der Schlange, sondern allen Tieren die Sprache entzogen wurde, kehrt wieder in folgender arabischen Legende:


Einige Zeit, nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben waren, erzeigte sich Gott ihnen gnädig, und so schickte er ihnen eines Tages auch den Engel Gabriel mit Weizenkörnern, zwei Stieren und allerlei Ackerwerkzeugen, und der Engel zeigte Adam, wie der Boden gepflügt und die Frucht gesät und geerntet werden muß. Aber der Pflug blieb plötzlich trotz aller Anstrengung der Stiere stehen. Adam schlug die Stiere. Da fragte ihn der älteste der beiden: »Warum mißhandelst du mich?« – Adam antwortete: »Weil du den Pflug nicht weiter ziehst.« – »Hat dich Gott, als du ihm widerspenstig wärest, auch so geschlagen?« – Adam betete zu Gott: »Soll, nachdem du mich begnadigt, es jedem Tiere erlaubt sein, mich an mein Vergehen zu erinnern?« Von diesem Augenblick an entzog Gott allen Tieren die Sprache.7

Da indessen der Pflug nicht weiter zu bringen war, grub Adam die Erde auf und fand die Leiche seines Sohnes Abel, den Kain dort verscharrt hatte.


Vergleiche noch folgende jüdische Sage:


Anfangs gehorchte die Kuh dem Pflüger, und auch der Acker ließ sich willig pflügen; als aber Adam gesündigt hatte, empörten sie sich; weder die Kuh noch die Erde wollte länger gehorchen. Da kam Noah und brachte sie zur Ruhe.


  • Literatur: Grünbaum, Zeitschr. d. deutsch. morgenl. Gesellsch. XXXI, 189.

[220] Wie es scheint, darf man auch hier einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Adamsbuch annehmen, wo ganz ebenso, wie hier, dem seines alten Ansehens beraubten Adam Schutz vor der Unbotmäßigkeit der Tiere gewährt wird. Es wird nämlich bei Dillmann, S. 18, erzählt:


Und Adam sprach zu Gott: »O Herr, du hast uns in dem Garten geschaffen, und hast uns gemacht, daß wir in dem Garten seien, und ehe ich übertrat, hast du alle Tiere zu mir gebracht, damit ich sie benenne. Und deine Gnade ruhte auf mir, und so benannte ich sie alle, wie es in deinem Sinne war, und du hast sie alle unschädlich (heilsam) für mich gemacht. Aber jetzt, o Gott, da ich deinen Befehl übertreten habe, werden alle die Tiere gegen mich aufstehen, um mich und deine Magd Eva zu fressen, und werden mein Leben wegraffen von dem Angesicht der Erde. Und ich bitte dich, o Gott, da du uns aus dem Garten vertrieben, und uns unsern Aufenthalt in einem fremden Lande angewiesen hast, so erlaube nicht den Tieren, uns zu beschädigen.« Und als Gott dieses Wort von Adam hörte, ward er ihm gnädig, und er erkannte, daß er recht habe, daß allerdings die Tiere sie fressen würden, weil er auf sie zürnte um ihrer Übertretung willen. Und Gott befahl den Tieren und den Vögeln und allem, was sich auf Erden regt, daß sie zu Adam kommen und mit ihm Frieden schließen und weder ihm und der Eva, noch den Guten und Gerechten unter ihren Nachkommen irgend einen Schaden zufügen sollten. Da beugten sie sich vor ihm auf den Befehl Gottes, mit Ausnahme der Schlange, auf welche Gott zürnte, daß sie nicht mit den übrigen Tieren zu Adam kommen durfte. [Daher war denn der oben erwähnte Angriff der Schlange möglich.]


Zu diesem Sagenthema, daß die Auflehnung von Adams Ackergespann mit dem Entziehen der Sprechfähigkeit bestraft wird, gehört als passende Parallele ein anderes Thema, das uns von den Bäumen berichtet, welche sich weigern, sich fallen zu lassen. Der Mensch wird von Gott aus seiner Verlegenheit befreit, indem die Bäume fernerhin nicht mehr widersprechen dürfen.


1. Estnische Sage:8


Vor alters konnten die Bäume reden. Jetzt haben sie zwar auch eine Seele, was man daran erkennt, daß sie wachsen, Blüten und Früchte bringen, wozu ein abgehauener Baum nicht mehr imstande ist; die Sprache aber ist ihnen genommen.

Ein Bauer ging in den Wald, um Holz zu hauen. Der erste Baum, den er abhieb, war eine Tanne, aber aus ihrem Innern scholl ihm eine Stimme entgegen: »Haue mich nicht! Siehst du nicht, wie zähe Tränen aus meinem Fleische hervordringen? Es würde dir übel gehen, wenn du mir das Leben nähmest.« – Der Bauer wandte sich zu einem Fichtenbaume und hob seine Axt gegen ihn auf. Die Seele des Baumes aber rief ihm zu: »Haue mich nicht um! Du würdest wenig Nutzen von mir haben, denn mein Holz ist gewunden und ästig.« Unwillig wandte sich der Bauer zu einem dritten Baume, der Eller, und begann sie umzuhauen. Der Baumgeist aber schrie: »Hüte dich, mich zu verletzen! Bei jedem Hiebe dringt mein Blut von meinem Herzen heraus und färbt mein Holz und deine Axt blutig.« Betrübt über diese Abweisungen machte er keinen Versuch mehr, sondern schickte sich an, nach Hause zu gehen. Als er[221] aus dem Walde heraustrat, begegnete ihm der Herr Jesus und fragte, weshalb er so mißmutig aussehe. Er erzählte sein Mißgeschick. Da antwortete ihm der Herr: »Kehre nur wieder um und haue ab, was du willst; denn von jetzt an werde ich den Bäumen verbieten, zu reden und den Menschen zu widersprechen.« Es geschah, und seit der Zeit wagt es kein Baum, gegen die Axt des Menschen die Stimme zu erheben. Doch hört man es im Walde noch sanft rauschen und die Blätter sich bewegen, wenn die Bäume leise miteinander flüstern.


2. Lettische Sage:


In alten Zeiten sprachen die Bäume. Aber nun gab es eine eigentümliche Verlegenheit. Sobald ein Baum gefällt werden sollte, bat er flehentlich: »Was willst du mich fällen – geh lieber zum krummen.« Ging man zum krummen, so bat der wiederum: »Was willst du mich fallen – geh lieber zum schiefen.« Da sagte Gott: »Holz brauchen die Menschen, zum Fällen kommen sie nicht; so geht das nicht.« Da nahm er ihnen die Sprache.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis V, 108, Nr. 36.

3. Eine andere lettische Sage:


Einst redeten alle Bäume und baten den Menschen, er möge sie mit dem Umhauen verschonen. Ein Bauer ging in den Wald, wollte eine Linde fällen, und sie sagt: »Fälle mich nicht. Ich werde dich zu dem machen, was du willst.« Der Bauer spricht: »Gut, mach mich zum Gutsherrn.« Sie machte ihn zum Gutsherrn, aber nach einiger Zeit ward er es überdrüssig. Er ging also in den Wald und wollte wiederum die Linde fallen. Sie bat wiederum, verschont zu werden, und sagte zu ihm: »Ich mache dich zu dem, was du willst.« Der Bauer sagte: »Mach mich zum König.« Und sie machte ihn zum König. Aber bald war ihm auch dies zu wenig. Er geht in den Wald und will wiederum die Linde umfallen. Sie bittet wiederum und sagt: »Ich mache dich zu dem, was du willst.« »Mach mich zum Gott.« Die Linde sagt: »Stelle dich auf alle Viere. Ich werde dich dazu machen.« Der Bauer stellte sich auf alle Viere, und im selben Augenblick wurde er zottig und wurde ein Bär. Der Herrgott aber machte, daß die Bäume nicht mehr reden können. (Mischung mit dem Thema: De Fischer un syne Fru.)


  • Literatur: Zbiór 15, 271. Aus dem polnischen Livland.

An die Sagen von der Verfluchung der Schlange reiht sich zum Schlusse noch folgende Sage aus Cäsarea (Kleinasien) an:


Die Schlange betrog unsere gemeinsame Mutter Eva, und Gott verfluchte sie.

»Ich werde mich an dem Menschen rächen,« sagte die Schlange. »Von diesem Tage an schwöre ich dem Menschengeschlechte unversöhnlichen Haß.«

»Wie wirst du dich an dem Menschen rächen?« fragte der Schöpfer.

»Ich werde mein Gift in die Wasserläufe und Sümpfe gießen, und der Mensch wird sterben.«

»Er wird nicht sterben,« versetzte der Ewige. »Ich werde den Esel jedesmal harnen lassen, wenn er die fließenden Wasser durchschreiten muß, und das wird ein Gegengift sein gegen dein Gift.«

Seit dieser Zeit gehorcht der Esel dem Gebot des Allmächtigen, und er kann nicht den kleinsten Bach überschreiten, ohne sofort die Flüssigkeit zu verbreiten, die das Gift der Schlange zerstört.


  • Literatur: Carnoy et Nicolaïdes, trad. pop. de l'Asie mineure, p. 237.

[222] Vergleiche hierzu eine Version aus Griechenland (Patras):


Die Esel beklagten sich bei Gott, daß sie von den Menschen verachtet würden und daß sie ihnen nur Reben zu fressen gäben. Da sagte ihnen Gott, er würde ihnen viel Gutes geben, sogar die Stimme, sobald sie von ihrem Harn einen Strom machten.

Daher, wo sie fließendes Wasser sehen, glauben sie, es sei von andern Eseln und harnen, damit es mehr werde und ein Strom entstehe.


  • Literatur: Politis, Nr. 1008.

Fußnoten

1 Im jerus. Targum zu Gen. III, 14 sagt Gott zur Schlange: Auf deinem Bauche sollst du einhergehen, und deine Füße sollen dir abgehauen werden, und deine Haut soll alle sieben Jahre dir abgezogen werden [zur Strafe dafür, sagt der Kommentar zum Targum, daß Adam eine andere Haut, als die frühere war, bekam], und tödliches Gift soll in deinem Munde sein, und Staub sollst du essen all dein Leben lang.


2 Dies ist vermutlich arabischen Ursprungs (vgl. oben S. 206 f.), da sich in jüdischen Schriften nichts Entsprechendes findet (Grünbaum, Neue Beiträge 60) und das Buch auch sonst unter arabischem Einfluß steht.


3 Anders in folgender Sage, die in diesen Kreis gehört:

Als die Schlange im Paradiese die ersten Eltern verführt hatte und von Gott zur Rede gestellt wurde, richtete sie sich stolz empor. Da nahm der Herr (Jesus!) einen Stab und schlug sie mitten durch, so daß das Kopfende auf die Erde, das hintere ins Meer fiel. Aus letzterem wurde der Aal, aus ersterem eine neue Schlange, von der alle jetzt lebenden abstammen. (Sage der Schweden an den Küsten Estlands.)

Rußwurm, Eibofolke § 356, 8. Eine Erweiterung, die aus dem Mittelstück der Schlange die Eidechse werden läßt, findet sich bei Rußwurm, Sagen aus Hapsal Nr. 193 (Schwedisch). Lettische Parallele:

Einst fand Gott, als er mit dem Teufel am Flußrande spazierte, eine alte Pferdefessel. Er wollte sie in den Fluß werfen, aber der Teufel faßte sie am andern Ende und riß sie entzwei. Gott warf seine Hälfte in den Fluß, und sie wurde zu einem Aal, der Teufel warf die seine aufs trockene Land, und aus ihr entstand eine Schlange. Deshalb pflegt man noch heute zu sagen, daß Aal und Schlange miteinander verwandt sind.

Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1194, Nr. XI, 132.

Über Schlange und Aal im deutschen Volksglauben siehe Zeitschr. f. Ethnol. 1883, Heft 2, S. 95. Auch Schriften der naturforsch. Gesellsch. in Danzig, n.F. VI, 2, S. 211.


4 Vgl. Ztschr. d. dtsch. morgenl. Ges. 31, 242 f., wo auch auf Plato, Polit. 272, und Philo, De confus. linguar. 1, 406 verwiesen wird. Danach war im goldenen Zeitalter allen Geschöpfen die Sprache verliehen.


5 ἀφείλετο δὲ καὶ τὸν ὄφιν τὴν φωνὴν [ὁ θεός]... ποδῶν τε αὐτὸν ἀποστερήσας σύρεσθαι κατὰ τῆς γῆς ἰλυσπώμενον ἐποίησε.


6 Hier und in den folgenden Zeugnissen ist das Buch der Jubiläen mit dem Adamsbuch verwechselt, denn nur dieses erzählt von den vier Füßen der Schlange.


7 G. Weil, Biblische Legenden der Muselmänner, 1845, S. 40. In diesen Zusammenhang gehören auch jüdische Belege, die Grünbaum in den Neuen Beiträgen aus Bamidmar R., S. 11, Pesikta d.R.K., 44 b und anderen Stellen anführt: Solange der Mensch sündenfrei ist, fürchten sich die Geschöpfe vor ihm; hat er aber gesündigt, so fürchtet er die Geschöpfe, wozu unter anderen Beispielen auch Adam angeführt wird.


8 Rußwurm, Sagen aus Hapsal, 188, Nr. 198.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 223.
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