8. Kapitel.

Körperliche Veränderungen nach dem Sündenfall.

[225] Der biblische Bericht, daß Adam nach Gottes Bilde geschaffen ward, veranlaßte die Vorstellung, daß er gleich Gottes Lichtengeln einen Lichtleib gehabt haben müsse. Im äthiopischen Adamsbuch wird mehrfach erwähnt, daß Adam und Eva, wie sie der paradiesischen Lichtwelt angehörten, so auch selbst als Lichtwesen erschaffen waren. Erst nach dem Sündenfall entzog ihnen der Herr die Lichtnatur. Vgl. besonders Dillmann, S. 18 f.:


Und Gott sprach zu Adam: Solange du unter meinem Befehl und ein Lichtengel warst, kanntest du das Wasser nicht. Seit du aber meinen Befehl übertreten hast, vermagst du nichts ohne Wasser; du mußt deinen Leib damit tränken und wachsen machen; denn er ist tierähnlich geworden und hat das Wasser nötig.

S. 20: Solange du in meinem Garten unter meinem Befehl warst, war das Lichtwesen über dir; als ich aber deine Übertretung wahrnahm, entzog ich dir die Lichtnatur; aber nach meiner Barmherzigkeit verwandelte ich dich nicht (ganz) in Finsternis, sondern machte dir diesen deinen Körper und schuf diese Haut an demselben, damit er Kälte und Hitze damit ertrage.

S. 35: Adam, solange du in meinem Garten warst, wußtest du nichts von essen und trinken, von Müdigkeit und Leiden, und nichts von Dürre des Körpers, von Veränderung und von Schwinden des Schlafes aus dem Auge.

S. 37: Adam klagt: Mein Körper ist dürre geworden vor Durst: so gib mir denn Lebenswasser, damit ich davon trinke.


Von Adams Lichtgestalt berichtet auch die syrische Schatzhöhle (hrsg. von Bezold S. 3):


Und als die Engel sein herrliches Aussehen gewahrten, wurden sie bewegt von der Schönheit seines Anblickes; denn sie sahen das Gebilde seines Antlitzes, während es entzündet ward in herrlichem Glänze gleich der Kugel der Sonne, und das Licht seiner Augen wie die Sonne und das Bild seines Körpers wie das Licht des Kristalls.


Nach Grünbaums Neuen Beiträgen S. 57 heißt es in der Pesikta d.R. Kahna ed. Buber 36 b und anderen von Buber angeführten Stellen, daß die Ferse Adams die Kugel der Sonne verdunkelte.

Die ursprüngliche Beschaffenheit und die spätere Veränderung des Leibes von Adam und Eva schildert Kalonymos S. 46 f. in folgender Weise:


[225] Auf des Diamantenberges Gipfel (im Paradies) befanden sich Adam und Eva mit langem Haare, wie es heutzutage die jungfräulichen Mädchen wachsen lassen. Dieses Haar reichte bis zu ihren Fußballen; sie verhüllten damit ihre Blöße, ja ihren ganzen Körper, obgleich es ihnen auch als Schmuck und Zierde diente ... Als sie aber von der verbotenen Frucht gegessen, fiel ihr Haar ab, ihre Blöße wurde enthüllt, sie waren nackt, fühlten die Sonnenhitze, ihr Körper wurde schwarz, und ihr Antlitz veränderte sich... Sodann befahl Gott den Engeln, sie hinauszuführen und hinabzuwerfen.


In der Jewish Encyclopædia I, 176 findet sich folgende jüdische Version angegeben:


Adams Haut war eine glänzende Hülle, blank wie seine Nägel. Nach dem Sündenfall verging dieser Glanz, und er war nackt.


  • Literatur: Dazu ist zitiert: Targ. Yer. Gen. III, 7 und Gen. R. XI.

In der Sage vom Tiberiasmeer (vgl. Jagić, Apokr.), wie auch in asiatischen Sagen (oben S. 103 f.) ist es nicht der den Nägeln ähnliche Lichtglanz, sondern die Hornart des Leibes, welche verloren geht.

Demgemäß erzählt die Volkssage der Kleinrussen folgendes:

Noch lange, ehe der erste Mensch gesündigt hatte, war er auf dem ganzen Körper mit solchem Horn, wie wir es an den Nägeln haben, bedeckt. Und es verlangte ihn weder nach Kleidern, noch nach Schuhen, wie uns jetzt. Als er aber sündigte, fiel das Horn von ihm ab, und nur zur Erinnerung, daß er einst damit bedeckt war, ist ein wenig von jenem Horn an den Enden der Finger und Zehen geblieben, und dies wird »Nägel« genannt.


  • Literatur: Etnograf. Zbirnyk XII, S. 21, Nr. 15. Vgl. ebd. III, 1; V, 190. Nowosielski II, 152 (kleinrussisch). Čubinskij, Trudy I, 146.

Parallelen:


Weißrussisch: Federowski, Lud białorusski I, 782.

Großrussisch: Dobrovolskij I, 236, Nr. 16, S. 239, Nr. 19.

Wogulisch: Strauß, Die Bulgaren 15 = Ethnographia V, 264 = B. Munkaćsi, Vogul népkölteszet I, 164.

Ungarisch: Kálmány, Vil. al. ny. 45: Ehedem, als unser Vater Adam noch nicht gesündigt hatte, war sein ganzer Körper wie die Nägel; als er gesündigt hatte, schwand das; nur die Nägel sind geblieben.

Bulgarisch: Schischmanoff Nr. 29. = Strauß, Die Bulgaren S. 16 (die »schuppenähnliche Haut« fiel Adam und Eva ab gleich den Schuppen der Schlange, und es blieben nur die Nägel). Sbornik za nar. umotv. II, Abt. 3, S. 162.

Rumänisch: Revue d. trad. pop. XIII, 530.

Czechisch: Český Lid X, 66. Pohádky a pov. našeho lidu 112.

Mährisch: Časopis Matice Moravské XVI, 195 (1892).

Mohammedanisch: Tabarî I, 80:

Die Haut, die Adam im Paradiese hatte, fiel ihm vom Leibe, ebenso die Haut Evas, und das Fleisch ihres ganzen Körpers ward nackt, wie wir es noch heute haben. Diese Haut, die Adam im Paradiese hatte, war ähnlich unsern[226] Nägeln. Als sie abgelöst wurde, blieb ihnen nur an den Fingerspitzen jener Rest, den wir jetzt haben. Jedesmal, wenn Adam und Eva ihre Nägel betrachteten, erinnerten sie sich an das Paradies und alle seine Wonnen.


  • Literatur: Vgl. Hammer, Rosenöl 25: Adam und Eva waren am ganzen Leibe mit einem hornartigen, weichen, glänzenden, roten Panzer bekleidet, der nun Stück für Stück herabfiel; nur an den äußersten Fingern und Zehen blieben einige Überbleibsel davon zurück, die Nägel, den Menschenkindern zum ewigen Angedenken, daß ihre Eltern das Paradies verloren.1

Im Anschluß an diese weit verbreitete Überlieferung sei hier noch eine zweite Sage mitgeteilt, die ebenfalls an den Lichtleib anknüpft. In dem äthiopischen Adamsbuch (Dillmann 57) wird folgendes erzählt:


Und als es Morgen war, standen sie auf, beteten nach ihrer Gewohnheit und gingen aus der Höhle. Und weil ihr Bauch schwer (beschwert) war, wollten sie draußen frische Luft schöpfen; und wegen der Beschwerden, die sie fühlten, gingen sie mehrmals um die Höhle herum, weinten und sagten untereinander: »Warum doch hat man uns zu essen genötigt, daß wir in diese Krankheit fielen? Es wäre uns besser gewesen zu sterben als zu essen. Wehe uns! Jetzt müssen wir sterben. Es wäre uns besser gewesen zu sterben, ehe wir aßen, dann wäre unser Bauch rein geblieben, so aber ist er unrein geworden.« Und Adam sagte zu Eva: »Solche Beschwerden haben uns nicht befallen im Garten, und solche schlechte Speise haben wir (dort) nicht gegessen. Meinst du, daß Gott uns mit dieser Speise, die wir im Bauche haben, züchtigen will, oder daß er die Absicht hat, daß sie aus unsern Eingeweiden abgehe, oder daß er durch diese Krankheit uns töten will, ehe unser Bund erfüllt ist?« Und Adam flehte zu Gott: »O Herr,« sprach er, »laß uns nicht umkommen durch das, was in unserem Bauche ist. O Herr, züchtige uns nicht, sondern tue mit uns nach deiner Barmherzigkeit und verlaß uns nicht bis auf den Tag deines Bundes, den du uns verheißen hast.« Und Gott blickte auf sie und machte ihnen plötzlich die Öffnungen, durch die sie sich entleeren könnten, wie es zur Natur geworden ist bis auf diese Stunde, damit sie nicht umkommen. Adam und Eva aber stießen das aus, was sie in ihrem Bauche hatten, und gingen in die Höhle hinein, traurig und weinend wegen des Kots, der aus ihrem Leibe gegangen war. Und Adam und Eva fühlten, daß es mit ihnen anders geworden war von jener Stunde an, und ihre Hoffnung, den Garten wieder aufzusuchen, abgeschnitten war und sie nicht mehr hineinkommen konnten, weil ihr Körper eine fremde Gewohnheit angenommen hatte, und kein Körper, der Speise und Trank und Entleerung bedarf, dort weilen kann.


Auch diese Sage ist von den Mohammedanern übernommen worden.

In Hammers Rosenöl S. 27 wird folgendes mitgeteilt:


[227] Als Adam zum erstenmal auf Erden hungerte, brachte ihm Gabriel das Korn und lehrte ihn, wie er die Erde pflügen, dasselbe säen, ernten und kochen müsse, lehrte ihn auch die Zubereitung der sauren Milch, Hogurd genannt. Als Adam gegessen hatte, fühlte er neue Notdurft, die ihm im Paradiese unbekannt geblieben war, denn dort verdufteten die Speisen und suchten keinen Ausweg; auch hierin schaffte ihm Gabriel Erleichterung. Denn wie es bei Tabarî I, 83 f. in Zotenbergs Übersetzung heißt: Gabriel passa son aile sur la partie inférieure du dos d'Adam et sur sa cuisse, pour ouvrir un passage à la nourriture et à la boisson; ces deux issues furent comme celles que nous avons nous-mêmes.

Fußnoten

1 Vgl. bei Boas, Indian. Sagen S. 278 folgende Sage der Tsimschian, die auch die Entstehung der Nägel erzählt: Einst lagen ein Fels am Nass River und ein Alderbeerenbusch zu gleicher Zeit in Wehen. Der Busch gebar zuerst seine Kinder. Wäre der Fels ihm zuvorgekommen, so würden die Menschen unsterblich und ihre Haut hart wie Stein gewesen sein. Da aber der Alderbeerenbusch der erste war, sind sie sterblich, und ihre Haut ist weich. Nur die Nägel an Händen und Füßen zeigen, wie die Haut geworden wäre, wenn die Kinder des Felsens zuerst geboren wären.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 228.
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