9. Kapitel.

Woher stammt des Mannes Bart?

[228] A. In der Vita Adae et Evae1 wird erzählt, wie Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies Hunger empfanden und umsonst solche Speise suchten, wie sie im Paradies genossen hatten. Adam schlägt dann der Eva vor, sie solle bis an den Hals im Tigris stehend 37 Tage strenge Buße tun; er wolle im Jordan dasselbe 40 Tage lang tun; vielleicht werde Gott sie in das Paradies zurückführen. Es geschieht. Auf Adams Befehl versammeln sich um ihn die Fische und die Wasser des Jordan. Nach 18 Tagen kommt der Satan in Engelsgestalt zu Eva, beredet sie, daß Gott ihnen verziehen habe, und führt sie zu Adam, welcher sofort den Betrug erkennt.


Entsprechend heißt es in Pirke Rabbi Eliezer cap. 20 (ed. Vorstius 1644, S. 46), daß Adam im Flusse Gichon gebadet und 7 Wochen lang gefastet habe, bis sein Körper gleich einem Siebe war. Darauf bat er Gott um Vergebung, und Gott nahm seine Reue gnädig an.

In einem arabischen Text des christlichen Adamsbuches des Morgenlandes sagt Adam zu Eva, während sie am Strande des Meeres stehen: »Erheb dich, steig hinab an diesen Ort und steig nicht herauf von ihm bis zur Vollendung von 40 Tagen, bis ich zu dir komme und erflehe von Gott mit dem Brande eines guten Herzens, daß er uns verzeihe. Auch ich will gehen an einen anderen Ort und in denselben hinabsteigen und tun nach deinem Beispiele.« Dann fürwahr stieg Eva hinab in das Wasser, und sie standen, indem sie beteten, und erbaten von Gott, daß er ihnen ihre Fehler verzeihe und sie zurückführe in ihre erste Würde; und so blieben sie betend bis zur Vollendung von 35 Tagen. Als Satan die beiden im Wasser erblickt, beschließt er »sie in Irrtum zu bringen, daß sie heraufsteigen aus dem Wasser und ihr Begehren ihnen nicht erfüllt werde.« In Engelsgestalt verleitet er Eva, zu Adam zu gehen, wodurch beide in Trauer versetzt werden. (Vgl. Wilh. Meyer in den Anm. zur Vita.)

Im äthiopischen Text dieses Buches wird mehrmals das Entsühnungsbad erwähnt: Dillmann S. 32, 68, 75. Vgl. auch S. 13.

[228] Auch der slawische Text der Vita kennt diese Buße im Tigris und Jordan (Jagić § 35 ff.).2 Er stimmt anfangs mit der lateinischen Erzählung überein, die Versuchung Evas verläuft jedoch anders: Eva erkennt die List Satans, der sie in Gestalt eines Lichtengels aus dem Wasser führen will. Als dann Adam nach Vollendung seiner vierzigtägigen Bußezeit vom Jordan zum Tigris kommt, führt er sie erfreut heraus (§ 38–39).


Der Kerninhalt dieser einzelnen Fassungen ist demnach 1. das Sühnungsbad, 2. die Versuchung Evas durch den Teufel, dem es gelingt, sie »in Irrtum zu bringen«.


B. Die Situation im Wasser zeigt auch folgende jüdische Sage:3

Als Gott den ersten Menschen erschaffen hatte, sprach er: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, schuf ihm ein Weib aus Erde und nannte es Lilith (oder Lilis). Aber bald fingen beide an, miteinander zu zanken; denn Lilith lehnte sich auf gegen das Gebot Gottes: er soll dein Herr sein und wollte dem Manne nicht gehorchen. Sie sagte: Wir sind beide einander gleich, denn wir sind beide aus der Erde erschaffen, sprach den Schem hammphorásch, d.i. eine geheimnisvolle Formel des Namens Gottes und entfloh in die Luft. Da trat Adam mit Gebet vor seinen Schöpfer und sprach: O du Herr der Welt! Das Weib, welches du mir gegeben hast, ist von mir geflohen. Gott schickte sogleich drei Engel nach ihr, sie zurückzubringen, und sagte: Gehet sie wieder zurück, so ist es gut; wo aber nicht, so soll ihre Strafe sein, daß alle Tage hundert von ihren Kindern sterben. Die Engel folgten ihr, trafen sie mitten im Meer, verkündigten ihr Gottes Befehl und droheten ihr, sie zu ersäufen. Aber sie wollte nicht wieder zurückgehen, sondern schwur bei dem Namen des lebendigen und ewigen Gottes und sagte: sie sei zu nichts anderem erschaffen, als die jungen Kinder zu schwächen, und nehme es an, daß alle Tage hundert von ihren Kindern sterben sollten. Darum sterben alle Tage hundert böse Geister. [Adam erhielt hierauf Eva als Frau.]

Der Kern dieser Sage ist der, daß Adams Weib sich dem Manne nicht unterordnen will und selbst auf die Gefahr hin, im Wasser umzukommen, sich weigert, zum Gehorsam zurückzukehren.

Die Volksüberlieferung hat, wie es scheint, die obigen beiden Sagen zu einer einzigen verbunden.

Es sei zunächst eine ungarische Fassung genannt:

Eva wollte sich nicht fürchten, sie fürchtete sich auch nicht vor Adam. Dieser ging nun zu Gott und sagte ihm, daß Eva sich nicht vor ihm fürchten wolle. Sprach da Gott: »Geh und wasche dich im Flusse [229] Tigris!« Adam wusch sich, und es wuchs ihm ein Bart. Als ihn nun Eva erblickte, erschrak sie: wer das wohl sei? Seit der Zeit fürchtet sich das Weib vor dem Manne, aber nicht ein jedes; manches ist so, wie ein Pferd; man kann es schlagen, stoßen – es folgt dennoch nicht. – Eva wollte dann, daß auch sie einen Bart bekomme; sie ging also auch zum Tigris, um sich darin zu waschen, aber da stach eine Fliege ihren Bauch. Eva schlug auf ihren Bauch, und dort wuchs ihr ein Bart.


  • Literatur: Ethnolog. Mitteilungen aus Ungarn II, 144 = Kálmány, Vil. al. ny. 44.4

Man erkennt hier zunächst das Wasser des Tigris und Adams Waschung, wie auch die Respektlosigkeit seines Weibes – diesmal der Eva5 – als Rest jener beiden Sagen wieder. Aber auch die Versuchung fehlt nicht, nur ist an die Stelle des Teufels dessen Geschöpf, die Fliege, getreten [vgl. Kap. 4]. Neu ist außer der ganzen aufs Lächerliche gerichteten Absicht der Erzählung der Schluß, daß die Haare des Mannes und der Frau von jenem Wasser herrühren. Zu dieser Idee läßt sich ebenfalls eine alte Parallele nachweisen, die möglicherweise in irgend welcher variierten Gestalt auf die Bildung unserer Sage eingewirkt hat. Eine moslemische6 Tradition berichtet nämlich: Adam war nach seinem Sturz aus dem Paradies in seiner Einsamkeit [auf der Insel Serendib, während Eva in Djidda weilte] so betrübt, daß ihm vor Kummer der Bart wuchs, während bisher sein Gesicht ganz glatt war; er grämte sich sehr über seinen Bart, bis ihm eine Stimme zurief: Der Bart ist des Mannes Zierde7 auf Erden, er unterscheidet ihn von dem schwachen Weibe.

Hier ist die Entstehung des Bartes in dieselbe Zeit verlegt, in der nach der Sage vom Reinigungsbad die Buße stattfindet. Die Trennung Adams von Eva entspricht der getrennten Buße im Tigris und Jordan. Der göttliche Zuruf vergleicht sich der Erzählung, daß Gott den Bart als Respektsmittel an Adam verlieh. Die seltsamen Sagenverschlingungen, denen wir noch begegnen werden, beruhen häufig auf rein äußerlichen Zusammenhängen, so daß das Eindringen des Bartmotivs in eine von ähnlichen[230] Verhältnissen handelnde Sage jedenfalls nicht ohne Grund vermutet werden darf.


C. An die ungarische Fassung reiht sich eine derb erzählte Variante aus Stojanow, Kreis Kamenetzk, in welcher der Name des Tigrisstroms bereits vergessen ist:


Als Adam und Eva im Paradiese waren, so fürchtete sie sich nicht im geringsten vor ihm und wollte garnicht auf ihn hören. Was sollte er tun? Er ging zu Gott und sagte: »Lieber Gott, mach es doch so, daß Eva mich wenigstens etwas fürchtet, sonst fürchtet sie mich garnicht.« Da sagte Gott: »Adam, geh zu jenem Flüßchen, bade dich dort, dir wird dann Bart und Schnurrbart wachsen, und dann wird sich Eva sofort vor dir fürchten.« Es ging Adam zu jenem Flüßchen, badete, und sofort wuchs ihm ein Bart und Schnurrbart. Er war aber nackt und hatte nichts, woran er sich die Hände abwischen konnte (denn diese waren ja naß), da strich er sie zwischen den Beinen ab, und auch da wuchsen ihm Haare. So kam er zu Eva und sagte: »Jetzt wirst du mich wohl fürchten! Schau her, wie ich schrecklich bin.« Eva sah hin und fragte: »Aber wodurch bist du denn so schrecklich geworden, Adamchen, mein Falke?« – »Ja, ich bin zu jenem Flüßchen gegangen, badete mich und ward sofort bewachsen.« Nun, wie Adam sich zu Mittag schlafen legte, machte sich Eva schleunigst zu jenem Flüßchen auf und denkt sich: »Wart, Adamchen, du wirst dich auch vor mir fürchten.« Sie kam ans Flüßchen geeilt und hatte kaum die Hand naß gemacht, als eine Biene sie zwischen den Beinen biß. Da sank sie ins Knie. Sie griff mit der nassen Hand nach jener Stelle, und sofort wuchsen da auf ihrem sündigen Körper Haare. Und sie ging nicht mehr zum Flüßchen, denn sie hatte Angst, daß es sie wieder dort beiße.


  • Literatur: Etnogr. Zbirnyk XII, S. 23 Nr. 19.

D. In Dänemark erzählt man, wie folgt:


Da Adam und Eva erschaffen waren, kam Eva sich recht mißvergnügt vor; Adam hatte nichts, das Respekt einflößte, und sie beklagt sich darüber bei dem lieben Gott. Dafür wäre wohl Hilfe zu finden, entgegnete Gott; wenn Adam nur an den Nilstrom ginge, sich mit seinem Schlamm über das Gesicht striche, würde alles in Ordnung kommen. Eva bewegt ihn, die Sache zu versuchen, und da er sich um den Mund strich, erschien ein großer, schwarzer Bart. Das erschien Eva schön, und so geschah es, daß die Männer Bärte tragen, während die Frauen keinen haben.


  • Literatur: E.T. Kristensen, Jyske Folkeminder IV, 334, Nr. 426.

Durch eine Mittelquelle, wie sie Hans Sachs für ähnliche fernliegende Stoffe benutzt hat [vgl. Kapitel: Sündflutsagen], ist diese Sage in die Hände des Meistersingers Hans Vogel gelangt,8 der sie mit dem grobkörnigen Behagen des derben Mannes in Reime gebracht hat. Es ist, um mit Bolte zu reden, für das »männische« 16. Jahrhundert charakteristisch, daß diese grobianisch-unflätige Poesie gerade in solchen Dingen sich vorzugsweise gefällt. Und es würde ein wesentlicher Zug in dem Bilde der Literatur[231] jener Tage fehlen, wenn man auf die Kenntnis der saftigen und gepfefferten Schwankstoffe verzichten wollte. Darum rechtfertigt sich auch der Abdruck des folgenden Liedes, das ich aus der Dresdner Meistersingerhandschrift M. 5, fol. 684 mit gütiger Erlaubnis der Kgl. Bibliotheksdirektion entnehmen durfte.9


In der lilgen weiß Hans Vogels.

Das Bart Wachsen.

1.


Nach dem Adam vnd Eua werd

Gingen auff difer Erd,

Eines tags der Herr kam

Rüffet und sprach: Adam,

Sag mir, förcht dich dein Weibe?

Adam saget: o Herre, nein.

Von Ir leid ich vil pein.

Dann wann sie zornig wirt,

Sie mich grausam vexirt,

Greifft mir nach meinem leibe.

Vnd der Herr sprach:

Kum, folg mir nach.

Zu einem bach

Det er denn Adam füren.

Der Herr sprach: thu dein Hand ins Wasser rüren.

Weiter saget der Herre frum:

Fahr vmb dein maul herum.

Vnd Adam was nit faul,

Fuhr mit der hand vmbs Maul.

Der Herr sprach: dich wol reibe.


2.


Zuhand wuchs Im ein langer bart

Gar rauch zotiger art.

Der Herr sprach: Adam, sich,

Dein Weib wirt förchten dich,

Wenn sie dich wirt ansehen.

Do nun Adam heim kam zu hauß,

Floh Weib und Kind hinauß,

Sie förchten sich vor Im.

Als Eua hört sein stim,

Det sie sich zu Im nehen.

Sprach mit begir:

Adam, sag mir,

Von wann kumpt dir[232]

Doch vmb dein Maul das Hare?

Adam der sprach: der Herr erst bej mir ware,

Fürt mich zu einem Wasser klein,

Mein hand stieß ich darein.

Mit der so fuhr ich auch

Vmbs Maul, do ward ich rauch,

Thu ich mit Warheit jenen.


3.


Eua höret Im fleissig zu.

Des andren tages fru

Ging sie heimlich hinauß,

Spehet das Wasser auß,

Kam zu dem Bach aleine.

Wolt probieren des Wassers art,

Ob es Brecht Har vnd Bart,

Ir hand sie darein stieß.

In dem ein Humel biß

Sie zwischen Ire Beine. Ir hand sie klug

Auß dem Bach zug

Vnd nach Ir schlug

Mit Iren naffen Henden.

Do ward sie rauch, wie dann ann selben Enden

Noch sind die Weiber alesam.

So kamen von Adam

Die Bert, vnd Eua auch,

Die wart durch fürwitz rauch,

Ist bej In noch gemeine.


Die Derbheit des Volksgeschmacks ist zu allen Zeiten groß gewesen. Kein Wunder, daß wir dieser zum Schwank gewordenen Sage auch in einem Liede aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts begegnen und daß dort der zotige Witz in unverminderter Kraft sich, ebenso breit macht wie in dem Meisterlied des 16. Jahrhunderts. Es findet sich, in einem Flugblatte der Kgl. Bibliothek zu Berlin [Yd 7912, Nr. 93]: Fünf schöne neue Lieder. Das Erste. Ihr miserablen Kauzen ... Gedruckt in diesem Jahr. (4 Bl. 80; um 1800, vielleicht Leipzig, Solbrig.) Die Kenntnis des dort an fünfter Stelle stehenden Liedes vermittelte mir Joh. Bolte, der mir mit gewohnter Liebenswürdigkeit eine Abschrift anfertigte, die dem hier folgenden Neudruck zugrunde liegt.


Das Fünfte.

1. Adam und sein liebes Weib kamen einst in einen Streit,

keins einander weichen wollt, wer das Bettchen machen sollt,

jedes sprach: ich habe Recht, ich bin Herr und du bist Knecht.[233]

2. Adam zu der Eva sprach: nun wohlan, es sey der Sach

zwischen uns also gethan, wer am längsten schweigen kann,

soll der Arbeit seyn befreyt immer und in Ewigkeit.

3. Beyde setzten sich allein, keines sprach ein Wörtelein,

Eva setzt sich auf den Stock, Adam aber auf den Block;

was geschah nun ferner da, Adam sich das bald versah.

4. Adam seiner Sachen lang, bey dem Block herunter hang,

dieses ward die Katz gewahr, still geschwiegen kam sie dar,

spielte sachte ohngefähr mit der Sache hin und her.

5. Als nun Eva das vernahm, sie bald einen Zorn bekam;

Eva könnt nicht länger schweigen, fing an überlaut zu schreyen:

Adam, zieh den Zipfel auf, denn die Katze lauert drauf.

6. Adam der stund auf behende, lacht' und schlug in seine Hände:

Nun hast du das Spiel gebrochen, das kannst du nicht widersprechen,

siehst du nun, daß dein Geschlecht zum Bettmachen sey gerecht.

7. Ein gemeines Sprichwort ist, nichts geht über die Weiberlist,

solches hat erfahren dort Adam auch an seinem Ort,

da die Weiber insgesammt zum Bettmachen seyn verdammt.

8. Eva war voll List und Zorn, lief geschwind an einen Born,

der in ihrem Garten war, darin wuchsen lauter Haar,

tauchte ihren Finger drein, und stellt sich ganz Engel rein.

9. Adam schlief und nichts empfand, Eva gar bald bey ihm stand,

streichte seine Backen an, alsobald wuchsen Haare dran,

das erfreute ihr Gemüth, daß die Kunst so wohl gerieth.

10. Sie fuhr fort in ihrem Sinn, lief geschwinde wieder hin,

schöpfte eine volle Hand, still geschwiegen an der Wand,

wollte Adam noch mehr schmieren, und die Kunst noch mehr probiren.

11. Ehe sie nun zu ihm kam, unterwegens sie vernahm,

daß ein Floh ihr heftig auch kitzelt unten an den Bauch,

da goß sie das Wasser drauf, alsbald war sie selber rauch.

12. Unterdessen Adam wacht, und sein'n rauchen Bart betracht,

Eva kam erschrocken her, Adam sahe ungefähr,

daß die Sachen waren rauch unten an der Eva Bauch.

13. Endlich fieng er an zu lachen über diese neuen Sachen,

daß sein Bart und Eva Bauch waren zugleich worden rauch,

jedermann der weiß nunmehr, wo das Rauche kommet her.


Neu ist hier das Motiv der Schweigwette, das aus einer bekannten, sehr verbreiteten Märchengruppe in unsere Sage hineingetragen ist. Die übrigen Veränderungen zeigen zwar große Willkür der Stoffbehandlung, doch ist die Hauptsache, Insektenstich und Haarerzeugung durch Wasser, rein erhalten.

Anders in einem französischen Schwank bei Grécourt, Oeuvres badines 1881, p. 253: L'origine de la barbe, dessen Inhalt mir wiederum Bolte mitgeteilt hat, wie folgt:


Pauvres époux d'une moitié rebelle,

Votre malheur n'est pas chose nouvelle ...


[234] Adam wird von Eva so gequält, daß er Gott bittet:


Rends-moi ma côte, et reprends ta femelle,

Ou fais exprès un paradis pour eile! ...

Le Seigneur seul eut pitié de sa peine:

Prends, lui dit-il, cette huile souveraine,

Va t'en frotter le visage en secret;

Tel en sera le salutaire effet

Qu'il te rendra la face redoutable

Et te fera l'air mâle et respectable.


Adam gehorcht, kehrt bärtig heim, und Eva wird ›douce, tendre et docile‹. Einmal aber gewahrt sie, wie Adam im Gebüsch sich mit dem Balsam einreibt. Sie merkt sich die Stelle, wo die Flasche verborgen liegt, nimmt sie heimlich an sich und will sich gleichfalls mit der Essenz einreiben:


Quand tout à coup démangeaison secrète

Je ne sais où lui fit porter la main

En se frottant, et le baume soudain

Fit son effet. Or sa vertu fut telle

Que, loin d'ôter des appas à la belle,

Elle y gagna de secrètes beautés.


Durch einen ›buisson‹ erschreckt, tritt sie schnell beiseite und zerbricht die Flasche. Adam hat nun zwar seinen Bart vor Eva voraus, aber diese wird ebenso trotzig wie zuvor, und er muß sich darein schicken.


Wie man sieht, erinnert Adams Gebet und Gottes Eingreifen noch immer an die Sage von der widerspenstigen Lilith, aber das Wasserbad ist vergessen, und statt des Insektes ist einfach das Jucken gesetzt.10

Die ganze Entwicklungsreihe dieses Stoffes zeigt die Zähigkeit, mit der uralte Ideen sich forterben. Freilich wird der alte Vorstellungsinhalt mit neuen Einfällen durchsetzt. Aber gerade diese Veränderungen, die die Sage dadurch erleidet, wird man als wertvolle Zeugnisse des jeweiligen Geschmacks ins Auge fassen müssen. Sie werden der historischen und ästhetischen Kritik die besten Handhaben gewähren, wenn sie über den internationalen Charakter eines Wanderstoffes hinaus zu der Erkenntnis der Gesetze gelangen will, denen die sagenbildende Phantasie bei ihrem Schaffen zu folgen pflegt.

Fußnoten

1 Hrsg. u. erläut. v. Wilh. Meyer (Abhdl. d. philos.-philol. Cl. d. Kgl. Bayr. Akad. d. Wiss. XIV, 185 ff.).


2 Nur dem griechischen Text, der sogen. Apocalypse Mosis, hrsg. v. Tischendorf, fehlt sie.


3 Friedrich Majer, Allgem. mytholog. Lexicon 1, 31 (1803) = Sepher ben Sira fol. 9, col. 1, 2. Eisenmenger II, 417, 418.


4 Ebd. S. 45 heißt es: Adam hatte keinen Schnurrbart bei seiner Erschaffung. An der Stelle des Schnurrbarts stach ihn eine Fliege. Adam schlug nach ihr, da wuchsen ihm sofort Haare unter der Nase.


5 Wie Lilith, so wird auch Eva widerspenstig gedacht. So heißt es in dem slawischen Adamsbuch (Jagić S. 31). Gott sprach: Dorn und Distel soll aus deinen Händen hervorgehen ..., und dein Weib soll zitternd auf dich blicken. Und Erzengel Joel sagte: So spricht der Herr zu Adam: Ich habe nicht dein Weib geschaffen, dir zu befehlen, sondern dir zu gehorchen; warum gehorchest du deinem Weib?


6 Weil, Bibl. Legenden. Vgl. Kap. 7, die Sage 1, c, nebst 1, d.


7 Anders in folgender magyarischen Sage: Als Gott Mann und Weib erschaffen hatte, sollten beide gebären. Da stieg nun der Mann ins Wasser und gebar dort. Das Wasser trug das Kind davon, und Gott verlieh dem Manne als Schandzeichen den Schnurrbart, denn bis zu dieser Stelle seines Gesichtes tauchte und bückte er sich ins Wasser, damit das Kind ja nur fortgeschwemmt werde.

Strauß, Bulgaren, S. 43 f.


8 Vgl. Drescher, Meistersingerprotokolle 1, 72 zum J. 1591: Jacob Feszla. lilgen weis h. vogl: Nachdem Adam und Eva werd.


9 Den Hinweis auf diese Dresdner Hdschr. verdanke ich der Güte des allezeit hilfsbereiten Job. Bolte. Eine zweite Hdschr. liegt in Erlangen, Mscr. 1668, Bl. 546 a. Vgl. Bolte, Ztschr. f. vgl. Litgesch. N.F. 7, 451.


10 Noch weiter entfernt sich eine Fassung bei Krauß, Ἀνθρωποφυτεια I, S. 162, Nr. 137 von der ursprünglichen Quelle. Es heißt, daß Adam sich in einem Brunnen wusch und behaart wurde, und daß Eva aus Neid ihm gleich sein wollte. Aber als sie die Hände untertauchte, verbrannte sie sich, weil das Wasser siedend heiß war. Weiteres wie oben. Eva greift dann auch noch unter die Achselhöhlen.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 235.
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