II. Die Unaufhörlichkeit des ersten Tagewerkes.

[140] Verbreiteter als diese Bestrafung durch einbrechende Flut ist eine zweite Sagenform, die ein neues Motiv zeigt. Der Herr belohnt die gastliche Frau, indem er das erste Tagewerk, das sie nach seinem Scheiden (oder am nächsten Morgen) beginnt, bis zum Abend fortdauern läßt. Durch unaufhörliches Leinwandmessen wird sie reich. Der Neidischen, die gleichfalls diesen Lohn erlangen will, widerfährt ein eigentümliches Mißgeschick, das zumeist wie in der vorigen Form zur Entstehung eines Sees führt.


1. Aus Italien.


Der hl. Petrus und der Herr pflegten durch die Straßen zu wandern. Eines Abends zu später Stunde sprach vor einem Hause Petrus zum Herrn: »Hier in diesem Hause sollten wir schlafen.« Spricht der Herr: »Gut, gehen wir nur.« Sie pochten an, da springt eine Frau hervor, und sie sagen zu ihr: »Würdest du uns die Liebe antun, uns Nachtquartier für diese Nacht zu geben? Wir sind Wanderer und haben uns hier in dieser Straße zu dieser Stunde verirrt.«

[140] Antwortet ihnen das Weib: »Wenn ihr euch bequemen wollt, so gut ich es kann, gern laß ich euch bei mir schlafen, aber an Betten habe ich nichts als ein wenig Stroh und fünf Ellen Leinwand, die ich mir grade heute geholt habe und die ich für euch ausbreiten werde als Bettlaken.«

»Gut, gut,« sagen sie, »mach es, wie du's kannst. Es ist für uns genügend.« Sie bereitete ihnen die Lagerstatt, und die beiden wünschten ihr gute Nacht und legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen zu früher Stunde erheben sich die Wanderer und machen sich auf den Weg. Sie treffen die Frau schon auf, wie sie Polenta macht. »Sie möchten ein wenig warten, bis sie die Polenta fertig hätte.« »Nein, nein,« sagen sie, »wir danken euch, gute Frau, für den Gefallen, uns Nachtquartier gegeben zu haben, zum Danke dafür sollt ihr das, was ihr zuerst tut, den ganzen Tag über tun.« »Gut, gut,« sprach sie, und jene gingen davon.

Bleibt die Frau allein und spricht: »Nun will ich das bißchen Stroh wegräumen.« Und so tut sie: sie geht hin, um das Lager wieder zu beseitigen, aber ehe das Stroh daran kommt, heißt es die Leinewand entfernen. Also sie geht daran, die Leinwand wegzunehmen, zieht und zieht, aber nie kommt sie zu Ende.

Ihr Mann kommt nach Hause, und sie erzählt ihm, ihr hätten die Wanderer, die sie heut Nacht beherbergt, beim Weggehen gesagt, sie würde den ganzen Tag das tun, was sie zuerst beginne. Nun habe sie damit angefangen, das Linnen wegzuziehen, und werde nicht fertig damit.

Ihr Mann geht hocherfreut vor die Tür und erzählt's der Gevatterin: »Wißt Ihr's schon, Gevatterin, daß mein Weib seit heute Morgen fortgesetzt Linnen aufhebt von dem Nachtlager der beiden Wanderer, so wie die es ihr prophezeit haben?« »Ei der Daus!« spricht diese, »seid ihr aber glücklich. Gott geb's, daß die Wanderer auch zu mir einmal kämen!« – Und Gott gab's wirklich: die Wanderer kamen noch an diesem Abend zu ihr. »Würdest du uns, liebe Frau, den Gefallen tun und uns für diese Nacht bei dir Quartier geben?« »Von Herzen,« erwiderte sie, »wenn ihr euch begnügt, so wie ich kann; denn Betten habe ich nicht, nur ein wenig Stroh werfe ich euch hin und fünf Ellen Leinwand, die ich mir gerade heute geholt habe.« Antwortet der Herr: »Wenn du auch keine Leinwand hinwirfst, das Stroh genügt auch!« Aber jene, die wußte, daß sie nur Stroh aufheben würde, wenn sie keine Leinwand hinlegte, sagte: »Nein, nein, was ich habe, leg' ich euch hin.« Und so tut sie: sie legt das Linnen hin, wünscht gute Nacht und geht schlafen.

Bei Morgengrauen steht sie auf und geht in die Küche, die Polenta zuzubereiten. Inzwischen kommen die Wanderer herab, und sie geht, wie sie ihrer ansichtig wird, ihnen entgegen: »Könntet ihr nicht noch ein wenig warten und mit mir etwas Polenta essen?« »Nein, nein,« antworteten sie, »wir danken dir für das Nachtquartier, und zum Danke dafür sollt ihr das, was ihr zuerst tut, den ganzen Tag über tun.« Und sie gehen davon. Hoch befriedigt will sich die Frau daran machen, die Leinwand wegzuziehen, aber im selben Augenblick hat sie ein Bedürfnis und sagt zu sich: »Halt, halt! erst will ich mal pissen, damit ich ruhig den ganzen Tag stehen und Leinwand aufheben kann.«

Und so tut sie, sie geht pissen und pißt und pißt und pißt den ganzen Tag über, statt Leinewand aufzuheben. Am nächsten Morgen sieht sie den Herrn und läuft ihm entgegen und spricht: »Nachdem ich so barmherzig war, dich die Nacht über zu beherbergen, vergiltst du mir so!«

Spricht der Herr: »Wer aus Eigennutz handelt wie du, wird bestraft; denn[141] du hast nicht aus Liebe zu mir gehandelt, sondern hast mich bei dir zur Nacht aufgenommen, weil du gehört hattest, daß ich deine Gevatterin den ganzen Tag Leinwand hatte aufheben lassen; und du hattest dir gesagt: so wird es auch mir gehen. Dafür bist du gestraft, und das nimm dir zur Regel: eine Wohltat mit Eigennutz gilt nichts!«

Und mit diesen Worten ging er davon.


  • Literatur: Bernoni, trad. pop. Veneziane S. 1–6.

2. Aus Frankreich. (Ersatz des Schlußmotivs durch ein ähnliches.)


Im Dorfe Marly bei Valenciennes lebte eine Witwe mit zwei Töchtern. Die ältere la Pione (= la pivoine) war hoffärtig und faul, die jüngere, la Magrite (= la marguerite), liebenswürdig und fleißig. An einem kalten Wintertage, als la Pione allein zu Hause ist, kommt ein steinaltes Bettelweib vor die Türe, wird aber von dem stolzen Mädchen barsch abgewiesen. Am folgenden Tag, als la Magrite im warmen Sonnenschein vorm Hause auf der Bank sitzt und spinnt, kommt die Bettlerin wieder. La Magrite gibt ihr einen Brotranft mit den freundlichen Worten: »Nimm dir, Mütterchen, es kommt von Gott.« Die Alte verheißt ihr zum Dank, daß sie das erste Beginnen des nächsten Morgens den ganzen Tag hindurch tun werde, und gibt sich zu erkennen als Marie-au-Blé, die die Erde in Schnee einhüllt, um sie vor der Kälte zu schützen. La Magrite wickelt am folgenden Morgen ein Stück Leinwand auf, um es zu verarbeiten, und die Leinwand wird länger und länger, und je mehr sie aufrollt, um so größer wird die Menge. Bis zum Abend ist das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden angefüllt. Gleichwohl ist La Pione unzufrieden und schilt ihre Schwester; sie selbst hätte an ihrer Stelle Schillinge gezählt, dann wäre sie reich genug, einen Prinzen zu heiraten. Von nun an setzt sie sich alle Morgen mit dem Spinnrad vor die Tür und tut, als ob sie spinne. Marie-au-Blé kommt wirklich noch einmal. La Pione bittet sie um Verzeihung und gibt ihr vollauf zu essen und zu trinken. Als die Bettlerin gehen will, fragt La Pione, ob sie nicht die gleiche Gabe erhalte wie ihre Schwester. Dies wird ihr gewährt. Abends legt sich la Pione eine Börse mit Schillingen unter das Kopfkissen. Als sie die Börse beim Erwachen sucht, fühlt sie einen Floh auf der Schulter; wie sie ihn haschen will, hüpft er davon und sticht sie erst in den Arm, dann hinterm Ohr, worauf sie ihn fängt und tötet. Im Nu stürzt sich eine Menge Flöhe auf sie und sticht sie an tausend Stellen. La Pione verfolgt sie, fängt sie und tötet sie alle. Aber andere folgen nach, und in so großer Anzahl, daß die Unglückliche den Kampf aufgibt und mit beiden Händen anfängt zu kratzen und schließlich in verzweifeltem Wüten den ganzen Körper blutig kratzt. [Die Fortsetzung der Geschichte geht in ein anderes Märchen über.]


  • Literatur: Charles Deulin, Contes du roi Cambrinus 3 (1874), 283. Zu dem Ersatz des Schlußmotivs vgl. eine Variante bei P.L. Møller, Franske Folkesagn, (København 1871), S. 14:

Ein Bettler gibt der armen Frau das gewöhnliche Versprechen, daß das erste Beginnen den Tag hindurch dauern solle. Die Arme mißt Battist, die Reiche will Geld zählen, ein Floh setzt sich an ihre Stirn, sie fangt an zu kratzen und setzt das den ganzen Tag fort, bis sie am Abende mit zerkratztem Haupte tot im Bette liegt.


3. Wallonische Märchen.


a) Ein alter Mann, der weder an Gott noch den Teufel glaubt, und eine alte gottesfürchtige Frau wohnen benachbart in Huppaye im wallonischen Brabant.[142] Beide sind bettelarm. Gott Vater und Sankt Petrus klopfen eines Tages wegmüde an die Türe der Frau, um eine Weile auszuruhen; sie nimmt sie freundlich auf und setzt ihnen auch einen Trunk vor. Beim Abschied verheißt ihr Gott, daß sie dasjenige, was sie morgen zuerst tun würde, den ganzen Tag tun solle. Sie legt dem keine Bedeutung bei. Am andern Morgen – es ist Markttag – zählt sie das Geld, das sie zum Ankauf eines Schweinchens gespart hat, und erhält bis zum Abend so viel, daß ihr ganzes Haus voll ist. Sie erzählt es dem Nachbar. Dieser beschließt, falls die Reisenden wiederkämen, sie ebenfalls freundlich aufzunehmen. (Vorheriges Abweisen ist nicht erzählt worden!) Das geschieht, und ihm wird dasselbe verheißen. Er legt sich vorm Schlafengehen die Börse unters Kopfkissen, um sie am andern Morgen gleich zur Hand zu haben. Der Tag war kaum angebrochen, als der Mann auch schon dabei war, sein Geld zu zählen. Plötzlich aber zwang ihn Leibweh, seine Beschäftigung zu unterbrechen und auf den Hof zu laufen. Aber er hatte es so notwendig, daß er bereits im Hause der Natur Tribut zollte. Dies Geschäft setzte er den ganzen Tag lang fort, so daß man ihn am Abend inmitten des angefüllten Hauses tot fand. Man zeigt, noch heute in dem Dorfe eine kleine Kapelle, die seine reichgewordene Nachbarin für seine Sünden errichten ließ. Sie erhebt sich genau über seinem damaligen Hause, und es wächst dort infolge der großen Düngerhäufung ein selten hohes Gras.


  • Literatur: La Tradition 6, 316–318 mitgeteilt von A. Harou.

b) Nachdem Christus und Petrus überall abgewiesen sind, werden sie von einer armen Frau gastlich aufgenommen. Sie ist gerade beim Leinwandzerschneiden und erhält als Belohnung, daß sie Elle auf Elle schneiden kann. Als die Nachbarin das hört, läuft sie den beiden nach, bewirtet sie und beginnt Leinwand zuzuschneiden, aber sie spürt ein Bedürfnis und macht nun Elle auf Elle von etwas anderem.


  • Literatur: Aus Lüttich. Wallonia 3, 171.

4. Vlämisches Märchen.


a) Der Umwandernde ist ein alter Mann, aber an Stelle der Frauen stehen drei Schwestern, deren zwei bösen Herzens sind, während die von ihm beachtete jüngste dritte ein gutes Herz hat. Das Männchen klopft zuerst an dem Hause der zwei Schwestern an, die ihm Einkehr und Nachtlager versagen, und wird von der einen guten gern und willig aufgenommen. Sie gibt ihm selbst ihr Strohbett und legt sich auf die Erde. Morgens dankt das Männchen und sagt, es bitte Gott, daß das erste, was die gute Schwester beginne, ihr zu Nutzen sei und daß sie den ganzen Tag nichts anderes tun könne. Das Mädchen hatte auf den Wunsch nicht gehört und ging, als das Männchen fort war, rasch an die Arbeit. Sie wollte nämlich ein Stück Leinwand zusammenfalten, die sie auf dem Boden getrocknet hatte. Aber wie sie auch faltete, die Leinwand nahm kein Ende. Dies kam erst, als es ganz dunkel war. Mit Staunen hörten die zwei Schwestern davon, eilten dem Mann nach und überredeten ihn, sich wegen der Abweisung entschuldigend, daß es in ihrem Hause auch übernachte. Sie sparten nicht bei der Bewirtung, und derselbe Wunsch wurde ihnen zuteil. Sie befahlen der Magd, Wäsche vom Boden zu holen, wollten sich aber vorerst für die Arbeit stärken. Die eine setzte den Krug Bier an den Mund und trank; die andere ging in den Garten, ihr Wasser zu lassen, und das taten sie ohne Aufhören bis zum Abend, wie das Männchen gewünscht hatte.


  • Literatur: J.W. Wolf, Deutsche Märchen und Sagen S. 43.

[143] b) Christus und Petrus, überall abgewiesen, werden endlich von einer armen Frau freundlich aufgenommen. Am andern Tag stellt ihr Christus zum Abschied einen Wunsch frei. Die Frau denkt an das Stück Leinwand, das sie gestern vom Weber erhalten hat, und bittet, daß das erste heutige Beginnen den ganzen Tag dauere. Es wird gewährt. Das Messen der Leinwand und die Verbreitung der Wundermär wie gewöhnlich. Die habsüchtige Nachbarin bittet die Frau, die beiden Fremden zu ihr zu schicken, falls sie zurückkämen. Nach einiger Zeit geschieht das, und die Frau erhält den gleichen Wunsch gewährt. Sie will Geld zählen, aber zuvor ein Bedürfnis befriedigen. Das Wasser strömt wie ein Bach ins Weite. »Das war der Ursprung der Schelde.«


  • Literatur: Aus Antwerpen. Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 147 (wo freilich vom Nasenträufeln die Rede ist, doch siehe Nachtr. S. 451). Vgl. Petrus van Duyse, Het Klaverblad (1848) S. 22, wo die Trau am Schluß zu sich sagt:

»›k Wil meten tot slaeplust mij gansch overwinn‹;

Maer wacht eens ... daer valt mij zoo even wat inn:

Reeds ben ik niet t'huis voor een knecht of een pachter;

Kom, dat ik nit voorzorg vooraf ga naer achter.«

Zij bukte in den grasrijken boomgaerde neder

En zat nog gebukt, wen al de avondstar weder

Verscheen; en men zegt, 't was de plas van dit oord,

Die de oorsprong der Schelde was. Zeg het niet voort!


c) Christus und Petrus klopfen abends an ein Häuschen (die Abweisung durch die Reiche fehlt), bitten um Nachtlager und werden herzlich aufgenommen. In der Frühe nehmen sie Abschied, und der Herr sagt zur Frau: »Das erste, was ihr den Tag beginnt, sollt ihr den ganzen Tag tun.« Sie beginnt zu waschen und wäscht bis Sonnenuntergang soviel Leinwand, daß sie ihr Lebenlang keine mehr zu kaufen braucht. Die Nachbarin hört das und sagt: »Laß sie nur mal zu mir kommen, ich will's wohl besser machen.« Am andern Abend kommen die beiden Wanderer wieder zur ersten Herberge, aber die Frau bringt sie zur Nachbarin, die sie aufnimmt. Sie legt sich abends eine Börse mit Geld auf den Tisch, um am folgenden Tage Geld zu zählen. Als Christus und Petrus am andern Morgen aufbrechen, fragt die Frau, noch ehe der Herr gesprochen hat, nach dem Lohn. Auch sie soll ihr erstes Tagewerk den ganzen Tag über tun. Doch um das Geldzählen nicht unterbrechen zu müssen, verrichtet sie erst ihre Notdurft und blieb nun op't gemak bis zum Sonnenuntergang. So hatte sie »den stank voor dank«.


  • Literatur: Wolf, Wodana 178.

d) Eine arme Witwe nimmt Christus und Petrus, nachdem sie überall abgewiesen sind, freundlich auf. Am andern Morgen sagt Christus beim Abschied: »Das erste, was ihr heute tun werdet, sollt ihr den ganzen Tag lang tun.« Sie legt dem keine Bedeutung bei, faltet Leinwand und faltet bis zum Abend, bis das Haus voll ist. Das Gerücht verbreitet die Sache. Petrus kommt nochmals allein durch die Gegend.

Eine reiche und geizige Frau lädt ihn zu sich ein und bewirtet ihn aufs beste. Am andern Morgen verheißt Petrus ihr das gleiche, wie Christus der Nachbarin, und geht. Sie will sich begierig an das Falten der bereitgelegten Leinwand machen. Da spürt sie ein natürliches Bedürfnis und überlegt sich, daß, wenn sie dem nicht nachgäbe, sie beim Falten der Leinwand gestört werden würde. Sie bückt sich also und bleibt in dieser Stellung »ruisselante«. Von dieser Überschwemmung[144] bewässerte sich das vlämische Land, oder es entstanden die Lys, die Scarpe oder die Deule; »genau weiß ich es nicht«.


  • Literatur: La Tradition 6, 44.

5. Aus Tirol.


Ein Bettelmann kommt zu einer armen Frau, die nur noch eine Henne übrig hat, und bittet um ein Almosen. Sie schlachtet die Henne (vgl. bei Ovid die einzige Gans) und kocht dem Bettler eine Suppe, die er ißt; dann entfernt er sich dankend. Da erinnert sich die Frau, daß sie noch ein Stück Tuch im Kasten habe, und sie schneidet einen Teil ab und bringt es ihm nach, damit er sich ein Hemd daraus mache. Der Bettelmann nimmt es, dankt und spricht: »Weil du mir so gut gewesen bist, so schneide Tuch herab, bis die Sonne untergeht.« Dann war er verschwunden. Die Frau tat nach seinem Rat. Das Tuch nahm kein Ende, wieviel sie auch abwickelte und schnitt, bis die Sonne unterging. Da war ihr ganzes Häuschen voll feinster Leinwand. So wurde sie reich, und es fehlte ihr auch seitdem niemals an Gottes Segen.


  • Literatur: Zingerle 1, 106.

6. Aus Deutschland.


a) Aus dem Elsaß.


Christus kehrt als Bettler bei einer armen Witwe ein, die ihn willig beherbergt und mit ihrem Wenigen bewirtet. Dafür spricht er beim Abschied den Segen über das Erste, was sie tun werde. Sie versteht ihn nicht und geht in den Keller, um den Rest Wein, den der Herr im Kruge gelassen, wieder ins Faß zu gießen: aber der Krug ist unerschöpflich (vgl. Ovid), und die Frau kommt zu Wohlstand. Die habsüchtige Müllerin von dem Dorf wird ihr neidisch und bittet sie, ihr doch den Herrn, wenn er wiederkomme, hinauszuschicken. Der Herr kommt, und die Müllerin trägt ihm das Köstlichste auf, was zu finden ist. Wirklich verleiht er ihr beim Scheiden dasselbe Geschenk, aber, indem sie in ungeduldiger Hast nach dem Schranke läuft, um Geld zu zählen, stößt sie die Wasserflasche um, und das Wasser ergießt sich unaufhaltsam und verwüstet Haus und Feld.


  • Literatur: Stöber, Sagen 212; Hertz, Die Sage im Elsaß 40.

b) Aus der Oberpfalz.


Eines Abends hatten U.L. Herr und St. Petrus Nachtherberge bei einer Bäuerin. Am Morgen, ehe sie gingen, ließ der Herr durch Petrus die Bäuerin wissen, daß ihr zum Danke die erste Arbeit, welche sie heute unternehmen werde, zu Glück und Segen ausschlagen solle. Das ließ sich die gute Frau gesagt sein und fing gleich das Leinwandmessen an, und siehe! die Leinwand nahm kein Ende. Endlich war sie genötigt, abseits zu gehen und ein kleines Geschäft zu verrichten. Als sie wiederkehrte und fortmessen wollte, war aber die Leinwand alle.

Das Gerücht hiervon verbreitete sich schnell in der ganzen Gegend, und als die beiden Wanderer wieder zur Nacht einkehrten und auch dieser Bäuerin am Morgen bei der ersten Arbeit gleicher Segen verheißen wurde, gedachte sie es sehr klug anzufangen und ging zuerst abseits. Als sie aber mit dem Messen beginnen wollte, wurde ihre Leinwand um keinen Faden länger, denn sie zuvor war.


  • Literatur: Schönwerth, Aus der Oberpfalz 3, 295.

[145] c) Aus der Grafschaft Mansfeld.


Christus besucht die Grafschaft Mansfeld, »um zu sehen, was die Leute dort machen«, kommt Abends nach Rohlingen und spricht eine reiche Frau um Nachtlager an. Mit Scheltworten abgewiesen, geht er an »eine nahebei gelegene ärmliche Hütte« und wird freundlich aufgenommen; »es wird aufgetragen, wie die Armut vermochte«, und er erhält ein bequemes Lager. Beim Abschied am andern Morgen ist der Lohn: »Deine Arbeit soll viel hundertmal gesegnet sein.« Die Frau öffnet die Truhe und holt ein Stück selbstgefertigter Leinwand heraus, das sie bei reichen Leuten feilbieten will, mißt es mit der Elle, und das Messen und die Leinwand nimmt lange kein Ende. Der Erlös aus der Leinwand sichert sie für die Zukunft vor aller Not. Die reiche Nachbarin, der sie von der Ware zum Verkauf anbietet, ärgert sich und will ihr Glück ebenfalls versuchen, eilt dem wunderbaren Fremden nach, bittet ihm ihr Unrecht ab und bittet ihn, umzukehren und ihr Haus zu besuchen. Christus folgt ihr und wird reich bewirtet. Beim Abschied bittet die Wirtin, der Herr möge ihr Tun ebenso segnen wie das der Nachbarin. Er gewährt ihr das. Sie beschließt, ihr Geld zu zählen, um es dadurch viel hunderttausendmal zu vermehren. Aber zuvor kommt ihr ein Bedürfnis an1, daraus entstehen gewaltige Fluten, die sich talwärts wälzen und nun das große Becken des salzigen Sees bilden.


  • Literatur: Hermann Größler, Sagen der Grafschaft Mansfeld S. 54.

d) Aus Österreichisch-Schlesien.


Christus und Petrus kamen auf ihrer Wanderung eines Abends ganz müde in ein Dorf. Sie gingen in die Scholtisei und baten um Nachtherberge. Die Scholzin jedoch trieb sie scheltend zum Tore hinaus.

Ruhig gingen sie weiter und sprachen in einer armseligen Hütte ein, wo sie liebevoll aufgenommen wurden. Ein spärliches Mahl bedeckte den Tisch der armen Familie, an dem die beiden Fremden aufgefordert wurden teilzunehmen.

Sie folgten der Einladung und aßen aus der vorgesetzten Schüssel. Aber obwohl sie und alle Bewohner der Hütte sich vollständig satt aßen, nahmen doch die Vorräte auf dem Tische zur großen Verwunderung der armen Familie nicht ab. Am andern Tage wanderten die beiden weiter. Vor ihrer Abreise versprach Christus der Frau, daß sie am nächsten Tage den ganzen Tag jene Beschäftigung treiben würde, die sie am Morgen zuerst beginnen würde. Als sie am andern Morgen aufstand, machte sie sich daran, ihrem Manne Hemden zuzuschneiden, und siehe, sie schnitt den ganzen Tag von einem Leinwandstücke, ohne daß es abnahm.

Als die geizige Scholzin das hörte, lief sie den Fremden nach und bat sie, bei ihr einzukehren.

Sie folgten ihrer Einladung und wurden reichlich bewirtet. Bei ihrer Abreise machte ihr der Herr dieselbe Verheißung wie der armen Frau. Am nächsten Morgen stieg die Scholzin zeitiger aus den Federn als sonst. Da es aber noch etwas früh war, legte sie sich noch einmal nie der. Und nun stieg sie den ganzen Tag ins Bett hinein und wieder heraus, bis man unsern Herrgott zurückrief und ihn bat, die Kraft seiner Verheißung aufzuheben, was denn auch geschah.


  • Literatur: Peter, Aus Österr.-Schlesien 2, 135.

[146] e) Aus Mecklenburg.


In einem Dorfe kam einmal am späten Abend ein Männlein in das Haus einer Bäuerin und bat um Herberge. Seine Bitte wurde ihm gewährt, und als das Männlein am andern Morgen nach seiner Schuldigkeit fragte, lehnte die Bäuerin jede Bezahlung ab. Da sagte das Männlein, sie werde in dem ersten Geschäfte, das sie bei Sonnenaufgang tue, ihre Belohnung finden. Die Bäuerin ging an ihren Leinenkasten und wollte ihr Leinen messen. Aber so viel Ellen sie auch maß, sie konnte kein Ende finden, so daß schließlich die ganze Stube mit dem Leinen hoch angefüllt war. Das erzählte sie ihrer Nachbarin, und die wünschte, daß das Männlein auch bei ihr einkehren möchte.

Es dauerte auch nur wenige Tage, da kam das Männlein wieder in das Haus der Bäuerin und bat um Herberge. Die Frau dachte ihrer Nachbarin etwas von dem Glücke zuzuwenden und sagte: »Ich kann dich heut nicht aufnehmen, aber da ist meine Nachbarin, die wird es gern tun.« Das Männlein ging also in das Haus der Nachbarin und blieb dort die Nacht. Am andern Morgen fragte es wieder nach der Schuldigkeit, und als die Bäuerin keine Bezahlung annehmen wollte, sagte das Männlein, ihr Lohn solle ihr bei dem ersten Geschäfte, das sie vor nehme, zuteil werden. Die Frau hatte sich schon vorher Geld in die Tasche gesteckt, und das Geld zu zählen sollte das erste sein, was sie tat. Da fühlte sie ein Bedürfnis und dachte, das wolle sie noch schnell abmachen. Sie ging in den Hof, aber es wollte keine Ende nehmen, und der Teich hinter dem Hause ist davon entstanden.


  • Literatur: Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg 1, 510.

f) Aus Pommern und Rügen.


a) Ein alter fremder Mann (einige sagen, es sei einer von den Corveier Mönchen gewesen, denen damals die Insel Rügen gehörte) bittet abends bei stürmischem Wetter eine böse und geizige Frau um Herberge und Brot. Das Weib schilt ihn und jagt ihn hinaus. Darauf geht er zu einer frommen und mildtätigen Frau, sie pflegt ihn, »teilte mit ihm ihren letzten Bissen Brot, denn sie war arm und hatte selbst nicht viel«. Beim Abschied dankt er und sagt, das erste, was sie nun unternehmen werde, solle ihr den ganzen Tag gelingen. Die Frau denkt nicht weiter darüber nach. Sie will dann ein Hemd für eines ihrer Kinder machen und mißt nach, ob es noch drei Ellen sind. Da muß sie den ganzen Tag messen und erhält somit einen Reichtum an Leinwand.

Die Geschichte wurde bald bekannt, und auch die geizige Frau erfuhr sie. Die ärgert sich und läuft dem Bettler nach, bittet ihn heuchlerisch um Verzeihung, daß sie ihn des vorigen Abends nicht aufgenommen, und lädt ihn ein, für die folgende Nacht in ihrem Hause zu herbergen. Der Alte kehrt um, und sie gibt vom Besten, was sie hat, denn sie denkt, sie werde ebenfalls so belohnt werden wie ihre Nachbarin und wolle sich dann schon eine Arbeit aussuchen, die sie zur reichsten Frau der Welt machen solle. Der Alte dankt ihr in gleicher Weise, wie der Armen. Sie nimmt sich vor, das Geld in ihrem Spartopfe zu zählen. Damit sie aber den ganzen Tag dabei bleiben könne, geht sie erst vor die Tür, um einem Antriebe der Natur zu genügen, aber nun muß sie den ganzen Tag in dem fortfahren, was sie begonnen hat. So entsteht ein See, der alles Land überschwemmt und ein Stück Land von der Insel Rügen losreißt: das heutige Hiddensee. Erst als die Sonne untergeht, kommt die Frau zur Ruhe.


  • Literatur: J.D.H. Temme, Die Volkssagen von Pommern u. Rügen, Berlin 1840, S. 166 (aus[147] Grümbke, Darstellung der Insel Rügen II (1819) 21. 22.) Ebenso A. Haas, Sagen aus Rügen S. 174, nur heißt es dort, daß die arme Frau ihrer Nachbarin den Grund ihres Glückes selber entdeckt und jene den Missionar »eine ganze Zeit darauf«, als dieser wieder an ihre Tür klopft, bereitwillig aufnimmt.

b) Ein Mönch aus dem Rügenschen Kloster wird von der bösen Mutter Hidden abgewiesen, belohnt Mutter Vidden mit reicher Leinwand. Mutter Hidden hört das und bittet Mutter Vidden: »Wenn er wiederkommen sollte, so schick ihn doch ja auch in mein Haus!« Die Nachbarin bittet ihn denn auch bei einem nochmaligen Besuch, zur Mutter Hidden zu gehen. (Weiteres wie oben.) Als sie den Geldkasten aufschließen will, um die Taler zu zählen, brüllt die Kuh im Stalle nach Wasser. »Halt!« sagt sie, »die soll mich bei meiner Ar beit nicht stören, der will ich schnell einen Eimer Wasser zu saufen geben.« Damit läuft sie zum Brunnen und füllt, aber als der Eimer voll ist, kann sie nicht aufhören, sie muß schöpfen und schöpfen, bis sie alles Land um sich her voll Wasser geschöpft hat und ein großer See entsteht.


  • Literatur: U. Jahn, Volkssagen Nr. 223.
    Der Schluß, daß ihr Armband auf dem Grunde des Wassers liegt, das nach ihr Hiddensee heißt, ist falsch; nur die Insel bei Rügen heißt so. Nach Mutter Vidden soll ein Dorf Vitte genannt worden sein. Vgl. A. Haas, Sagen aus Rügen S. 175 Anm.

c) Mutter Hidden war die Ehefrau eines armen Fischers. Eines Tages klopfte ein Gnom an ihre Tür und bat sie um Nahrung und Obdach. Mutter Hidden nahm ihn freundlich auf und gab ihm von allem so gut, wie sie es hatte. Aus Dankbarkeit dafür versprach ihr der Gnom, er wolle den ersten Wunsch, den sie habe, erfüllen. Als nun die Frau ihrem Gaste auch zu trinken geben wollte, ging sie nach dem Brunnen, um frisches Wasser zu holen. Aber da riß das morsche Seil des Brunnens, und sie verwünschte die ganze Geschichte und sagte, sie wollte, daß rund um ihr Haus und um ihren Brunnen lauter Wasser wäre. Diesen Wunsch erfüllte der Gnom sofort, und so entstand rund um sie her ein See, welcher ein großes Stück Land von der Insel losriß, und dieses wurde dann »Hiddensee« genannt.


  • Literatur: A. Haas, Sagen aus Rügen S. 175.

7. Aus Dänemark.


a) Auf dem Gutshofe wohnt die geizige Frau Spar-nöje [Spare-genau], nicht weit davon die arme Frau Ane Rundhåndet [mit freigebiger Hand]. Eine Bettlerfrau wird von Sparnöje weggejagt, erhält Quartier und Essen bei Ane und gewährt ihr, daß ihr das erste Tagewerk vorzüglich gelinge. Sie mißt Leinewand ohne Ende. Die Bettlerfrau wird das nächste Mal von Sparnöje eingeladen und köstlich traktiert. Die Frau begleitet sie und bittet um einen Wunsch. Die Bettlerfrau antwortet, sie könne ihr nur wünschen, daß das erste, was sie anfinge, ihr besonders wohl gelinge. Jene will nun Geld zählen, ihr kommt aber das Bedürfnis an, das Wasser abzuschlagen. Das gelingt ihr so gut, daß am Fuße des Hügels, wo sie sitzt, ein ziemlich großer See entsteht. Der See wird »Søbo Sø« genannt, dessen Wasser nicht gut schmecken soll.


  • Literatur: Efterslæt til Skattegraveren (1890) S. 63 Nr. 31.

b) Ein alter Mann sucht Quartier bei der reichen Witwe Mette Sparnöje [Spare genau] und wird abgewiesen; danach findet er bei der armen Hanne Rundhånd [Freigebige Hand] Unterkommen. Diese überläßt ihm ihr Bett und traktiert ihn schön. Beim Abschied verspricht er ihr, daß ihre erste Arbeit ihr den ganzen Tag hindurch[148] gelingen solle. Sie mißt für ein Frauenhemd Leinwand, fährt damit den ganzen Tag fort und wird reich, sie hat Geld genug, sich ein neues Haus zu bauen. M. Sp. erfährt die Sache und sendet ihren Knecht, um den Alten zurückzubringen. Es gelingt; Entschuldigungen, schöne Bewirtung, und sie erhält beim Abschiede dasselbe Versprechen. Sie will ihr Geld zählen, zuerst aber einen natürlichen Drang befriedigen. »Sitzend auf der Erde, pißte sie den ganzen Tag fort, und als die Sonne sich barg, war der See so groß, daß Hof, Geld und alle ihre Sachen unter Wasser standen.«


  • Literatur: E.T. Kristensen, Aventyr Fra Jylland 3, 71, Nr. 13.

c) Am Fuße eines Hügels liegen zwei kleine Hütten. St. Peter besuchte die eine der Häuslerinnen und gab ihr einen Wunsch frei. Sie wünschte, daß sie die erste Arbeit den Tag hindurch fortsetzen könne. Sie maß Leinewand. Die andere Frau empfing ihn später wohl und begann mit dem kleinen Geschäft, das sie bis Abend fortsetzte.


  • Literatur: Thiele, Danmarks Folkesagn 2, 306.

d) Der liebe Heiland und St. Peter erhalten auf der Reise Quartier bei einer Frau. Sie werden gut aufgenommen, und der Heiland gewährt ihr den Wunsch, daß sie das, was sie zuerst am nächsten Morgen beginne, bis zum Abend fortsetzen solle. Sie fing an, Leinwand zu messen, und fuhr damit fort, bis die Sonne unterging. Das nächste Mal spricht der Heiland bei der Nachbarsfrau ein, welche denselben Wunsch erhielt. Sie ging aber gleich am Morgen beiseite, um ein kleines Geschäft abzumachen. Doch ehe sie damit fertig war, ging die Sonne auf, und sie mußte bis Abend sitzen bleiben.


  • Literatur: E.T. Kristensen, Skjæmtesagn S. 42.

e) Zwei Weiber im Dorfe, das eine gutherzig, das andere geizig; alter Mann besucht sie, gibt jedem einen Wunsch. Die geizige wollte Geld zählen, ging aber zuerst, um ein Geschäft abzumachen, aus, mußte pissend sitzen bleiben, und drei Mühlen wurden dadurch in Gang gesetzt. Die andere maß Leinwand.


  • Literatur: Ebenda S. 43.

8. Aus Schweden.


a) Christus und Petrus auf der Wanderung. Abgewiesen von der reichen Frau, freundlich aufgenommen von der armen. Dieser bieten sie am nächsten Morgen Zahlung. Sie will nichts haben, und sie sagen zu ihr: »Was du heute morgen beginnst, wirst du bis an den Abend fortsetzen.« Ohne daran zu denken, fangt sie an, das Gewebe zu Kleidern zu zerschneiden, am Abend ist alles damit angefüllt. Die reiche Frau erfährt den Zusammenhang und wartet auf einen neuen Besuch der beiden. Am Ende kommen sie, werden mit Entschuldigungen empfangen, herrlich traktiert und bieten Zahlung; sie will jedoch nichts von ihnen nehmen und erhält dasselbe Versprechen. Schon hat sie das Gewebe bereit, um es zu zerschneiden, da will sie noch einen natürlichen Drang befriedigen und bleibt den ganzen Tag dort sitzen. »Es wuchs ihr über die Ohren, sie stieg auf das Dach, es half nichts, und als die Sonne unterging, versank sie ermattet in den Sumpf –, da liegt sie noch heute.«


  • Literatur: Aminson, Bidrag till Södermanlands äldre Kulturhistoria 8, 64, Nr. 23.

b) Ganz wie die vorige Erzählung, nur ist hier St. Peter allein. Zu der reichen Frau, die sich die bekannte Zusage von ihm erbittet, sagt er: »Was du tust, überlege[149] wohl!« Sie geht, um einen natürlichen Drang zu befriedigen: »es spülte und strömte, da war gar kein Aufenthalt, bald war der Hof überschwemmt.« Alles wurde schlimmer und schlimmer. Sie rief um Hilfe, niemand erschien, konnte ihr auch nicht helfen. Sie weinte, schrie wie ein Gespenst, alles umsonst, das Wasser stieg, sie kletterte auf das Dach, es blieb immer dasselbe, und als die Sonne hinter dem Walde unterging, sank sie in den See. Die Elle aber und das Gewebe schwammen oben, und den See sieht man noch heutzutage.


  • Literatur: G. Djurklou, Sagor ock Äfventyr, Stockholm 1883, S 118.

c) Der Heiland, von der reichen Frau weggeschickt, wird von der armen aufgenommen, sagt ihr, daß ihre erste Arbeit lange dauern solle. Sie mißt Pries, die andere pißt den ganzen Tag.


  • Literatur: K.H. Waltman, Lidmål, Stockholm 1893, S. 59, Nr. 261.

d) Arme-Pälle und Reiche-Pälle wohnten im selben Hofe; der Heiland fragte bei der armen Frau nach dem Weg, sie begleitete ihn und zeigte ihm denselben. Als sie sich trennten, sprach der Heiland: »Das erste, was du nach deiner Heimkehr tust, soll zwei Stunden lang dauern!« Sie mißt ein Gewebe. Die reiche Frau hört die ganze Geschichte, trifft einige Tage später den Heiland, der ihr auch als Dank für freundliche Begleitung dasselbe Versprechen gibt. Sie wollte Geld zählen, zuerst aber ein Butterbrot essen. Sie mußte aber zwei Stunden hindurch essen. Ihr Mann, der Reiche-Pälle, schalt sie tüchtig, er würde es besser gemacht haben. [Als Fortsetzung folgt die oben S. 98 mitgeteilte Geschichte von Nasen und Weizen.]


  • Literatur: August Bondeson, Svenska Folksagor, 1882, Nr. 12.

e) St. Peter, von der reichen Frau weggewiesen, findet bei der armen Quartier. Belohnung: erstes Beginnen soll den ganzen Tag nicht enden.

Die arme Frau zählt Geld und setzt das den ganzen Tag fort, die reiche will Leinewand schneiden, zuerst aber ein kleines Geschäft verrichten und mußte das bis Sonnenuntergang fortsetzen. Daraus entstand ein Bach, und da ihr Name Sissa war, erhielt der Bach den Namen Sissebäck (!).


  • Literatur: De svenska Landsmålen ock svensk Folklif 2, 9: Från södra Sverge (Stockholm 1883), S. 72, Nr. 29.

9. Aus Finnland.


Einmal wanderten der Erlöser und der hl. Petrus zusammen und kamen am späten Abend zu einem Dorfe, wo sie übernachten wollten. Daselbst waren zwei Bauernhöfe, der eine reich und prächtig, der andere arm und unansehnlich. Dem armen Bauernhof wollten die Wanderer nicht beschwerlich fallen und beschlossen, auf dem reichen Hofe ein Nachtlager zu verlangen. Sie klopften also an die Tür desselben, welche verriegelt war, obgleich die Insassen noch keineswegs schliefen. Lange erfolgte keine Antwort. Endlich fragte die Wirtin von innen: »Wer klopft da zur Nachtzeit an der Menschen Türen?« Die Wanderer trugen ihre Sache vor und baten um Quartier bis zum Morgen. »Sucht euch sonstwo ein Strohlager«, rief das Weib keifend, »ich kann mir jetzt nicht mehr die Mühe nehmen, euch einzulassen; nur fort von meiner Tür oder ich schicke meinen Hund, euch zu bewillkommnen.« Die Wanderer mußten sich zufrieden geben und gingen nach dem armen Bauernhofe. Da war kein Siegel vor der Türe, alle Insassen wachten noch, grüßten die fremden Gäste herzlich, hießen sie niedersitzen und bereiteten ihnen[150] Speise und eine Schlafstelle. Die ermüdeten Wanderer aßen mit großem Appetit, dankten und begaben sich zur Ruhe.

Am nächsten Morgen bieten sie vor dem Aufbruch Bezahlung an, aber die Bäuerin will für so geringe Dienste nichts annehmen. »So nehmet wenigstens unsern Segen für eure Gastlichkeit und begnügt euch mit dem, was dieser Segen euch einbringt.« Als sie fort sind, macht sich die Frau an die Arbeit, ihre gestern fertig gewordene Leinwand zu messen. »Die Frau maß und maß, aber die Leinwand hielt immer aus; erst nach drei vollen Tagen, gab es nichts mehr abzumessen, und nun war soviel beisammen, daß die ganze Familie auf Lebenszeit genug haben konnte.« Die Frau erzählt es den Nachbarn. Die reiche Hofbesitzerin beschließt, den Fehler bei Wiederholung eines Besuches wieder gutzumachen.

Die Wanderer kommen nach einiger Zeit wieder, wer den prächtig bewirtet und erhalten am andern Morgen noch Reisekost »und anderes dergleichen«. So viele Gaben wollten die Wanderer nicht nehmen ohne eine Gegengabe und sagten: »Nun, so empfangt wenigstens unsern drei Tage wirkenden Segen zu dem ersten Geschäfte, das ihr heute vornehmt.« Die Frau will ihr Geld zählen, holt aber in der Unbedachtsamkeit der Habgier zuerst ihr Nastuch aus dem Winkel, um sich zu schnauben. Erst nach drei Tagen hört sie zu schnauben auf.


  • Literatur: Mag. f.d. Lit. d. Auslandes 1868, 618. Auch bei Herzberg, Finska Toner (mir nicht bekannt).

Zum Ursprung der erweiterten Sage.

Es gibt eine chinesische Sage, die die Brüder Grimm in der Anmerkung zu Nr. 87 (KHM 3, 350) anführen.2


Fo ging oft auf die Erde herab, die Herzen der Menschen zu prüfen. Es trägt sich zu, daß er zur Nachtzeit in schlechtem Gewand vor die Hütte einer Witwe kommt und als ein Unglücklicher und Verirrter Herberge begehrt. Die Frau bewirtet ihn freundlich und bereitet ihm eine Schlafstelle. Fo legt sich bald zur Ruhe, sie beleuchtet den Schlafenden mit der Lampe und sieht, daß er kein Hemd anhat, auch sein Kleid zerrissen ist. Da schließt sie ihren Kasten auf und schneidet aus grobem, selbstgesponnenem Linnen ein neues Hemd, näht es die ganze Nacht hindurch, und morgens früh reicht sie es dem Gast, welcher dankbar die Gabe annimmt und spricht: »Gott lohne dir, was du an mir tust; wenn ich geschieden bin, dann müsse dein erstes Beginnen nicht aufhören, bis die Sonne sinkt.« Als der Gast fort ist, will sie die Rolle Linnen wieder in den Kasten legen, und indem sie denkt, wieviel Ellen es noch sein könnten, fängt sie an ihrem Arm an zu messen, und die Rolle wickelt sich immer auf, ohne dünner zu werden, und so mißt sie, bis die Sonne untergeht; da liegt die ganze Stube voll Linnen, und sie ist eine reiche Frau geworden. Dankbar und voll Freude erzählt sie ihrer Nachbarin von dem Glück, das ihr widerfahren. Diese ist geizig und will desselben teilhaftig werden; darum stellt sie sich, die sonst niemals den Armen etwas gegeben, an ihre Haustür, um den fremden Gast, wenn er vorüberginge, einzuladen. Nicht lange, so kommt er, wird mit offenen Armen von ihr empfangen, köstlich[151] bewirtet und morgens ihm ein feines Hemd angeboten, statt des groben, das er an seinem Leibe trägt. Fo dankt und verläßt das Haus mit denselben Worten wie bei der ersten. Freundlich begleitet sie ihn eine Strecke und berechnet schon den unendlichen Reichtum, als sie in Gedanken an einen stehengebliebenen Eimer stößt. Und weil gerade ihr Schwein grunzt, denkt sie: »Das Tier bekommt doch den Tag über mein Messen kein Futter, du willst ihm wenigstens das Wasser vorschütten.« Aber sie gießt und kann nicht aufhören, der Eimer wird nicht leer, und sie muß den langen Tag ewig Wasser gießen bis Sonnenuntergang, so daß die ganze Gegend überschwemmt wird und die Nachbarn spöttisch den Schaden vergütet haben wollen.


  • Literatur: Vgl. v. Haxthausen, Transkaukasia 1, 337. (Die Echtheit dieser Variante wird von Benfey, Pantschatantra 1, 497, bezweifelt.)

Wie Theodor Benfey (Pantschatantra 1, 497) vermutet, ist diese »unzweifelhaft buddhistische« Sage »wahrscheinlich durch die buddhistischen Mongolen – wie so viele andere buddhistische Legenden und Märchen – nach Europa gelangt.« Indes wird eher der umgekehrte Weg von Westen nach Osten anzunehmen sein. Die Fülle der westeuropäischen Varianten zeigt doch wohl an, daß das Hauptverbreitungsgebiet der Sage auch deren Heimat ist. Von da hat sie durch vereinzelte Übertragung den Weg nach China gefunden.

Im übrigen gehört die Sage »in den Kreis jener von dem Wandern und Reisen der Götter und Heiligen auf Erden. Wo sie gehen, entspringt den Guten, Reinen Heil, den Bösen, Geizigen, Häßlichen Verderben; das jenen zuteil geworden, erbitten sich diese plump zu ihrem Unglück; damit prüfen die Götter zugleich das Menschengeschlecht.«


Grimm, Märchen Bd. 3, zu Nr. 87 mit dem Hinweis auf Altd. Wälder 2, 25, Anm. 60. Odyssee 17, 485 und das eddische Lied von Rîgr. So gehört auch das Märchen von den drei Männlein im Walde (Nr. 13), der Frau Holle (Nr. 24) und der schwarz und weißen Braut (Nr. 135) hierher. – Zum endlosen Anwachsen der Leinwand und des Wassers verweist Grimm auf das Märchen vom süßen Brei (Nr. 103 nebst Anmerkungen, zu denen die obige französische Variante S. 138, e hinzuzufügen ist).


Daß solche Sagen, wie die von Philemon und Baucis, schon im Altertum weit verbreitet waren, beweist eine bekannte Stelle der Apostelgeschichte (14, 11. 12).


Die Götter sind den Menschen gleich worden und zu uns herniedergekommen und nenneten Barnabam Jupiter und Paulum Mercurius, dieweil er das Wort führete.


  • Literatur: Vgl. Grimm, Myth.4 Nachtr. zu S. 22.

In weiterem Zusammenhang wären hier unzählige Lokalsagen von versunkenen Schlössern3 und Bergen, Dörfern und Städten oder die von verschütteten[152] Alpen anzuführen, in denen die Schlechtigkeit der Einwohner bestraft wird. Zu diesen Sagen, denen tatsächliche örtlich beschränkte Elementarereignisse wie Seedurchbrüche u. dergl. zugrunde liegen, gehört auch die von Philemon und Baucis. (Vgl. Winternitz, Flutsagen 312 f.)

Fußnoten

1 Der Hrsg. Größler ändert hier »da der anstößige Inhalt des ursprüngl. Berichtes einer getreuen Wiedergabe widerstrebt« (S. 56 Anm.) und erzählt, die Trau wollte zur Aufnahme der erhofften Schätze Fässer leeren und goß zu dem Zweck ein Faß mit Laugenwasser aus.


2 Ebenda der Hinweis auf der Frau Naubert Volksmärchen 1, 201–209, wo diese chinesische Erzählung schön ausgeführt und dem segenreichen Leinwandmessen ein unseliger Spinnenwebwachstum entgegengestellt ist.


3 Z.B. erzählt eine serbische Ballade bei Vuk Stefan Karadžić, Srpske narodne pjesme, Wien 1841, 1, Nr. 207, wie die Burg des übermütigen, reichen Gavan versinkt und der Plattensee entsteht. (Winternitz, Flutsagen 312; ebenda auch andere Nachweise; siehe auch Sébillot, Folklore de France 3, cap. 5.)


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 153.
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