III. Das Jungglühen mit seltsamer Hufbeschlagung verbunden.

[168] 1. Aus Waldeck.


Bezwinger der Riesen war ein armer Junge, eines Hirten Sohn, welcher der vielen Schläge, die er von seinem Vater bekam, überdrüssig, in die Welt hinausging und nach mehreren Abenteuern nach Bamberg zu einem Schmiede kam, den man nicht anders anreden durfte als »Meister über alle Meister«. Er erhielt bei diesem Schmiede Arbeit und zeigte bald, daß er noch geschickter als der Meister war. Er schnitt Pferden, die vernagelt waren, den Fuß ab und setzte einen neuen wieder an. Er konnte auch alte Weiber wieder jung machen. Viele Tausende hatte er wieder jung gemacht. Den Schmied verdroß es, daß er die anderen jung machte, und seine alte Frau bleibe so schrunzelig. Doch wollte er dem Gesellen keine guten Worte geben, sondern machte sich selbst ans Werk. Er warf sie in das Feuer, legte sie auf den Amboß und wollte sie zurechtklopfen. Als er nichts zustande brachte, rief er den Gesellen, der aber nur einen Affen daraus schmieden konnte.


  • Literatur: Curtze, Volksüberlieferungen aus dem Fürstentum Waldeck, S. 83.

2. Aus Finnland.


Der Erlöser und St. Peter fuhren um die Winterszeit im Schlitten an einer Schmiede vorbei. Da ihr Pferd ein Eisen verloren hatte, baten sie den Schmied, ihnen die Werkstätte zu überlassen, um ihr Pferd zu beschlagen. Dieser hörte nicht auf sie. Erst als sie ihn auf den Rat einer alten Frau »du weltberühmter, hoher Meister« anredeten, räumte er ihnen seine Schmiede ein. Christus schnitt dem Pferde den Fuß ab, schlug auf dem Amboß das Eisen an und machte den Fuß wieder am Pferde fest. Ebenso beschlug er die anderen Füße des Pferdes. Um der alten Frau für ihren Rat zu danken, legte sie der Erlöser in die Feueresse und schmiedete aus ihr ein junges, wunderschönes Mädchen. Der Schmied wollte beides nachmachen. Aber das Pferd, dem er alle vier Beine auf einmal abgeschlagen hatte, verendete, und er mußte dem Besitzer den Preis des Pferdes ersetzen. Nun wollte er seine alte Mutter, die hereinkam, um ihn zum Frühstück zu rufen, jung machen. Auch dieses mißlang. Er eilte den reisenden Schmieden nach; unser Herr und St. Peter kehrten zurück, setzten dem Pferde die Beine an der richtigen Stelle ein, und sofort sprang das Tier auf. Nicht so gut gelang die Wiederbelebung der alten Mutter; denn sie konnten trotz aller Mühe nur noch eine Meerkatze aus ihr machen.


  • Literatur: Finnische Märchen, übersetzt von Emmy Schreck, S. 159.

3. Aus Norwegen.


Christus und St. Peter kommen zu einer Schmiede mit der Inschrift: »Hier wohnt der Meister über alle Meister.« Christus nimmt einem Pferde, das beschlagen werden soll, die Beine ab, beschlägt sie und setzt sie dann wieder an. Danach schmiedet er die alte Mutter des Schmiedes wieder jung. Der Schmied sucht ihm beides nachzumachen, aber mit schlechtem Erfolg. Weiter verläuft dann die Erzählung in das Märchen vom Schmied und dem Teufel oder dem Tod (vgl. Grimm zu Nr. 82).


  • Literatur: Asbjörnsen, Norweg. Volksmärchen übers. von Bresemann, Nr. 21 und Asbjörnsen, Auswahl norweg. Volksmärchen übers. von Denhardt (1881) S. 111.

[168] Beispiele für die hier verbundene Sage von der wunderbaren Beschlagung der Pferde:


1. Die Eligiussage bei Sebastian Brant.


›darnach hiesz in der künig sein pferd beschlahen mit silberin hufysin. so schneit sant Loy dem pferd die füsz ab nach den gelidern, und als er es beschlagen hett, da setzt er ihm die Füsz wider an on allen gebrechen3. das sach ein knecht, der wolt das auch thun und mocht es nit thun und verderbt das pferd. also macht sant Loy das pferd wider gesund und straft den knecht darum.‹


  • Literatur: Zu jener Erzählung bei Brant stimmt auch das Bild in der Wasserkirche zu Zürich, auf dem Eligius beschäftigt ist, den abgeschnittenen Pferdefuß zu beschlagen, während er einer dabei stehenden Hexe in die Nase zwickt. Wolf, Beitr. z. dtsch. Myth. 2, 57.

2. Aus Belgien.


Eligius ist ein Hufschmied, der über seine Tür ein Schild setzen läßt mit der Aufschrift: »Eligius, ein Meister über alle Meister«. Das ärgert den lieben Gott. Jesus reitet auf einem Sonnenstrahl zur Erde hernieder, kommt in Gestalt eines Schmiedegesellen zu Eligius und fragt ihn, in wieviel Zeit er ein Hufeisen mache. Eligius sagt: er halte es dreimal ins Feuer, Jesus: einmal genüge ja schon. In dem Augenblick hält ein Reiter an der Tür, dessen Pferd ein Hufeisen fehlt. Jesus nimmt eine große Schere und schneidet das Bein ab, nimmt es mit in die Schmiede, nagelt das Eisen auf und heilt das Bein wieder an. Eligius hat Gefallen an dem Gesellen, nimmt ihn in Dienst und schickt ihn zur Stadt um Eisen zu holen. Unterdessen kommt ein anderer Reiter vor die Schmiede, und Eligius macht es mit dem Pferde gerade so wie der Herr, aber das Bein will nicht halten, es fällt immer wieder ab. Der Reiter schimpft und droht, da kommt der Herr aus der Stadt zurück, heilt das Bein an und verweist Eligius seinen Hochmut, worauf derselbe sein Schild sofort zerschlägt.


  • Literatur: Wolf, Deutsche Märchen und Sagen Nr. 17.

3. Vlämische Variante.


St. Elooi kommt zu dem Schmied mit dem Schilde »Meister aller Meister« und beschlägt ein Pferd in der üblichen Weise. Der Schmied will es bald darauf mit einem andern Pferde nachmachen. Glücklicherweise kommt St. Elooi gerade wieder vorbei und heilt das Pferd gegen das Versprechen, daß das hochmütige Schild entfernt werden soll.


  • Literatur: Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 364.

4. Aus der Oberpfalz.


Der Nachahmungsversuch fehlt. Zu einem Schmiede, dem es sehr schlecht ging, kam ein Geselle und bat um Arbeit. Der Schmied nahm ihn auf, obwohl er keine Kunden hatte. Der Geselle verschaffte ihm großen Zulauf; denn er war sehr geschickt; er schnitt den Pferden den Fuß ab, der beschlagen werden sollte, und heilte ihn dann wieder an.


  • Literatur: Schönwerth, Aus der Oberpfalz 3, 77.

5. Aus Iudicarien (Welschtirol).


Christus will einen hoffärtigen Schmied bessern und beschlägt ein Pferd, indem er ihm alle vier Beine abhaut, jedem die Hufeisen annagelt und die Beine wieder anfügt. Der Schmied will es nachmachen, bringt es aber nicht fertig.


  • Literatur: Zschr. d. Ferdinandeums 1870, S. 224.

[169] 6. Rumänisches Märchen aus Siebenbürgen.


Christus kam durch ein Dorf an der Schmiede eines Zigeuners vorbei und verdingte sich bei diesem als Lehrling. Gleich am ersten Tage ward er in den Wald ge schickt, um Kohlen zu brennen. Die Frau des Zigeuners ging mit ihm und verwunderte sich gar sehr, als Christus mit wenigen Schlägen eine ganze Eiche in Späne zersplitterte, und teilte daheim ihrem Manne alles mit, was sie gesehen hatte. Der ruhmredige Zigeuner aber gab ihr zur Antwort: »Das ist noch garnichts, mit einem einzigen Schlag will ich dasselbe verrichten!« Bald darauf kam ein Herr vor die Schmiede und wollte ein Pferd beschlagen lassen. Christus war gleich zur Hand, schnitt dem Pferd alle vier Füße ab, schlug Hufeisen darauf und richtete sie dem Pferd wieder ein. Als der Herr darüber staunte, sprach der Zigeuner: »Das hat er von mir gelernt!« Über eine Weile, als ein anderer Herr kam und ein Pferd zum Beschlagen vorführte, tat der Zigeuner auch, wie Christus getan hatte, konnte aber dem Pferde die Füße nicht wieder einrichten und mußte es bezahlen. Christus aber half ihm nicht aus dem Handel und ging von dannen.


  • Literatur: Ausland 30 (1857), 1075.

7. Irische Sage.


Der göttliche Held Fin Barre läßt sein Pferd von einem menschlichen Schmied beschlagen und tut das vierte Bein aus der Tasche.


  • Literatur: Grimm, Myth.4 3, 59.

8. Weiteres Material bei Köhler, Kleine Schriften 1, 132.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 168-170.
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