II. Der Schellfisch.

[181] 1. Aus Belgien (Vlämisch).


Bekanntlich war Sankt Peter ein gewaltiger Meister im Fischen. Eines Tages nun hatte er lange gefischt und dennoch nichts gefangen, bis zum letzten Zuge, da hatte er das Netz ganz hagelvoll. Er warf die Fische heraus, einen nach dem andern, und tat sie in einen Eimer. Den letzten aber konnte er lange nicht kriegen. Denn der sprang so schnell hin und her, daß es fast unmöglich war, ihn zu erwischen. Endlich gelang es Sankt Peter doch, ihn oben am Rückgrat mit Daumen und Zeigefinger zu packen. »Du bist mir ein Schelmfisch!« sprach er, »ein wahrer Schelmfisch! Den Namen verdienst du und sollst ihn behalten.« Und von der Zeit an hieß man den Fisch Schelmfisch oder auch Schellfisch. Und zum Wahrzeichen von der Echtheit dessen, was ich euch hier sage, sieht man noch heutzutage den Daumen Sankt Peters oben auf dem Rücken des Fisches. Dicht hinter dem Kopf hat er einen schwarzen Fleck. Wer es trotzdem nicht glauben will, der kann es bleiben lassen.


  • Literatur: Wolf, deutsche Märchen und Sagen 1845, S. 148.

[181] 2. Aus Groningen.


Die zwei braunen Flecken dicht am Kopfe des Schellfisches sind dadurch entstanden, daß Petrus, als er noch Fischer war, einmal im Galiläischen Meere Schellfische fing und sie an jener Stelle mit schmutzigen Fingern an faßte.


  • Literatur: Volkskunde 15, 115.
    Vgl. die kurze Bemerkung in Ons Volksleven 12, S. 9: Men zegt, dat de schelvisch bij den kop het indruksel vertoont van Sant-Pieters duim.

3. Westvlämische Variante.


Sankt Peter und andere Jünger hatten den ganzen Tag vergebens gefischt, als der Herr Jesus gegen Abend am Ufer wandelte. »Werft eure Netze längs der andern Seite des Bootes aus!« rief er ihnen zu. Sie taten es und hatten alsbald das Netz voll. Die Jünger nahmen nun die Fische heraus, und an der Stelle, wo sie mit Finger und Daumen auf den Fisch drückten, blieb ein dunkler Fleck sichtbar, den die Schellfische bis heute behalten haben.


  • Literatur: Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 55. (Gekürzt.)

4. Aus Deutschland.


a) In Brake an der Weser wird übereinstimmend erzählt: Der Schellfisch hat auf dem Rücken dicht hinter dem Kopf einen schwarzen Fleck. An der Stelle nämlich hat ihn Petrus angefaßt, als er ihn beim großen Fischzug [Ev. Luc. 5, 6 f.] gefangen. Da hat sich sein Finger eingedrückt.


  • Literatur: Kuhn-Schwartz, Norddt. Sagen, Märchen und Gebräuche S. 302.

b) In Helgoland wird dasselbe erzählt. Der schmale schwarze Streifen, der quer über den Rücken des Schellfisches läuft, wird von den Fischern für eine Narbe vom Griff des Petrus gehalten.


  • Literatur: Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 1, 9 Anm. 48. Vgl. Müllenhoff, Sagen und Märchen S. 605.

c) Als Petrus sich zu den Füßen des Herrn niederwarf und die Worte sprach: »Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch,« da hielt er einen Schellfisch in der Hand. An der Stelle, wo sein Daumen ihn gedrückt hatte, über der Seitenflosse, hatten alle Schellfische von Stund an einen dunkeln Fleck. Und sie heißen Petri Grebh (Peters Griff).


  • Literatur: Jahrb. f. Landeskunde d. Herzogt. Schleswig 4, 160.

Zur Geschichte dieser Sagen verweise ich auf die in Bd. 1, S. 202 angeführte Sage von Thor und Loki sowie auf die isländische Fassung, in der der Teufel den Schellfisch packt, dieser aber entwischt und seitdem die dunklen Streifen auf beiden Seiten zeigt. Ich füge hier noch folgende englische Sage hinzu: Der Teufel baute die wohlbekannte, gefährliche Felskette, die man als Filey Brigg kennt. Als er so bei der Arbeit war, fiel sein Hammer zufällig ins Wasser. Er tauchte schnell, um ihn herauszuholen, und ergriff aus Versehen einen Schellfisch anstatt des Hammers. Seitdem haben alle auf den Seiten die Zeichen der Teufelshand und werden sie immer behalten.


  • Literatur: Parkinson, Yorkshire Legende and Traditions 1, 121.

Man wird kaum fehlgehen, wenn man hier den Hammer Thors wiedererkennt, da ja diesem Gotte gleich den Riesen seltsame Bauten zugeschrieben[182] werden (Grimm, Myth.4 155). Und der Verfasser der jüngeren Edda hat offenbar eine wohlbekannte Volkstradition verwendet, als er jene Geschichte von Thor und Loki am Wasserfall in seine Erzählungen aufnahm. Daß später anstatt des Gottes bald der Teufel, bald Petrus eingesetzt wurde, entspricht einer uns bereits bekannten Gepflogenheit. Einmal – in der keltischen Sage – findet sich auch Christus.1


Indo-muhammedanische Parallele.

Fische wurden als verbotene Nahrung betrachtet, da der Name Allahs oft nicht über ihnen ausgesprochen werden konnte, ehe sie starben. Um dies abzuändern, segnete Muhammed ein Messer und warf es in die See. Dadurch wurden alle Fische gesegnet und hatten ihre Kehlen geschnitten, ehe sie ans Ufer kamen. Die großen Öffnungen hinter den Kiemen sind die Wunden, die so wunderbar gemacht wurden, ohne den Fisch zu töten.


  • Literatur: Notes and Queries 3. Ser., vol. 6, 142.

Fußnoten

1 The black spots on the haddock are wellknown to have been caused by Christ having taken a haddock in his hand. Celtic Magazine 11, 107.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 183.
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