V. Die Geißelung und Krönung.

A. Die Ruten der Kriegsknechte.

[201] 1. Die Weide.


a) Von der Trauerweide waren die Ruten genommen, mit denen der Herr Jesus vor seiner Kreuzigung von den rohen Kriegs knechten gegeißelt wurde. Um dieser Schmach willen mag sie den blauen Himmel gar nimmer mehr ansehen und nimmer froh werden. Fort und fort hängen ihre Äste zur Erde nieder in tiefem Weh.


  • Literatur: Warnke, Die Pflanzen ..., 1878, S. 57. Leoprechting, Aus dem Lechrain, 1855, S. 99. Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 345. Ons Volksleven 11, 69.

b) Man sagt, die Ruten seien vom Weidenbaume gewesen. Seitdem senkt dieser seine Zweige trauernd und von Zähren triefend zur Erde und vermag sie nicht himmelwärts emporzurichten. Darum heißt der Baum jetzt die Tränenweide und wird auf Kirchhöfe gepflanzt.


  • Literatur: Sepp, Symbolik 5, 102. Vgl. Gubernatis, M.d. pl. 2, 31 (die Trauerweide weint über die Geißelung).

c) Weil Christus mit Weidenruten geschlagen wurde, kann die Weide zur Strafe nur krüppliges Gebüsch oder niedrige Bäume bilden.


  • Literatur: Ulr. Jahn, Volkssagen aus Pommern S. 490.

2. Der Brombeerstrauch.


a) Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß der Boden, auf dem der Brombeerstrauch mit seinen langen, peitschenähnlichen Ranken wächst, wie zerschlagen, wie zerklüftet und ausgedörrt erscheint. Kein Gras, kein Moos gedeiht unter ihm, kein Insekt, kein Tier sucht dort Schutz, weder Schmetterling noch Biene nähern sich seinen Blüten. Daraus entstand dann die Legende, daß der Strauch aus den achtlos fortgeworfenen Rutenbündeln erwachsen sei, mit denen die Kriegsknechte den Herrn vor seiner Kreuzigung gegeißelt haben, und daß aus dem Blut des Herrn die Blüte und Frucht entstanden wären.


  • Literatur: Sonntagszeitung für Deutschlands Frauen Jahrg. 1902–1903, Heft 47, Beilage: Praktische Mitteilungen S. 1.

b) Als die Juden Jesus in ihrer Gewalt hatten, suchten sie überall auf dem Felde nach Reisholz, um ihn zu geißeln. Zuerst kamen sie zu einem Brombeerstrauch. Sobald dieser hörte, wovon die Rede war, setzte er auf all seine Zweige scharfe Dornen, und jeder, der ihn fassen wollte, wurde an den Händen geritzt. Die Juden gingen weiter. Sie kamen an das Ufer eines Wassers, wo Schilfrohr[201] stand. Aber kaum hatte das Rohr von Geißelung reden hören, so bog es alle seine Enden tief in das Naß, so daß niemand herankonnte. Die Juden waren böse und gingen weiter. Da gelangten sie zu einer Birke. Hier hatten sie keine Mühe, die Birke ließ ihre Äste gutwillig ab schneiden. Als unser lieber Herr das vernommen hatte, sagte er: »Der Brombeerstrauch diene mir zur Krone, das Schilfrohr zum Zepter, und wenn später jemand mein Leiden malen will, soll er beides meinem Bilde beifügen; verflucht aber sei die Birke, die mich martern soll. Schande und Abscheu über sie!« Seitdem wird das Birkenreis als Besen gebraucht, um den Unrat wegzufegen; auch ist die Birkenrute der Schrecken der Schulkinder geworden.


  • Literatur: Aus den Niederlanden. Joos, Vertelsels 1, 34 Nr. 16. Vgl. Ons Volksleven 11, 68 = Js. Teirlinck, Bloeiende Ruezen 54: Die Birke läßt seitdem ihre Zweige niederhängen und dient als Kehrbesen.

3. Die Zwergbirke.


In Schottland heißt es, daß die Zwergbirke nicht höher wachsen darf, weil Jesus mit Ruten von ihrem Holze gegeißelt wurde.


  • Literatur: Dyer, English Folklore S. 35 = Timbs, Things not generally known S. 97.

Parallele.


Als Saint Melaine in seiner Jugend die Tiere auf dem Felde hütete, verließ er sie oft, um Religionsübungen obzuliegen. Seine Mutter, die ihn deswegen mehrmals getadelt hatte, verlor schließlich die Geduld und schlug ihn in grausamer Weise mit Stechginster (genêt épineux). Das geschah zu Brain. Gott verfluchte den Stechginster, und seitdem gibt es dortzulande keinen mehr.


  • Literatur: Rolland, flore populaire 4, 102.

B. Die Milbe.

Vlämische Sage.


Als unser lieber Herr gegeißelt werden sollte, erregte das Ereignis solche Entrüstung bei Menschen und Tieren, daß über nichts anderes gesprochen ward und jeder voll Mitleid war. Auch den kleinsten Tieren war das zu Ohren gekommen, und eine Laufmilbe (trombidium holosericeum L., 2 mm lang) machte ihrem Weibchen den Vorschlag, zur Geißelung hinzugehen. »Steck aber Geld ein!« sagte das Männchen, »man kann nicht wissen, was passiert.« Das Weibchen tat es, und frühmorgens gingen sie auf die Reise. Nach einer Weile sagte der Mann: »Komm, laß uns hier ein Schnäpschen trinken; auf nüchternen Magen schmeckt's am besten.« Die Frau ließ sich das nicht zweimal sagen und ging mit in die Herberge. Unglücklicherweise standen unterwegs noch andere Schenken, und der letzte Heller ging drauf. So kamen sie in Jerusalem an, zu spät, um der Geißelung beizuwohnen, und in einem Zustand, daß sie einander stützen mußten, sonst wären sie in die Wagenspur getaumelt. Als sie an dem Orte, wo sie unsern lieben Herrn gegeißelt hatten, angelangt waren, fielen sie beide in ein Gerinnsel Blut. Nach langem Zappeln kamen sie heraus, hatten aber eine blutrote Farbe gekriegt, und alle ihre Nachkommen haben sie seitdem behalten.


  • Literatur: Aus Denderleuw. Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels 67.

C. Die Dornenkrone.

Die Dornenkrone war nach alten Zeugnissen entweder aus iuncus marinus oder rhamnus nabeca (paliurus) gemacht. Vgl. Barradius, commentar. IV[202] p. 249, Sandini historia familiae sacrae p. 217, Jacobus a Voragine ed. Graesse p, 227. – Noch heute erinnern volkstümliche Pflanzennamen an diese Sage. Rolland, flore pop. 4, 89 führt für jonc marin an: courouno de boun Diou (Cant. Puy-l' Evêque) und erwähnt einen Brauch aus Pujet bei Fréjus, daß die Knaben am Tage ihrer ersten Kommunion zur Erinnerung an Jesus Christus mit einer solchen Dornenkrone in die Kirche gehen. – Für rhamnus cathartica (vgl. Nierembergius, hist. naturae 1635, 491–94) führt Rolland 4, 22 an: spino santo (aus Rom 1561 bezeugt), spino di Christo (aus den Abruzzen 1561 bezeugt), spina santa, spina di crucifissa (aus Sizilien, Pitrè Archivio d. trad. pop. 1886, p. 192). Den Sauerdorn (berberis vulgaris), mit dem Christus nach wallonischer Sage gekrönt wurde (Bulletin de Folklore wallon, Liège 1891–95, p. 206) nennt Rolland 4, 137 ff. sancta spina (1591 bezeugt), spin dalla croce (Treviso, vgl. Saccardo, Flora trevigiana, Venezia 1864), spin di cros (Friaul, vgl. Pirona, Vocabolario friulano 1871).

Berberis cretica heißt nach Rolland, flore pop. 145 auf Sardinien: spina Cristi, spina santa (Moris, flora sardoa, Taurini 1837–59). –

Nach Pitrè, appunti di botanica pop. siciliana 2 (= Rivista Europea 1876), p. 4 war die Dornenkrone aus »ranno« (spina santa, lycium europaeum) gemacht.

Vom Kreuzdorn heißt es noch jetzt in Mecklenburg, er werde so hochgeachtet, weil Christus ihn als Krone trug. Wossidlo, Volkstümliches aus Mecklenburg, H. 1, Nr. 62.

Der Weißdorn wird angeführt von Dyer, Plant Folklore p. 46 (»mittelalterliche Legende«), Alfred Harou, mélanges p. 55 (= Folklore de Godarville p. 24): er wird nie vom Blitze getroffen, weil Jesus mit seinen Dornen gekrönt wurde; Kelly, curiosities of Indo-European Folklore p. 182: Wer einen Weißdornzweig trägt, dem kann weder Donner noch Sturm schaden, und das Haus, darin er ist, kann kein böser Geist betreten; Biblioteca del Folklore 8, 8 (Die wilde Rose wird nie vom Blitz getroffen). – Allgemeiner heißt es im Kanton Luzern: Dorngebüsche jeder Art werden nie vom Blitz getroffen, denn die Dornen gelten durch die Dornenkrone des Heilands als geheiligt. Auch die Stechpalme gilt aus demselben Grunde vor dem Blitzstrahl gesichert. (Schw. Arch. f. Volksk. 2, 282.) – Die Huzulen sagen, daß die Dornenkrone aus den Zweigen des wajderewo geflochten wurde, worunter sie bald den Sauerdorn, bald die Hundsrose verstehen (Kaindl, Die Huzulen S. 106).

Gegenüber den zahlreichen schlicht-tatsächlichen Angaben, welche Dornen zur Krone gedient haben1, stehen einige wenige mit Naturdeutung.[203]


1. Aus Deutschland.


a) Deutschlands Volksglaube läßt die stachelige Bekrönung des Heilands aus dem harten Kreuzdorn gewunden sein. Der Schlehstrauch jedoch sträubte sich, als ihn die rohen Hände brechen wollten; weil er aber der ungestümen Gewalt nicht widerstehen konnte, ward er tief bekümmert bei dem Gedanken an seine Verwendung zu solch grausamer Handlung. Christus erkannte das berechtigte Mitleid des schwachen Dornbusches, wandte dankbar seinen Blick gegen ihn und sprach: »Was kannst du dafür, wenn rohe Hände einen Kranz von deinen Zweigen flechten, ihn mir aufs Haupt setzen und mit einem Stabe die spitzen Dornen in Stirn und Schläfe treiben? Zum Zeichen deiner Unschuld sollen die Engel dich umkleiden mit einem weißen Blütenkleide, heute, und wenn der Gedächtnistag an meine Leiden wiederkehrt.« Diese göttliche Verheißung erfüllte sich denn auch sofort, und mit jedem neuen Lenze sieht man vor allen andern Sträuchern den Schlehdorn im schneeweißen Blütenkleide prangen.


  • Literatur: Aus einem mir vorliegenden Ausschnitt aus dem »Leipziger Tageblatt.« Vgl. Georg Rietschel, Weihnachten in Kirche, Kunst und Volksleben S. 138.

b) Ein Gedicht im »Vogtländischen Anzeiger«, das mir – leider ohne genaue Angabe der Nummer des Blattes – zugeschickt wurde, beruht gewiß auch auf mündlicher Überlieferung2:


Zu der schmerzensreichen Stätte

Wallt aus Zions dunklem Tor

Kreuzbelastet unser Heiland

Und das Volk der Stadt empor.

Frauen klagen, Kinder weinen –

Ahnend furchtbar Strafgericht.

Sieh! Da staut der lange Zug sich,

Weil der Herr zusammenbricht.


Neben einer wilden Hecke

Sinkt der Heiland aufs Gestein,

Matt von hundertfacher Marter

Und der Dornenkrone Pein.

Da ergeht ein schmerzlich Schauern

Durch die Schöpfung weit und breit,

Ölbaum neigt sich tief und Zeder,

Kraut und Baum in Traurigkeit.


Doch am schmerzlichsten von allen

Steht der Dornenstrauch am Weg,

Schnitt man doch die Marterkrone

Aus dem stachlichten Geheg.

Mußt von meinem Zweig du leiden!

Seufzt er zu dem Heiland bang:

Weh' dem Tage, da der harten

Erde ich dereinst entsprang!


Aber milde schaut der Heiland

Den verstörten Dornbusch an:

Was verirrte Menschen taten –

Ohne Schuld bist du daran.

Nur verführter Menschheit Frevel

Hat den Dorn mir eingedrückt!

Sei zum Zeichen deiner Unschuld

Rein mit Blütenglanz geschmückt!


Da durchdringt ein mächtig Leben

Wurzel, Stamm und Zweig und Ast,

Vor der Blüten Fülle schwinden

All die scharfen Dornen fast.

Und in jedem neuen Jahre

Um die stille Leidenszeit

Steht der Dornenstrauch am Wege

In der Unschuld weißem Kleid.

Ludwig Grimm.


c) Die wildwachsende Rostrose oder Weinrose heißt um Tübingen »des Heilandes Dornenkrone«, und die roten Punkte auf den Zweigen sollen von dem Blute des Heilandes herrühren.


  • Literatur: E. Meier, Sagen, Sitten u. Gebr. aus Schwaben 2, 249. Perger, Pflanzensagen[204] 239 f. Strantz, Die Blumen in Sage und Geschichte 1875, S. 33 f. Vgl. Revue des trad. pop. 2, 549.

2. Aus Ungarn.


Die Zweige des Dornbusches sind so verworren, weil aus ihnen die Dornenkrone für Christus geflochten ward.


  • Literatur: Ethnographia 12, 267.

3. Aus Mansfield, Ohio.


Aus einer kleinen, stachligen Pflanze (vielleicht Medicago maculata) mit rotbraunen Flecken auf den Blättern soll die Dornenkrone gemacht worden sein, sie soll sich mit Christi Blut gefärbt haben.


  • Literatur: Bergen, Animal and Plant Lore p. 118.

Fußnoten

1 Eine parallele Erfindung in Westpreußen erwähnt A. Treichel, Volkstüml. aus der Pflanzenwelt 5 (= Schr. d. naturf. Ges. in Danzig N.F. 6, H. 2, 213). Die Stachelbeere heißt auch Christophsbeere, vom hl. Christophel, von dem man vorgibt, daß er mit einer »Krone von solchem Strauch sei gekrönet worden«.


2 Vgl. Sébillot, Folklore de France 3, 368 (aus Lüttich): »gewisse Dornsträucher haben weiße Rosen, weil sie die Krone Christi geliefert haben.«


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 205.
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