IX. Die Nägel am Kreuze.[214] 1

A. Die Fliege.

1. Aus Rußland.


Die Fliege gehört nicht zu den unreinen Tieren. Die Juden wollten einen fünften Nagel in den Leib Christi treiben. Die Fliege aber setzte sich ihm auf den Leib. Da dachten die Juden: Da ist ja bereits ein Nagel! und schlugen keinen ein. Dafür ist die Fliege nicht unrein.


  • Literatur: Etn. Sbornik VI (Abt. I) S. 126.

2. Aus Estland.


a) Als Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, setzte sich eine Fliege auf seinen Körper an die Stelle, wo ein Nagel durchgeschlagen werden sollte. Die Kriegsknechte sahen die Fliege, hielten sie aber für einen Nagel und ließen den Nagel uneingeschlagen. Für diese Wohltat ward der Fliege gewährt, von allem zu kosten, wonach sie je Verlangen hätte.

b) Es war den Kriegsknechten anbefohlen worden, mit fünf Nägeln Christum[214] ans Kreuz zu schlagen. Die Maus aber und die Fliege hielten Rat miteinander, und die Maus entwendete einen Nagel, welcher durchs Herz geschlagen werden sollte, während die Fliege sich an die Stelle setzte, wo der Nagel hinkommen sollte. Der Aufseher aber hielt die Fliege für den Kopf des Nagels, denn es war finster. Dafür ward der Fliege gestattet, von jedem Tisch zu essen und jede Speise zu berühren. Die Maus aber bekam die Erlaubnis, auch in der Erde zu leben, um den Feinden und Verfolgern entrinnen zu können.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von Dr. J. Hurt.

B. Die Distel.

Aus Estland.


a) Als die Kriegsknechte Jesus ans Kreuz schlugen, vermißten sie den größten Nagel, den sie durch die Brust hatten schlagen wollen. Diesen Nagel hatte Maria, die Mutter Jesu, die mit Johannes dabei gestanden hatte, aus Mitleid entwendet und in die Erde versteckt. Als die Kriegsknechte den Nagel suchten und nicht finden konnten, ließen sie Jesus gleich den anderen Übeltätern ohne Brustnagel. An der Stelle, wo Maria den Nagel in die Erde gesteckt hatte, wuchs eine Distel hervor (Karnohakas = langstachelige Distel [Cirsium lanceolatum Scop.], auch Ochsenzunge [Anchusa officin. L.]). Von Golgatha aus verbreitete sich diese Distel über die ganze Erde.

b) Als Jesus nach Golgatha geführt wurde, da hatten die Kriegsknechte auch einen größeren Nagel mitgenommen, den sie Jesus durch die Brust schlagen wollten. Den Jüngern gelang es, diesen Nagel zu entwenden, und damit er nicht bei ihnen gefunden und sie vielleicht zu einem ähnlichen Tode verurteilt würden, verbargen sie den Nagel, indem sie ihn in die Erde steckten. Als die Kriegsknechte die Hände und Füße schon angenagelt hatten, suchten sie den Brustnagel und fanden ihn nicht. Eine große Fliege aber kam und setzte sich auf Jesu Brust. Die Kriegsknechten sahen die Fliege und meinten, das sei der Nagel, der schon eingeschlagen sei, und suchten nicht weiter. – An der Stelle aber, wo die Jünger den Nagel in die Erde gesteckt hatten, wuchs eine Distel (Ochsenzunge = Anchusa officinalis L.), die so scharfe Dornen hat, daß man sie mit der bloßen Hand nicht anfassen kann.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von Dr. J. Hurt.

C. Die Kröte.

Aus Estland.


a) Vor Zeiten hatten alle Vögel und sonstigen Tiere ihre Sprache, die auch von den Menschen verstanden wurde. – Als Christus am Kreuze hing, kam die Kröte herbei und machte darauf aufmerksam, daß die rechte Hand Christi noch frei und nicht angenagelt sei; das war von den Kriegsknechten übersehen worden. Und die Hand wurde angenagelt. Daher wird die Kröte, wenn sie den Menschen in den Weg kommt, von diesen mit einem spitzen Gegenstande durchbohrt und hoch zum Trocknen aufgestellt.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von Dr. J. Hurt.

b) Die Kröte ist eine Tochter des Teufels, und man kann sie nur töten durch Spießen auf eine Stange. – Sie lebt im Schmutz, weil sie, als ein Nagel vom Kreuze des Erlösers herabfiel, ausrief: »Der Nagel ist in den Kot gefallen.«


  • Literatur: Wiedemann, Aus d. inn. u. äuß. Leben der Esten. S. 454.

D. Der Krebs.

[215] Aus Bulgarien.


Die Juden hatten, um den Herrn zu kreuzigen, fünf Nägel zubereitet; vier für die Hände und Füße und einen für das Herz. Man hatte sie auf die Erde gelegt. Aber ein Krebs kam aus dem Wasser, erwischte einen Nagel und trug ihn ins Wasser. Darum segnete Gott den Krebs, und man ißt ihn in der Fastenzeit.


  • Literatur: Schischmanoff Nr. 53.

E. Die Spinne.

Aus Galizien (Rutenisch).


Die Juden wollten Christum mit vier Nägeln kreuzigen, auch die Füße auseinander, aber ein Engel stahl den vierten Nagel. Eine Spinne bedeckte seine Schamteile mit ihrem Gewebe.


  • Literatur: Zbirnyk 13, Nr. 132. Über die Spinne am Kreuze s. unten S. 225.

F. Sperling und Schwalbe.

Siehe unten Seite 222 f.


G. Menschen.

1. Aus Bulgarien.


Als sie Christus kreuzigten, da riefen sie einen Meister herbei, damit er das Kreuz verfertige, und auch einen Ägypter (Zigeuner), damit er vier Nägel mache, womit sie Christum ans Kreuz nageln könnten. Weder der Meister noch der Ägypter machte dagegen eine Einwendung, trotzdem sie wußten, daß man Christum kreuzigen wolle. Der Meister verfertigte das Kreuz, so wie es ihm die Juden befohlen hatten, und der Ägypter schmiedete fünf statt vier Nägel. »Warum hast du fünf Nägel gemacht?« fragten die Israeliten, »wir haben dir nur vier angesagt, zwei für die Hände, zwei für die Füße.« »Ja, so habt ihr es angesagt,« meinte der Ägypter, »aber ich dachte bei mir anders und machte auch einen fürs Herz.« »Du hast es dir gut ausgedacht,« versetzten die Israeliten. Als sie dies sprachen, hörte ihre Worte ein Schafhirt, der in der Nähe stand; ihm tat es gar leid um Christum, und damit sie ihm den Nagel nicht durch das Herz schlügen, stahl er ihn. Als nun die Juden den Nagel fürs Herz nehmen wollten, da war dieser nicht mehr vorhanden. Die Israeliten meinten, daß ihn einer der Umstehenden genommen habe, und gaben den Soldaten den Befehl, alle der Reihe nach zu durchsuchen, und bei wem der Nagel gefunden würde, dem solle er durchs Herz geschlagen werden. Als der Schafhirt dies hörte, da war er ganz hin vor Angst, und da gab ihm im letzten Augenblicke Gott den Gedanken ein, den Nagel hinabzuschlucken, damit ihn die Israeliten nicht fänden. Und im letzten Augenblick verschluckte er ihn, und er blieb ihm am Ende der Gurgel stecken. Deshalb haben viele Menschen am Ende der Gurgel den Nagel (Adamsapfel), weil sie eben von diesem Hirten abstammen ... Der Ägypter wurde verflucht, daß er stets nur Nägel mache, und bevor er bitte und bettele, nichts zu essen bekomme. Auch der Meister, der das Kreuz verfertigte, wurde verflucht, daß er nie reich werden solle, darum gibt es bei diesem Handwerk keinen reichen Meister ...


  • Literatur: Strauß, Die Bulgaren S. 82 f.

2. Aus Galizien (kleinrussisch).


a) Als Christus gekreuzigt wurde, brachte der Zigeuner vier Nägel und sagte, sie werden alle zu gebrauchen sein. Doch wurden nur drei gebraucht. Christus[216] aber verfluchte den Zigeuner, er solle ebenso unbrauchbar wie dieser vierte Nagel umherirren.


  • Literatur: Zbirnyk 13, Nr. 131.

b) Der Zimmermann wird nie reich, weil er das Kreuz Christi gemacht hat; dagegen ist der Schmied gesegnet, weil er einen Nagel stahl.


  • Literatur: Zbirnyk 13, Nr. 134.

3. Aus dem Gouvernement Jekaterinoslav (kleinrussisch.).


Die Juden wagten selbst nicht, als sie Jesum kreuzigten, ihn mit Nägeln anzunageln, sondern stellten einen Zigeuner dazu an, fünf Nägel einzuschlagen. Der Zigeuner aber schlug nur vier Nägel ein und schwur, daß er nur auf vier Nägel aufgenommen wäre. Seitdem erlaubt es Gott den Zigeunern, an den Jahrmärkten falsch zu schwören.


  • Literatur: Polivka, Arch. f. slav. Phil. 19, S. 263 nach Manžura im Sbornik Charkovsk. ist-fil. obščestva 6, S. 184.

4. Aus dem Gouv. Bessarabien.


Die Mutter Gottes geht ihren Sohn suchen, trifft einen Zigeuner und fragt ihn, ob er Jesus gesehen habe. Jener bejaht und erzählt, daß die Juden Jesum gekreuzigt und von ihm, dem Zigeuner, für gutes Geld die Nägel gekauft hätten. Vier Stück hätten sie nur gewollt, er aber habe ihnen als Dank für die gute Bezahlung fünf gegeben, und als für den letzten kein Platz mehr gewesen wäre, da habe er sie auf den Gedanken gebracht, den fünften Nagel Christus in die Seite zu stoßen. Die Mutter Gottes verflucht den Zigeuner – und seit der Zeit ist er schwarz und zum Sklaven geworden, beschäftigt sich mit dem Schmiedehandwerk und wird von allen verachtet.


  • Literatur: Jubilejnyj Sbornik v čest' Millera izdan. pod. redak. W.A. Jančuka 95.

5. Aus der Lausitz (Wendisch).


Als die rohen Kriegsknechte Christum zur Richtstätte führten, wollten sie ihn hier erst, wie es damals Sitte war, »sperrbeinig« ans Kreuz schlagen; nur ein zuschauender Ägypter, oder wie wir sie jetzt nennen, »Zigeuner«, hatte Erbarmen und praktizierte durch seine geheime Kunst einen der vier Nägel aus dem Korbe. Das gewahrte Christus und rief dem Wohltäter zu: »Ich weiß, was du jetzt für mich getan, und zum Lohne dafür soll deine Kunst in deinem Stamm sich bis an den jüngsten Tag forterben.«


  • Literatur: Schulenburg, Wendische Volkssagen S. 47 f.

6. Aus Estland.


Als Jesus gekreuzigt werden sollte, wollte man ihm auch durchs Herz einen Nagel schlagen. Aber sie wußten nicht, wie dieser Nagel sein müßte. Der Baumeister machte aus Holz einen Probenagel, wonach der Schmied einen eisernen anfertigte. Bevor sie den Nagel einschlagen konnten, wurde er von irgend jemand gestohlen, und durch das Herz Jesu ward kein Nagel geschlagen.


  • Literatur: Deshalb ist man gegen die Diebe nachsichtiger als gegen die Baumeister.

7. Aus den Niederlanden.


Als der Heiland gekreuzigt wurde, fehlte es an einem Nagel, um seine Hände zu befestigen. Sie suchten und suchten, aber nirgends war einer zu finden. Da kam just ein Weber vorbei. Als er sieht, wie das Werk nicht von statten geht,[217] läuft er nach Hause, holt einen großen Nagel und bringt den herbei. Als Jesus nun an seinem Kreuze hing, wandte er sich zu dem Weber und sagte: »Weber! Weber! Was hast du getan! Du sollst fürder nicht glücklich sein auf Erden!« Und seitdem ist der Weber der unglücklichste der Menschen.


  • Literatur: Joos, Vertelsels 1, 35 Nr. 16 = Teirlinck, Folklore flamand p. 30.

Fußnoten

1 Auf den Gemälden erscheinen meist die beiden Hände mit je einem Nagel und die übereinander gelegten Füße mit einem Nagel durchbohrt, so daß im Ganzen drei Nägel gebraucht wurden; so auch Nonnus in paraphras. evang. Joan. c. 19, v. 91 ff. und der Auctor Christi patientis v. 664. Dagegen ist in den revelationes Brigittae 1, 10; 2, 6; 8, 15 von vier Nägeln die Rede, jedoch so, daß die Füße sich übereinander befinden, und der unterste (der rechte) Fuß mit einem besondern Nagel, also doppelt durchbohrt ist. Ebenso erwähnt Gregor. Turonens. de gloria martyrum I, 6 vier Nägel, jedoch die Füße getrennt. (Aus Hofmann, Leben Jesu.)


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 218.
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