II. Ochs und Esel im Stall.

[12] Der Prophet Jesaias schreibt im 1. Kap. v. 3: [Der Herr redet:] Ein Ochse kennet seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennet es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht. Der Text der Vulgata läßt indes auch eine andere Übersetzung zu, die den Sinn freilich[12] verdreht: der Ochse erkennt den Herrn an und der Esel die Krippe des Herrn. Ein ähnliches Mißverständnis bei Habakuk 1, 3 nach dem Texte der Septuaginta (in der alexandrinischen Version: ἐν μέσῳ δύο ζώων γνωσθήσῃ). Diese Auslegung führte zu der Sage, daß der Ochs und der Esel in der Geburtsnacht das Jesuskindlein angebetet hätten. Die Sage reicht bis ins hohe Altertum, und bei den bildlichen Darstellungen der Geburt Christi wird man selten diese beiden Tiere vermissen (vgl. Rud. Hofmann, Das Leben Jesu 1851, S. 119, welcher verweist auf Münter, Sinnbilder und Kunstvorstellungen der alten Christen 2, 77 und Benedict. XIV. Comment. de festis Jesu Christi III, p. 253).

In dem liber de infantia Mariae et nativitate Christi (ed Schade S. 27), Pseudo-Matthaei Evangelium cap. 14 (ed. Tischendorf2 S. 80) wird demgemäß folgendes erzählt:

Am dritten Tage aber nach der Geburt des Herrn ging Maria aus der Höhle [in der sie nach der Sage das Kind geboren hat: literar. Nachweise siehe bei van den Bergh van Eysinga S. 65] und ging in einen Stall und legte den Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beugten die Knie und beteten ihn an. Da ist erfüllt worden, was durch den Propheten Jesaias gesagt ist, welcher spricht: Es erkannte der Ochs seinen Herrn an und der Esel die Krippe seines Herrn. Die Tiere selbst aber, die denselbigen in ihrer Mitte hatten, beteten ihn unaufhörlich an. Da wurde augenscheinlich erfüllt, was durch den Propheten Habakuk gesagt wird: Inmitten zweier Tiere wirst du erkannt werden. (Vgl. auch Vögtlin, Vita Beatae Virg. Mar. rhythmica v. 1820–1829; aus mhd. Litt. Wernher 198, 2–14, Cuonrad 80, 15, Philipp 2096 ff., Walther Reinav. 59, 39 ff., Passion. 19, 58–80.)

Bei Schade, Narrationes cap. 14, S. 12 (vgl. cap. 12, S. 11) heißt es ebenfalls, daß Maria das Kind zwischen Ochs und Esel in die Krippe legte und daß diese ihre Knie vor ihm beugten. Dann wird aber noch hinzugefügt: und sie wollten nicht weiter essen.

Die Volksüberlieferung faßt diese Enthaltsamkeit als einen Zug liebevoller Rücksicht auf und weiß ihn zweifach zu steigern; sie führt ein gegensätzliches Tier ein, das nur ans Essen denkt, und sie gibt dem aufhörenden die Rolle des Fürsorgers, der das Kind mit Stroh zudeckt oder mit seinem Atem erwärmt. In mehreren Varianten spielt die herodianische Verfolgung mit herein:


1. Legende der Südslaven.


Als Jesus Christus in einer Hirtenhütte geboren ward, da hat ihn die allerheiligste Mutter Gottes in Windel gebunden und auf Stroh in die Krippe getan Dann legte sie sich selbst auf die Streu neben der Krippe, damit sie über ihn wache. Als mit Sonnenuntergang die Hirten mit dem lieben Vieh von der Trift heimkamen, gingen wie gewöhnlich Ochs, Kuh und Pferd in den Stall hinein[13] zur Krippe. Die Mutter Gottes war besorgt um das Christuskindlein, erhob sich, las das Stroh aus der Krippe zusammen und häufte es in einem Winkel auf, damit die drei Tiere davon fressen möchten. Als diese es aufgezehrt hatten, legten sich Ochs und Kuh nieder zum Wiederkäuen, aber das Pferd ging zur Krippe hin, weil es da noch ein bißchen Stroh sah. Auf dem Stroh lag das Christuskindlein. Fing das Pferd an, das Stroh wegzufressen. Sogleich trieb es die Mutter Gottes zuerst mit den Händen, dann mit dem Kleid davon, doch umsonst. Gerade zum Trotz griff das Pferd noch mehr zu.

Wie das die Gottesmutter sah, stand sie auf, nahm das Kindlein, legte es neben sich und sprach: »Du Ochs und Kuh, ihr und eure Nachkommenschaft sollt gesegnet sein, doch du, Pferd, sollst samt deiner Sippschaft – Gott mag's geben! – nimmer in deinem Leben satt werden, und die Menschen sollen euch immer schwer beladen.«


  • Literatur: Krauß, Sagen u. Märchen der Südslaven 2, 121 f.

2. Aus dem Gouvernement Charkow.


Als nach Christi Geburt die Verfolgungen des Herodes begannen, legte die Gottesmutter das göttliche Kind in die Krippe und bedeckte es mit Heu. Das gefräßige Pferd fraß die ganze Nacht das Futter und legte beständig das Versteck des Heilandes bloß; aber der Stier hörte nicht nur auf zu fressen, sondern sammelte auch das auseinandergeworfene Heu mit den Hörnern und schüttete es auf das Kind. Gott verdammte das Pferd für seine Gier und segnete den Stier; deshalb frißt das Pferd beständig, ohne satt zu werden, und deshalb wird der Stier von Menschen gegessen, das Pferd nicht.


  • Literatur: Afanasjeff, nar. russk. legendy, London 1859, S.X.

3. Aus dem podolischen Gouvernement.


Als der Heiland in der Krippe lag, rührte der Ochse nicht ein Spelzchen an, sondern hauchte immerzu und erwärmte ihn. Das Pferd aber stand auf der andern Seite und zog sich alles Heu heraus, soviel es immer gab. Da sprach die Mutter Gottes: »Du wirst, guter Ochse, immer in Gott satt sein, du aber, Pferd, wirst immer hungrig sein, und ob du auch bis zum Platzen äßest.« Und so hat sich's erfüllt. Das Pferd frißt und frißt und bleibt hungrig, der Ochse, wenn er auch hungrig ist, hat immer wiederzukauen.


  • Literatur: Dragomanov, malorussk. predanya S. 109, Nr. 16.

4. Kleinrussische Varianten.


Als der Heiland in der Krippe lag, wurde er vom Ochsen und vom Esel vor den Verfolgern versteckt, indem sie ihn stets mit Stroh zudeckten und mit ihrem Atem wärmten, weshalb sie auch jetzt noch gesegnet sind. Die Pferde aber sind von Gott verflucht, weil sie beständig das Stroh fraßen, womit der Heiland bedeckt war.


  • Literatur: Čubinskij, Trudy 1, 52.

b) Die Ochsen und Esel sind von Gott erschaffen, und man hält sie für gesegnet, weil sie den neugeborenen Heiland mit Stroh bedeckten und erwärmten.


  • Literatur: Ebd. S. 48.

c) Die Pferde sind verflucht. Denn als Christus geboren wurde, legte ihn die Mutter Gottes in eine Krippe; Herodes suchte ihn, um ihn zu töten; die Pferde aber warfen alles Heu aus der Krippe, damit Herodes Jesum Christum fände; die Weisen aber bedeckten ihn.


  • Literatur: Ebd. S. 49.

[14] Neben dieser slavischen Gruppe, die mit ihrer Mißachtung des Pferdes an entsprechende Sagen des Alten Testamentes erinnern (vgl. Bd. I, Register u.d.W. Pferd), steht eine zweite, in der das Maultier die Rolle des Pferdes erhalten hat (vgl. Bd. I, 292, wo es durch Unfruchtbarkeit gestraft wird).


5. Aus Frankreich (Albret).


Als die Jungfrau das Jesuskind zwischen einem Maultier und einer Kuh niederlegte, zog jenes ihr alles Heu weg, während die Kuh es sammelte, den Neugeborenen damit bedeckte und ihn mit ihrem Atem erwärmte. Die Jungfrau sagte zu ihr: »Dir soll die Ehre zuteil werden, neun Monate lang zu tragen wie die Frauen; mag es Sommer oder Winter sein, stets wirst du zur Erinnerung an deine Gutherzigkeit eine feuchte Nase (Zeichen der Gesundheit) und einen warmen Atem haben.« Das Maultier verdammte sie zur Unfruchtbarkeit.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 73 nach Léop. Dardy, Anthologie de l'Albret 2, 9–11; vgl. auch Revue des Trad. pop. 5, 244.

6. In Portugal sagt das Volk, daß die Mauleselin verflucht ist, weil sie das Stroh fraß, auf dem das Jesuskind in der Krippe zu Bethlehem schlief.


  • Literatur: Leite da Vasconcellos, trad. pop. No. 321.

7. In Asturien erzählt man, daß, als die heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde im Stalle von Bethlehem war, das Rind sich bemühte, ihm Wärme mitzuteilen. Aber das Maultier blies ihm Kälte ein und fraß das Stroh des Stalles auf. Als unsere liebe Frau das sah, verfluchte sie das Maultier, und seitdem ist es unfruchtbar.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 2, 492 = Biblioteca del Folk-lore 8, 250.

8. Aus Bulgarien.


Als die Mutter Gottes den kleinen Jesus geboren hatte, verbarg sie ihn in der Krippe unter dem Stroh. Daselbst war auch eine Kuh und ein Maultier. Die Kuh deckte den kleinen Heiland mit ihrem Maule zu, das Maultier aber deckte ihn auf. Die Mutter Gottes verfluchte das Maultier, auf daß es niemals Nachkommenschaft habe; die Kuh aber segnete sie, daß sie jedes Jahr ein Kalb gebäre, bisweilen sogar Zwillingskälber.


  • Literatur: Strauß, Bulgaren 70 = Sbornik 2, 162 = Schischmanoff Nr. 47.

9. Der Esel allein, ohne ein gegensätzliches Tier, erscheint in der nordamerikanischen (aus Europa übernommenen) Sage, daß dem Esel von jener Geburtsnacht her, da er an der Krippe gestanden habe, ein Kreuz auf dem Rücken verliehen worden sei, das immer dunkler gefärbt ist als der übrige Rücken (Bergen, Animal and Plant Lore).


10. Auch in einer maltesischen Legende ist nur vom Esel die Rede:


Als der kleine Jesus in der Krippe lag, kam die Eselin, um ihn mit ihrem warmen Atem anzuhauchen, da es sehr kalt war. Und da diese Eselin eine der reinen war, sagte der kleine Jesus: »Du sollst von nun an ein Kreuz auf deinem Rücken abgebildet haben, damit ich deine Nachkommen an diesem Mal erkenne und sie mich bedienen. Fluch über den, der eine so gezeichnete Eselin mißhandelt oder zur Arbeit treibt!« Als er später in Jerusalem einritt, trug ihn eine der reinen Eselinnen, welche von jener abstammte, die das Neugeborene angehaucht hatte. Seither sind manche der Eselinnen so gezeichnet, und das Kreuz bleibt besonders[15] sichtbar, solange sie rein sind. Gott hat nächst dem Menschen gleich der Eselin Eeinheit geboten, und sie ist das Sinnbild der unschuldigen Güte.


  • Literatur: Bisher ungedruckt. Frdl. Mitteil. von Frl. B. Ilg in Valletta.

11. Merkwürdig, daß der Esel in Sizilien auch die entgegengesetzte Rolle spielt und verflucht wird:


In dem Stalle, in dem Jesus geboren wurde, war ein freches Eselchen, das durch heftiges Bewegen und Wedeln seiner langen Ohren die Windeln des Kindleins abkühlte. Da verfluchte der Herr den Esel und die ganze Rasse.

Andere erzählen, daß die Verfluchung von Gott erfolgte, weil der Esel, sobald er die Geburt des Jesuskindleins sah, einen schrecklichen Schrei ausgestoßen hätte.

Die Christen essen weder Pferde- noch Eselfleisch, weil Pferd wie Esel von Gott verflucht worden seien.


  • Literatur: Pitrè, Usi e cost. Sic. 3, 422, 5. Leg.

12. In freier Ausgestaltung eines sonst zu Fluchtgeschichten verwendeten Motivs (siehe Kap. 3) erzählt die maltesische Sage auch noch die Verfluchung der Ziege.


Als der kleine Jesus geboren wurde, kamen nicht nur die Hirten, sondern auch etliche Tiere herbei: also der Esel, der Ochse und das Schaf. Diese hauchten ihn an, den Neugeborenen, um ihn warm zu halten. Es war nämlich sehr kalt. Und dabei hielten sie sich recht schön still, um das Kindchen nicht zu wecken. Die Ziege aber kümmerte sich darum nicht, sondern machte sich über diese Heimlichtuerei lustig und lief hinaus, um den übrigen Tieren davon zu erzählen. So hopste sie über die Felder und lief auf den Mauern derselben umher, dabei spöttisch meckernd und höhnisch lachend. Von ihrem Atem aber gab sie nichts ab, da sie »ohnehin zu wenig habe«. Darum sprach Gott: »Du sollst verflucht sein unter den Nutztieren! Bist du ein wenig fett, sollst du dürr aussehen, hast du Atem nötig, soll es dir daran gebrechen! Deine Milch aber soll nur zur Hälfte Käse geben, der andere Teil sei fader Molken!« – Seit der Zeit ist die Ziegenmilch wenig ausgiebig für die Käsebereiter, während die Schafmilch gerinnt, ohne Wasser abzusondern. Die Ziege aber ist verflucht bis auf den heutigen Tag. Sie ist neidisch, schadenfroh und das neugierigste Tier.


  • Literatur: Mitteil. von Frl. B. Ilg.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 12-16.
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