IV. Verkörperung menschlicher Gebrauchsgegenstände.

A. Der Stock oder Stiel.

[14] 1. Die afrikanische Sage vom Affenschwanz, der aus einem Hackenstiel entstanden ist, siehe unter Verwandlungen.[14]


2. Sage der Caingang (Südamerika).


Die Cayurucré machten Tiere. Als es Tag wurde, fehlten dem einen noch Zähne, Zunge und ein paar Nägel. Da sie tagsüber nichts schaffen konnten, taten sie schnell einen schönen Stock in des Tieres Maul und sagten: »Da du keine Zähne hast, lebe von Ameisen!« Darum sind die Ameisenbären unfertige und unvollkommene Tiere.


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 18, 224. Vgl. Ehrenreich, Mythen u. Legenden S. 16 (= Borba, Rev. do mus. Paulista 6, 6, 59. 1902): Bei den Kaingang wird dem Ameisenbären, dem ein Gebiß zu schaffen die Zeit fehlt, von Kadjurukré, dem Ahnherrn der nach ihm benannten Horde (Ehrenr. S. 56), eine Gerte in den Schlund gesteckt und ihm geboten, sich von Ameisen zu nähren.

B. Das Messer.

Estnische Sage.


Ein Faulpelz lag tagelang vor der Hütte, die er von seinem Vater geerbt hatte, und sonnte sich oder lag drinnen in der Hütte im Bett und klagte Gott an, der ihn so arm geschaffen und Hunger leiden lasse. Aus dem Walde trat ein Greis zu ihm und machte ihn auf das viele Wild aufmerksam, das er sich mit leichter Mühe fangen könnte. Der Mann stellt Netze aus und fängt einen Hirsch. Er eilt nach Hause, holt ein Messer und ein Beil, tötet den Hirsch und will ihn ausweiden. Er hat eben das Messer in die Haut des einen Hinterbeines gesteckt, als der Greis wieder zu ihm tritt und ihn auf Gottes Güte aufmerksam macht und ihn zum Danken auffordert. Der Mann antwortet hochmütig, das alles sei sein eigner Verdienst und seine eigne Geschicklichkeit. Dabei stößt er das Messer tiefer in das Fleisch. Der Hirsch springt auf und schießt wie ein Pfeil in den Wald, das Messer im Fleisch. Als Zeichen für die Undankbarkeit des Mannes ließ Gott das Messer im Bein des Hirsches, und so haben alle Hirsche in ihrem Bein einen Knochen, der einem harten Messer ähnlich ist.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

C. Der Löffel.

Aus Rumänien.


a) Bei dem Hochzeitsschmaus des Kaisers der Vögel erregt die Elster den Unwillen des Koches, der einen Löffel nach ihr wirft; der Teil, womit man schöpft, bleibt an den Schultern hängen, der Stiel verwandelt sich in einen Schwanz, denn bis dahin hatte die Elster keinen.

b) Variante. – Hier ist es ein armer Mann, der, von einem reichen Mahle bei einem wohlhabenden Manne heimkommend, sich über den Ruf der Elster ärgert und sie mit dem Löffel wirft. Dann wie oben.

c) Ein Mann kommt von einer Hochzeit; als er zu Hause Suppe mit fettem Schaffleisch ißt, kommt die Elster und will mitessen. Er schlägt sie mit dem Löffel; dann wie oben; vom geronnenen Talg bleibt der Schwanz gesprenkelt.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 49–51.

D. Der Faden.

1. Aus Rügen.


Der Stör hatte früher gerade solches Maul, wie es alle übrigen Fische auch haben. Nun war er aber von jeher ein großer Fresser, und um satt zu werden, verzehrte er große Mengen andrer Fische. Mit Vorliebe machte er sich an die[15] Heringe, und schon war es so weit gekommen, daß die Heringe anfingen auszusterben. Da gebot der liebe Gott dem Stör, nicht so viel zu fressen. Der aber ließ sich dadurch nicht abhalten, und deshalb nähte der liebe Gott ihm seinen Rachen zu und schnitt ihm unterhalb dessen ein neues Loch in den Hals, durch das er von jetzt ab seine Nahrung zu sich nehmen mußte.

Der Zwirnsfaden aber, womit der liebe Gott ihm das Maul zugenäht hat, ist noch jetzt am Stör zu sehen.


  • Literatur: Haas, Rügensche Sagen und Märchen 1891, S. 149 f.

2. Lettische Sage.


Eine Ratte, die sich badet, wird vom Krebs in die Tiefe gezogen. Sie bittet um Gnade und ladet den Krebs in ihr Haus. Als nun die andern Ratten sich versammeln, ihn zu sehen, erklärt die erste, der Krebs müsse dazu verurteilt werden, zeitlebens rückwärts zu gehen. Die Ratten binden ein schwarzes Schnürchen an den Schwanz des Krebses und ziehen ihn rückwärts zum Bach zurück. Am Ufer aber reißt die Schnur, und der Krebs fallt rücklings in den Bach. Noch heute trägt daher der Krebs in seinem Schwanz das Ende der schwarzen Schnur, und noch immer geht er rückwärts.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis Via, 289, Nr. 63.

E. Die Nadel.

Sage der Evheer in Togo.


Eine Frau gebar einst ein Mädchen, und alle Tiere kamen und warben um das Mädchen. Der Vater und die Mutter sagten zu ihnen: »Derjenige, der zuerst damit fertig wird, Gras zu schneiden, und es zuerst hierher wirft, soll unsre Tochter zur Frau bekommen.« Darum gingen die Tiere ins Gras, aber die Schildkröte blieb zurück. Die Tiere gingen sehr weit fort, um das Gras zu schneiden, sie gingen bis in die Nähe von Kpevi, und als sie auf dem Rückweg waren, war die langsame Schildkröte noch auf dem Hinweg. Sie ließ sie an sich vorbeigehen, dann aber las sie etliche Gräser am Weg auf, band sie zusammen und folgte ihnen nach.

Eine kleine Trommel war in dem Korb der Schildkröte, die nahm sie heraus und trommelte, und alle Tiere warfen ihr Gras hin, gingen ihr entgegen und fragten: »Woher tönt die Trommel?« Sie antwortete ihnen: »Die Trommel tönte von der Einöde her,« und die Tiere gingen hin und tanzten lange.

Unterdes konnte die Schildkröte unbemerkt ein gutes Stück vorwärts kommen.

Jene nahmen darauf ihr Gras wieder auf, überholten die Schildkröte und kamen an den Marktplatz. Da trommelte die Schildkröte von neuem, und die Tiere warfen das Gras wieder hin, kehrten um und fragten sie: »Woher tönt die Trommel?« Sie antwortete wie vorhin: »Von der Einöde her.« Die Tiere gingen wieder hin, um zu tanzen, – und siehe da! als sie an die Rückkehr dachten, war die Schildkröte bereits auf dem Marktplatz angelangt. (Dasselbe wiederholt sich dreimal; die Schildkröte kommt dabei immer ein Stück vorwärts.)

Zuletzt überholten die Tiere die Schildkröte noch einmal, und als sie an den Kehrichthaufen der Stadt kamen, in die sie hineingehen wollten, trommelte die Schildkröte wieder, und die Tiere warfen das Gras an den Kehrichthaufen hin, kehrten um, trafen die Schildkröte und fragten sie: »Woher tönt die Trommel?« und sie antwortete wieder: »Die Trommel tönte von der Einöde her.« Die Tiere gingen hin und tanzten, aber als sie an die Rückkehr dachten, da auf einmal warf[16] die Schildkröte schon ihr Gras hin. Hernach kamen auch die Tiere und warfen das ihrige hin.

Aber der Vater und die Mutter sagten zu ihnen: »Die Schildkröte hat das Gras zuerst hingeworfen; sie soll das Mädchen heiraten,« und sandten das Mädchen zur Schildkröte. Deshalb trat das Kind voll Zorn auf die Schildkröte, und sie zerbrach; aber eine alte Frau kam, hob sie auf und nähte sie mit der Nadel zusammen. Die Nähnadel jener alten Frau ist jene, die man noch heute im Rücken der Schildkröte sieht.


  • Literatur: Nach G. Härtter, Zeitschr. f. afrik. u. ozean. Sprachen 6, 207.

F. Knäul und Schere.

Sage von der Schwalbe: Vgl. Natursagen 2, 250 ff.


G. Die Halsschnur.

Die Lumme war einst ein großer Spieler. Sie verlor alles bis auf eine Halsschnur aus Zähnen. Endlich verlor sie auch diese an den Kranich. Sie wollte sie aber nicht hergeben, sprang ins Wasser, und seither hat sie einen weißen Ring um den Hals.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nordpazifischen Küste S. 15. Vgl. Kap. 2.

H. Pfeile.

Sage der Cherokee.


Eines Tages traf der Truthahn die Schildkröte, die vom Kriegszuge nach Hause kam. Ein frischer Skalp hing ihr vom Halse herunter und schleppte auf dem Boden nach. Der Truthahn lachte bei diesem Anblick und sagte: »Der Skalp steht dir nicht. Dein Hals ist zu kurz und zu niedrig, um ihn auf diese Weise zu tragen. Laß mich dir's zeigen.«

Die Schildkröte willigte ein und gab den Skalp dem Truthahn, der ihn um seinen Hals befestigte. »Nun«, sagte der Truthahn, »ich werde eine kleine Strecke gehen, und du kannst sehen, wie es aussieht.« So ging er ein Stück voraus, kehrte dann um und fragte die Schildkröte, wie es ihr gefiele. Die Schildkröte sagte: »Es sieht sehr hübsch aus, es steht dir.«

»Nun will ich es auf eine andere Art befestigen und dir zeigen, wie das aussieht,« sagte der Truthahn. Er zog den Strick fester an und ging wieder voraus. »O, das sieht sehr gut aus,« sagte die Schildkröte. Aber der Truthahn marschierte fortgesetzt weiter, und als die Schildkröte ihn rief, den Skalp zurückzubringen, ging er nur noch schneller und geriet zuletzt ins Laufen. Da zog die Schildkröte ihren Bogen hervor und schoß ihm eine Anzahl von Rohrsplittern in die Beine, um ihn lahm zu machen. Und daher hat der Truthahn die vielen kleinen Knochen in den Beinen, die zu gar nichts nützen, aber die Schildkröte fing den Truthahn nicht, und dieser trägt noch heute den Skalp um seinen Hals.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee S. 287.

I. Pfeife und Tabaksbeutel.

Sage der Ainu.


In alten Zeiten landete ein Fremder an der Mündung des Saruflusses, und beim Erforschen der Mündung ließ er Pfeife und Tabaksbeutel fallen und verlor sie. Da sie nicht auf der Erde verwesen konnten, wurden sie in einen Vogel verwandelt.

[17] Dieser Vogel ist der Kuckuck. Er scheint bei den Ainu ein Vogel von schlechter Vorbedeutung zu sein.


  • Literatur: Journ. of American Folklore 7, 32 f.

K. Fettbeutel.

Sage der Smith Sound-Eskimo.


Ein Sealskin-Fettbeutel wurde zum Bären, als es noch keine Bären gab.


  • Literatur: Journ. of Am, Folklore 12, 172.

L. Der Pfeifenputzstock.

Der Pfeifenräumer des hl. Petrus wird zum Fichtenrüßler: Bd. 2, 192.


M. Marterwerkzeuge.

Die bei Christi Kreuzigung gebrauchten Werkzeuge finden sich im Gerippe einzelner Tiere: Bd. 2, 227.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 14-18.
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