IV. Das Verhalten bei Gefahr.

[234] 1. Sagen der Bornu (Nordafrika).


a) Im Anfang war kein einziges von allen Tieren im Walde mit Verstand begabt. Wenn der Jäger auf sie losging, um sie zu töten, blieben sie ruhig stehen und starrten ihn an; so gingen sie Tag für Tag zugrunde. Da sandte Gott einen Boten in die Welt, der einen ganzen Sack voll Verstand, fest zugeschnürt, unter einen großen Baum mitten im Walde legen sollte.

Das Wiesel bemerkte den Boten, rief schnell den Hasen herbei und sagte zu ihm: »Bruder Hase, siehst du den Sack dort unter dem Baum? Ein fremder Mann hat ihn dort hingebracht; für mich ist er zu schwer, versuche, ob du ihn forttragen kannst«. Aber der Hase konnte es nicht, der Sack war viel zu schwer. Ärgerlich ging er davon. Das Wiesel wiederholte nun allein den Versuch, aber gleichfalls vergebens. Da riet ihm eine Taube, die vom Gipfel des Baumes zusah, den Sack gegen einen Baumstamm zu lehnen. »Du mußt dich dann bücken«, fuhr sie fort, »und ihn dir auf diese Weise aufladen.« Das Wiesel tat das auch und brachte den Sack glücklich in seine Höhle; dort setzte es ihn nieder, öffnete ihn, und siehe da! es war lauter Verstand darin. Nun lief das Wiesel eilends davon, den Hasen aufzusuchen; schon von weitem rief es ihm zu: »Bruder Hase, denke dir nur, in dem Sack ist lauter Verstand. Erzähl es aber ja niemandem! Ich will dir ein wenig davon abgeben und das andere in meiner Höhle verbergen. Wer dann kommt, um etwas von mir zu erbitten, dem will ich davon geben.« Damit griff das Wiesel in[234] den Sack und gab dem Hasen seinen Anteil, wobei es fortfuhr: »Nimm dies mit dir, es wird dir zur Rettung dienen. Schlafe bei Tage mit offenen Augen, damit man denkt, du wachest, und von dannen geht, ohne dir ein Leid anzutun; legst du dich aber wachend nieder, so schließe deine Augen, und wenn der Jäger dann auf dich zukommt, dich zu greifen, so fliehe in den Wald. Dies wird genug Verstand für dich sein, den Rest will ich daheim aufbewahren.« Der Hase ging vergnügt nach Hause und schläft seit jenem Tage mit offenen Augen, im Wachen aber schließt er sie; so entkommt er den Jägern. Das Wiesel aber verbarg den andern Verstand in seiner Höhle und gab den übrigen Tieren allmählich davon ab; daher stammt der Verstand, den diese noch jetzt haben. Für sich selbst aber behielt es den größten Teil. Triffst du nun im Walde ein Wiesel und denkst bei dir: »Halt, das will ich mir doch fangen!« und treibst es vor dir her, so läuft es in seine Höhle hinab, und ehe du dich noch daran gemacht hast, die Höhle aufzugraben, ist es bereits hinter deinem Rücken hervorgekommen und ist längst über alle Berge, wenn du erst bemerkst, daß seine Höhle leer ist.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika, S. 97.

b) Der Storch legte seine Eier in einen hohlen Baum und brütete sie aus. Als die jungen Störche aber herauskamen und nach Nahrung schrien, hatte Frau Storch nichts, was sie ihnen hätte geben können. Endlich versuchte sie, auf Anraten einer Freundin, die Kröten im nahen Sump fe zu überlisten. Leise legte sie sich vor Tagesanbruch neben dem Sumpfe nieder, streckte die Beine von sich, ließ die Flügel schlaff herabhängen, öffnete den Mund und schloß die Augen, ganz als ob sie tot sei.

Der Tag brach an; da hob eine Kröte den Kopf aus dem Wasser hervor und schaute sich um. Schnell tauchte sie wieder unter und rief allen anderen Kröten zu: »Kommt herbei, vor unserer Haustüre liegt ein toter Körper.« Eine Kröte nach der anderen hob nun den Kopf aus dem Wasser empor und guckte den Storch an, dann hielt man Kriegsrat, und auf Vorschlag ihrer weisen Männer stiegen die Kröten ans Land und begannen den Storch fortzuschleppen. Dabei sangen sie: »Schlepp ihn fort und laß ihn liegen!« Der Storch ließ alles ruhig mit sich geschehen. Als die Kröten ihn nun eine ziemliche Strecke fortgeschleppt hatten, ließen sie den Körper liegen und machten sich auf den Heimweg. Da sprang der Storch mit Blitzesschnelle auf und eilte ihnen nach; bald hatte er eine eingeholt und verschlungen, und wenn die anderen auch davoneilten, so schnell sie konnten, dennoch holte der Storch eine nach der anderen ein und steckte sie in seinen Sack. Dann eilte er nach Hause und war vergnügt, daß er Nahrung für seine Kinder gefunden hatte. Darum werden die Kröten plötzlich still, sobald sich jemand dem Sumpfe nähert, darinnen sie sind; sie haben Angst, der Storch komme wieder.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika, S. 150 f. nach S.W. Koelle, African native literature S. 156.

2. Sagen der Cherokee.


a) Das Opossum hatte einst einen langen, buschigen Schwanz; darauf war es so stolz, daß es ihn jeden Morgen kämmte und dabei Tanzlieder sang. Da wurde das Kaninchen, dem der Bär seinen Schwanz ausgerissen hatte, zuletzt so eifersüchtig, daß es beschloß, dem Opossum einen Streich zu spielen.

Es war eine große Ratsversammlung und ein Tanz, bei welchem alle Tiere anwesend waren. Des Kaninchens Amt war es, die Einladungen auszutragen, und als[235] es an des Opossums Haus vorüberkam, fragte das Kaninchen, ob es beabsichtige, dort zu sein. Das Opossum antwortete, es würde kommen, wenn es einen besonderen Sessel bekäme; »denn ich habe einen so schönen Schwanz, daß ich sitzen muß, wo mich jeder sehen kann.« Das Kaninchen versprach das zu besorgen, außerdem aber wollte es jemand schicken, der des Beuteltiers Schwanz zum Tanze kämmen und frisieren sollte. So war denn das Opossum sehr befriedigt und willigte ein zu kommen.

Darauf ging das Kaninchen hin zur Grille, die ein so ausgezeichneter Haarschneider war, daß die Indianer sie den Barbier nannten, und befahl ihr, den nächsten Morgen hinzugehn und des Opossums Schwanz für den Tanz am Abend zu frisieren. Es sagte der Grille genau, was zu tun sei, und ging dann, um weiter Un heil zu stiften.

Am Morgen kam die Grille zum Opossum, um es zum Tanze zurechtzumachen. Das Opossum streckte sich aus und schloß seine Augen, während die Grille ihm den Schwanz auskämmte und eine rote Schnur darum wand, um ihn bis zur Nacht glatt zu erhalten. Aber während all der Zeit, da sie die Schnur umwickelte, schnitt sie das Haar bis dicht an die Wurzel ab, und das Opossum wußte nichts davon.

Als es Abend wurde, ging das Opossum zum Stadthause, wo der Tanz sein sollte, und fand den besten Platz für sich bereit, gerade so, wie das Kaninchen es versprochen hatte. Als die Reihe zum Tanzen an das Opossum kam, löste es die Schnur von seinem Schwänze und trat in die Mitte des Baumes. Die Trommelschläger begannen zu trommeln und das Opossum zu singen: »Seht meinen schönen Schwanz!« Alles jauchzte, und es tanzte im Kreise und sang weiter: »Seht, welch schöne Farbe er hat!« Sie jauchzten wieder, und es tanzte noch eine Tour und sang: »Seht, wie er am Boden schweift!« Die Tiere jauchzten lauter denn je, und das Opossum war entzückt. Es tanzte abermals und sang:

»Seht, wie schön der Pelz ist!« Darauf lachten alle zusammen so lange, daß das Opossum sich wunderte, was sie meinten. Es sah im Kreise der Tiere umher, und alle lachten es aus. Dann sah es hinunter auf seinen wunderschönen Schwatz und sah, daß nicht ein Haar mehr übrig gelassen war, sondern so nackt war wie der Schwanz einer Eidechse. Es war so sehr erstaunt und beschämt, daß es nicht ein Wort hervorbringen konnte, sondern sich hilflos am Boden wälzte und grinste. Und so macht es das Opossum noch bis auf diesen Tag, wenn es überrascht wird.


b) Das Kaninchen und das Opossum wollten sich eine Frau nehmen, aber sie fanden keine, die einwilligte. Da hielten sie zusammen Bat, und das Kaninchen sagte: »Hier können wir keine Frauen bekommen, laß uns zur nächsten Ansiedlung gehn. Ich bin der Ratsbote, und ich werde den Leuten sagen, daß ich den Befehl bringe, daß sich jeder sofort eine Lebensgefährtin nehmen muß, und dann werden auch wir sicher Frauen bekommen.«

Das Beuteltier fand den Plan gut, und so machten sie sich zusammen auf den Weg zur nächsten Stadt. Da das Kaninchen schneller lief, kam es zuerst an und wartete draußen, bis die Leute es gewahrten und es in das Rathaus führten. Als das Oberhaupt der Stadt kam, um ihn nach seinen Geschäften zu fragen, sagte es, daß es einen wichtigen Befehl vom Rate bringe: Jeder müsse ohne Verzug verheiratet sein. Darauf wurde das Volk zusammengerufen und ihm die Botschaft des Rates mitgeteilt. Jedes Tier nahm sich sofort einen Gefährten, und auch das Kaninchen bekam ein Weib. Das Opossum war so langsam gegangen, daß es erst[236] ankam, als alle Tiere verheiratet waren. Da stellte sich das Kaninchen, als ob ihm das sehr leid täte, und sagte: »Laß es gut sein; ich werde den Leuten in der nächsten Ansiedlung dieselbe Botschaft bringen. Du eilst dann dahin, so schnell du kannst, und diesmal wirst du sicher ein Weib bekommen.« Darauf ging es zur nächsten Stadt, und das Opossum folgte dicht hinter ihm. Aber als das Kaninchen beim Rathaus ankam, verkündete es die Botschaft, daß jetzt zu lange Friede gewesen und jedermann faul geworden wäre. Darum hätte der Rat beschlossen, daß man einen Krieg, und zwar sogleich im Hause, beginnen solle. Da fingen alle an zu kämpfen, aber das Kaninchen machte vier große Sprünge und war gerade draußen, als das Opossum hereinkam. Alle stürzten sich auf den Ankömmling, der nicht daran gedacht hatte, seine Waffen auf eine Hochzeitsreise mitzunehmen, und sich deshalb nicht verteidigen konnte. Schon hatten sie ihn fast zu Tode geschla gen, als er umfiel und sich tot stellte, bis er eine gute Gelegenheit ersah, aufzuspringen und wegzulaufen. Das Opossum bekam keine Frau, aber es erinnert sich noch der Lektion, und seither schließt es die Augen und stellt sich tot, wenn der Jäger es in die Enge getrieben hat.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee S. 273.

3. Negermärchen aus Nordamerika.


Brer Possum und Brer Coon gehen zusammen spazieren. Sie hören den Hund. Brer Coon fragt: »Wenn der Hund uns jetzt jagt, was wirst du dann tun?« »Dann steh ich dir bei,« sagt Brer Possum, »und du?« »Ich wisch ihm eins aus!« Der Hund kommt, Brer Possum grinst von einem Ohr zum andern und fällt hin wie tot. Brer Coon aber greift ihn an, daß er fortläuft. Brer Coon schüttelt sich dann und läuft fort. Als alles sicher ist, macht sich auch Brer Possum davon. Als sich die beiden wieder begegnen, sieht Coon den Possum gar nicht an und sagt ihm, er sei feige. Possum sagt aber, der Hund habe ihn mit der Nase gekitzelt, und er sei so sehr kitzlig, da habe er nichts mehr tun können und habe immer gelacht.

Noch heute lacht das Possum, wenn man es an den kurzen Rippen anfaßt.


  • Literatur: Harris, Nights with Uncle Remus, p. 22, Nr. III.

4. Sage der Chippeways.


Manabozho lud einst viele Tiere ein. Beim Bärenfleisch essen husteten sie alle sehr, und Manabozho, über den Lärm ärgerlich, verwandelte sie alle in Eichhörnchen. Seitdem husten oder bellen die Eichhörnchen, wenn jemand sich ihrem Nest nähert.


  • Literatur: Journ. of. Am. Folklore 9, 50 = Emerson, Indian Myths p. 412.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 234-237.
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