V. Das Verhalten bei besonderen Gelegenheiten.

[237] 1. Aus Deutschland.


Es flog ein Sperling auf die Düngerstätte eines Bauern. Da kam der Kater, erwischte den Sperling, trug ihn fort und wollte ihn verspeisen. Der Sperling aber sagte: »Kein Herr hält sein Frühstück, wenn er sich nicht vorher den Mund gewaschen hat.« Mein Kater nimmt sich das zu Herzen, setzt den Sperling auf die Erde hin und fangt an' sich mit der Pfote den Mund zu waschen – da flog ihm der Sperling davon. Das ärgerte den Kater ungemein, und er sagte: »Solange ich lebe, werde ich immer zuerst mein Frühstück halten und dann den Mund waschen.« Und so macht er es denn bis auf diese Stunde.


  • Literatur: Aug. Schleicher, litauische Märchen, Sprichworte, Rätsel ú. Lieder. 1857. S. 100. – Ähnl. ein holst. Märchen von Fuchs u. Hahn: Am Urquell 2, 174.

[237] 2. Aus den Niederlanden.


Eine Katze, die eine Hatte gefangen hatte, machte sich daran, sie zu verspeisen, aber sie besann sich und sprach: »Die Katze des Kaisers ist meine Cousine; da ziemt es sich, höflich zu sein. Waschen wir zuerst unsere Pfoten und essen dann!« Und mit ihren beiden Vorderpfoten rieb sie sich Maul und Nase. In diesem Moment sagte die Satte: »Leb' wohl!« und lief davon. Seitdem haben die Katzen ihre Gewohnheit geändert: sie fressen zuerst und machen dann Toilette.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 3, 98 = Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 164.

3. Aus Rußland.


Der Spatz sagte: »Die Menschen trinken Branntwein und Wein, ich werde mir Bier brauen!« Und es nahm der Spatz ein Gerstenkorn und legte es in eine Grube in Wasser. Dann nahm er sich einen kleinen Halm in den Mund und rührte dieses Bier um, das er in der Grube kochte. Dann begann er aus der Grube zu trinken, und es geschah, daß er betrunken wurde und sich im Staub zu wälzen begann. Ein Weib aber sah, daß der Spatz betrunken war, und fing ihn. Da wurde der Spatz nüchtern und sagte: »Was willst du, Frau?« Die Frau sagte: »Ich will dich aufessen.« Da sagte er: »Du mußt mich erst segnen und dann essen.« Und das Weib sagte: »Wie soll ich dich segnen?« Da sagte der Spatz: »Trag mich in die Stube, nimm einen Sack, leg1 ihn auf den Tisch, mich aber lege in den Sack und öffne die Fenster und Türen; dann kannst du mich segnen und essen.« Die Frau brachte ihn in die Stube, legte den Sack auf den Tisch, öffnete das Fenster und ging dann, die Türen aufzumachen, als der Spatz dem Sack entschlüpfte und zum Fenster hinausflog. Die Frau sah dies und kratzte sich am Halse, da es jetzt nichts mehr zu segnen gab, seit der Spatz weggeflogen war. Wenn nun das Weib jetzt einen Spatz fangt, so segnet sie ihn nicht erst, sondern verzehrt ihn schnell. Der Spatz aber braut kein Bier mehr, er fürchtet betrunken zu werden, so daß ihn die Frau fangt; jetzt trinkt der Spatz bloß Wasser.


  • Literatur: J. Werchratsky, Snadobi 1, 198.

4. Aus Frankreich.


a) Es gelang den Ratten einst, die Katze mit einem Stück Fleisch eine Schelle verschlingen zu lassen, und sobald sie nun auf Raub auszog, hörten die Ratten es und flüchteten in ihr Loch. Da beschlossen die anderen Katzen, sie zu töten, weil ihr Magen eine Glocke enthielt. Seitdem schütteln sie sich nach jedem Fressen, aus Furcht, sie möchten wieder eine Glocke verschluckt haben.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 78 = Revue des trad. pop. 9, 646. Vgl. Bd. IV.

b) Eines Tages reisten ein Wolfsbarsch und eine Makrele zusammen. Sie trafen andere Makrelen, denen schlössen sie sieh an und zogen zusammen weiter. Sie kamen darauf an einen Ort, wo ein Schiff Anker geworfen hatte, und die Schiffer warfen Köder ins Wasser, um die Fische anzulocken. Die Makrelen wollten davon kosten und warfen sich darauf, aber der Wolfsbarsch, der es ebenso machen wollte wie sie, wurde von den Fischern mit der Angel gefangen. Nun war dieser Fisch aber der König der Wolfsbarsche, und als seine Untertanen von seiner Todesursache erfuhren, beschlossen sie, sich nie wieder bei dergleichen Dingen aufzuhalten. Seitdem gehen sie am Köder vorbei, ohne ihn anzusehen, und darum sagt man: stolz wie ein Wolfsbarsch.


  • Literatur: Sébillot, contes de marins, p. 59.

[238] 5. Sage der Eskimos an der Beringstraße.


Vor langer Zeit bereiteten sich die Kraniche an einem Herbsttage zur Reise nach dem Süden vor. Als ein großer Schwärm beisammen war, sahen sie ein schönes junges Mädchen allein bei einem Dorfe stehen. Voll Bewunderung sammelten sie sich um sie, hoben sie auf ihre ausgebreiteten Flügel und trugen sie weit in die Lüfte. Als sie sie so in die Höhe hoben, kreisten sie so dicht unter ihr, daß sie nicht fallen konnte. Ihre lauten, heiseren Schreie übertönten ihre Hilferufe, so daß sie fortgetragen und nicht wiedergesehen wurde. Seit der Zeit kreisen die Kraniche immer mit lautem Schreien im Herbst, wenn sie sich auf die Wanderung begeben, so wie sie es damals getan hatten.


  • Literatur: Nelson, The Eskimo about Bering Strait p. 480.

6. Sage der Tee-Wahu.


Einstmals hatte Nah-chu-ru-chu einen Freund, der in einem Dorfe wohnte, das dem Adlerfederberge näher war, als wir sind, auf dem Ort der roten Erde, wo die Trümmer noch zu sehen sind. Diese beiden jungen Leute gingen oft zusammen auf die Berge, um Holz zu holen und zu jagen.

Nun hatte aber Nah-chu-ru-chu ein reines Herz und dachte nichts Böses, aber sein Freund war auf bösem Wege und wurde eifersüchtig, denn Nah-chu-ru-chu war der bessere Jäger. Doch ließ er sich nichts merken und tat, als ob er Nah-chu-ru-chu noch von Herzen liebte. Eines Tages kam er aus seinem Dorf und sagte: »Freund Nah-chu-ru-chu, laß uns morgen Holz holen und jagen.« »Gut,« sagte dieser. Am nächsten Morgen brach er früh auf und kam zum Dorf seines Freundes, und sie gingen zusammen zum Berge. Als sie eine Masse Holz gesammelt und es zum Tragen in Bündel gebunden hatten, brachen sie jeder nach einer anderen Richtung auf, um zu jagen. Nach kurzer Zeit kamen sie beide zurück und brachten je ein schönes, starkes Rotwild. »Ach, warum sollen wir uns so beeilen, lieber Nah-chu-ru-chu,« sagte der Freund. »Es ist noch früh, und wir haben viel Zeit. Komm, laß uns noch ein wenig hierbleiben und uns die Zeit mit einem Spielvergnügen.« »Nun gut,« antwortete N., »aber was für ein Spiel wollen wir spielen? Wir haben weder Stöcke noch Reifen, noch sonst ein anderes Spiel zur Hand.« »Das ist wahr, aber wir wollen den mah-khur rollen, denn während ich auf dich wartete, habe ich einen gemacht, damit wir spielen könnten.« Und der falsche Freund zog aus seinem Tuch einen hübschen bemalten Reifen. In Wirklichkeit hatte er ihn zu Hause behext und ihn heimlich mitgebracht, um N. zu schaden. »Nun gehe dort hinunter und fange ihn, wenn ich ihn rolle,« sagte er, und N. tat es. Doch als er den bezauberten Reif fing, der da herunterkollerte, da war er nicht mehr N., der tapfere Jäger, sondern er war im selben Augenblick ein armer Präriewolf, dem dicke Tränen die Schnauze herunterliefen. »Hu,« sagte der falsche Freund, »dies tun wir einander. Nun kannst du über alle Ebenen wandern, nach Nor den, Westen und Süden, nur darfst du nie nach Osten gehn. Und wenn du kein Glück hast, so werden die Hunde dich zerreißen; hast du aber Glück, so werden sie dich bemitleiden. Aber nun leb' wohl, denn dies ist das Letzte, was ich je von dir sehen werde!«

Damit ging der falsche Freund lachend davon, nach seinem Dorfe, und der arme Präriewolf wanderte ziellos umher und weinte, wenn er daran dachte, daß er von einem verraten worden sei, den er geliebt und dem er vertraut wie einem Bruder. Vier Tage lang schlich er um Isleta (Indianerstadt) und sah nachdenklich auf seine Heimat. Die wilden Hunde liefen herbei, ihn zu zerreißen, aber sobald[239] sie in seine Nähe kamen, beschnüffelten sie ihn nur und liefen fort, ohne ihm etwas anzutun. Er fand nichts zu fressen als trockene Knochen und alte Sohlen von Mocassins. Am vierten Tag wandte er sich nach Westen und wanderte, bis er nach Mesita kam. Damals war dort keine Stadt der Lagunas, sondern nur eines Hirten Hütte und Corral, in der ein alter Indianer war und sein Enkel, die ihre Ziegen hüteten.

Am andern Morgen ging der Enkel früh hinaus, um die Ziegen aus dem Corral herauszulassen, da sah er einen Präriewolf von den Ziegen weglaufen, ein kleines Stück sich entfernen und dann beobachtend sich niederlegen. Der Knabe zählte die Ziegen, aber es fehlte keine, und das deuchte ihn seltsam. Doch sagte er seinem Großvater nichts.

An drei Morgen geschah dasselbe, und am vierten berichtete der Knabe es seinem Großvater. Der alte Mann kam heraus und hetzte die Hunde auf den Präriewolf, der in einiger Entfernung saß. Aber als diese sich ihm näherten, berührten sie ihn nicht.

»Ich glaube, da ist etwas nicht in Ordnung,« sagte der alte Schäfer, und er rief: »Präriewolf, bist du ein wirklicher Präriewolf oder bist du ein Mensch?«

Aber der Präriewolf konnte nicht antworten, und der alte Mann rief wieder: »Präriewolf, bist du ein Mensch?« Darauf nickte der Präriewolf mit dem Kopf: »Ja!« »Wenn dem so ist, komm her und fürchte dich nicht vor uns, denn wir werden dir aus dieser Not helfen!«

Da lief der Präriewolf zu ihnen hin und leckte ihnen die Hände, sie aber gaben ihm Nahrung, denn er war dem Hungertode nahe. Als er gefressen hatte, sagte der alte Mann: »Nun, mein Sohn, gehst du mit den Ziegen hinaus und die Bucht entlang, und dort wirst du einige Weiden sehen. Sieh mit deinem Geiste auf diese beiden Weiden und merke sie dir, und morgen früh mußt du gehen und eine von ihnen hierherbringen.« – Der Knabe ging mit den Ziegen fort, und der Präriewolf blieb bei dem alten Mann. Am nächsten Morgen, als sie in der Frühe aufwachten, sahen sie, daß die ganze Erde mit einem weißen Schneemantel bedeckt war. »Nun, mein Sohn,« sagte der alte Mann, »mußt du nur deine Mocassins und Gamaschen tragen und wie ein Mann nach den zwei Weiden gehen, die du dir gestern gemerkt hast. Zu einer bete, und die andere schneide ab und bringe sie mir.« Der Knabe tat, wie ihm geheißen, und kam mit dem Weidenzweig zurück. Der Greis betete und machte einen mah-khur-Reifen, befahl dem Präriewolf, ein Stück zurückzutreten und seinen Kopf durch den Reifen zu stecken, ehe er stillstände. Er rollte den Reif, und der Präriewolf wartete, bis er sehr nahe kam, dann machte er einen tüchtigen Sprung und steckte seinen Kopf durch den Reifen, ehe er stand. Und siehe! im selben Augenblick stand Nah-chu- ru-chu da, so jung und schön wie nur je, aber sein schönes mit Fransen besetztes Buchskingewand war ganz zerlumpt. Vier Tage blieb er noch in der Hütte und wurde gereinigt mit der Reinigung des Medizinmannes, und dann sagte der alte Hirt zu ihm: »Nun, Freund N., dort ist der Weg. Nimm aber diesen Gürtel mit dir, denn trotzdem deine Macht groß ist, hast du dich diesem Übel beugen müssen. Wenn du in die Heimat kommst, wird er, der dir dies antat, es zuerst wissen, und er wird kommen und sich stellen, als ob er dein Freund wäre und dir nichts getan hätte, und er wird dich fragen, ob du wieder mit ihm jagen willst. Das mußt du tun, und wenn du an den Berg kommst, wirst du mit diesem Gürtel ihm alles vergelten.«

N. dankte dem freundlichen alten Hirten und begab sich in die Heimat. Doch als er zu dem Bad Hill kam und hinunter in das Tal des Rio Grande sah, wurde[240] sein Herz traurig. Alle Wiesen und Felder und Bäume waren vertrocknet und tot, denn N. war der Medizinmann, der die Wolken regierte, so daß kein Regen fallen konnte, solange er nicht da war, und die acht Tage, die er ein Präriewolf gewesen war, waren in Wirklichkeit acht Jahre gewesen. Der Fluß war ausgetrocknet und die Quellen auch, und viele Menschen waren vor Durst gestorben und die anderen dem Tode nahe. Aber als N. den Hügel hinunterstieg, fing es wieder an zu regnen, und alle Menschen waren voll Freude. Als er in sein Dorf ging, kamen all die halbverdursteten Menschen heraus, ihn zu begrüßen. Und sogleich kam auch der falsche Freund und stellte sich, als hätte er ihn nie verhext, und als hätte er nicht gewußt, wohin N. verschwunden war. Nach ein paar Tagen kam der falsche Freund wieder, um eine Jagd vor zuschlagen, und am nächsten Morgen darauf gingen sie zusammen zum Berge. N. hatte den hübschen Gürtel um seine Hüften, und wenn der Wind sein Tuch wegblies, sah ihn der andere und rief: »O, welch schöner Gürtel!« »Gib ihn mir, Freund N.« »Nein,« sagte N. Aber der falsche Freund bat so lange, daß er zuletzt sagte: »Dann will ich ihn dir entgegenrollen, und fängst du ihn, ehe er sich auseinanderrollt, so magst du ihn haben!« So rollte er ihn auf und schleuderte ihn von sich, so daß er sich im Laufen auseinanderrollte. Der falsche Freund sprang danach, aber ehe er ihn fing, war er schon auseinander.

»Nein,« sagte N. und nahm ihn wieder, »wenn er dir nicht soviel wert ist, daß du etwas rascher bist, kannst du ihn nicht bekommen.« Doch der falsche Freund bat um einen zweiten Versuch, und N. rollte ihn noch einmal. Dieses Mal ergriff er ihn rechtzeitig, und siehe! sowie er ihn berührte, wurde der große, junge Mann in eine große Klapperschlange verwandelt, der die Tränen aus den lidlosen Augen liefen.

»Auch wir tun dies einander,« sagte N. und nahm aus seiner Medizinflasche etwas vom geheiligten Mahle und legte es auf den flachen Kopf der Schlange als Nahrung und dann noch etwas feines Maismehl, um sie zu zähmen. Und die Schlange streckte ihre rote, gegabelte Zunge heraus und leckte es auf. »Nun,« sagte N., »wird dieser Berg und alle die bergigen Orte deine Heimat sein. Aber niemals wirst du wieder jemandem etwas Böses antun können, wie du mir getan hast, ohne ihn zu warnen. Denn es ist ein quaje (Klapper) in deinem Schwanz, und wenn du jemandem schaden willst, mußt du ihn erst mit der Klapper warnen.«

Und darauf verließ N. seinen falschen Freund, von dem alle Klapperschlangen abstammen.


  • Literatur: St. Nicholas. Illustrated Magazine XIX, S. 26: Tee-Wahu Folk-Stories by Charles F. Lummins.

7. Sage der Cherokee.


Das Kaninchen war so prahlerisch, daß es immer sagte: »Das kann ich auch,« wenn es jemand etwas tun sah, und so schlau, daß es meistens die anderen Tiere auch glauben machte, was es wollte. Einmal behauptete es, es könne im Wasser schwimmen und Fisch essen wie die Otter, und als die anderen ihm sagten, es solle dies beweisen, so dachte es sich einen Plan aus, womit es selbst die Otter täuschen wollte. Bald danach trafen sie sich wieder, und die Otter sagte: »Ich esse manchmal Enten!« Da sagte das Kaninchen: »Nun, ich esse auch Enten.« Die Otter forderte es auf, das zu versuchen. So gingen sie den Fluß entlang, bis sie mehrere Enten im Wasser sahen und sich heranschleichen konnten, ohne gesehen zu werden. Das Kaninchen sagte zur Otter: »Geh du zuerst!« Die Otter zögerte nicht; sie[241] tauchte vom Ufer aus und schwamm unter Wasser, bis sie die Enten erreichte, zog eine herunter, ohne von den anderen gesehen zu werden, und kam auf dieselbe Weise zurück.

Während die Otter unter Wasser gewesen war, hatte das Kaninchen etwas Rinde von einem Schößling geschält und sich eine Schlinge gemacht. »Nun, paß' auf,« sagte es, »wie ich es mache,« und damit tauchte es und schwamm ein bißchen unter Wasser, bis es beinahe erstickt wäre und zum Atmen an die Oberfläche kommen mußte. Es tauchte wieder und kam ein Stückchen näher an den Enten wieder herauf. Es nahm noch einmal Atem, tauchte und kam nun mitten zwischen den Enten herauf, warf die Schlinge über den Kopf einer Ente und fing sie. Die Ente kämpfte hart, breitete zuletzt die Flügel aus und flog mit dem Kaninchen, das an der Schlinge hing, in die Höhe.

Sie flog weiter und weiter, bis das Kaninchen sich nicht mehr festhalten konnte, sondern losließ und herunterfiel. Es fiel nun gerade in einen großen hohlen Sycomoren-Baum, aus dem es nicht wieder herauskommen konnte. Es blieb darin, bis es so hungrig war, daß es anfing, sein eigenes Fell zu fressen, und seitdem tut es das immer, wenn es nahe am Hungertode ist. Nach einigen Tagen, als es schon ganz schwach vor Hunger war, hörte es ein paar Kinder um den Baum herum spielen. Es fing an zu singen:


»Macht eine Tür und seht mich an,

Ich bin das Schönste, was es geben kann!«


Die Kinder liefen nach Hause und sagten es ihrem Vater, der machte sich sogleich daran, ein Loch in den Baum zu schneiden. Als er nun daran herumschnitt, sang das Kaninchen darin: »Schneide es größer, schneide es größer, daß du mich besser sehen kannst; ich bin so hübsch!« Da machte er das Loch noch größer, und das Kaninchen sagte: »Nun tretet alle zurück, damit ihr mich ordentlich sehen könnt!« Die Kinder traten schnell zurück, und das Kaninchen nahm die Gelegenheit wahr, sprang heraus und entwischte.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 237-242.
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