II. Die Bienen und der rote Klee.

[306] 1. Aus Ostpreußen.


a) Die Biene ist eine Sabbatschänderin. Der liebe Gott sprach: »Sechs Tage sollst du arbeiten!« Die Biene entgegnete: »Warum hast du, lieber Gott, es nicht auch eingerichtet, daß wir am siebenten Tage nicht zu essen brauchen? Weil wir am siebenten Tage essen müssen, darum müssen wir an diesem Tage auch arbeiten.« »Magst du das,« sprach Gott; »aber zur Strafe für deine unfromme Gesinnung entziehe ich dir die Blume, welche den meisten Honigstoff in sich birgt, den roten Klee.« Daher befliegt die Biene nicht den roten Klee. (Fischhausen.)


  • Literatur: Frischbier, Altpreuß. Monatsschrift 22, 313 f.

b) Gott ging über die Erde und besah sich alles, und es war gerade Sonntag. Da sah er, wie die Biene Honig einsammelte. »Hab' ich euch nicht geboten, am Sonntag zu ruhen?« rief Gott. »Ach,« sagte die Biene, »ich kann am Sonntag nicht mit der Arbeit ruhen, denn in der Woch' regnets.« Das ärgerte Gott, und er sprach: »Dafür sollst du Strafe haben!« Und seitdem darf sie keinen Honig vom roten Klee holen, obgleich der rote Klee gerade die allermeiste Süßigkeit hat.


  • Literatur: Lemke, Volkstüml. in Ostpreußen 2, 22 Nr. 40.

2. Aus Kujawien.


Die Bienen wollten auch am Sonntag nicht ruhen. Da verbot ihnen Gott, vom roten Klee, der honigreichsten Pflanze, zu sammeln.


  • Literatur: Rogasener Familienblatt 1900 S. 39.

3. Aus Pommern.


Als der liebe Gott die Tiere geschaffen hatte, befahl er ihnen, daß alle den Sonntag heiligen sollten. Die Bienen aber kehrten sich nicht daran, sondern sammelten auch am Sonntag emsig ein. Da sprach der liebe Gott: »Entweder ihr feiert den Sonntag, oder ihr dürft nicht vom roten Klee Honig eintragen. Wählet nun, was ihr wollt!« Die Bienen aber wollten nicht ruhen, und darauf machte der liebe Gott ihren Rüssel so kurz, daß sie die süßen Tropfen in den Blüten des roten Klees nicht erreichen konnten.


  • Literatur: Blätter für Pommersche Volkskunde 8, Nr. 5, S. 66.
    Vgl. Knoop, Volkssagen aus d. östl. Hinterpommern S. 87. Germania, hg. von Pfeiffer 1, 110. ü. Jahn, Volkssagen S. 487:

Gerade in der schönsten Honigzeit war ein garstiges Unwetter über das Land ausgebrochen, so daß keine Biene den Stock verlassen konnte. Acht Tage lang hielten Sturm und Regen an, und als am neunten endlich die liebe Sonne wieder hervorbrach, da war es Sonntag und die Arbeit verboten. »Ach was,« sagte jedoch die Biene, »was heißt mir Sonntag! Ich habe acht Tage feiern müs sen, und nun will ich nicht auch noch den Sonntag dazu faulenzen.« Der liebe Gott ermahnte sie,[306] von ihrem schlechten Vorhaben abzustehen, aber sein Reden half nichts; die Biene flog aus und sammelte den ganzen Sonntag über nach Kräften ein. Da sprach der liebe Gott: »Zur Strafe für die Verachtung des Sonntags soll dir die Blume, die den meisten Honig trägt, auf ewig verschlossen bleiben.« Von dem Tage an ward der Kelch des roten Klees so lang und dünn, daß keine Biene den Honig heraussaugen kann.


4. Aus Mecklenburg.


De Imm kann ut'n roden Kiewer un ut noch en Blom (Geisblatt) kenen Honig rut krigen. Dat kümmt dorvon: de Imm schont sik jo gor nich. Nu kümmt uns' Herr Christus ens an 'n Sünndag vör'n Immensworm un segt ehr, se sölen rauhgen. »Ne, dat dohn wi nich,« seggen de, »de rod Kiewer bläuht so schön.« »Denn sölt ji von nu af an ut de Blomen, de den meisten Honig hebben, kenen Druppen rutkrigen.« Un so is't ok bleben.


  • Literatur: Wossidlo, Volkstümliches aus Mecklenburg, 1. Heft. Nr. 36.
    Vgl. Bartsch 2, 160: Zur Strafe, daß die Biene am Sonntag nicht feiert, kann sie dem roten Klee keinen Honig entnehmen.

5. Aus Schlesien.


Als der liebe Gott die Bienen erschaffen hatte, fragte er sie, ob sie auch am Sonntag die Blumen befliegen und Honig sammeln wollten. Die Bienen bejahten es. Da gebot ihnen Gott, den roten Klee zu meiden, der so viel Honig in sieh birgt. Deshalb sehen wir, daß die Bienen die verschiedensten Blumen befliegen, den roten Klee aber unberücksichtigt lassen.


  • Literatur: Philo vom Walde, Schlesien in Sage und Brauch, S. 88.

6. Aus Sachsen (Vogtland).


In alter Zeit, als die Tiere noch reden konnten, war einmal heller, goldiger Sonntag. Alles hatte nach Gottes Gebot die Wochenarbeit weggelegt und hielt Sonntagsruhe. Die Menschenkinder zogen frühmorgens in die Kirche und sangen gar fromm und andächtig, und nachmittags gings mit Sang und Klang hinaus in die schöne Welt. Die Vögel feierten ebenfalls und stimmten gar herrliche Lieder an. Auch die unansehnlichsten Geschöpfe wollten den Tag genießen: im Sonnenschein gaukelten die Spinnen, und über den Wassern tanzten die Mücken.

Nur die Bienen mußten daheim in der dunklen Kammer weilen. Sie durften ja heute nicht arbeiten und darum auch nicht wie alltäglich über die Blumen fliegen, um zu sammeln!

Da hielten sie Rat, wie sie eine Änderung herbeiführen möchten, und sie sandten Boten zum Herrgott, die mußten sagen: »Lieber Vater, du bist so gut und gibst jedem Wesen einen schönen Sonntag zur Freude. Nur wir sind ohne Sonntagsfeier. Denn wir haben wohl Ruhe, aber kein Lieht, keine Farbe, keine Luft, keinen Sang. Laß uns doch mit den andern hinausziehen. Wir wollen uns dafür gern einen harten Zwang auferlegen und künftig nie mehr den vollen, roten Klee berühren!«

Wie das die Boten recht fein und sittsam gesagt hatten, lächelte der Herrgott und sprach mit freundlichem Ernst: »Feiert Sonntag nach eurem Begehr, aber haltet Wort und meidet den roten Klee alle Zeit!« Fröhlich zogen die Bienen heim und verkündeten den Ausspruch. Aus dem roten Klee hat nachher keine Biene mehr getrunken.


  • Literatur: Bunte Bilder aus dem Sachsenlande, herausgeg. v. Pestalozziverein 2, 435.

[307] 7. Aus Schwaben.


Gott der Herr sagte zu den Bienen gleich nach der Schöpfung, sie müßten entweder am Sonntage feiern und kein Futter sammeln, oder wenn sie das nicht lassen könnten, so sollten sie für immer den dreiblättrigen Klee meiden. Da wählten die Bienen lieber das letztere, denn sie meinten, es könne leicht geschehen, daß es einmal die ganze Woche hindurch regne und nur am Sonntag gutes Wetter würde. Dürften sie dann an diesem Tage nichts einsammeln, so würden sie ja sieben Tage lang hungern müssen. So ist es gekommen, daß die Bienen noch jetzt die rote Blüte des dreiblättrigen Klees vermeiden, obwohl sie süßen Saft hat, dafür aber auch am Sonntage ausfliegen und schaffen.


  • Literatur: E. Meier, Sagen, Sitten u. Gebr. aus Schwaben S. 222.

8. Aus Österreich.


Als der liebe Gott die Bienen geschaffen hatte, sagte er zu ihnen: »Sechs Tage sollt ihr von Blume zu Blume fliegen, um zu sammeln, wessen ihr bedürft. Doch am siebenten sollt ihr ruhen.« Da flogen die Bienen von Blume zu Blume, arbeiteten nach Herzenslust und bereiteten Honig und Wachs, einen Tag wie den andern, ohne East und Ruh. Insbesondere hatten sie es auf den roten Klee abgesehen, von dem sie den besten Honig einsammeln konnten. Als nun der Tag des Herrn anbrach, kümmerten sie sich nicht um das Gebot, sondern flogen wie an den Wochentagen geschäftig umher und arbeiteten im Stock ohne Unterlaß. Da strafte Gott das ungehorsame Völklein und sprach: »Von nun an sollt ihr keinen Blumensaft mehr im roten Klee finden!«


  • Literatur: Branky, Volksüberlieferungen aus Österreich, Zeitschrift für Volkskunde hg. von Veckenstedt 3, 223.
    Bei Baumgarten 1, 108 findet sich nur die Bemerkung: »Niemals sieht man Bienen auf rot blühendem Klee.«

9. Weißrussische Sage (ferner stehend, aber wohl hierher gehörig).


Gott begegnete einer Biene und fragte sie: »Sag mir, wovon du den besten Ertrag hast?« (Damals enthielt das Getreide den besten.) Die Biene aber dachte: »Gewiß will Gott uns den Honig nehmen! Nein, so dumm bin ich nicht.« Und sie antwortete: »Von der Linde.« Darauf sprach Gott: »Nun, wenn von der Linde, so gehet niemals aufs Getreide. Ich weiß besser als ihr, wo der meiste Honig ist.« Bis heute gibt es im Getreide kein bißchen Honig.


  • Literatur: Federowski, Lud białorusski 2, 345, Nr. 404.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 306-308.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hume, David

Dialoge über die natürliche Religion

Dialoge über die natürliche Religion

Demea, ein orthodox Gläubiger, der Skeptiker Philo und der Deist Cleanthes diskutieren den physiko-teleologischen Gottesbeweis, also die Frage, ob aus der Existenz von Ordnung und Zweck in der Welt auf einen intelligenten Schöpfer oder Baumeister zu schließen ist.

88 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon