3. Entstehung des Kuckucks.

[426] 1. Aus Ostpreußen.


In alten Zeiten lebten ein Mann und eine Frau, die hatten sieben Kinder. Der Mann war unverträglich und mißhandelte Weib und Kind. Da flüchtete die Frau in ihrer Not mit den sieben Kindern zum lieben Gott und rief ihn um Hilfe an. Der liebe Gott war sehr entrüstet über die Roheit des Gatten und Vaters und wollte ihn zur Rechenschaft ziehen. Doch dieser war in seinem Hause nicht zu finden. Als aber Gott seinen Namen rief, antwortete eine Stimme aus dem Backofen: »Kuckuck!« Und Gott sprach: »Da du deine Frau und deine Kinder so schlecht behandelt und nun auch mich noch verhöhnt hast, sollst du ein Vogel sein, der nur Kuckuck ruft – der Welt zum mahnenden Beispiel. Deine Frau und Kinder aber will ich zu mir nehmen und zu Sternen machen. Hüte dich nun, daß dich deine Kinder nie sehen, sie würden sonst Rache an dir nehmen.«

Wie der Herrgott gesagt, so ist es geschehen. Der Kuckuck ruft seinen Namen noch heute durch die Welt. Die Frau glänzt als Abendstern am Himmel, und die sieben Kinder leuchten als »Siebengestirn«. Aber sobald sie sich am Himmel zeigen, versteckt sich der Kuckuck und hütet sich wohl, seinen Ruf erschallen zu lassen.


  • Literatur: Frischbier, zur volkstüml. Naturkunde. Beitr. aus Ost- und Westpreußen. Altpreuß. Monatschr. 22 (1885) S. 294. Vgl. Lemke, Volkst. in Ostpr. 2, 285: Wenn der Kuckuck anfängt zu rufen, so verschwindet der Siebenstern; und wenn der Siebenstern wieder zum Vorschein kommt, hört der Kuckuck auf zu rufen.

2. Aus Mecklenburg.


De Soebenstiern is den Kukuk sien Fru mit söß Kinnern; dee hebben sik vertüürnt.


  • Literatur: Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen 2, 408.
    Vgl. ebd. S. 411: Viertig Dag' un viertig Nacht darf de Kukuk sik man sehn laten, denn is dat Soebenstiern hier wech; wenn dat wedderkümmt, denn mööt de Kukuk wider. Vgl. Ztschr. d. Vereins f. Volksk. V (1885) S. 430 f. aus Mecklenburg: das Siebengestirn ist die Frau mit ihren sechs Kindern. Der Kuckuck will sie mit seinem Ruf locken, aber sie kommen nicht. Eine mecklenburgische Redensart lautet: de stahn sik as Kuckuck und Säbenstirn. Vgl. Bartsch 2, S. 175. Parallele Anschauung der Isubu in Kamerun: Ein Sternbild am südl. Himmel, das aus sieben Sternen besteht, einem großen und sechs kleineren, heißt die Waisenkinder. Der große Stern ist einem Hausvater gleich, dessen Frau gestorben ist und dessen Kinder nun verlassen und klagend bei ihm stehen. Seidel, Z.f. afr. u. oz. Spr. 6, 169.

3. Aus Pommern.


Ein Mann lebte mit seiner Frau in stetem Unfrieden, und im Ärger verwünschten[426] sie sich gegenseitig. Der Mann wurde zum Kuckuck, die Frau, da sie weniger schuld war, wurde mitsamt den Kindern zum Siebenge stirn. IT. Jahn, Volkssagen aus Pommern.


4. Aus Dänemark.


a) Ein Mädchen hatte sieben uneheliche Kinder geboren. Ein Mann begegnete ihr und sprach: »Guten Tag, du, mit deinen sieben Hurenbälgen!« Zur Strafe verwandelte ihn Gott in einen Kuckuck, die Kinder wurden als Sterne in den Himmel gesetzt.

Solange der Kuckuck singt, sieht man des Sommers das Siebengestirn nicht.


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder IV, 335, Nr. 428.

b) Kuckuck und Siebengestirn sieht man nicht auf einmal. Einst lebte ein Mann und seine Frau in Unfrieden, wünschten, daß sie sich nimmer in der Welt begegneten; sie wurden erhört, der Mann wurde zum Siebengestirn, die Frau zum Kuckuck.


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder VI, 235, Nr. 323.

5. Aus Böhmen.


Eine Gastwirtin hatte sechs Töchter. Sie und die Töchter spendeten reichlich Almosen und linderten überall die Not, wo sie nur konnten. Nur mußte das ohne Wissen des Vaters geschehen, denn dieser war ein sehr geiziger Mensch. Einmal erwischte er sie aber doch, als sie einem armen Bettler ein Almosen verabreichten. Da fluchte er entsetzlich – und siehe, Gott verwandelte ihn in einen Kuckuck, die Wirtin samt den Töchtern machte er zu Sternen, dem »Siebengestirn«. Wenn man am Himmel das Siebengestirn sieht, so schreit der Kuckuck nicht. Schreit aber der Kuckuck, so sieht man das Siebengestirn nicht.


  • Literatur: Schacherl, Geheimnisse der Böhmerwäldler, S. 5.

6. Rutenische und polnische Sage.


Eine Prinzessin, die auf Drängen der Mutter eingewilligt hat, einen alten Mann zu heiraten, hält sich am Hochzeitstage verborgen und ist nirgends zu finden. Soviel auch die Mutter sucht, ruft und bittet, es ertönt nur immer ein Lachen, so daß jene ausruft: »Verberge dich für alle Ewigkeit und antworte immer wie jetzt!« Da wurde die Prinzessin zum Kuckuck. Sie hat jedoch ihre Herkunft nicht vergessen. Zu stolz, sich selbst ein Nest zu machen und zu brüten, fängt sie kleine Vögel und zwingt sie, ihre Eier auszubrüten. Wenn sie bemerkt, daß ein solcher Vogel entfliehen will, bindet sie einen seiner Füße mit einem Pferdehaare am Neste an.


  • Literatur: Die Natur, N.F. 5., 1879, S. 201. Vgl. Schacherl, Geheimnisse der Böhmerwäldler, S. 5.

7. Aus der Ukraine.


Eine Frau, die ihren Mann erschlug, wurde in einen Kuckuck verwandelt und muß bis zum Tage des letzten Gerichts vereinzelt umherfliegen.


  • Literatur: Die Natur, N.F. 5, 1879, S. 201. Auch: Am Urquell 3, 18 (aus dem Dorfe Berhomet am Prut) und bei Schacherl, Geheimnisse der Böhmerwäldler, S. 5.

8. Aus der Schweiz.


Der Kuckuck ist vor alters ein geiziges Weib gewesen, eine rechte Batzengaunerin, und hat mit Wecken gehandelt.

Einmal kam ein armes hungriges Büblein zu ihr und wollte ihr ein Wecklein[427] abkaufen. »Wie teuer ist so ein Wecklein?« fragte es. »He,« sagte sie, »so viel Kreuzer kost's, als ich dir auf die bloße Hand legen kann.« »Es soll gelten,« sprach das Büblein, und hielt seine Hand hin. Aber da konnte die Geizige gar kein Ende finden mit dem Kreuzerlegen. Wo nur immer noch ein winziges Stückchen von der Hand vorguckte, wußte sie noch einen Kreuzer hinzuzwängen, und da kriegte's das hungrige Büblein am Ende so mit der Angst und Ungeduld, daß es unwillig ausrief: »Flieg auf und ruf guckguck!« Und beim Wetter! – kaum hat er's raus, so ist das geizige Weib zum Kuckuck worden und ist ein Kuckuck geblieben bis heutigen Tages.


  • Literatur: Nach dem mundartl. Märchen bei Sutermeister, Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz, S. 182. Bei Lütolf, Sagen, S. 355, eine Luzerner Abart, worin der Knabe zum Kuckuck verwünscht wird, weil er der Frau das Brötchen nicht für den geforderten Preis abkaufen will.

9. Aus Deutschland.


Der Kuckuck ist ein verwünschter Bäcker oder Müllersknecht und trägt darum farbiges, mehlbestaubtes Gefieder. In teurer Zeit hat er armen Leuten von ihrem Teig gestohlen, und wenn Gott den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei jedesmal schadenfroh gerufen: »guck, guck!« (ei sieh!).

Darum strafte ihn Gott der Herr und verwandelte ihn in einen Raubvogel, der unaufhörlich dies Geschrei wiederholt.


  • Literatur: Grimm, Mythol.4, 564.
    Über das unehrliche Müllerhandwerk vgl. z.B. Kirchhof, Wendunmut 1, 288 ff., Hauffen, Gottschee S. 425.

10. Aus Deutsch-Böhmen.


Der Kuckuck ist eine verzauberte Frau, nach andern ein verzauberter Müller oder Bäcker.


  • Literatur: Grohmann, Aberglauben und Gebräuche, Nr. 474.

11. Aus Rußland.


a) Es war einmal eine böse Frau, die ermordete ihren Mann. Dafür hat sie Gott zur Strafe in einen Kuckuck verwandelt und hat sie verurteilt, ewig paarlos zu bleiben und in den Wäldern herumzuirren.


  • Literatur: Kupczanko, Am Urquell III, 18. Dragomanov, Mal. narodn. pred. S. 8, Nr. 27.

b) Der Kuckuck ist eine verwünschte Prinzessin. Sie buhlte mit allen Bewerbern, und da verfluchte sie einer, daß sie ihr Lebelang als Kuckuck umherfliege und »Kuckuck« rufe.


  • Literatur: Federowski, Lud biatorusski 1, Nr. 633. Vgl. 634: Der Kuckuck war einst ein sehr ausschweifendes Mädchen; Gott verwandelte sie in den Vogel.

c) Eine junge anmutige Fürstin gewann einen Junker von ganzem Herzen lieb, mußte aber ihre Liebe vor dem Vater verbergen. Denn dieser haßte ihn. Einst beschied er ihn vor sich, um ihn zu schelten. Da vergaß sie sich und sprach zu ihm: »Ach, du mein liebster Kuckuck!« Da verwünschte sie der Vater: »So mögest du selbst ein Kuckuck sein!« Und sie flog als Kuckuck davon.


  • Literatur: Nach Zbirnyk 13, Nr. 303 (gekürzt) = Soria 1885, 118. Im wesentlichen gleich auch: Čubinskij, Trudi 1, 61.

d) Der Kuckuck ist ein Mädchen, das wegen eines verlorenen Schlüssels von seiner Mutter verflucht ward.


  • Literatur: Dobrovolskij, Smol. Ethnogr. Sbornik 1, 277, Nr. 39.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 426-428.
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